Sie haben aus Jean-Luc Picard einen alten weißen Föderations-Mann mit Schuldkomplex gemacht, der sich selbst hasst

Nun also Star Trek Picard.

Nachdem ich bei Star Trek Discovery bereits nach der Pilotfolge aufgegeben hatte, gebe ich Star Trek erneut eine Chance. Und ich muss sagen, zumindest wird die Story nicht komplett einem politischen Ziel geopfert.

Das war mein Problem mit Star Trek: Discovery. Widersprüchlichkeiten und lächerliche Übertreibungen wurden in Kauf genommen, um eine politische Botschaft zu verbreiten.

Zudem wurden rücksichtslos altbekannte Star-Trek-Ikonen (die Klingonen, Spock) geopfert, ohne dass es dafür schlüssige Gründe gab oder die Serie in irgendeiner Weise davon profitiert hätte.

Picard ist hingegen eine Serie, die sich hinsichtlich ihrer Konsistenz keine groben Schnitzer erlaubt. Ohne politische Erziehung kommt sie allerdings ebenfalls nicht aus. Lediglich der Fokus ist im Vergleich zu Discovery etwas verschoben.

Bei Star Trek: Picard sind es Flüchtlinge.

Der Planet Romulus musste vor vielen Jahren evakuiert werden und Picard war der maßgebliche Protagonist dieser Rettung. Er sorgte dafür, dass sich die Sternenflotte  bei der Evakuierung des Planeten engagierte.

Letztlich musste die Evakuierung abgebrochen werden, weil es zu einem Aufstand der Androiden kam. Picard warb für eine Fortsetzung der Evakuierung unter Aufbietung aller Reserven der Sternenflotte, konnte sich aber nicht durchsetzen.

Die Serie spielt viele Jahre nach diesen Ereignissen. Picard lebt zurückgezogen auf einem französischen Weingut.

Damit beginnt der pädagogisch wertvolle Teil des Plots. Picard hat selbst zwei romulanische Flüchtlinge in seinem Heim aufgenommen.

Auch wenn die Geschichte selbst wenige Inkonsistenzen enthält, die in Star Treck: Picard beschriebene Welt ist inkonsistent. Denn Picard hat in seinem geräumigen Chateau genügend Platz um zwei Flüchtlinge aufzunehmen.

Die Erde ist dicht besiedelt, und es gibt Transporter, so dass Entfernungen beim Arbeitsweg keine Rolle mehr spielen. Einerseits gibt es trotzdem Hochhäuser, andererseits gibt es für Menschen wie Picard genug Platz für ein riesiges Haus mit Weinbergen nur für ihn allein.

Es zeigt wie kurz linke Autoren zu denken in der Lage sind. Star Trek ist eine utopische Welt ohne Geld und mit nahezu unbeschränkten Ressourcen, trotzdem ist der eine privilegiert und lebt auf einem riesigen Grundstück, während andere weniger feudal in Hochhäusern leben (müssen).

Bei aller Utopie, Platz ist eine beschränkte Ressource, das ist nicht zu ändern. Und man muss dies ignorieren damit man die politische Botschaft platzieren kann.

Picard zieht sich zwar einerseits von anderen zurück, gibt aber andererseits seine Privatsphäre auf, um zwei Flüchtlinge aufzunehmen. Das ist so absurd, dass ich zunächst dachte, die beiden Romulaner wären seine Bediensteten.

Würde sich das aber auch noch in Picards enger Zweiraumwohnung abspielen, würde zu offensichtlich, dass es mehr gibt als nur den moralisierenden erhobenen Zeigefinger, nämlich Konsequenzen.

Reale Probleme wie Wohnraumverknappung in den Aufnahmegebieten wollten die Autoren wohl lieber nicht zeigen. Also haben sie die Welt inkonsistent darstellt – denn nicht jeder kann so leben wie Picard, obwohl die dargestellte Welt ohne Geld genau das ermöglichen würde.

Picard ein guter Mensch mit starken moralischen Überzeugungen? Die beschriebene utopische Welt bereits auf den ersten Blick nicht konsistent? Es handelt sich um Star Trek, damit kann ich also leben.

Auch die Story kann ich noch akzeptieren. Sie ähnelt eher einer Kriminalgeschichte und Star-Trek-untypisch werden die Ereignisse an verschiedenen Orten gezeigt. Auch die Sicht der „Gegner“ wird dem Zuschauer offenbart, so dass er mehr Informationen über die Verschwörung hat als die Protagonisten.

