Allein gelassene Familien

(Artikel aktualisiert am 17.01.2017)

Über die Recherche zu meinem Artikel Allein Gelassene Alleinerziehende bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die weit überwiegende Zahl der Alleinerziehenden einen großen Teil ihrer Einkünfte aus öffentlichen Transferleistungen bezieht. Nach Aussage des verlinkten Artikels bekommen 87 Prozent der Alleinerziehenden beziehen Hartz IV-Leistungen. Staatliche Leistungen, beispielsweise Kindergärten, Schulen, Universitäten, öffentlicher Verkehr, Straßen und Polizei werden praktisch nicht durch Alleinerziehende finanziert, aber natürlich genutzt.

Es war die Anspruchshaltung der Autorin, die mich nachdenklich gestimmt hat. Diese habe ich als überzogen empfunden und daher ihre Aussagen hinterfragt. Heraus kam für mich im Wesentlichen, dass man auch auf die Verantwortung der Alleinerziehenden schauen sollte, bevor man nach mehr Geld schreit, und das subtile Gefühl, dass Familien nicht nur für ihre eigenen Kinder zahlen, sondern überproportional auch für Alleinerziehende. So weit habe ich das im Blogeintrag beschrieben.

Mich interessierten die Fakten. Fündig wurde ich beim Statistischen Bundesamt (Seite 34). Dort findet sich der Durchschnitt des Bruttoeinkommens aus unselbstständiger Arbeit aufgeschlüsselt nach Haushaltstyp: 1527 Euro für Alleinerziehende, 3563 für den Hauptverdiener einer Familie und 1007 für den Partner. Männliche Singles verdienen Durchschnittlich 1664 Euro, Single-Frauen 1216 Euro.

Unter „sonstige Haushalte“ sind im Wesentlichen die Familien erfasst, die Kinder über 18 Jahren haben. Das können Rentner mit erwachsenen Kindern und Enkeln sein, aber auch Eltern, deren Kinder studieren. Leider wurde diese Gruppe nicht weiter  heruntergebrochen. In dieser Gruppe verdient der Hauptverdiener im Schnitt 2861 Euro, der Partner 684 Euro.

Damit keine Zweifel aufkommen: Familien mit minderjährigen Kind(ern) erzielen mit Abstand die höchsten Einkommen von allen Haushaltstypen, sie sind es, die die höchsten Steuern zahlen und damit die Gemeinschaft und die Alleinerziehenden im Wesentlichen finanzieren. Die sonstigen Haushalte sind die nächsten größeren Leistungserbringer.

Das kann man auch schnell durchrechnen (NRW, Jahr 2017, nicht in der Kirche, Alter 30, Kinder: Ja, gesetzlich versichert, 1,1 Prozent Zusatzbeitrag):

  • Alleinerziehend, Steuerklasse 2: 1527 Euro brutto, Steuern: 51,00 Euro
  • Ehepartner 1, Steuerklasse 3: 3563 Euro brutto, Steuern: 327,74 Euro
  • Ehepartner 2, Steuerklasse 5: 1007 Euro brutto, Steuern 107,40 Euro
  • Single Mann, Steuerklasse 1, kein Kind: 1664 Euro brutto, Steuern: 124,83 Euro
  • Single Frau, Steuerklasse 1, kein Kind: 1216 Euro brutto, Steuer: 27,50 Euro
  • (Sonstiger) Ehepartner 1, Steuerklasse 3: 2861 Euro brutto, Steuern: 163,99 Euro
  • (Sonstiger) Ehepartner 2, Steuerklasse 5: 684 Euro brutto, Steuern 66,08 Euro

Wir sehen: Das Geld für die Alleinerziehenden kommt nicht von einer anonymen Gruppe von Reichen, die unlauter an ihr Geld gekommen sind. Es wird den Familien genommen. Familien, die ihren Status auch ihren verantwortungsvollen Entscheidungen und ihrer eigenen harten Arbeit zu verdanken haben.

Eine Durchschnittsfamilie zahlt monatlich 435,14 Euro Steuern. Ein Durchschnittsalleinerziehender zahlt monatlich 51,00 Euro Steuern.  Es braucht mehr als  acht Alleinerziehende, um das Steueraufkommen einer Familie zu ersetzen.

Nimmt man an, dass die Mutter die Erziehung übernimmt, zahlt der Vater der Kinder als Single Mann 124,83 Euro Steuern. Eine Alleinerziehende Mutter und der getrennt lebende Vater zahlen gemeinsam 175,83 Euro Steuern. Es braucht fast 2,5 getrennt lebende Durchschnittsfamilien, um das Steueraufkommen einer Durchschnittsfamilie zu ersetzen.

Die Annahmen in dieser Kalkulation habe ich so gewählt, dass sie den geringsten Unterschied im Steueraufkommen nach sich ziehen: Die Beispielfamilie ist verheiratet und profitiert damit von Steuervorteilen. Bei der getrennt lebenden Durchschnittsfamilie habe ich die Steuerklasse 2 dem Partner mit dem geringen Einkommen zugewiesen, so dass hier mehr Steuern als nötig bezahlt werden.

In der Realität ist der Unterschied im Steueraufkommen also noch größer, da nicht alle Paare mit Kindern verheiratet sind und manche Alleinerziehende gemeinsam mit dem anderen Elternteil die Steuervorteile optimieren können.

Zusätzliches Problem könnte sein, dass es attraktiver ist getrennt zu leben, um Sozialleistungen zu bekommen. Wenn der Partner arbeitet kann das ein Motiv sein. Dazu kenne ich keine Zahlen, es ist aber auf jeden Fall ein Fehlanreiz zum Schaden der Kinder. Es macht schon einen Unterschied, als Familie beispielsweise 200 Euro über dem Hartz IV-Satz zu liegen (mit dem Einkommen des Partners) oder Mutter und Kind voll abgesichert zu haben über Hartz IV, während er nur (seine eigene) Miete zahlen muss.

Mit höheren Leistungen für Alleinerziehende – wie im ursprünglichen Artikel gefordert  – macht man außerdem den Sozialleistungsbetrug attraktiver – also Paare, die tatsächlich zusammenleben, sie gibt ihn aber bei der Behörde nicht mit an und erhält sämtliche Vergünstigungen einschließlich Hartz IV, sein Einkommen ist komplett verfügbar. Wie dieser Artikel zeigt, wird dies wiederum hauptsächlich durch die Familien finanziert.

Fazit

Mein Gefühl, dass vor allem Familien die Alleinerziehenden finanzieren, wurde durch Fakten bestätigt. Es scheint keine öffentliche Debatte darüber zu geben, zumindest kenne ich keine. Es wird so getan, als seien die Mittel für soziale Wohltaten „da“, so als würden nicht Menschen dafür Leistung erbringen müssen.

Und oft bringen Familien Opfer, um hohe Einkommen erzielen zu können, etwa lange Pendelstrecken, Überstunden, Umzug in eine wirtschaftsstarke Region oder wochenlanger Einsatz auf Montage.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, zu welchen Transferleistungen Familien moralisch verpflichtet sind und welches Verhalten man von (zukünftig) Alleinerziehenden und ihren Sexualpartnern erwarten kann.

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4 Kommentare zu „Allein gelassene Familien“

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