Wissenschaftliche Fakten bei fluechtlingsforschung.net [Nachtrag]

Unter der Überschrift

Flüchtlingsforschung gegen Mythen – WissenschaftlerInnen diskutieren Behauptungen aus der Flüchtlingsdebatte

äußert sich Jun. Prof. Dr. Jannis Panagiotidis vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) an der Universität Osnabrück zu folgendem angeblichen Mythos:

Damit wir in zehn Jahren über eine gelungene Integration der Flüchtlinge sprechen können, brauchen wir jetzt eine Wohnsitzauflage.

Thomas Kutschaty, Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen, in: ZEIT-Online, 21.02.2016
Diese Aussage steht stellvertretend für eine Reihe von Äußerungen von Politikern, die eine Wohnsitzauflage für Flüchtlinge im Interesse ihrer Integration befürworten. Die Wohnsitzauflage kann aus verschiedenen Perspektiven, u.a. aus normativ-rechtlicher Perspektive kritisiert werden. In diesem Beitrag steht die empirische Kritik an der angeblich integrationsfördernden Wirkung einer solchen Auflage im Mittelpunkt.

Der Autor will den Bezug zu einer gelungenen Integration widerlegen – mit „empirischer Kritik“.

Aus dem Bauch heraus nehme auch ich erst einmal an, dass die Wohnsitzauflage integrationsfördernd wirken kann. Ich vermute, dass neu eingereiste Menschen bevorzugt dort leben wollen, wo bereits viele Menschen ihrer Nationalität oder mit ähnlichem kulturellen Hintergrund leben. Haben die Menschen dazu die Möglichkeit – und ohne Wohnsitzauflage ist das der Fall -, dann tun sie das. Wo das geschieht, in Großstädten, in denen ganze Stadtviertel durch Migration geprägt sind, erschwert es die Integration. Soweit meine Hypothese.

Dass es ohne Wohnsitzauflage zur sozialräumlichen Konzentration von Migranten in Großstädten kommt, ist wohl unstrittig für jemanden, der Duisburg oder Berlin kennt. Auch in der Debatte in anderen Bundesländern wird das bestätigt.

Beispiel Thüringen: Dort wird über die Wohnsitzauflage innerhalb des Landes diskutiert, denn

viele Flüchtlinge würden eher den Weg nach Erfurt, Weimar oder Jena suchen,

sagt Matthias Hey, der SPD-Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag.

Beispiel Sachsen:

Die sächsische Landesregierung erwägt, die Bewegungsfreiheit für Flüchtlinge mit Hartz IV-Status einzuschränken. Demnach müssten die Flüchtlinge dann in dem jeweiligen Landkreis bleiben, in den sie nach ihrer Erstaufnahme verteilt worden sind. Damit will man die Großstädte entlasten.

In der Vergangenheit seien viele Flüchtlinge Sachsen in Richtung Westen weitergezogen:

Nach Recherchen von MDR SACHSEN sind Flüchtlinge nach ihrer Anerkennung zu großen Teilen vor allem nach Westdeutschland gezogen. Konkrete Zahlen dazu gibt es kaum. Der Landkreis Görlitz schätzt jedoch, dass rund 80 Prozent der anerkannten Flüchtlinge – bis zum 6. August 2016 völlig legitim – dorthin gezogen sind.

Und das trotz der ursprünglichen Verteilung nach dem Königsteiner Schlüssel. Das geschieht ohne Wohnsitzauflage.

Es gäbe viele individuelle Gründe für die Abwanderung, so das Innenministerium. Entscheidend dabei seien das Bestehen größerer Communities der Staats- oder Volksangehörigkeit des jeweiligen Asylbewerbers, Verwandtschaft, Informationen der Asylbewerber untereinander über Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten.

So weit, so nachvollziehbar.

Westdeutsche Städte, wie Gelsenkirchen und Bochum in Nordrhein-Westfalen, setzen das bereits um. Allein in Gelsenkirchen leben rund 1.900 Flüchtlinge, deren Anerkennungsbescheide dieses Jahr in anderen Bundesländern erteilt worden sind.

Halten wir fest: Meine Vermutung, dass ohne Wohnsitzauflage sozialräumliche Konzentrationen von Migranten verstärkt werden, ist bestätigt.