Die immer wieder neu eingeflochtenen Rückblicke in die Vergangenheit stören mich schon eher. Sie dienen dazu, auf einfache Weise neue Charaktere einzuführen oder beliebige Änderungen im Handlungsablauf zu begründen.

Im Laufe der Geschichte kommt Picard auf einen Planeten, auf dem romulanische Flüchtlinge leben. Personen, die er durch seinen persönlichen Einsatz für die Evakuierung gerettet hat.

Er konnte nicht alle Romulaner retten, aber diese hat er gerettet. Und er hat – inklusive der Aufgabe seiner Karriere – alles versucht, um alle Romulaner zu retten.

Picard wirbt einen Romulaner namens Elnor als Personenschützer an. Der verschreibt sich Picard rituell. Die anderen Romulaner auf dem Planeten sind Picard hingegen nicht wohlgesonnen.

Sie sitzen in einer Kneipe. Auf Schildern steht „Nur für Romulaner“. Picard will mit ihnen reden, die Situation eskaliert und schließlich wollen sie ihn – ihren Retter – in einem erzwungenen, unfairen Duell töten.

Elnor kommt gerade noch rechtzeitig hinzu und warnt die Angreifer, dass er sie töten wird, wenn sie nicht von ihm ablassen. Sie greifen trotzdem an und Elnor tötet einen der Angreifer.

Nun hält Picard auch noch eine Entschuldigungsrede vor den Romulanern, deren Höhepunkt die Worte „Die Föderation hat Sie alle enttäuscht“ sind. Danach versuchen die Romulaner Picard kurzerhand zu erschießen.

Picard und Elnor werden auf das Schiff gebeamt und Picard geht Elnor an: „Dieser Mann hatte den Tod nicht verdient!“. Wenn er für ihn arbeiten wolle, müsse er sich an seine Befehle halten.

An dieser Stelle konnte ich nicht weiterschauen. Zu sehr wurden die Werte verletzt, die Jean-Luc Picard ausmachen. Auch meine persönlichen Werte wurden in einer Weise verletzt, dass ich dem Charakter Picard nicht länger folgen kann.

Diese Romulaner sind nicht nur undankbar, sie sind rassistische Arschlöcher, aggressiv, brutal und skrupellos. Sie greifen einen Unschuldigen an. Feige gehen sie in Übermacht auf einen einzelnen alten und wehrlosen Mann los.

Es handelte sich völlig offensichtlich um eine Notwehrsituation. Das Leben des Opfers konnte nur durch Gewalt gerettet werden. Der Täter wurde gewarnt. Gegen die unberechenbare Menge von Angreifern musste entschlossen vorgegangen werden, damit die Situation nicht außer Kontrolle gerät.

Und Picard ist undankbar? Und greift seinen Retter verbal an? Seinen Retter, der sich für ihn ins Lebensgefahr gebracht hat?

Auch die Einschätzung der Situation: Die Romulaner konnten mit Worten nicht von ihrem Angriff abgebracht werden. Wie kann Picard das nicht sehen?

Wie kann ich einem Protagonisten folgen, der so dümmlich-naiv durchs Weltall stolziert als wäre er in einem Kindergarten? Ein Protagonist, der Täter zu Opfern macht und Retter zu Tätern?

Das ist nicht der Jean-Luc Picard der Vergangenheit, das ist generell kein Charakter, dessen Handlungen ich nachvollziehen kann und dem ich mich verbunden fühle.

Hinzu kommt das Gefühl, dass dies kein natürlicher Verlauf der Geschichte ist. Es fühlt sich vielmehr wie eine Belehrung an, dass ich diese Art von Verhalten bei bestimmten Gruppen von Tätern zu tolerieren, ja zu respektieren habe.

Romulaner und Föderation waren immer Todfeinde. Die Föderation schuldet den Romulanern gar nichts. Jede noch so kleine Form der Hilfe ist nichts anderes als Großmut der Föderation.

In dieser Situation auch noch der Föderation die Schuld an der Gewalteskalation zuzuschreiben ist hanebüchen. Es wirkt künstlich und aufgesetzt – und falsch.

Die gesamte Situation ist derart absurd, wie können die Drehbuchautoren glauben, dass Zuschauer dieses Verhalten Picards plausibel und nachvollziehbar finden? Picard wird angegriffen und gerettet, er hält eine kriecherische Rede, wird trotzdem noch einmal angegriffen und kann sich in letzter Sekunde durch beamen retten.

Picards Strategie der Beschwichtigung ist erwiesenermaßen gescheitert. Und trotzdem macht er seinem Retter Vorhaltungen?! 

Bullshit.

