Der Aschenputtel-Effekt ist nicht widerlegt – im Gegenteil

Da ich in letzter Zeit häufiger ausländische Medien nutze, bin ich auf einen alten Artikel auf der Webseite des Schweizer Fernsehens gestoßen:

Den Aschenputtel-Effekt gibt es nicht

Das Märchen von der bösen Stiefmutter ist widerlegt.

Interessant, dass diese Erkenntnisse nicht in den englischen Wikipedia-Artikel zu diesem Thema eingeflossen sind, einen deutschsprachigen Artikel zu diesem Thema finde ich nicht.

Nach der Auswertung historischer Daten kommen deutsche und kanadische Wissenschaftler zur Erkenntnis, dass elterliche Fürsorge von weitaus mehr abhängt als von Blutsverwandtschaft.

In dieser Allgemeinheit stimme ich den Wissenschaftlern zu. Ich bin auch der Meinung, „dass elterliche Fürsorge von weitaus mehr abhängt als von Blutsverwandtschaft“.

Aber hat irgendjemand behauptet, dass elterliche Fürsorge ausschließlich von der Blutsverwandschaft abhängt? Der Autor des Artikels startet bereits mit einem Strohmann-Argument.

Mit dem Aschenputtel-Effekt (englisch Cinderella effect) wird folgendes Phänomen beschrieben:

In evolutionary psychology, the Cinderella effect is the phenomenon of higher incidence of different forms of child-abuse and mistreatment by stepparents than by biological parents.

In der Evolutionspsychologie ist der Cinderella-Effekt das Phänomen der höheren Häufigkeit verschiedener Formen von Kindesmissbrauch und Misshandlung durch Stiefeltern als durch biologische Eltern.

Mit anderen Worten, Kindesmissbrauch und Misshandlung erfolgen häufiger durch Stiefeltern als durch biologische Eltern.

Das bedeutet nicht, dass elterliche Fürsorge ausschließlich von der Blutsverwandschaft abhängt. Der Aschenputtel-Effekt besagt das nicht, ich frage mich, warum der Autor diesen Eindruck zu erwecken versucht.

Die Forscher des Max Planck Instituts in Rostock und der Universität Montreal verglichen in ihrer Studie die Sterblichkeit von Kindern in Patchwork-Familien des 17. bis 19. Jahrhunderts.

Die Wissenschaftler haben nur die Sterblichkeit von Kindern ausgewertet. Führen denn alle Benachteiligungen von Stiefkindern zu einer erhöhten Sterblichkeit?

Die Untersuchung der Sterblichkeit ermöglicht es den Forschern, an Daten großer Personengruppen zu kommen. Andere Benachteiligungen von Stiefkindern lassen sich für das 17. bis 19. Jahrhundert schwer belegen. Aber allein aus der Sterblichkeit die Widerlegung des Aschenputtel-Effekts abzuleiten, ist Unsinn.

Auch Aschenputtel kam im Märchen nicht vorzeitig zu Tode, trotzdem bestreitet wohl niemand, dass ihre Stiefmutter sie gegenüber ihren eigenen Kindern benachteiligt hat.

Eltern behandelten demnach die Stiefkinder im Durchschnitt nur dann schlechter als ihre eigenen, wenn sie wenig Raum für ihre wirtschaftliche Entwicklung hatten.

Für eine Studie, die den Aschenputtel-Effekt widerlegt haben will, finde ich es ungewöhnlich, dass die Autoren bestätigen, dass es diesen Effekt gibt, wenn die Umstände schwierig sind.

Wenn es einen Effekt unter bestimmten Voraussetzungen gibt, dann ist er natürlich nicht widerlegt – er ist nachgewiesen.

Da der Effekt für Sterblichkeit – die größtmögliche Benachteiligung – nachgewiesen ist, ist die Aussage, es gäbe den Aschenputtel-Affekt nicht, absurd.

Damit sehen die Forscher den «Aschenputtel-Effekt» als widerlegt.

„Damit“, also mit der Aussage, dass Eltern unter bestimmten Umständen ihre Stiefkinder schlechter behandeln als ihre biologischen Kinder, ist der Effekt widerlegt. Eine abwegige Schlussfolgerung.

Die Vernachlässigung von Stiefkindern untersuchten die Forscher anhand der Sterblichkeit Tausender Kinder in der ostfriesischen Region Krummhörn, die bereits stark bevölkert war und wenig Raum für wirtschaftliche Entwicklung bot. Diese Daten verglichen sie mit Daten damals expandierender Siedlungen in der heutigen kanadischen Provinz Québec. Für beide Regionen berechneten sie, wie sich die Überlebenschancen von Kindern änderten, wenn der Vater nach dem Tod der Mutter wieder heiratete.

Obwohl als „Patchwork-Familien“ eingeführt, einem Sammelbegriff für verschiedene Familienformen mit Stiefelternteilen, erstreckt sich die Untersuchung nur auf Stiefmütter und darauf, ob sie ihre Stiefkinder benachteiligen.

