Jammerfrauen: Pornostars sind keine Schlampen

Ze.tt ist eine Fundgrube für Artikel von und über Jammerfrauen zu sein. Jammerfrauen heulen ihr empfundenes Leid in die Welt hinaus und erwarten, dass sich alle anderen ändern. Sie sind sich nicht zu blöde, ihre eigenen (Fehl-)Entscheidungen zu beklagen, aber andere verantwortlich zu machen.

In diesem Fall geht es um den Respekt, den Pornodarstellerinnen verdienen. Wie so häufig spart man nicht mit unbelegten Behauptungen:

Wir alle nutzen hin und wieder Pornografie: Die Erwachsenenfilmindustrie kann sich stets auf die Nachfrage ihrer Konsument*innen verlassen.

Diese Akzeptanz gilt jedoch nicht für deren Mitarbeiter*innen. Sie werden nach ihrer Karriere von der Mainstream-Welt entmündigt, beleidigt und gemieden. Wer mit Sex Geld verdient, ist für viele eine Schlampe beziehungsweise ein Fuckboy, dumm, geldgierig, psychisch krank, gefährlich oder einfach nur völlig daneben.

Wir alle?

Ehemalige und aktuelle Pornodarsteller werden entmündigt? Beleidigt? Gemieden? Man hält sie für dumm? Geldgierig? Psychisch krank? Gefährlich? Völlig daneben?

Keine Belege. Die Autorin scheint in einer anderen Welt zu leben als ich. Ich habe so etwas in keiner öffentlichen Debatte und auch nicht in meinem persönlichen Umfeld wahrgenommen.

Die Autorin macht sich auch nicht die Mühe diesen Vorwürfen nachzugehen: Sind Pornodarsteller vielleicht häufiger als der Durchschnitt dumm, naiv oder psychisch krank?

Ein gutes Beispiel für die Stigmatisierung ehemaliger Pornogrößen ist die US-Amerikanerin Bree Olson. Sie besuchte Vorbereitungskurse für ihr Medizinstudium, als sich ihr die Gelegenheit bot, in einem Porno mitzuspielen. Aus Neugier sagte sie zu […]

Das Gehalt, das sie damit verdiente, ließ sie ihre Zukunftspläne noch einmal komplett überdenken. Spontan beschloss sie, ihr Studium auszusetzen und es als professionelle Porno-Darstellerin zu versuchen.

Bree Olson hat eine Entscheidung getroffen. Für gutes Geld wurde sie Porno-Darstellerin und schmiss ihr Medizinstudium. Manche würden das vielleicht naiv oder dumm nennen. Oder geldgierig. Oder eine unterentwickelte Impulskontrolle.

Andere würden vielleicht vermuten, dass sie, als es mit den Vorbereitungskursen etwas schwieriger wurde, einfach hingeschmissen und den (zunächst) einfachen Weg gewählt hat.

Da Freunde und Familie von Anfang an hinter ihrer Karriere standen, stellte sich für sie nie die Frage, ob ihr Leben nach dem Porno kompliziert werden könnte.

In Anbetracht dieses Jammerartikels war es wohl keine gute Idee, dass ihre Familie hinter ihr stand und die Entscheidung der damals 19-jährigen respektiert hat. Vielleicht hat ihre alleinerziehende Mutter sie nicht so optimal auf das Leben vorbereitet. Kann das sein? Spielen Väter etwa eine wichtige Rolle bei der Kindererziehung?

Umso härter traf sie die Realität, nachdem sie ihr Karriere-Ende bekannt gegeben hatte. In einem Video für Real Women Real Stories sprach sie über das Leben nach dem Porno: „Wenn ich rausgehe, fühle ich mich, als würde ich Schlampe auf der Stirn stehen haben.

Hatten wir vorhin nicht das Thema psychisch krank? Bildet sie sich Dinge ein oder ist sie wirklich so bekannt, dass sie von wildfremden Menschen als ehemalige Pornodarstellerin identifiziert wird?

[…] Inzwischen bin ich an einen Punkt gekommen, an dem ich mein Haus für Tage oder Wochen nicht verlasse, weil ich das Gefühl habe, der Welt nicht entgegentreten zu können.“

Klingt für mich wie eine Depression. Vielleicht geht der Beruf Pornodarstellerin doch nicht so spurlos an Menschen vorbei.