Die Autoren haben Picard mit einer Art Ur-Schuld versehen. Er ist der alte weiße Föderations-Mann und ist sich dieser Ur-Schuld bewusst.

Darum sein absurdes Verhalten, das aber eigentlich nur Rassismus der niedrigen Erwartungen ist: Die aggressiven, fiesen, blutrünstigen Romulaner, die Migranten des 24. Jahrhunderts, wissen es eben nicht besser.

Ihnen vergibt Picard alles, während er selbst, der schuldbeladene Föderations-Mann, seinen mutigen Verteidiger ebenso hasst wie sich selbst.

Später opfert sich der wohlgesonnene Retter Elnor bei erster Gelegenheit – und Picard lässt ihn tatsächlich zurück!

Picard. Verheizt. Einen. Edelmütigen. Verbündeten.

Ich weiß nicht, wie Elnors Geschichte endet, aber das ist unwürdig. Und das ist nicht Jean-Luc Picard.

Auch hier bleibt das Gefühl der Belehrung zurück. Der selbstlose Held stellt sich freiwillig der Übermacht und Picard lässt ihn zurück um einen Androiden zu retten, den er nicht einmal kennt.

Die Drehbuchautoren scheinen Menschen wirklich weismachen zu wollen, dass dies das wünschenswerte Schicksal großmütiger Helfer ist. Für das Leben eines Fremden kann man sich schon mal selbst opfern und gute Freunde lassen das geschehen.

Fazit

Star Trek: Picard ist bei weitem nicht so schlecht wie Star Trek Discovery. Ich kann die Serie trotzdem nicht weiter sehen. Zu wenig kann ich die Werte des Protagonisten nachvollziehen. Zu sehr fühle ich mich belehrt.

Die Störung meines inneren Kompasses kann ich nicht ignorieren.

Ciao, Jean-Luc. Ciao, Star Trek.

8 Kommentare zu „Sie haben aus Jean-Luc Picard einen alten weißen Föderations-Mann mit Schuldkomplex gemacht, der sich selbst hasst“

  1. Der Faulheit halber:

    Ich habe mich sehr auf dieses STP gefreut und wurde absolut enttäuscht.

    Statt Synthehol ballern sich alle die Rübe mit Rotwein Chateau Picard voll, der Schöngeist Jean Luc hält sich zwei Sklaven und ein verworrener Strang nicht mal die Konsistenz der erzählten Geschichte zusammen. Mal ganz abgesehen von operativen Eingriffen ohne Betäubung am lebenden Auge …

    Nicht mal die Main-Theme zur Serie taugt was und da hilft es auch nicht, ab und an irgendwelche Star Trek Fanfaren einzuwerfen. Immerhin gab es diesbezüglich ja ein Highlight, als JLP mal „Energie“ sagen durfte und die Tröte posaunte.

    Nein Leute, ich habe keinen Arnie bei einem fast 80jährigen erwartet. Aber wenn man die alte Crew z.B. schon zeigt, dann ist es eine Frechheit, No. 1, Councelor Troy zu präsentieren, ohne das die einmal außerhalb des Trailers zu sehen sind.

    Aber immerhin lagen ja noch Data-Fragmente in der Ikea-Schublade …

    Auch eine Seven-of-Nine mit ihrem Gastauftritt reißt es denn auch nicht mehr aus der Bredouille, da sie wohl nur ein ballerndes One-Hit-Wonder in der Serie repräsentiert.

    Überhaupt, wo ist denn eigentlich der augenzwinkernde Charme der alten und sympathischen Charaktere des früheren „Enterprise – Das nächste Jahrhundert“, wo sind all die einnehmenden Persönlichkeiten wie Worf, Geordie etc. anstelle dieser eiskalten emotionsarmen Menschen in einer Dystopie, mit denen man sich wohl kaum bis gar nicht identifizieren kann?

    Und Last, but not Least: Gender und Frauen in Führungspositionen ohne Ende. Jean Luc Picard lässt sich von einer „Admirälin“ befehligen, einer versoffenen Wohnwagenbewohnerin mit Migrationshintergrund beschimpfen und von einer unsympathisch engäugigen Wissenschaftlerin dirigieren. Tolle Sache das und vor 25 Jahren undenkbar.

