Jammerfrau: Ich will mit den Großen spielen, halte aber die Reaktion nicht aus

Es ist mal wieder Jammerfrauenzeit. Endlich ergibt der Zeitungsname „Zeit“ für mich einen Sinn.

Zu Ostern postete der Unterwäschehersteller Palmers ein Foto auf Facebook. Sechs Frauen liegen auf einem Teppich, dazu der Spruch: „Unsere Osterhöschen“. Vielen gefiel diese Art der Werbung nicht. Die österreichische Fernsehmoderatorin Corinna Milborn fühlte sich gar an Szenen aus dem Menschenhändler-Milieu erinnert und kritisierte das. Die Folge: Sie wurde daraufhin öffentlich sexistisch beleidigt von Felix Baumgartner, der einst für Red Bull aus dem All auf die Erde sprang. Als Reaktionen auf diesen Angriff postete Corinna Milborn ein Video und lud ihn in ihre Talk-Sendung ein. Ihre Botschaft wurde hunderttausendfach angesehen.

Wie in den meisten Jammerfrauenartikeln wird zunächst der Rahmen so abgesteckt, dass andere Schuld auf sich geladen haben. Opfer ist diesmal die österreichische Fernsehmoderatorin Namens Corinna Milborn.

Der Unterwäschehersteller Palmers postet ein Bild mit Frauen in Unterwäsche. Das ist für einen Unterwäschehersteller keine ungewöhnliche Sache und nicht einmal zeit.de kann es so hinstellen, als wäre Palmers in irgendeiner Form verantwortlich für die Geschichte im Artikel.

Der Autor Bastian Brauns springt der Moderatorin bei, indem er anonyme „viele“ in die Geschichte einführt, denen das nicht gefallen hätte. Corinna Milborn hätte sich durch den Post von Palmers an „an Szenen aus dem Menschenhändler-Milieu erinnert“ gefühlt und das kritisiert.

Auf ihren Original-Post verlinkt Zeit.de aus irgendeinem Grund nicht, obwohl auf alle anderen Posts in diesem Abschnitt verlinkt wird.

Eine eigene Meinung über den Post von Felix Baumgärtner soll sich der Leser nicht bilden, ohne dass vorweg genommen wird, dass er Milborn „sexistisch beleidigt“ hätte.

Dann wird Corinna Milborn als die überlegene Siegerin hingestellt.

Schauen wir uns an, was Corinna Milborn in ihrem Posting geschrieben hat:

da ist man mal ein paar Tage offline und kehrt in eine Welt zurück, in der ein Unterwäschehersteller mit der Ästhetik eines Mädchenhändler-Tatorts wirbt. Na servas.

Das beschreibt Zeit.de als „fühlte sich gar an Szenen aus dem Menschenhändler-Milieu erinnert und kritisierte das“. Solch gewählte Ausdrucksweise erkenne ich in dem Post nicht. Für mich liest sich das eher, als würde Corinna Milborn einen Bekleidungshersteller in die Nähe der organisierten Kriminalität rücken. Wegen eines Bildes, das ihr nicht passt.

Halten wir also fest: Corinna Milborn entdeckt ein Foto, welches ihr nicht gefällt und schlägt unter der Gürtellinie zu. Sie exponiert sich selbst in der Öffentlichkeit und greift einen Unterwäsche-Hersteller wegen eines Unterwäsche-Bildes an. Sie wählt dabei eine unanständige Beschuldigung. Corinna Milborn greift öffentlich an und wundert sich dann, dass es negative Reaktionen gibt.

Ich kann ihre „Kritik“ dabei schon inhaltlich nicht nachvollziehen. Die Assoziation mit dem „Menschenhändler-Milieu“ findet ausschließlich in ihrem Kopf statt. Ich kann sie nicht erkennen.

Nachdem Corinna Milborn angegriffen hat, reagiert Felix Baumgärtner. Schauen wir uns an, was Zeit.de als „öffentlich sexistisch beleidigt“ interpretiert:

Schön wenn sich Zuhause wieder einige sogar zu Ostern aufregen!
Allen voran Puls-4-Infochefin und -Moderatorin Corinna Milborn, bei der Figur auch kein Wunder! Ich finde die Mädls weltklasse und springe da gerne mal dazwischen rein, auch ohne Fallschirm!
Danke Palmers und liebe Grüsse aus LA.

Der sexistische Angriff besteht darin, dass er Corinna Milborn unterstellt, dass sie die abgebildeten Frauen nicht mag, weil ihre eigene Figur da nicht mithalten kann. Er unterstellt also Neid.