Sie berichtet davon, wie Menschen sie fallen ließen, sobald sie von ihrer Karriere erfuhren. Oder davon, dass fremde Menschen ihre Kinder von ihr wegziehen, als ob sie gemeingefährlich wäre. Wo immer sie hingeht, tuscheln Menschen über sie oder beleidigen sie sogar.

Sie selbst erlebt ja, wie schlecht es ihr mit dieser Karriere geht. Andere wollen diesen Einfluss nicht in ihrem Leben haben. Und schon gar nicht wollen sie, dass ihre Kinder sich für die gleiche Karriere wie Bree entscheiden. Sie möchten bessere Ratgeber für ihre Kinder sein, als dies bei Bree Olsons Familie der Fall war.

Bree Olson kann aus erster Hand berichten, wie einfach es ist, 20.000 Dollar pro Woche zu verdienen. Vielleicht möchten manche Eltern nicht das Risiko eingehen, dass ihre Kinder hören, dass ein so gut bezahlter Job ganz in Ordnung ist.

Der Artikel behandelt völlig einseitig nur ihre Sicht der Dinge. Dass das Verhalten der anderen zum Teil vielleicht nur eingebildet ist („tuscheln“) oder nachvollziehbare Gründe haben könnte („Kinder von ihr wegziehen“) kommt nicht einmal ansatzweise vor. Manche Reaktionen, wie Beleidigungen, sind sicher überzogen, falls sie mehr als nur Bree Olsons eigene Wahrnehmung sind.

Frauen, die nach ihrem enttäuschenden Ausflug in die Branche in ihr altes Leben zurückkehren wollen, begegnen erheblichen Widerständen. Egal ob es darum geht, einen regulären Job zu finden, eine Beziehung zu führen, Freundschaften aufzubauen oder das Verhältnis zu der Familie zu kitten – den Ruf, eine Schlampe zu sein, werden die Frauen nicht mehr los.

Ich verstehe ja, dass beschriebenen Widerstände für ehemalige Porno-Darstellerinnen unangenehm sind, aber sind sie aus Sicht ihrer Umgebung nicht verständlich? Welche Spuren hat dieses Leben hinterlassen? Bree Olsons Schicksal lässt dazu ja tief blicken. Welche Zukunft hat eine Beziehung zu einer ehemaligen Porno-Darstellerin? Wie geht es den zukünftigen Kindern, wenn die Klassenkameraden die Videos der Mama finden?

Wie gern möchte man sich mit einem gefallenen Sternchen aus einer schickimicki-Szene anfreunden? Für die sich aufgrund ihres Aussehens viele Türen geöffnet haben und die das auch aktiv genutzt hat? Die mal sehr viel Geld hatte und jetzt im Leben nicht mehr klarkommt? Ich finde ihr Schicksal bedauerlich und empfinde Mitleid für sie, aber halte ich sie deshalb für einen guten Umgang für mich und mein persönliches Umfeld?

Vielleicht wäre aus Bree Olson eine hervorragende Ärztin geworden, wenn sie ihr Studium wieder hätte aufnehmen können, ohne von Kommiliton*innen und Professor*innen angefeindet zu werden.

Von Anfeindungen stand im Artikel bisher nichts. Das was ich gelesen habe lässt darauf schließen, dass sie an sich selbst scheitert. Und niemand hat gesagt, dass es einfach wird. Manchmal muss man sich halt durchbeißen, studieren kann man trotz Anfeindungen. Vielleicht hat ja auch die lange Unterbrechung ihrer Ausbildung dafür gesorgt, dass sie nicht mehr mitkam oder sie hat einfach – wie beim ersten Versuch – nicht das Durchhaltevermögen für ein Studium.

Solche einfachen Erklärungen gibt es im Artikel nicht. Stattdessen werden nur anderen Vorwürfe. Die Entscheidungen und die Fähigkeiten der Protagonistin werden nicht in Frage gestellt. An ihr kann es keinesfalls liegen, dass sie scheitert.

In einem Porno mitgespielt zu haben sagt einfach weder etwas über die Kompetenz einer Person aus, noch über ihren Charakter.

Aber warum denn nicht? Schließlich ist nicht jeder bereit in einem Porno mitzuspielen. Vielleicht hat es ja etwas mit der Fähigkeit zu tun, vorausschauende Entscheidungen zu treffen? Auch in jungem Alter.

