Deutsche Moscheen und politische Korrektheit: Es geht noch absurder

Constantin Schreiber hat deutsche Moscheen besucht. Nach dem Buchauszug, den ich hier im Blog besprochen habe, gewann ich den Eindruck eines übertrieben politisch korrekt handelnden Menschen. Mich störte insbesondere, dass er ein Extremismusproblem aufgedeckt hat, dies aber in einem Nebel von politisch korrekten Botschaften herunterspielen wollte.

Constantin Schreiber hat Stern.de ein Interview gegeben. Hier kann man beobachten, dass er nach den Maßstäben von Stern.de noch nicht politisch korrekt genug handelt. Das Interview zeigt auch beispielhaft wie sehr das eigentliche Thema in einem Interview von etablierten Medien ignoriert und vernebelt wird. Die Journalisten vom „Stern“ versuchen Constantin Schreiber und seine Methoden zu diskreditieren, statt sich mit den Inhalten seiner Aussagen zu beschäftigen. Sie fragen in einer Richtung – politische Korrektheit – kritisch nach, in die andere – Extremismusproblem – weniger. Sie agieren sehr einseitig.

Dass ich so etwas wie eine Bandbreite hören würde. Konservative, moderate und, ja, auch fortschrittliche Predigten, die Brücken zwischen den Religionen bauen und in denen das Leben in Deutschland eine Rolle spielt. […]

Ich war enttäuscht, teilweise entsetzt. Ich habe keine einzige Predigt gehört, die ich wenigstens okay fand. Fast alle waren sehr konservativ. Und wenig integrativ. Es ging fast immer um „wir und die“. Wir Muslime und die Anderen, die Deutschen, die Ungläubigen. Integration wurde eher als Bedrohung der reinen Lehre dargestellt.

Constantin Schreiber weist auf ein wichtiges gesellschaftliches Problem hin: Die Imame in deutschen Moscheen wirken auf die Gläubigen abgrenzend zur Mehrheitsgesellschaft. Sie spalten die Gesellschaft, sie verhindern aktiv Integration. Und er hat keine Bandbreite erlebt, nicht eine Predigt fand er okay.

Stern.de fragt nach Gewaltaufrufen und beginnt dann die Auswahl der Moscheen in Frage zu stellen. Die Auswahl sei nicht repräsentativ. Constantin Schreiber antwortet, dass er

bewusst keine Moscheen besucht, die als salafistisch verschrien sind.

Also: Die Auswahl ist nicht repräsentativ, aber in dem Sinne, dass die bereits bekannten extremistischen Moscheen in der Auswahl gar nicht enthalten waren.

Weiter geht es mit einem „eigenwilligen Frauenbild“, aktiven Aufrufen zur Abgrenzung („eure Kinder so erziehen und unter euresgleichen bleiben“) und eine Weltfremdheit, die Flüchtlinge nicht beim Leben in Deutschland unterstützt. Stern.de springt den Imamen bei:

Müssen Freitagspredigten Integrationsarbeit leisten? Es gibt um die Moscheen herum eine vielfältige Gemeindearbeit, inklusive Sprachkursen und Flüchtlingshilfe. 10 000 Ehrenamtliche sind in der islamischen Wohlfahrtspflege engagiert.

Das genügt aber nicht. Das Problem der nicht integrativen, ja radikalen Predigten mitten in Deutschland muss aktiv heruntergespielt werden:

[Schreiber] In zwei Predigten ging es ganz offen gegen Jesiden, Armenier oder Juden. Das hat mich entsetzt. Und bemerkenswert war auch die in der Imam-Riza-Moschee in Berlin. Da hieß es: „Ihr könnt nicht sagen: Ich bin zugleich Demokrat und Schiit. Nein, das geht nicht. Man kann nicht sowohl Muslim als auch laizistisch sein. Man kann nicht sowohl Humanist als auch ein Freund der Familie des Propheten sein.“ Ungeheure Sätze!

