Kriminalität von Flüchtlingen: Argumentecheck

Nach der Recherche für den Beitrag zu fluechtlingsforschung.net habe ich mich näher mit der Kriminalitätsstatistik befasst. Ich wollte gängige Argumente, die in der Debatte um die Kriminalität von Ausländern immer wieder auftauchen, nachvollziehen.

Es ist nicht einfach und an Zahlen zu kommen. Das Bundeskriminalamt unterscheidet in der Polizeilichen Kriminalstatistik nach vielen Merkmalen – aber eben nicht nach allen. Während beispielsweise bei deutschen Tatverdächtigen alle Altersgruppen angegeben werden, bleiben in derselben Statistik für Nichtdeutsche die Kinder unter 8 Jahren unberücksichtigt. Die Gesamtzahlen sind so nur vergleichbar, wenn man auf andere Daten, etwa die des Statistischen Bundesamtes, zurückgreift. Das funktioniert halbwegs, aber eben nicht gänzlich zufriedenstellend – Ganzjahreszahlen stehen mit Stichtagszahlen in einer Reihe – und die Summen weichen geringfügig voneinander ab. An anderer Stelle wird bei Tatverdächtigen nach Asylbewerbern und Geduldeten unterschieden – die Vergleichsgröße des Bevölkerungsanteils fehlt aber.

Ich habe mich bewusst auf bundesweite Zahlen gestützt. Mir ist klar, dass es Unterschiede zwischen den Bundesländern, zwischen Großstädten und Dörfern, zwischen Nord und Süd gibt. Aber mir geht es um die Situation in ganz Deutschland.

Nicht gesondert berücksichtigt habe ich Deutsche mit Migrationshintergrund, das sind 17,1 Millionen von 73,5 Millionen deutschen Einwohnern. Deutsche sind in den Statistiken – und auch hier – zusammengefasst. Nicht gesondert berücksichtigt sind auch Straftaten mit ausländerrechtlichem Bezug. Es wird häufig argumentiert, Deutsche könnten diese Straftaten gar nicht begehen. Es bleiben aber Straftaten, sie müssen verfolgt werden und die Straftäter verstoßen gegen deutsches Recht. Deshalb werden sie in diesem Beitrag – wie auch in der offiziellen Statistik des Bundeskriminalamtes- aus der Gesamtzahl der Straftaten nicht herausgerechnet.

Die Zeit hat sich mit der Kriminalstatistik 2015 beschäftigt.

Die ersten flächendeckenden Zahlen zur Kriminalität von Zuwanderern zeigen nach Darstellung des Bundesinnenministeriums, dass die Gruppe nicht mehr Straftaten begeht als andere. Der jüngste Bericht des Bundeskriminalamts (BKA) zu dem Thema bestätige eine entsprechende Kernaussage einer früheren Erhebung vom Februar, sagte eine Ministeriumssprecherin. „Zuwanderer sind nicht krimineller als Deutsche.“

Diese auf „Zuwanderer“ bezogene Aussage gibt die Statistik des BKA gar nicht her, denn sie enthält keine Zahlen für „Zuwanderer“. Enthalten sind hingegen Angaben zur Anzahl der nichtdeutschen und der deutschen Tatverdächtigen.

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Ein klares Bild: Nichtdeutsche stellen 10% der Bevölkerung und sind in 37% der Straftaten Taverdächtige. Allerdings gehören nicht alle nichtdeutschen Tatverdächtigen auch zur Bevölkerung in Deutschland.

Versucht man die Gruppe der Nichtdeutschen zu differenzieren, ergibt sich folgendes Bild:

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Sieht man sich die Zahlen an wird klar dass die Behauptung, die Anzahl der Nichtdeutschen sei so hoch, weil sie viele Touristen und Durchreisende enthalte, genau das ist: Eine Behauptung.