Das Interview selbst besteht nur als dem üblichen kritiklosen Bla-Bla, was man von zeit.de gewohnt ist. Wenige Passagen sind interessant:

Ich habe dann aber noch mal nachgedacht und für mich festgestellt, dass seine Äußerung eine Art der Herabwürdigung ist, die Frauen dauernd passiert.

Sie hätte ja auch mal darüber nachdenken können, ob ihre „Äußerung eine Art der Herabwürdigung ist, die Frauen dauernd passiert“. Schließlich rückt sie Palmers, den Fotografen und natürlich auch die Models in die Nähe der organisierten Kriminalität und lässt keinen Zweifel daran, dass sie lieber in eine „in eine Welt zurück“ möchte, in der es sie nicht gibt.

Das ist diese Art, nicht auf den Inhalt einzugehen, den eine Frau sagt.

Willkommen in der Welt der Jammerfrauen. Es kann natürlich nicht sein, dass Felix Baumgärtner ihren Inhalt ignoriert und ihr Neid unterstellt, weil ihr Inhalt so niveauloser Schrott ist. Nein. Es kann nur Sexismus sein. Dabei ist es genau anders herum: Corinna Milborn assoziiert das Bild in so kruder, nicht nachvollziehbarer Weise mit „Menschenhändler-Milieu“, dass Felix Baumgärtner ihr nachvollziehbar Neid unterstellt.

Ein Mechanismus, um Frauen den Platz zuzuweisen, den sie im Kopf von Leuten wie Felix Baumgartner haben.

Es ist genau anders herum. Die Models sind mündig und haben sich für ein Unterwäsche-Fotoshooting anheuern lassen. Das sind für mich eigenverantwortliche, erwachsene Frauen. Corinna Milborn ist für mich diejenige, die sie deswegen demütigt.

Am Ende läuft es auf das Aufregen über nackte Haut hinaus, auch wenn Corinna Milborn das bestreitet. Um Prüderievorwürfe zu vermeiden wird es ersetzt durch ein diffuses Unbehagen, das durch den „Kamerablick“ ausgelöst wird.

Ja klar, das Bild kann man sicher auf viele Arten lesen. Mein Blick ist tatsächlich davon geprägt, dass ich lange zum Thema Menschenhandel recherchiert und ein Buch darüber geschrieben habe. Ich war sehr oft mit solchen echten Bildern konfrontiert. Es ist aber nicht so, dass das jetzt nur mein Blick ist. Man kennt solche Bilder aus Filmen und Dokumentationen über Menschenhandel. Auch wenn man sich mit Kinderpornografie auseinandergesetzt hat, erkennt man diese Optik, die durch den Kamerablick eingenommen wird. Aber auch Leute, die sich gar nicht mit diesen Themen auseinandergesetzt haben, verspüren bei dem Bild ein gewisses Unbehagen, können es aber nicht in Worte fassen.

Corinna Milborn fühlt ein „gewisses Unbehagen“, weil sie mal zu Menschenhandel recherchiert hat und man die „Optik“ des „Kamerablicks“ erkennt, „wenn man sich mit Kinderpornographie auseinandergesetzt hat“. Jemand verspürt Unbehagen, das er nicht mal „in Worte fassen“ kann – und schon haben wir ein moralisch verwerfliches Menschenhändler-Kinderpornografie-Bild. Alles ist nur noch Gefühl – die Absicht des Erstellers spielt keine Rolle mehr. Wie bei der neuen Definition von Rassismus.

Dass Frauen sich angesichts solcher Angriffe überlegen, überhaupt noch ihre Meinung zu sagen. Frauen und ihre Meinung werden so aus dem öffentlichen Raum verdrängt, weil sie sich vielleicht nicht mit dieser Ebene der Angriffe auseinandersetzen wollen.

Ich habe solche Jammerfrauenartikel so satt. Keinerlei kritische Nachfrage. Dabei liegt doch auf der Hand: Was ist denn mit den Models? Überlegen die sich vielleicht auch „angesichts solcher Angriffe […], überhaupt noch ihre Meinung zu sagen“? Nachdem eine in Österreich einflussreiche und bekannte Moderatorin sie öffentlich in die Nähe von Menschenhandel gerückt hat? In diesem Interview kommt dann noch die Assoziation mit Kinderpornografie dazu. Und die Models werden zu „sehr objektivierte Frauen“ erklärt.

Schüchtert das niemanden ein?