Nur in der perspektivarmen Region Krummhörn hatte die Stiefmutter einen negativen Einfluss. Dort starben die Kinder aus erster Ehe des Vaters häufiger, wenn die Stiefmutter einzog oder Halbgeschwister geboren wurden. Verlor ein Krummhörner Mädchen früh die Mutter, wuchs seine Wahrscheinlichkeit, den 15. Geburtstag nicht zu erleben, auf über das Doppelte des Risikos eines vergleichbaren Mädchens, dessen Mutter nicht starb. Heiratete der Vater danach wieder und die Stiefmutter zog ein, stieg die Sterblichkeit noch einmal ebenso stark.

Während zuvor von „Stiefkindern“ gesprochen wird, ist bei den konkreten Studienergebnissen nur die Rede von „Krummhörner Mädchen“, die „früh die Mutter“ verloren haben. Nachdem bereits Stiefväter ausgeblendet werden, stützt sich die Untersuchung offenbar ausschließlich auf Daten von Mädchen. Wurde die Sterblichkeit von Jungen nicht betrachtet?

Ich finde es nachvollziehbar, dass die Sterblichkeit der Kinder steigt, wenn – unter schwierigen wirtschaftlichen Umständen – nur noch ein Elternteil lebt.

Es fällt mir aber schwer eine politisch korrekte Erklärung dafür zu finden, dass die Wahrscheinlichkeit von Mädchen den 15. Geburtstag nicht zu erleben, mit einer Stiefmutter viermal so groß ist wie mit der biologischen Mutter.

Ich frage mich an dieser Stelle, wie das Ergebnis für Stiefväter aussehen würde und vor allem warum die Studie zu Stiefvätern keine Aussage trifft. Die „historischen Daten“ müssten ja auch diese Information enthalten.

Könnte es sein, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit der Kinder mit Stiefvater größer ist als nur mit der leiblichen Mutter? Dass also Stiefväter – ganz im Gegensatz zu Stiefmüttern – einen positiven Einfluss auf die Überlebenswahrscheinlichkeit der Stiefkinder haben?

Und – auch das ist natürlich reine Spekulation -, dass dieses Ergebnis nicht publikationsfähig war?

Die kanadischen Halbgeschwister hingegen seien in der Expansionsphase der Besiedlung eher als Verbündete der leiblichen Kinder gesehen worden, zumal sie auch älter als diese gewesen seien. «In Quebec waren die Stiefkinder der Stiefmutter, die ja Halbgeschwister ihrer biologischen Kinder sind, eher Alliierte statt Konkurrenten. …»

Was hier als Beweis dafür gewertet wird, dass Stiefkinder nicht benachteiligt werden, wird direkt widerlegt: Die Stiefkinder waren für die biologischen Kinder nützlich, deshalb wurden sie zumindest nicht so benachteiligt, dass sich das auf ihre Sterblichkeit ausgewirkt hat.

In der „perspektivarmen Region“ Krummhörn hatte die Stiefmutter einen negativen Einfluss. Das Sterblichkeitsrisiko stieg. Der Aschenputtel-Effekt ist für Krummhörn belegt.

Im kanadischen Quebec „in der Expansionsphase der Besiedlung“ stieg das Sterblichkeitsrisiko nicht, aber Stiefkinder waren für die biologischen Kinder der Stiefmütter nützlich („eher Alliierte als Konkurrenten“). Andere Benachteiligungen wurden nicht untersucht. Auch Aschenputtel ist nicht gestorben, aber sie war für ihre Halbgeschwister nützlich.

Man kann folgern, dass es den Aschenputtel-Effekt auch in Quebec gab. Zumindest aber ist der Aschenputtel-Effekt in Quebec nicht widerlegt.

Fazit

Der Wille, das schlechte Image von Stiefmüttern aus Grimms Märchen – wie Aschenputtel, und Hänsel und Gretel – zu verbessern, scheint der Leitgedanke bei der Erstellung dieser Studie gewesen zu sein.

Ich finde es eigenartig, dass der Artikel keine Aussage über den Einfluss eines Stiefvaters macht.

Die Daten belegen, dass die historischen Märchen einen wahren Kern haben. Das geht so weit, dass sich Stiefmütter negativ auf die Überlebenswahrscheinlichkeit von Kindern auswirken.

An der Studie finde ich nicht nur bemerkenswert, dass sie die Schlussfolgerungen der Autoren widerlegt. Sie geht weit darüber hinaus: Die Studie weist nach, dass es für die Kinder besser ist, wenn der Vater sie allein aufzieht, als wenn er eine fremde Frau ins Haus holt. Und mit besser meine ich: Weniger tödlich.

Nun beruht die Studie auf alten Daten und heute sind die Auswirkungen sicher weniger tödlich für die Kinder, aber warum sollten die Ergebnisse heute nicht mehr gelten?

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4 Kommentare zu „Der Aschenputtel-Effekt ist nicht widerlegt – im Gegenteil“

  1. „Eltern behandelten demnach die Stiefkinder im Durchschnitt nur dann schlechter als ihre eigenen, wenn sie wenig Raum für ihre wirtschaftliche Entwicklung hatten.“
    Trifft das nur auf Eltern, oder auch auf ( reine ) Stiefeltern zu?
    Wäre doch zumindest eine wichtige Vergleichsgröße.

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