Warum manche Frauen keine Arbeit finden

Susanne Lörmann darf auf der Blog-Plattform der Huffington Post einen Beitrag unter folgendem Titel veröffentlichen:

Der wahre Grund, warum Akademikerinnen keine Kinder bekommen sollten

Auch wenn der Titel so wirkt, als würde eine allgemeine Problemanalyse folgen, verbirgt sich unter diesem Titel einfach nur ein ganz normaler Jammerfrauenartikel, in dem die Autorin ausschließlich über ihre eigenen subjektiven Probleme klagt. Erkenntnisse für andere Personen in problematischen Situationen lassen sich nicht ableiten.

Seit Monaten suche ich eine neue Arbeit. Teilzeit, bitte, Bereich egal.

Schon im ersten Satz wird klar, dass es ausschließlich um sie selbst geht. Der Titel macht dabei ganz deutlich, dass die Ursachen für die seit Monaten vergebliche Arbeitssuche natürlich nicht bei ihr selbst liegen können.

Nach meinem Archäologiestudium arbeitete ich über zehn Jahre für eine Lokalzeitung als freie Journalistin.

Susanne Lörmann studiert eine brotlose Kunst und sattelt dann auf einen anderen Job um, für den sie offensichtlich keine spezielle Ausbildung benötigt.

Das ließ sich besser als mein eigentlicher Beruf mit meinen Kindern vereinbaren, brachte allerdings nie allzu viel ein.

Jobs, die man ohne Ausbildung machen kann, bringen meist nur wenig ein.

Auch studierte Journalisten haben es in der aktuellen Journalismuskrise nicht leicht. Gut bezahlte Jobs mit Festanstellung sind rar. Dass es ein Überangebot an Journalisten auf dem Arbeitsmarkt gibt, ist Susanne Lörmann bekannt:

Hinzu kommt, in meiner Branche gibt es ein Überangebot an jungen Praktikanten, die zwar oft keine Ahnung von gar nichts haben, die Rechtschreibung nur ansatzweise beherrschen, aber für wenig Geld arbeiten und 24 Stunden an sieben Tagen die Woche verfügbar sind.

Kommt Susanne Lörmann nicht in den Sinn, dass ihre Journalisten-Kollegen vielleicht auch über sie gedacht haben, dass sie „keine Ahnung von gar nichts“ hat, als sie als Archäologin in den Journalismus einstieg? Sie selbst arbeitet als Quereinsteigerin für wenig Geld.

Diese Überheblichkeit steht ihr nicht gut.

Dass die Qualität darunter leidet, ist die eine Sache. Das interessiert aber die Verleger nicht.

Wir erfahren leider nicht, was die andere „Sache“ ist. Susanne Lörmann hält sich zwar für eine Spitzenjournalistin, aber so richtig aus einem Guss wirkt der Text auf mich nicht.

Also habe ich mal den Blick über den Tellerrand hinausschweifen lassen und habe mich auch branchenfremd beworben. Wie oft ich den Satz „Sie sind überqualifiziert“ schon gehört habe, kann ich nicht mehr zählen.

Liebe Susanne Lörmann, manchmal ist „überqualifiziert“ nur eine Floskel um jemanden loszuwerden, den man nicht einstellen möchte.

Das Bistum, in dem ich lebe, hatte eine Stelle ausgeschrieben in der Presseabteilung. In der Ausschreibung wurde betont, dass Frauen bevorzugt würden und man großen Wert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf legt. Nach monatelangem Entscheidungsmarathon haben sie eine Frau Anfang Fünfzig eingestellt, die mit Sicherheit keine kleinen Kinder mehr zu versorgen hat. Aber eine Frau, immerhin.

Sie bringt keine Belege, ja nicht einmal Indizien dafür, dass man sie nicht eingestellt hat, weil sie ein kleines Kind hat. Trotzdem bekommt Susanne Lörmann nicht eine Sekunde Selbstzweifel.

Wenn sie jemand nicht einstellt, dann muss es an ihren Kindern liegen. Dass sie mit ihrem Archäologiestudium und ihrer Erfahrung als Journalistin vielleicht einfach nicht so gut für die Stelle in der Presseabteilung geeignet war wie ihre Konkurrenz, kommt ihr nicht in den Sinn.

Als ich mich bei meiner alten Zeitung im Bereich Marketing bewarb, wurde ich gefragt: „Können Sie das denn schaffen mit drei Kindern?“ Wobei man bedenken muss, mein ältestes „Kind“ ist 19, das zweite 15 und die Jüngste vier. Und alleinerziehend bin ich auch nicht. Wäre die Frage auch einem Mann gestellt worden?

Hier bringt Susanne Lörmann tatsächlich mal ein Indiz dafür, dass sie aufgrund ihrer Kinder schlechtere Chancen auf eine Stelle hatte. Zwar belegt diese legitime Frage überhaupt nichts, aber zumindest wurden ihre Kinder hier thematisiert.

