Das neue Unwort ist das W-Wort

„White is purity“ – weiß ist Reinheit – schreibt Nivea in einem Werbefilm und erntet dafür einen Shitstorm. Das berichtet sueddeutsche.de.

Es dauerte nicht lang, bis die Werbung als rassistisch bezeichnet wurde. „Shame, shame, shame on you“, schrieb ein Nutzer, „Fire your marketing person and anyone who approved this ad.“ (Schande über Sie, feuern Sie ihren Marketingbeauftragten oder wer immer das abgenickt hat.) Kunden kündigten an, alle Nivea-Produkte wegzuwerfen, andere riefen zum Boykott auf oder vermuteten Absicht dahinter.

Es ist soweit: Bereits die Verwendung des Wortes „weiß“ in Verbindung mit „Reinheit“ genügt für den Rassismusvorwurf. Der Kontext ist egal. Das Adjektiv „weiß“ steht für vieles, es bezeichnet die hellste aller Farben und wird – unter anderem – mit Reinheit assoziiert. Das passt zur Marke Nivea, jedem ist die weiße Creme ein Begriff, und dass bei Kosmetikprodukten „Reinheit“ beworben wird, ist nachvollziehbar.

„Weiß“ geht den Weg vieler anderer Wörter, es ist zum Triggerwort geworden, das denjenigen, der es verwendet, zum Rassisten macht. Nivea entschuldigt sich natürlich, wie soll es auch anders sein, alles andere wäre schädlich, die politisch korrekte Netzgemeinde hätte einen neuen Feind. Der angekündigte Boykott würde umgesetzt und Nivea-Produkte öffentlichkeitswirksam in den Müll geworfen werden. Käufer von Nivea-Produkten wären selbst Rassismusvorwürfen ausgesetzt.

In welchen Kategorien muss man eigentlich denken, um den Spruch in einer Kosmetikwerbung, der ganz offensichtlich nicht rassistisch gemeint ist, so misszuverstehen? White is purity – ja und? Wie böse muss man sein, um bei diesen Worten gleich das Schlimmste zu unterstellen?

Ich hatte über dieses Phänomen schon geschrieben. Es geht den neuen Moralaposteln nicht darum, in welchem Kontext etwas gesagt wird und wie etwas gemeint ist. Rassismus ist, wenn sich jemand verletzt fühlt oder verletzt fühlen könnte.

Kann sich keiner vorstellen, dass zwei Menschen unterschiedlicher Hautfarbe den Spot ansehen, sich angesichts der Assoziation kurz anblicken und einfach loslachen? Oder dass dieser Spruch manche Menschen schlicht nicht an „Rasse“ denken lässt?

Die neuen Netzaufgeregten entfachen einen Shitstorm. Es widert mich an, dass sie damit Erfolg haben. Wahrscheinlich fühlen sie sich als die besseren Menschen: Wieder eine Rassistenfirma an den Pranger gestellt. Willkommen im Land der Sprechverbote. Weißer Riese adé.

Den Kämpfern für sprachliche Reinheit sage ich: Wer alles in Rassekategorien einordnet, wer ein Produkt danach beurteilt, ob es mit den Eigenschaften schwarz oder weiß beworben wird, wer bei den Worten „white is purity“ unabhängig vom Kontext sofort an Rassismus denkt – der ist selber Rassist.

Diese Einstellung verhindert, dass das Denken in Rassekategorieren überwunden wird. Dazu müsste man die Rasse ignorieren und nicht noch überbetonen, wie es die Netzaufgeregten betreiben. Morgan Freeman hat das mal prägnant auf den Punkt gebracht.

Aber es geht den Netzaufgeregten auch gar nicht darum, ein wirkliches Problem zu lösen. Sie betreiben nur Virtue Signalling. Sie wollen in ihrer eigenen Gruppe als die moralisch überlegenen dastehen. Dass sie dabei Schaden bei denen verursachen, für die sie sich einzusetzen vorgeben, ist ihnen entweder egal, oder sie sind zu dumm es zu bemerken.

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1 Kommentar zu „Das neue Unwort ist das W-Wort“

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