Zurück zu Jun. Prof. Dr. Panagiotidis, der uns beweisen möchte, dass die Wohnsitzauflage trotzdem nicht integrationsfördernd wirkt. Er schreibt:

In den Diskussionen zur Wohnsitzauflage verwiesen Politiker immer wieder auf die vermeintlich positiven Erfahrungen mit dem Wohnortzuweisungsgesetz für deutsche Spätaussiedler aus Osteuropa. Spätaussiedler waren ab 1996 unter Androhung des Verlusts von Sozialleistungen für zwei Jahre, ab dem Jahr 2000 für drei Jahre an ihren zugewiesenen Wohnort gebunden. Die Integration der Spätaussiedler gilt inzwischen als gut gelungen.

Ob deutsche Spätaussiedler aus Osteuropa im Hinblick auf die Bedingungen für Migrationserfolg mit den aktuell Asyl begehrenden Menschen aus überwiegend arabischen Ländern vergleichbar sind, sei dahingestellt.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) evaluierte die Auswirkungen dieses Gesetzes im Jahr 2011 im Auftrag des Bundesministeriums des Innern (BMI). Der daraus resultierende Forschungsbericht kam zu keinem eindeutigen Ergebnis.

Wir halten fest: Der Forschungsbericht kann uns nicht sagen, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Wohnortzuweisungsgesetz für deutsche Spätaussiedler und der als gelungen geltenden Integration deutscher Spätaussiedler gibt.

Die Effekte wurden von den befragten Kommunen und Experten unterschiedlich bewertet. Die befragten Spätaussiedler standen dem Gesetz in den meisten Fällen gleichgültig gegenüber, da sie sowieso an ihren Wunschort zugewiesen wurden. Es fehlt also an einer klaren empirischen Grundlage, die den Optimismus bezüglich der integrationsfördernden Wirkung der Wohnortbindung für Flüchtlinge begründen könnte.

Richtig ist: Es fehlt an einer klaren empirischen Grundlage für Pessimismus bezüglich der integrationsfördernden Wirkung der Wohnortbindung für Flüchtlinge.

Der fehlende empirische Nachweis eines Zusammenhangs beweist nicht, dass es keinen Zusammenhang gibt.

Deutsche Spätaussiedler sprechen meist deutsch, Kultur und Wertvorstellungen ähneln denen der Menschen im Aufnahmestaat Deutschland. Das erleichtert die Integration. Es ist nicht völlig abwegig, dass die Verhinderung sozialräumlicher Konzentration durch das Wohnortzuweisungsgesetz zur gelungenen Integration beigetragen hat. Es gibt dafür keinen wissenschaftlichen Beweis. Es gibt aber auch keinen wissenschaftlichen Beweis des Gegenteils. Bezogen auf deutsche Spätaussiedler ist die kritisierte Aussage alles andere als ein Mythos.

Das gilt erst recht für neu eingereiste Menschen aus dem arabischen Kulturkreis. Deren Integration ist vermutlich schwerer als die der Spätaussiedler, weil sie einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Ein Zusammenhang ist auch für diese Personengruppe weder belegt noch widerlegt, es spricht aber einiges dafür, dass die sozialräumliche Konzentration die Integration der neu Zugewanderten noch mehr als bei Spätaussiedlern erschwert.

Die Argumentation von Jun. Prof. Dr. Panagiotidis ist unlogisch und irreführend. Wenn das am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien wissenschaftliche Arbeit ist, braucht man von diesem Institut keinen objektiven Beitrag zur Flüchtlingsdebatte erwarten.

Auch andere Mythen werden auf dieser Webseite wissenschaftlich bewertet. Da wird beispielsweise die auf den ersten Blick erkennbar falsche Aussage

Nicht alle Moslems sind Terroristen aber alle Terroristen sind Moslems

die Albert Deß, Europaabgeordneter der CSU in einem Facebook-Kommentar nach den Anschlägen von Brüssel gemacht hat, als falsch entlarvt. Dass die Aussage von Deß falsch ist, ist wohl jedem Leser klar, der RAF und NSU kennt. Ein Mythos ist das nicht, denn an einen Mythos müsste zumindest eine gewisse Anzahl von Menschen glauben. Bei fluechtlingsforschung.net wird der Facebook-Kommentar eines CSU-Hinterbänklers aus Brüssel aufgegriffen, den dieser offenbar schockiert unter dem unmittelbaren Eindruck eines islamistischen Anschlags in seiner Stadt gemacht hat, um uns mit erhobenem Zeigefinger aus nüchterner Distanz belehren zu können:

Betrachtet man das Phänomen Terrorismus allerdings aus nüchterner Distanz, so muss man feststellen, dass die Geschichte des modernen Terrorismus ebenso eine Geschichte nationaler terroristischer Bewegungen ist. Das zeigen der rechtsterroristische Massenmord von Anders Behring Breivik in Norwegen oder der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) in Deutschland.

