Allein gelassene Alleinerziehende

Elisabeth Niejahr arbeitet sich auf zeit.de am Thema Alleinerziehende ab. Der Artikel enthält das Übliche: Der Staat tut nicht genug für diese Gruppe, der Staat unternimmt nichts gegen Kinderarmut, Schuldzuweisungen und eine allgemeine Anspruchshaltung. Ich will mich an einer anderen Sicht auf die Dinge versuchen.

Zunächst beklagt sich Elisabeth Niejahr, dass der Staat künftig Familien mit Kindern mit Baukindergeld unterstützen möchte:

Inzwischen hat der Staat mehr Geld, und es fehlen Wohnungen, allerdings hat sich wenig daran geändert, wer am ehesten staatliche Hilfe braucht. Das zeigt der gerade erschienene Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung: Mehr als eine Million Kinder, deren Eltern getrennt sind, leben von Hartz IV. „Alleinerziehende Haushalte sind dem höchsten Risiko ausgesetzt, in Armut zu geraten und über längere Zeit arm zu bleiben“, heißt es im Bericht.

Es fehlen Wohnungen. Um Wohnraum zu bauen sind Investitionen notwendig. Eine günstige Variante der Förderung von Investitionen in den Bau von Wohnraum ist das Baukindergeld, weil der wesentliche Teil der Investition nicht vom Staat, sondern aus privater Hand kommt. Das bedeutet, dass man mit begrenzten staatlichen Mitteln relativ große Investitionen erzeugen kann.

Wenn man die ideologischen Scheuklappen absetzt, sieht man, dass für diese Maßnahme Hartz IV beziehende Alleinerziehende nicht in Frage kommen, diese indirekt aber trotzdem profitieren. Schließlich wird mehr Wohnraum geschaffen. Familien, die mit Hilfe des Baukindergeldes in ihr eigenes Zuhause ziehen, machen damit Wohnungen frei. Auch für Alleinerziehende Hartz IV-Bezieher.

Baukindergeld fördert Familien und schafft Wohnraum. Das ist doch besser, als Miethaie und Wohnungsspekulanten das Feld zu überlassen, oder?

Den meisten Bevölkerungsgruppen geht es also besser als vor zehn Jahren. Nur die Alleinerziehenden und ihre Familien fallen zurück. Im vergangenen Jahr lebten 42 Prozent von ihnen von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens. Das waren 6,6 Prozentpunkte mehr als noch 2005, trotz guter Konjunktur und obwohl mehr als 60 Prozent aller Alleinerziehenden berufstätig sind. Das Armutsrisiko von Paarfamilien sank im gleichen Zeitraum um 11,7 Prozentpunkte. Bei der Bekämpfung von Kinderarmut erreicht der Sozialstaat nicht viel.

Auch wenn Elisabeth Niejahr so mir nichts dir nichts dem Sozialstaat vorwirft, bei der Kinderarmut nichts zu erreichen, lese ich aus diesen Zahlen eher, dass der Status „alleinerziehend“ das Hauptarmutsrisiko für Kinder ist.

Dem Staat Versagen vorzuwerfen ist einfach. Implizit werden damit mehr Finanzmittel vom Staat gefordert. Dazu ist zu sagen: Dieses Geld wird durch Steuern und Abgaben erhoben, d.h. es wird auch den 11,7 Prozent „Paarfamilien“ vom Einkommen abgezogen, die der Armut gerade erst durch Arbeit entkommen sind.

Wie im hinteren Teil des Artikels klar wird, bekommen 87 Prozent der Alleinerziehenden Hartz IV. Durch Alleinerziehende wird der Sozialstaat also nicht finanziert, Alleinerziehende werden vielmehr durch den Sozialstaat finanziert. Dreht man den Spieß um, könnten „Paarfamilien“ den Alleinerziehenden vorhalten, durch ihre persönlichen Entscheidungen (Partnerwahl, Trennung, Sexualverhalten …) den Sozialstaat auszunutzen, der durch Paarfamilien und (noch) Alleinstehende finanziert wird.

Alleinerziehende werden in hohem Maße durch die Gesellschaft finanziert. Aber das ist Elisabeth Niejahr nicht genug. Sie erwartet mehr. Dass dies auf Kosten derjenigen passieren muss, die den Sozialstaat finanzieren, sagt sie nicht. Auch nicht, dass die Familien unter den Steuerzahlern dies auf Kosten ihrer eigenen Kinder tun müssen, weil ihre Steuerlast steigt.

Dabei wollte die Regierung den Alleinerziehenden zumindest ein wenig helfen, in Fällen, in denen der Ex-Partner keinen oder zu wenig Unterhalt für die gemeinsamen Kinder zahlt. Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung bekommt die Hälfte der Alleinerziehenden keinen Unterhalt für die Kinder, und nur 25 Prozent erhalten tatsächlich den Betrag, der gesetzlich vorgeschrieben ist. Bisher hilft der Staat in solchen Fällen höchstens sechs Jahre lang.

Diese Grenzen sollten eigentlich zum Jahresanfang wegfallen, das zusätzliche Geld hätte etwa 260.000 Kinder erreicht.

Unterhaltsvorschuss vom Staat gibt es auch, wenn Mütter „Vater unbekannt“ angeben.  Da der Staat den fehlenden Unterhalt des Vaters ausgleicht, fehlt die finanzielle Motivation, den Vater auf der Geburtsurkunde und beim Antrag auf Unterhaltsvorschuss anzugeben.