Vielleicht ist auch die Fähigkeit entscheidend, sich trotz schwieriger Umständer durchzubeißen, statt den einfachen Weg zu wählen. Haben diese Fähigkeiten das nichts mit Kompetenz und Charakter zu tun?

Vielleicht spielt auch das persönliche Umfeld für die Charakterbildung eine Rolle, welches in Bree Olsons Fall keine rühmliche Rolle gespielt hat. Vielleicht war das persönliche Umfeld für die Charakterbildung auch in anderer Hinsicht nicht optimal?

Oder die Resistenz gegen die Aussicht auf schnelles Geld? Ist das keine wichtige Charaktereigenschaft?

Dass die meisten von uns sich trotzdem abfällig über Darsteller*innen äußern, zeigt, wie stigmatisiert Sexarbeit immer noch ist.

Jobs wie Kanalarbeiter und Müllfahrer sind auf andere Weise stigmatisiert. Auf dem Heiratsmarkt haben sie vielleicht weniger gute Karten. Kanalarbeiter und Müllfahrer gehen wie Erwachsene damit um. Ze.tt erwartet bei Sexarbeitern hingegen, dass alle anderen sich umstellen, damit die Sexarbeiter nicht die Konsequenzen ihrer Entscheidungen aushalten müssen.

Mich würde auch interessieren, wer „die meisten von uns“ genau sind.

Dabei macht es faktisch keinen Unterschied, ob jemand als Bauarbeiter*in, Krankenpfleger*in, Ingenieur*in oder eben Sexarbeiter*in sein Geld verdient.

Wie bereits geschrieben ist es ein Unterschied. Videos aus der beruflichen Vergangenheit einer Ingenieurin sind sicherlich langweiliger als die einer Pornodarstellerin. Auf den Handys der Klassenkameraden der Kinder zirkulieren wahrscheinlich eher die Letzteren.

Ich finde es legitim seinen Körper zu verkaufen. Ob als Prostituierte oder als Porno-Darstellerin. Ist es aber hilfreich in solchen Artikeln die Probleme, die diese Arbeit mit sich bringt, herunterzuspielen? Und anderen die Schuld zu geben? Wäre es nicht sinnvoller junge Frauen über die Konsequenzen aufzuklären?

Und außerdem: Wer Pornografie konsumiert, hat ohnehin kein Recht, Darsteller*innen die Mitarbeit an eben jener vorzuwerfen. Punkt.

Wenn es um Vorwürfe geht, gebe ich – vom moralischen Standpunkt her – der Autorin recht. Von Vorwürfen durch Pornokonsumenten war im Artikel aber nicht die Rede.

Aber natürlich ist es auch für Pornokonsumenten völlig legitim (ehemalige) Porno-Darstellerinnen z. B. nicht als Partnerin zu wählen und von ihren Kindern fernzuhalten. Schließlich sind sie in erster Linie ihren Kindern verpflichtet und nicht den Porno-Darstellerinnen.

Im Artikel kommen einfache Erklärungen für Bree Olsons Situation nicht vor: Die Tatsache, dass sie Porno-Darstellerin war, sagt etwas über ihre Reputation aus. Ich habe in Feministischer Schlampenjammer erklärt, warum es nachvollziehabre Gründe geben kann, dass sie deshalb anders behandelt wird. Menschen schließen von vergangenem auf zukünftiges Verhalten.

Eine zusätzliche Erklärung kann auch Bree Olsons Verhalten sein. Dass mag sie selbst als völlig in Ordnung empfinden, aber es sagt eben etwas über sie aus, dass sie bereit war eine Ausbildung zum Arzt für eine Pornokarriere aufzugeben. Vielleicht haben auch die vielen Jahre in diesem Geschäft, die Oberflächlichkeit, das viele Geld oder der Umgang mit den anderen Menschen dieser Szene ihrem Charakter nicht gut getan. Was ich sagen will: Möglicherweise finden andere Menschen sie einfach nicht sonderlich sympathisch, auch ohne zu wissen, dass sie Pornodarstellerin war.

Im Artikel bei ze.tt kommt nichts davon vor. Schuld sind die anderen.

