Am Mittagstisch wird klar, dass der Ostdeutsche der einzige Demokrat ist – und Ursula von der Leyen spuckt auf jeden Schwulen

Neulich wurde hier im Büro am Mittagstisch über die Situation in Thüringen gesprochen. Es war unmittelbar nach der Wahl des FDP-Mannes Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten des Landes.

An solchen Diskussionen beteilige ich mich meist nur, indem ich zu bestimmten Dingen meinen – meist als provokativ empfundenen – Senf dazugebe. Es macht mir keinen Spaß das zu sagen, was alle sagen.

Es freut mich dagegen sehr, wenn ich am Ende einer Diskussion eine These, der alle zustimmen, mit einer ganz anderen Perspektive komplett in Frage stelle.

Am meisten freut es mich, in die Gesichter des Teils der Kollegen zu schauen, die sich freuen, eine andere Perspektive zu sehen. Das sind Menschen, die wirklich an gegensätzlichen Meinungen interessiert sind.

Andere ziehen sich auf Plattitüden zurück oder schweigen.

Auch die Diskussion um Thomas Kemmerich folgte den üblichen Bahnen.

Es wurden emotionale und moralische Wertungen zu diesem Thema ventiliert, wie sie in den Mainstream-Medien vorgenommen werden. Die politischen Ränkespielchen waren ebenfalls auf Wertungen reduziert: Die FDP sei unmöglich, die CDU blamiert.

Das ist ein Fakt, den ich öfter in den Diskussionen beobachte: Es geht häufig um Wertungen nach subjektiven Kriterien und selten um Inhalte. Die Wertungen sind dabei nicht das Ergebnis der Diskussion der Inhalte – sie sind der Einstiegspunkt in die Debatte.

Das geht so weit, dass manche Kollegen ihre Wertungen nicht einmal gegen einfachste und offensichtliche Argumente verteidigen können.

Ein Beispiel, das mir sehr deutlich in Erinnerung geblieben ist, war der inflationäre Gebrauch der Zuschreibung „Nazi“ an aktuelle politische Akteure. Irgendwann habe ich daran erinnert, dass Nazis Menschen millionenfach willkürlich selektiert, in Viehwaggons verladen, in Lager gebracht und industriell vernichtet haben. Und ich habe daran erinnert, dass dies nur eines von mehreren mörderischen Alleinstellungsmerkmalen von realen Nazis ist.

Die Reaktionen reichten von Stille bis Widerspruch. Aber niemand hat inhaltlich widersprochen. Der Widerspruch beschränkte sich darauf, einfach weiter zu behaupten, dass bestimmte Personen Nazis sind – ohne inhaltliche Argumente, die auf meine Kritik eingingen.

Auch die Diskussion des „Falls“ Kemmerich bestand nur aus dem Wiederkäuen der meinungsstarken aber inhaltsarmen Wertungen der Mainstream-Medien. Einhellig und langweilig war es. Niemand lernte neue Aspekte kennen oder unbekannte Informationen.

Alle vertraten die gleiche Meinung. Bis auf einen Ostdeutschen. Dem ist irgendwann in der Diskussion der Kragen geplatzt und er hat uns mit seiner Meinung konfrontiert.

Das sei nun einmal Demokratie, meinte er. So seien die Regeln. Das stehe im Gesetz, das Volk wählt den Landag und der Landtag wählt den Ministerpräsidenten. Was gäbe es denn daran herumzumäkeln, wolle man etwa keine Demokratie?

Diese Meinungsäußerung war so wohltuend disruptiv. Kurz herrschte Stille. Die danach einsetzenden Reaktionen zeigten aber deutlich: „Demokratisch“ war keine Dimension, die für die Kollegen irgendeine Relevanz hatte.

Bei all diesen Wertungen anderer Personen, bei all diesen Vorwürfen und Nazivergleichen – die Frage, ob das eigene Lager einen demokratischen Entscheidungsprozess akzeptiert oder nicht, spielte überhaupt keine Rolle.

Es geht mir nicht darum, ob man dem Argument folgt oder ob man diesen Ministerpräsidenten gut findet oder nicht. Es geht mir darum, dass man nicht einmal bereit war, den Fakt, dass dies ein demokratischer Prozess war überhaupt nur als Argument zulässt. Oder bereit ist, das Ergebnis des demokratischen Prozesses wenigstens zu akzeptieren.

Diskutiert wurde, als hätte Kemmerich den Posten in einem Putsch an sich gerissen.

Bei all diesen Werturteilen, die über bestimmte Personen und Gruppierungen gefällt werden, die Werte der freiheitlich demokratischen Grundordnung, spielten keine Rolle. Auf die Idee, diese Werte auf sich selbst oder auf ihnen nahestehende Gruppen anzuwenden, kam niemand.

Der einzige Demokrat am Tisch war der ostdeutsche Kollege.

Werte

Nach meiner Beobachtung sind die Standards nicht nur bei diesem Thema verschoben. Ich nehme das an vielen Stellen wahr. Werte wie Freiheit oder Demokratie werden nur sehr selektiv angewandt. Sie müssen als Standards herhalten, um erwünschte Personen, Gruppen oder Länder in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen.