Man kann die geplante Verlängerung des Unterhaltsvorschusses als Verstärkung des Fehlanreizes sehen, den Vater des Kindes auf der Geburtsurkunde und beim Antrag auf Unterhaltsvorschuss nicht anzugeben. Etwa, wenn die Mutter heimlich mit dem Vater des Kindes zusammenlebt und auf diese Weise ein höheres Familieneinkommen erschleichen will. Oder wenn sie den Vater nicht informieren möchte, dass er Vater ist. Oder wenn sie das Sorgerecht nicht teilen möchte.

Neben dem Fakt, dass dies Betrug ist, schadet es dem Kind:

  • Falls der Vater stirbt, ist das Kind nicht erbberechtigt und erhält keine Halbwaisenrente.
  • Wenn der Mutter etwas zustößt, kann der Vater nicht ohne Weiteres das Sorgerecht übernehmen. Vielleicht muss das Kind zumindest zeitweise in die Obhut des Jugendamtes.
  • Das Kind wird eines Teils seiner Identität, seiner Abstammung beraubt.

Um es klar zu sagen: Mit höheren Leistungen fördert die Gesellschaft Fehlanreize zum Schaden von Kindern.

Gewerkschaften fühlen sich nicht zuständig, Kirchenvertreter wollen die Institution Ehe nicht schwächen. Und nicht nur Konservative denken, dass der Staat nicht mit Sozialleistungen unterstützen sollte, dass Menschen sich trennen.

Könnte das vielleicht eine gute Idee sein? Vielleicht gibt es ja mehr Scheidungen und Trennungen, weil man danach nicht ins Bodenlose, sondern in das Netz des Sozialstaates fällt? Ist der Gedanke so abwegig? Und wie oben beschrieben hat dies mindestens die negative Auswirkung, dass die Kinder häufig in Armut aufwachsen. Wäre es also nicht ein Gedanke, Trennungen nicht mit weiteren Sozialleistungen attraktiver zu machen?

Einzelkinder mit einem alleinerziehenden Elternteil sind laut Armuts- und Reichtumsbericht doppelt so häufig arm wie Kinder, die mit beiden Eltern aufwachsen. Wenn Alleinerziehende mehr als ein Kind haben, steigt das Armutsrisiko noch einmal um 50 Prozent.

Das bestätigt meine Interpretation der Zahlen von oben. Der Status „alleinerziehend“ ist das Hauptrisiko für Kinderarmut. Wenn Elisabeth Niejahr sich so um die Kinder sorgt, warum fragt sie nicht, was Alleinerziehende tun könnten, um nicht Alleinerziehend zu werden? Warum werden private Lebensentscheidungen wie z.B. Partnerwahl, Verhütung, Promiskuitivität oder die Trennung von einem Partner von ihr nicht hinterfragt?

Ich möchte nicht moralisch bewerten, wie Erwachsene ihr Leben gestalten. Mir ist das völlig egal. Aber natürlich sind Erwachsene verantwortlich für ihr Verhalten. Und wenn dabei Kinder ohne einen Elternteil aufwachsen, kann man nicht so tun, als hätten die eigenen Entscheidungen nichts damit zu tun. Für Trennungen zum Beispiel gibt es oft gute Gründe. Oft aber eben auch nicht.

Ich finde den ganzen Artikel heuchlerisch. Wenn es wirklich um das Wohlbefinden der betroffenen Kinder gehen würde, gäbe es zumindest weitere Aspekte, die zu betrachten wären, von Fehlanreizen zum Schaden der Kinder bis zur Verantwortung der Eltern. Mit Blick auf die Kinder sollte man nicht nur die finanziellen Auswirkungen Elterlichen Verhaltens  betrachten, sondern auch die nachhaltigen Schäden, die z. B. durch Trennungen angerichtet werden:

Viele Kinder reagieren auf das Auseinanderbrechen ihrer gewohnten familiären Situation in der Schule mit Verhaltensauffälligkeiten. Bis zu 36% wiesen depressive Tendenzen auf, die sich auch negativ auf das Verhältnis zu ihren Mitschülern auswirkten, wie etwa die Hamburger Familiensoziologin Anneke Napp-Peters herausfand. […]

Hinsichtlich der gesellschaftlichen Folgen der Auswirkungen von Scheidungen und Trennungen auf den Bildungsverlauf von Kindern herrscht unter Forschern noch Uneinigkeit. Auswertungen des DJI-Familiensurveys und der PISA Studie legen jedoch nah, das Kinder aus Familien mit allein erziehenden Eltern oder „Stiefeltern“ in der Hauptschule überrepräsentiert sind, während sie seltener Realschulen oder Gymnasien besuchen. […]

Für Kinder aus bildungsferneren Familien verringere demnach eine Trennung der Eltern die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein Gymnasium besuchen, um fast 15 Prozentpunkte. Die Trennung führt zudem zu schlechteren Noten im Alter von 16 Jahren in den Fächern Deutsch und Mathematik

So wie er jetzt ist, besteht Elisabeth Niejahrs Artikel nur aus finanziellen Forderungen an die Mitmenschen, ohne zu begründen, warum sie eigentlich noch mehr Mittel für Alleinerziehende aufbringen sollen, statt sich um ihre eigenen Kinder zu kümmern.

Die im Artikel zu findende Anspruchshaltung birgt zudem die Gefahr in sich, dass diejenigen, die die Rechnung zahlen, dazu irgendwann einmal nicht mehr bereit sind. Die Leidtragenden wären dann auch Alleinerziehende, die ohne eigene Verantwortung in diese Situation geraten sind, z. B. wenn der Partner verstorben ist.

 

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3 Kommentare zu „Allein gelassene Alleinerziehende“

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