Die Entmenschlichung des politischen Gegners ist wieder salonfähig

Der Artikel „Sind wir erfolgreich geimpft?“ bei taz.de macht mir Angst. Ohne Übertreibung. Autor Micha Brumlik droht nicht, aber er nutzt „journalistische“ Mittel, bei denen ich mir Sorgen mache, was sie bei seinen Lesern auslösen.

Micha Brumlik benutzt unveränderliche körperliche Merkmale, um den politischen Gegner zu beschreiben. Er vergleicht politische Gegner mit Krankheiten. Er teilt Menschen nach willkürlichen Kriterien in Gut und Böse ein. Er bezeichnet sie als das sprichwörtlich (oder buchstäblich?) reine Böse.

Kurz: Er nutzt Mittel, die, wenn die andere politische Seite sie nutzen würde, zu einem Aufschrei führen würden.

Es beginnt mit einem Foto. Es zeigt Björn Höckes blaue Augen. Jedem ist klar, was der Gesichtsausschnitt mit seinen blauen Augen assoziieren soll. Micha Brumlik ist egal, dass Höcke seine Augenfarbe nicht ändern kann.

Man könnte auch sagen, dass Höcke für seine Augenfarbe „nichts kann“. Trotzdem verwendet Micha Brumlik sie gegen ihn, um ganz bestimmte Assoziationen zu wecken. Blaue Augen sind schlecht, Menschen mit blauen Augen sind böse. Diese Zuschreibung von Eigenschaften aufgrund unveränderlicher körperlicher Merkmale weckt bei mir wiederum unangenehme Assoziationen.

Micha Brumlik beginnt seinen Kommentar gleich mit einem Vergleich des politischen Gegners mit Krankheiten. Er ahnt, dass er sich damit auf dünnes Eis begibt:

Nicht zu Unrecht stehen medizinische Metaphern im Bereich der Politik im Verdacht, einer simplifizierenden, reaktionären Sicht Vorschub zu leisten.

Es ist nicht etwa die Entmenschlichung des politischen Gegners (durch die Gleichsetzung von Menschen und Krankheiten) in der Micha Brumlik ein Problem sieht! Weit gefehlt. Er hat nur Sorge, dass diese Art Vereinfachungen dem politischen Gegner nutzen.

So sei es gewagt, die Gesellschaft des wiedervereinigten Deutschland, zumal – keineswegs nur – der östlichen Bundesländer, mit einem von Krankheit, dem Erreger AfD, befallenen Organismus gleichzusetzen.

Ja, Michael Brumlik, so sei es gewagt. Der politische Gegner als Virus: Menschliche moralische Grundsätze gelten für ein Virus nicht. Ein Virus wird bekämpft und ausgemerzt. Mit allen Mitteln. Ohne Mitleid. Warum auch?

Ein Virus ist kein Mensch, er hat keine Emotionen und keine Kultur.

Solche Formulierungen finden sich im Wikipedia-Artikel über Entmenschlichung.

Zudem sei an eine andere Einsicht von Marx erinnert: an die grundlegende Zweideutigkeit dessen, was als „bürgerlich“ gilt: „Bürger“, das können sowohl politisch motivierte, an gerechter und demokratischer Gestaltung ihres Gemeinwesens interessierte Personen sein – „Citoyens“ – oder vor allem an der Wahrung ihres Besitzes interessierte Eigentümer: „Bourgeois“.

Beim Lesen dieses Absatzes lief es mir kalt den Rücken herunter, mir wurde richtig schlecht.

Dieser konstruierte Gegensatz, diese Einteilung in Gut und Böse. Die Guten sind „politisch motivierte, an gerechter und demokratischer Gestaltung ihres Gemeinwesens interessiert“. Legt Micha Brumlik fest auf wen das zutrifft?

Lese ich diesen Absatz schwammiger und subjektiver Kriterien, sehe ich Willkür und ich denke an Feindeslisten, Gulag und Umerziehung.

Womöglich tut man dem faschistischen Politiker Höcke zu viel Ehre an, wenn man ihn mit Goethes „Mephistopheles“ vergleicht, jener teuflischen Gestalt aus dem „Faust“, die von sich sagt, sie sei „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“: Indes: Die Thüringer AfD hat mit geradezu diabolischer Schläue die Neigungen und Schwächen der „bürgerlichen“ CDU und FDP erkannt, sie bewusst ins offene Messer rennen lassen und sich dessen vor laufenden Kameras mit offener Schadenfreude gerühmt.

Diabolische Schläue. Michael Brumlik lässt die Hosen herunter: Wie dumm ist jemand, der diese simple Taktik für besondere Schläue hält? Wer käme nicht auf die Idee mit seiner eigenen Ausgrenzung zu kokettieren?

Und auch hier: Höcke als das sprichwörtlich Böse. Mephistoteles. Die teuflische Gestalt.

Aber es endet ja nicht bei der AfD, Brumlik kann es nicht verstecken: „Bürgerlich“ schreibt er schon in Anführungszeichen. Der Union und der FDP werden „Neigungen und Schwächen“ zugeschrieben, sie werden in die Nähe von Konterrevolutionären im marxistischen Sinne gerückt. Union und FDP sieht Brumlik im gleichen Lager wie die AfD.

Dem aufmerksamen Beobachter war das natürlich schon vorher klar. Egal wie sich CDU/CSU und FDP von der AfD absetzen: Es ist niemals genug. Denn wer nicht für Menschen wie Michael Brumlik ist, der ist gegen sie. Und er wird zum Virus erklärt, das bekämpft werden muss.

Fazit

Marx wird zitiert als Instanz. Der große Denker. Der Philosoph. Betrachtet man, wo linke Journalisten heute stehen, wird mir schwindelig.

Ich hielt diese Denkweise für ausgestorben. Ich habe mich getäuscht.

Ich weiß nicht was kommt. Aber wie soll der Vergleich des politischen Gegners mit einer Krankheit zu etwas Gutem führen? Was soll positiv aus dieser Denkweise erwachsen?

Die Messlatte ist gelegt. Die andere Seite wird nachziehen, die Situation eskalieren. Das ist absehbar.

3 Kommentare zu „Die Entmenschlichung des politischen Gegners ist wieder salonfähig“

  1. Mephistoteles ist „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“
    Der Anti-Mephistoteles ist dann „ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.“
    Passt irgendwie auf die Links-Gruenen…

    Gefällt 1 Person

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