Bei der Schwesterwebseite ze.tt geht man noch weiter. Hier hält man Corinna Milborn für lässig, genial und professionell. In der Welt von ze.tt lässt sie Felix Baumgärtner wie einen Schuljungen aussehen:

„Das erinnert mich an meine Recherchen zu Menschenhandel – nämlich an die Fotos, die Frauenhändler von ihren Opfern machen, um dem nächsten Abnehmer die ‚Ware‘ zu zeigen.“

Was für ein unglaublich starkes Argument. Natürlich nur in der Welt des feministischen Sonderschulprojektes ze.tt. In der realen Welt zählen irrsinnige Assoziationen einer Person natürlich nichts – auch wenn sie es immer wieder wiederholt.

Er habe sich nicht einen der Männer herausgegriffen, die auch die Werbung kritisiert hatten. Sondern eine Frau.

So wie ich das verstehe, war sie diejenige mit dem Post der „Kritik“. Sie hat sich selbst zur Galionsfigur gemacht. Und Baumgärtner hat sich eben nicht irgendeinen opportunistisch applaudierenden Mann oder ein anderes kleines Licht herausgegriffen, sondern eine Info-Chefin eines Fernsehsenders mit einer eigenen Sendung. Er hat sie als Mensch ernst genommen.

Das war keineswegs sexistisch von Felix Baumgärtner. Vielmehr hat Corinna Milborn die Situation sexistisch interpretiert.

Anstatt auf den Inhalt ihrer Kritik einzugehen, habe er zusammenhangslos ihren Körper zum Thema gemacht.

Haltet mal die Bälle flach. Die „Kritik“ besteht aus einem einzigen inhaltlichen Satz. Und der ist nicht nachvollziehbar. Sie tut so (und ze.tt mit ihr), als hätte sie ein wissenschaftliches Paper verfasst.

„Was Sie da getan haben, ist nämlich sehr typisch“, schreibt Milborn. „Ich will nicht, dass Ihr Facebook-Posting dazu führt, dass irgendeine Frau da draußen das Gefühl hat, sie müsse sich erst irgendwelchen Schönheitsvorstellungen von Leuten wie Ihnen beugen, bevor sie in der Öffentlichkeit den Mund aufmacht.“

Oh, mein Gott. Kommt Corinna Milborn jetzt etwa mit sexistischen Stereotypen? Hat sie gerade Jehova gesagt?

Ist es nicht eher so, dass sich feministische Kritik häufig an gut aussehenden Frauen entlädt? Kann man nicht das Gefühl bekommen, dass eine schöne Frau „sich erst irgendwelchen“ Vorstellungen von Feministinnen beugen müssen, „bevor sie in der Öffentlichkeit den Mund aufmacht“:

Allen voran empörte sich die Londoner Radiomoderatorin Julia Hartley-Brewer über das vermeintlich unpassende Verhalten der 26-Jährigen. Watson beklage, Frauen würden nicht ernst genommen und stattdessen sexualisiert. Gleichzeitig würde sie aber mit ihren Fotos zur Sexualisierung beitragen. Das Bild sei nicht mit Watsons Selbstbild als Feministin vereinbar.

Aber solche Gedanken gibt es beim Sonderschulprojekt ze.tt natürlich nicht. Hier feiert man Corinna Milborn weiter:

Besonders gelungen an ihrem Konter ist Schritt 3 – und der dürfte Baumgartner noch in Verlegenheit bringen: Milborn hat ihn in ihre Sendung eingeladen. Dort möchte sie mit ihm über sein Frauenbild und dessen Auswirkungen sprechen.

Wie unfassbar genial von ihr. Sie hat eine Sendung, wie unglaublich kreativ von ihr, ihn dorthin einzuladen. Man könnte natürlich auch sagen: Es ist eine Falle. Es ist ihre Sendung, ihr eigener Rechercheapparat, sie bestimmt die Gäste und das Thema und sie ist eine professionelle Moderatorin. So kreativ, so mutig…

Milborn hat ihn geschickt unter Druck gesetzt, sie appellierte an seinen Mut. Eine Absage würde ihn extrem schwach aussehen lassen: „Sie sind ja schon aus dem All gesprungen, Sie sind also sicher nicht zu feig dafür – oder, um es in Ihrer Sprache zu sagen: Sie haben doch sicher die Eier, sich der Diskussion zu stellen. Ich freue mich darauf.“

Wenn sie ihn schon auf unterstem Niveau mit sexistischen männlichen Rollenerwartungen unter Druck setzt, wie wäre es mit gleichen Bedingungen? Was ist mit einem Rollentausch? Er kommt in die Sendung und sie springt mit ihm aus dem All.

Ob sie dafür die Eier hat?

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5 Kommentare zu „Jammerfrau: Ich will mit den Großen spielen, halte aber die Reaktion nicht aus“

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