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13 Kommentare zu „Jammerfrauen: Pornostars sind keine Schlampen“

  1. Komisch. Habe mehrfach gehört, dass es Pornodarstellerinnen später so schwer haben. Und immer ist es Bree Olson.
    Ein Beispiel. In Worten: Eins.
    Gegenbeispiel: Sibel Kekilli.
    Zugegeben, war kein Star, hat nur eine „Saison“ Pornos gedreht (laut Wikipedia 6 Monate). Laut EMMA-Logik reicht aber immerhin ein Porno aus, um Frauen in die Prostitution zu erpressen (hat Frau Schwarzer mal behauptet; die zugehörige ARD-Sendung habe ich gerade nicht parat).
    Frau Kekilli hat aber eine anständige Ausbildung zur Schauspielerin gemacht und ist heute immerhin Tatort-Kommissarin. Nicht gerade eine Nicht-Karriere…

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    1. Stimmt! Das ist tatsächlich ein weiterer Aspekt. Es gibt Pornosternchen, die nicht scheitern, die es schaffen. Sobald es aber mal eine nicht schafft, wird rumgejammert und alle anderen sind Schuld. Und es wird als allgemeines Problem dargestellt, was irgendetwas mit Diskriminierung zu tun hat.

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  2. Ich habe vor Jahren im Gespräch mit einer Frau über den Kachelmann-Prozess und die Rolle, die Alice Schwarzer dort gespielt hat, die Ansicht geäußert, dass eine Journalistin, die so tief sinkt, dass sie für die BLÖD-Zeitung schreibt, in die gleiche Kategorie gehöre, wie eine abgetakelte Schauspielerin, die in Ermangelung besserer Angebote in Pornofilmen mitwirkt.

    Meiner Gesprächspartnerin mißfiel das, sie sagte „Wie kannst du nur den ehrenwerten Beruf der Pornodarstellerin so schlecht machen.“

    Recht hatte sie!

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  3. Erst will sie ums Verrecken weltbekannt werden, damit sie hohe Gagen fuer ihre Pornodrehs bekommt und schnell reich wird. Als sie dann zu alt und unattraktiv dafuer wird, beschwert sie sich darueber dass jeder sie kennt und zwar auch woher. Ich glaub mein Kleinhirn zieht aus.

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  4. Immer wieder fällt mir auf, dass bei Pornos die männlichen Darsteller komplett ausgeklammert werden. Dabei haben sie in allen Dimensionen den schlechteren Deal. Bei der Reputation, dem Hauptthema hier könnte man denken, dass sie hier einen Vorteil haben. Wenn ich allerdings an Schwulenpornos denke, so bin ich mir selbst da nicht sicher.

    Die anderen Themen wären Objektifizierung, Gage, Gesundheit, Alter, Akzeptanz von homosexuellen Handlungen. Unsere Gendertröten und der journalistische, feministisch geprägte Mainstream halten sich hier fein raus. Nur um dann an anderer Stelle zu beklagen, wie „unsichtbar“ Frauen und ihr Leben doch seien und dass Gleichberechtigung doch bitte bedeute, dass man nach Geschlechtern ausgewogen berichte.

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  5. „Sie selbst erlebt ja, wie schlecht es ihr mit dieser Karriere geht. Andere wollen diesen Einfluss nicht in ihrem Leben haben. Und schon gar nicht wollen sie, dass ihre Kinder sich für die gleiche Karriere wie Bree entscheiden. Sie möchten bessere Ratgeber für ihre Kinder sein, als dies bei Bree Olsons Familie der Fall war.“ Ein unsinniger Zirkelschluss der allereinfachsten Sorte: Weil andere Menschen negativ auf ihre Tätigkeit, ist diese Tätigkeit selbst schädlich.

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    1. Es geht ihr schlecht. Als einen Grund dafür artikuliert sie die negative Reaktion anderer (1) auf ihre Tätigkeit.
      Andere (2) wollen nicht, dass es ihren Kindern schlecht geht (was auch immer die Gründe dafür sind) und möchten keinen Kontakt.
      Das ist kein Zirkelschluss: Andere (1) und (2) sind nicht notwendigerweise die gleichen Mengen. In (1) mögen Menschen enthalten sein, die sie z. B. aus religiösen Gründen ablehnen. Ich sage: Es gibt Menschen, die aus sachlichen Gründen gegen den Kontakt entscheiden (2).

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      1. Und schon durch einmaliges Sprechen mit einer Darstellerin können andere Kinder infiziert werden. Großes Vertrauen in die eiegene Erziehung…

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