Außerdem lohnt sich ein Blick auf die Kategorie „Nichtdeutsche Tatverdächtige“. Denn nichtdeutsche Verdächtige sind nicht nur Flüchtlinge und Asylsuchende. Unter diese Kategorie fallen ebenso Austauschstudenten, Fernfahrer, Stationierungsstreitkräfte und Touristen. Allein in Berlin kommen auf 3,5 Millionen Einwohner jährlich etwa 8 Millionen ausländische Touristen.

Touristen und Durchreisende sind ganze 3,5% der nichtdeutschen Tatverdächtigen, der Anteil von Studenten und Schülern ist noch weitaus geringer, Stationierungsstreitkräfte sind im Kreisdiagramm kaum darstellbar. Was zeit.de dem Leser da unterjubelt, ist nicht falsch, aber die Zahlen zeigen, dass ein völlig falscher Eindruck erweckt wird.

Es ist somit sinnlos, die Zahl der ausländischen Tatverdächtigen mit dem Anteil von Ausländern an der Berliner Bevölkerung zu vergleichen (der lag 2013 bei rund 15 Prozent). Denn die Bevölkerungsstatistik erfasst im Gegensatz zur Kriminalitätsstatistik weder die oben genannten Gruppen, noch Durchreisende oder Angehörige international organisierter Banden, die maßgeblich für Einbruchsserien und den Diebstahl von Kraftfahrzeugen verantwortlich sind. Deshalb sagt das BKA über seine Statistiken: „Sie lassen auch keine vergleichende Bewertung der Kriminalitätsbelastung von Deutschen und Nichtdeutschen zu“.

Es ist keineswegs sinnlos, die Zahl der ausländischen Tatverdächtigen mit dem Bevölkerungsanteil zu vergleichen. Rechnet man die genannten Gruppen heraus, ergibt sich kein wesentlich anderes Bild, denn sie machen weniger als ein Sechstel aller nichtdeutschen Tatverdächtigen aus.

Außerdem wird behauptet, die Kriminalität sinke jedes Jahr trotz Zuwanderung (was richtig ist, aber nichts über die Kriminalität von Zuwanderern aussagt, denn eine Korrelation ist noch keine Kausalität) oder auch:

Zuwanderer sind nach Angaben des Bundesinnenministeriums nicht krimineller als Deutsche.

Tatsächlich sieht die Entwicklung der letzten Jahre so aus:

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Bei der Interpretation dieser Grafik muss man berücksichtigen, dass die Anzahl der Nichtdeutschen in Deutschland kontinuierlich steigt. Es gibt also Ursachen und Gründe für die steigende Anzahl nichtdeutscher Tatverdächtiger. Wenn sich die Kriminalität bei Zuwanderung zwangsläufig so entwickelt, sollte diese Tatsache Teil der Diskussion sein.

Diese Diskussion werden wir allerdings nicht führen können, wenn wir bei der Interpretation der Zahlen mit Halbwahrheiten und relativierenden Argumenten in die Irre geführt werden. Es betrifft nicht nur die Zeit, die gesamte Presselandschaft vom Focus über den Spiegel bis zur Welt macht das. Zum Teil werden Aussagen der Behörden unhinterfragt übernommen.

Besonders aufgefallen ist mir die Bundeszentrale für politische Bildung. Der Beitrag „Ausländerkriminalität“ – statistische Daten und soziale Wirklichkeit“ ist ein einziges Plädoyer dafür, die amtlichen Statistiken am besten überhaupt nicht ernst zu nehmen. Sie seien nicht neutral und man könne ihnen nichts entnehmen.

Die Ablehnung jeglicher Interpretation von amtlichen Statistiken wird auch auf den „Jugend-Effekt“ gestützt:

Ein Viertel der polizeilich erfassten Tatverdächtigen sind Jugendliche bzw. Heranwachsende unter 21 Jahren. Unter den nichtdeutschen Tatverdächtigen liegt der Anteil dieser Altersgruppe jedoch mit 20,7 Prozent niedriger als bei den Deutschen mit 26,3 Prozent. Betrachtet man ausschließlich die Gruppe der „Gewaltdelikte“, dann liegt der Anteil der unter 21-Jährigen an allen deutschen Gewaltverdächtigen mit 41,5 Prozent sogar deutlich über dem Jugendanteil an den nichtdeutschen Gewaltverdächtigten (36 Prozent) [16]. Auf eine erhöhte Kriminalitätsbelastung ausländischer Jugendlicher im Vergleich zu deutschen Jugendlichen lässt die PKS also pauschal nicht schließen. 