An anderer Stelle werden Behauptungen aufgestellt wie diese:

Sowohl Zahlen des Bundeskriminalamtes als auch andere Recherchen widerlegen, dass Zugewanderte im Schnitt krimineller sind als Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft.

Das ist erwiesenermaßen falsch. Hier könnten die Autoren punkten und die Zahlen des Bundeskriminalamtes und die anderen Recherchen, die konkret gemeint sind, offenlegen. Dann könnte sich der Leser eine eigene Meinung bilden. Aber dass Zugewanderte im Schnitt krimineller sind als Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft gehört wohl nicht zu den Mythen, mit denen sich fluechtlingsforschung.net beschäftigt.

Ein letztes Beispiel. Die Aussage

Wir können nicht alle Flüchtlinge aus der ganzen Welt aufnehmen.

von Bundesinnenminister Thomas De Maiziere wird als Mythos bezeichnet.

Mit solchen Aussagen wird einerseits die vermeintlich begrenzten Aufnahmekapazitäten (sic!) Deutschlands hervorgehoben,

Die vermeintlich begrenzten Aufnahmekapazitäten Deutschlands? Den wissenschaftlichen Nachweis der unbegrenzten Aufnahmekapazitäten Deutschlands bleibt man selbstverständlich schuldig.

und andererseits ein Bild davon gezeichnet, dass alle Flüchtlinge nach Europa bzw. Deutschland kommen wollen würden. Genau dies entspricht jedoch nicht den realen Entwicklungen.

Spoiler: Es gibt weltweit auch andere Fluchtziele als Europa. Ich erspare dem Leser den Rest der Belehrung und schließe mit dem letzten Satz:

Jedoch darf Syrien nicht als die einzige Flüchtlingskriese (sic!) dargestellt, sondern muss das weltweite Ausmaß in vielen Regionen berücksichtigt werden.

Das ist keine Widerlegung der Aussage von De Maiziere. Dass nicht alle Flüchtlinge weltweit nach Deutschland kommen wollen würden bedeutet nicht, dass Deutschland unbegrenzte Aufnahmekapazitäten hat.

So geht das weiter, von Mythos zu Mythos. Fluechtlingsforschung.net ist keine Webseite, die  Vorurteile mit Fakten widerlegt. An bewusst ausgewählten hanebüchenen Aussagen arbeiten sich die Autoren ab, andere Aussagen werden kritisiert allein im Hinblick darauf, dass die Leser andere Schlüsse ziehen könnten als die Autoren. Fluechtlingsforschung.net ist eine traurige, als Wissenschaft bezeichnete Fassade für eine der Weltsicht der Autoren entsprechende Belehrung, wie man korrekt denken soll.

Nachtrag: Dass die Wohnsitzauflage integrationsfördernd wirken kann, wird auch in diesem Interview mit Bildungsforscher Ludger Wößmann ersichtlich:

Wößmann: Das Wichtigste ist, und das zeigt auch die Forschung, dass die Kinder möglichst schnell einen täglichen sprachlichen Austausch mit Kindern ohne Migrationshintergrund haben. Bis zum Alter von zehn bis elf Jahren erlernen Kinder eine Sprache am besten, wenn sie sofort in normalen Regelklassen mit vielen einheimischen Kindern untergebracht werden. Wenn wir die Flüchtlinge gleichmäßig auf Deutschland verteilen, käme aktuell ein Flüchtlingskind auf etwa zwei Klassen. Das würde die Schulen nicht überfordern.

Dann müsste also demnächst auch in jedem Dorf eine Flüchtlingsfamilie leben. Ist so eine Verteilung überhaupt möglich?

Wößmann: Gerade in kleinen Orten finden sich häufig sehr engagierte Helfer, die die Integration erleichtern. Eine gleichmäßigere Verteilung würde der Integration sehr helfen und Ghettoisierung verhindern. Ich halte das zumindest grundsätzlich durchaus für möglich.

Von wegen Mythos.

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1 Kommentar zu „Wissenschaftliche Fakten bei fluechtlingsforschung.net [Nachtrag]“

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