[Stern.de] Daran gibt es nicht viel auszulegen. In vielen anderen Fällen aber interpretieren Sie das Gesagte und mutmaßen, was mit Anspielungen und Metaphern gemeint sein könnte. Eindeutig ist das nicht immer. Man könnte auch zu anderen Schlüssen kommen.

In zwei von 13 Predigten ging es „offen gegen Jesiden, Armenier oder Juden“, in einem Fall schließt ein Imam Demokratie und Glauben gegenseitig aus. Über diese Ungeheuerlichkeiten geht Stern.de hinweg und kritisiert lieber andere – ungenannte – Abschnitte im Buch über Predigten, die nicht so eindeutig zu verstehen sind.

Diesen lahmen Versuch, den Autor zu diskreditieren, kontert dieser mit dem Hinweis, dass er die Predigten im Buch kontrovers mit Islam-Experten diskutiert.

Aber ich stieß eben auch auf Feindbilder und Stereotype, die klar waren und die mir keine Einzelfälle zu sein schienen. […]

Die Ablehnung oder sogar Verteufelung der westlichen Lebensweise. In der Berliner Mehmed Zahid Kotku Tekkesi-Moschee wurde am 23. Dezember des vergangenen Jahres noch die „größte aller Gefahren – die Weihnachtsgefahr“ beschworen. […] Der Imam warnte: „Selbst Sonnenblumenkerne zu kaufen und den Silvesterabend zu Hause in der Familie zu feiern ist sehr gefährlich. Gott möge uns davor bewahren.“ Das war wenige Tage nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz.

Dann versucht Stern.de noch einmal die Auswahl der Moscheen in Frage zu stellen:

Sie haben nur 13 Moscheen besucht. Die meisten davon liegen in Berlin, es sind nicht alle wichtigen Glaubensrichtungen vertreten. Trotzdem heißt Ihr Buch „Inside Islam“. Ist dieser Titel nicht anmaßend?

Constantin Schreiber war in verschiedenen Städten und er hat zwischenzeitlich fünf weitere Freitagsgebete besucht. Dort sehen die Erkenntnisse nicht anders aus. Der Stern gibt keine Anhaltspunkte, warum Imame in Dortmund und Hamburg etwas anderes predigen sollten als in den Städten, die Schreiber besucht hat. Die Frage ist eine reine Nebelkerze.

Ich finde das absurd. Da geht jemand in Moscheen und erlebt, dass sie Horte der Feindseligkeit und der Spaltung der Gesellschaft sind. Er schreibt ein Buch darüber und stellt sich darin externen Experten. Ein sauberes Vorgehen.

Bei stern.de wird dieses um Objektivität bemühte Vorgehen nicht wahrgenommen. Die Erkenntnisse werden im Interview komplett ignoriert, obwohl sie kaum alarmierender sein könnten. Die in Deutschland existierenden Parallelgesellschaften manifestieren sich in den Moscheen.

Stern.de steht daneben und zeigt mit dem Finger auf denjenigen, der das recherchiert hat und ausspricht.

Die Erkenntnis für mich ist: Ich muss meinen Eindruck aus meinem ersten Artikel anpassen. Constantin Schreiber ist zwar Teil des politisch korrekten Systems, aber er geht sehr nah an die Grenze dessen, was an kritischer Berichterstattung in den etablierten Medien möglich ist. Er geht ein großes Risiko ein. Wenn jetzt jemand einen Skandal in seiner Vergangenheit findet, könnte er zum Abschuss freigegeben werden. Er hat sich in einer Richtung exponiert, in der sich sein Arbeitgeber nach meiner Einschätzung nicht mehr schützend vor ihn stellen wird. Aber das ist Spekulation.

Hinweis: Ich beziehe mich auf dieses Interview und den Buchauszug im vorherigen Artikel. Zu der Sendungsreihe „Moscheereport“ von Constantin Schreiber kann ich nichts sagen, ich kenne die Sendung nicht. Hier gibt es Hinweise auf eine skandalisierende Berichterstattung.

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2 Kommentare zu „Deutsche Moscheen und politische Korrektheit: Es geht noch absurder“

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