Dennoch ist es viel wahrscheinlicher, dass man sie nicht eingestellt hat, weil sie keine Ausbildung und auch keine Erfahrung im Bereich Marketing vorweisen kann. Schon mal etwas vom Sparsamkeitsprinzip gehört?

Für die „einfachen“ Jobs wie zum Bespiel Verkäuferin, die als klassische Müttertätigkeiten gelten, brauche ich mich gar nicht erst zu bewerben.

Würde sie denn eine solche „klassische Müttertätigkeit“ wollen? Mit kommt diese Bemerkung mehr wie ein Feigenblatt vor. Denn sie spekuliert, statt es zu versuchen.

Meist wäre ich besser ausgebildet als der Chef selbst.

Mit diesem Satz wird auch klar, warum sie lieber spekuliert, statt sich auf eine Stelle als Verkäuferin zu bewerben: Sie hält sich für etwas besseres.

Und nein, sie wäre mit ihrem Archäologiestudium natürlich nicht besser ausgebildet für den Beruf einer Verkäuferin als ihr potenzieller Chef. Ihre Qualifikation ist für diesen Beruf wertlos.

Da würde ich mich auch nicht einstellen.

Ich würde Susanne Lörmann ebenfalls nicht einstellen. Schön, dass wir da einer Meinung sind.

In allen Bereichen treffe ich auf Typen, bei denen ich mich wirklich frage, warum haben die den Job und nicht ich.

In Wirklichkeit fragt sie sich das gar nicht, so reflektiert scheint sie nicht zu sein. Sie glaubt nämlich die Antwort zu kennen:

Die größten Flachpfeifen, denen man kaum zutraut, weiter als bis fünf zu zählen, die wehleidig sind und sich alle naselang krank melden, die beim kleinsten Anzeichen von Mehrarbeit einen Burnout riskieren, nichts wirklich auf die Kette kriegen, die undiszipliniert und mangelhaft organisiert sind, aber es sind eben Männer. Und denen gibt man die Jobs und macht sich keine Gedanken darüber, wer im Fall der Fälle die Kinder betreut.

Und wieder: Ihre Überheblichkeit steht ihr nicht gut. Sie glaubt zu wissen, warum andere die Jobs bekommen, um die sie sie beneidet. Und sie erklärt diese Leute zu unfähigen Idioten.

Susanne Lörmann ist davon überzeugt, dass sie allein die „Flachpfeifen“ erkennt. Sie allein hat diese Erkenntnis. Alle anderen – insbesondere deren Chefs – sind unfähig zu sehen, dass es sich um „Flachpfeifen“ handelt. Niemand bemerkt, dass diese „Männer“ Schlechtleister sind – nur sie ist erleuchtet.

Für jemanden mit dieser arroganten Einstellung dürfte es sehr schwer sein, einen vernünftigen Job zu finden. Wer will so eine konfliktträchtige Person, deren Überheblichkeit ihr aus jeder Pore strömt, in sein Team aufnehmen?

Wer stellt jemanden ein, der alle anderen für Flachpfeifen und sich selbst für besser hält? Eine Frau, die „in allen Bereichen“ auf „Typen“ trifft, bei denen sie sich „wirklich fragt, warum haben die den Job und nicht ich“?

Vielleicht hätte ich damals alles anders machen und eine einfache Ausbildung machen sollen, statt zu studieren.

Der künstliche Gegensatz zwischen Ausbildung und Studium ist eine billige Täuschung, mit der sie sich selbst wohl aus der Verantwortung nehmen will.

Susanne Lörmann hätte natürlich auch etwas anderes studieren können, etwas mit besseren Job-Perspektiven.

Vor allem aber hätte ich nicht den Fehler machen dürfen, Kinder zu bekommen.

Ich glaube, dass es Susanne Lörmann gut tun würde, auch mal andere Erklärungen für ihr Scheitern in Erwägung zu ziehen. Sie ist so besessen von der Idee, dass ihr beruflicher Misserfolg an ihren Kindern liegt, dass ihr nicht auffällt, dass es durchaus Frauen gibt, die mit Kind Arbeit finden.

Sie macht einen Rundumschlag und behauptet, dass Kinder für Akademikerinnen das Hauptproblem bei der Jobsuche sind. Dafür führt sie nur ihre eigenen subjektiven Erfahrungen ins Feld. Erbärmlich.

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2 Kommentare zu „Warum manche Frauen keine Arbeit finden“

  1. Akademikerinnen bekommen eh schon fast keine Kinder mehr, das muss man nicht noch bewerben. Erst haengen sie ewig im Studium herum, dann muessen sie sich beruflich etablieren, und dann sind sie auch gleich an der Grenze der Verwelkung angelangt (a.k.a. the wall). Aber wenn jemand halt ‚auf Hobby‘ studiert ist die Verwunderung ueber fehlende Job-Angebote doch ziemlich unangebracht.

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