In anderen Situationen, auf andere Länder oder Personen, werden die gleichen Werte nicht angewendet.

Extrem fand ich eine Diskussion um China. Meinem Hinweis, dass sich China heutzutage aggressiv verhält indem es unbewohnte Atolle zu Militärstützpunkten ausbaut und riesige Meeresgebiete für sich reklamiert und mit seiner Ein-China-Politik seine Nachbarn aggressiv bedroht, setzte man allen Ernstes den von Donald Trump vorgeschlagenen Kauf Grönlands entgegen.

Meinem Einwand, dass dies ja offensichtlich zwei völlig unterschiedliche Dinge seien, dass ein Kaufangebot ja nicht das Gleiche wie eine Besetzung sei, wurde tatsächlich widersprochen.

Aber ohne Inhalt, ohne Argumente. Es sei eben einfach so und Trump sowieso gefährlich und eine Witzfigur.

Es gäbe ja durchaus diskussionswürdige Argumente, wie das, dass China ja nur nachhole, was der Westen schon seit Jahrhunderten mache, oder dass diese Gebiete tatsächlich China gehörten. Oder wenigstens der Vergleich mit dem amerikanischen Engagement im Nahen Osten.

Aber nichts. Einfach nichts.

An die USA und ihren Präsidenten werden die höchsten Standards angelegt. Für andere Akteure gelten diese Werte nicht.

Ich sehe das anders.

Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Demokratie, Frieden, Trennung von Staat und Religion, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und nicht zuletzt das Recht auf Eigentum sind Werte für die wir in jeder Situation stehen sollten und sie gerade nicht relativ je nach Akteur auslegen sollten.

Leider sind manche meiner Kollegen nicht allein mit ihrem Werterelativismus:

Der Kommissionsvorsitzende der Afrikanischen Union (AU), Moussa Faki Mahamat, hat von der EU Toleranz für die ablehnende Haltung der afrikanischen Staaten gegenüber sexuellen Minderheiten gefordert. „Sicherlich haben wir unterschiedliche Standpunkte, etwa bei der internationalen Strafgerichtsbarkeit, Todesstrafe, sexueller Orientierung und Identität“ […]

In 34 von 54 afrikanischen Ländern steht Homosexualität unter Strafe. […] Mit der Todesstrafe muß in Ländern wie Mauretanien, dem Sudan und Teilen Nigerias und Somalias gerechnet werden.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) erklärte, die EU werde die unterschiedlichen Ansichten der AU akzeptieren. „Wir versuchen zu überzeugen, aber wir erkennen an, daß es unterschiedliche Positionen gibt.“ Zugleich betonte sie, die EU dürfe „nicht von der AU erwarten, daß sie sich anpaßt“.

Ursula von der Leyen widerspricht nicht. Sie hält auch nicht einfach den Mund. Nein, diese Person schweigt nicht, sie betont lieber, dass wir dieses Verhalten akzeptieren werden, dass wir keine Änderung erwarten.

Für Afrikaner wendet sie andere Standards, andere Werte als für uns an. Das ist nicht nur Rassismus der niedrigen Erwartungen. Nein, Ursula von der Leyen relativiert unsere Werte.

Es ist falsch Homosexuelle zu töten, weil sie homosexuell sind. Das gilt unabhängig davon, wo das passiert und welche Hautfarbe Opfer und Täter haben. Es gilt universell.

Ursula von der Leyen stellt das nicht einfach nur in Frage, viel schlimmer, sie sagt, dass dies nicht universell falsch ist, sondern relativ, je nach Täter.

Ursula von der Leyen verrät unsere westlichen Werte. Sie spuckt auf jeden Schwulen. Sie spuckt auf uns.

5 Kommentare zu „Am Mittagstisch wird klar, dass der Ostdeutsche der einzige Demokrat ist – und Ursula von der Leyen spuckt auf jeden Schwulen“

    1. Man muss seine Werte aber auch nicht derart billig verschenken. Man könnte einfach schweigen.
      Es sind die Doppelstandards, die mich stören. Während wir Gendertoiletten einrichten müssen und uns bei jeder Gelegenheit als homophob beschimpfen lassen müssen, drücken wir bei denen, die Homosexuelle ermorden, schnell mal ein Auge zu. Das passt nicht.

      Gefällt 3 Personen

      1. Homosexuelle heißt im Übrigen fast immer nur Männer. Wikipedia ist zwar bemüht, die Grenzen zu verwischen, spricht von Homosexuellen (beide Geschlechter), in Tathergangsschilderungen oder weiterführenden Links ist aber meist, wenn nicht sogar ausschließlich, Schwule, also Jungen bzw. Männer.
        So ist dann bspw. von einem schwulenhassenden Präsidenten die Rede, einige Länder verbieten, ähnlich wie früher hiezulande, nur die männliche Homosexualität, während Fraueen ihre sexuelle Präferenz ausleben dürfen.
        Aber man kennt das ja, Frauen sind das benachteiligte Geschlecht, deshalb werden (fast immer) nur Männer diskriminiert.

        Gefällt 1 Person

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