Der Anteil der Heranwachsenden unter nichtdeutschen Tatverdächtigen ist also geringer als der Anteil der Heranwachsenden unter deutschen Tatverdächtigen. Das leuchtet ein, wenn man die Anteile an der Gesamtbevölkerung betrachtet:

Wies die ausländische Bevölkerung einst einen höheren Jugendanteil auf als die deutsche Bevölkerung, sind inzwischen rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung unter 21 Jahre alt, während der Anteil dieser Altersgruppe in der ausländischen Bevölkerung nur 18 Prozent beträgt.

Der Anteil der Heranwachsenden unter der nichtdeutschen Bevölkerung ist geringer, also ist auch der Anteil der Heranwachsenden unter nichtdeutschen Tatverdächtigen geringer. Was sagt das über die Kriminalität aus? Gar nichts. Dazu muss man den direkten Vergleich der Altersgruppen betrachten:

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Wenn der Anteil Heranwachsender an der nichtdeutschen Bevölkerung geringer ist als bei den Deutschen, dann belegen die hohen absoluten Zahlen bei Tatverdächtigen eine überproportionale Kriminalität Nichtdeutscher. Der „Jugend-Effekt“: Eine Nebelkerze von einer Behörde, deren Aufgabe es ist,

Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern, das demokratische Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zur politischen Mitarbeit zu stärken.
Die Bundeszentrale für politische Bildung weist dann noch auf den „Soziallagen-Effekt“ hin:
Statistische Unterschiede in der PKS sind somit auch auf die ungleiche Sozialstruktur zurückzuführen, die komplexe gesellschaftliche Ursachen hat. Geißler hat die Kriminalität von ausländischen Arbeitsmigranten isoliert betrachtet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es zwischen der Strafauffälligkeit dieser Kerngruppe und der deutschen Bevölkerung keine signifikanten Unterschiede gebe. Berücksichtigt man mittels statistischer Verfahren zudem die unterschiedliche soziale Struktur der beiden Vergleichsgruppen, kehrt sich das vermeintliche Ergebnis in das Gegenteil um: In den gleichen sozialen Lagen weisen ausländische Arbeitsmigranten eine größere Gesetzestreue auf als Deutsche.

Das ist nun allerdings keine statistische Frage – was nicht heißen soll, dass sich das behauptete Ergebnis tatsächlich belegen lässt, ich kann sie mangels Daten allerdings auch nicht widerlegen. Außerdem sind die mit der Flüchtlingswelle nach Deutschland Eingereisten keine Arbeitsmigranten wie die in der von Rainer Geißler 1995 (!) veröffentlichten Untersuchung betrachteten Ausländer. Davon abgesehen sind die „komplexen gesellschaftlichen Ursachen“, die für die „ungleiche Sozialstruktur“ verantwortlich sind, nachvollziehbar: Asylbewerber finden in Deutschland schwer Arbeit, beziehen Sozialleistungen und wohnen häufig in Gemeinschaftsunterkünften.

Bei Ausländern die länger in Deutschland leben spielen sicher andere „komplexe gesellschaftliche Ursachen“ eine Rolle. Die Frage bleibt: Wenn wir hunderttausende mehr oder weniger Schutzbedürftige ins Land lassen, die hier überproportional häufig als Tatverdächtige von Straftaten in Erscheinung treten, muss ich das akzeptieren, weil die Gründe dafür komplexer gesellschaftlicher Natur sind?
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5 Kommentare zu „Kriminalität von Flüchtlingen: Argumentecheck“

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