    Ich wiederhole mich: Star Trek Picard ist eine verfilmte Pleite
    Leider; denn Jean Luc und Co. hätten ein besseres Ende verdient!“

    Hernach wollten mir Gutmenschen erklären, dass es im Zeitalter von Startrek keine Migranten mehr gibt und eine Feministin war hocherfreut bei dem Gedanken, mir Freud für sein Amusement nahezulegen …

    Gefällt 2 Personen

  2. In Star Trek Next Generation habe ich Picard geliebt. Quasi ein Vaterersatz. Mit der neuen Serie kann ich gut nachvollziehen, dass die Romulaner Picard töten wollen. Es wäre für alle ein würdiges Ende gewesen.

    Gefällt 2 Personen

  3. Nachtrag zum Thema Star-Trek. Ein gelungenes Aufgreifen der älteren Serien und Attituden findet man in der Serie „The Orville“ – die gibt’s als erste Staffel bei Amazon umsonst und war ursprünglich als Enterprise-Parodie gedacht.

    Aber ob der Sympathie, des Plots und der Annahme durch das Publikum gab es hinterher Fortsetzungen (aktuell: Staffel III). Im Laufe der Zeit wurde nämlich aus der ursprünglich angedachten Überzeichung der ST-Serien nämlich ein klares, liebenswertes Konzept, welches den Geist der alten „Energie“-Folgen erfolgreich transponierte:

    Liebenswerte Charaktere die einem langsam ans Herz wachsen, ein feiner Humor, welcher die Spocks und Pilles in anderer Form überzeichnet und fast alle Figuren der Vergangenheit erfolgreich transponiert – und in sich geschlossene Folgen innerhalb eines Gesamtkonzepts.

    So geht Enterprise und sein „Spirit“!

    Klare Empfehlung von mir, diese Serie (mit Ausnahme dieser bescheuerten Ärztin, natürlich dunkelhäutig pigmentiert und selbstverständlich alleinerziehend: „Ich wollte Kinder, aber nicht deren Väter“brabbelte und damit unten durch war und ist)

    Staffel II gibt es aktuell auf Pro7Maxx, der Unterföhringer-Recycling-Rampe zu sehen und wird deutlich dramatischer und dennoch nicht weniger überzeugend.

    Somit meine Empfehlung: „The Orville“ – Staffel I auf Amazon (kostenlos via Prime)!

    Gefällt 1 Person

    1. Als Orville rauskam, war ich als Alt-Trekker einer der letzten, die Seth MacFarlane zugetraut hätten, einen würdigen Star Trek-Nachfolger zu bauen, aber dieser Kerl hat das unmögliche geschafft – und ich hätte Orville sogar fast nach der zweiten Folge aufgegeben, weil mir der Pennäler-Humor ziemlich auf den Senkel ging (das ist glücklicherweise stark zurückgefahren worden).

      Höchst erleuchtend fand ich dazu die Doku „Trek Nation“ aus 2011, die sich um Rod Roddenberry dreht, Sohn des Star Trek-Schöpfers Gene Roddenberry, und seinem Versuch, sich dem entfremdeten Vater durch das Verständnis des Phänomens „Star Trek“ zu nähern, das mit Gene untrennbar verwoben ist. Nach dem Film sind jedenfalls zwei Dinge klar:
      – Rod Roddenberry, zwischenzeitlich ausführender Produzent sowohl bei STD, als auch Picard, hat von Star Trek offensichtlich ganz genau gar nichts verstanden,
      – Seth MacFarlane, einer der Promis, die in Trek Nation über ST gesprochen haben, hat schon 2011 sehr viel mehr von dem Trek-Geist gezeigt, und danach ist auch deutlich, dass The Orville nicht entstanden ist, weil MacFarlane den Fame abgreifen wollte oder zum Geldverdienen, sondern das ist wirklich ein Herzensprojekt von ihm. Man sollte Fox – diesem fiesen Alt-Right-Shitlord-Schmuddel-Sender von Onkel Rupert – dafür unendlich dankbar sein, davon gleich drei Staffeln zu produzieren (wir werden sehen, ob Disney als neue, politische korrekte Eigentümer von Fox, weitere Staffeln beauftragen, aber ich bin da nur begrenzt optimistisch).

      Gefällt 1 Person

      1. Danke für diese zusätzlichen, mir noch unbekannt gewesenen Infos, die letztendlich aufzeigen, warum ST Discovery und ST Picard solch ein unsäglicher Weltraumschrott sind, als den man diese Serien dem Zuschauer schlussendlich vor den Latz knallt!

        Zwischenzeitlich habe ich noch gehört, dass „The Orville“ nicht nur als humoristische Überzeichnung der alten Serien des letzten Jahrhundert gedacht war, sondern vor allem auch als Remineszenz an den alten Geist dahinter und Gene Roddenberry.

        Chapeau, diese Intention ist mehr als gelungen.

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