Wie wichtig unverzügliches und entschlossenes Handeln ist

Das Land Baden-Württemberg handelt „unverzüglich und entschlossen“ gegen Corona:

Aufgrund der dynamischen Verbreitung des Coronavirus ist zum Schutz der Bevölkerung ein unverzügliches, entschlossenes Vorgehen notwendig. Es bedarf weitreichender Maßnahmen zu Kontaktreduzierungen, um eine unkontrollierte, schnelle Ausbreitung des Virus zu verhindern, damit die Behandlungskapazitäten weiter erhöht und weitere Maßnahmen zum Schutz vulnerabler Gruppen ergriffen werden können.

Ich empfinde es als Hohn, wenn die Verantwortlichen von einer dynamischen Verbreitung sprechen und damit am 13. März ein unverzügliches und entschlossenes Vorgehen begründen.

Man schaue sich beispielsweise dieses Video vom 10. Februar an. Es verbreitet keine Corona-Panik, der Autor modelliert ganz einfach und verständlich mit Excel unterschiedliche Verläufe der Anzahl infizierter Personen.

Er zeigt, wie stark sich auch kleine Veränderungen der Ansteckungsrate auswirken können.

Der Autor spielt mit einer verringerten Ansteckungsrate herum, wie sie durch Quarantänemaßnahmen erreicht werden kann und zeigt, dass das exponentielle Wachstum der Anzahl der Infizierten schon mit einer kleinen Reduktion von Infizierten wirksam verhindert werden kann.

Vor diesem Hintergrund ist die landesweite Schließung von Kindertageseinrichtungen und Schulen eine erforderliche Maßnahme zur Verzögerung der Ausbreitung. Deshalb hat das Kabinett am Freitag, 13. März, beschlossen, dass ab Dienstag, 17. März, alle Schulen und Kindergärten bis einschließlich Ende der Osterferien geschlossen bleiben. Diese Schließung betrifft auch die Kindertagespflege im Land.

Unverzügliches und entschlossenes Vorgehen, das in vier Tagen beginnt.

Das ist eine Lachnummer.

Diese Politiker machen sich lächerlich. Sie scheinen Größenordnungen nicht zu verstehen. Sie scheinen exponentielles Wachstum nicht zu begreifen.

Wie können Politiker in Beraterstäben sitzen und das nicht verstehen? Ich weiß nicht, wie diese Krisenstäbe arbeiten, aber ich stelle mir vor, dass dort von Experten genau solche Modelle vorgestellt werden. Dann sollte es doch sogar der Dümmste verstehen.

Diese Entscheidung sei vor allem auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Schulen und Lehrkräfte am Montag noch Zeit haben, den Schülerinnen und Schülern in geeigneter Form Vorbereitungsinhalte, Lernpakete, Aufgaben oder Lernpläne zusammenstellen und übermitteln zu können.

Auch das ist Hohn. Man verzögert die Entscheidung bis zu einem Freitag und beginnt die Schulschließungen dann am Dienstag, damit noch Vorbereitungszeit bleibt. Dadurch gibt man der Epidemie ein ganzes zusätzliches Wochenende.

Das ist verantwortungslos.

In diesem Artikel sieht man, in welcher tödlichen Relation die Anzahl der offiziellen Fälle und der tatsächlich Kranken steht (alle Übersetzungen mit deepl.com mit eigenen Änderungen):

Die grauen Balken zeigen die wahren täglichen Coronavirus-Fälle. Die chinesische CDC fand diese, indem sie die Patienten während der Diagnose fragte, wann ihre Symptome begannen. […]

Am 21. Januar explodiert die Zahl der neu diagnostizierten Fälle (orange): Es gibt etwa 100 neue Fälle. In Wirklichkeit gab es an diesem Tag 1.500 neue Fälle, die exponentiell anwachsen.

Das sind die offiziellen Zahlen an einem Tag in China. Diagnostiziert sind 100 Fälle. Im Nachhinein hat man für diesen Tag  durch Patientenbefragungen 1.500 tatsächliche Fälle ermitteln.

Es geht hier um eine ganze Größenordnung. Und es sind nur die Fälle erfasst, bei denen Corona tatsächlich diagnostiziert wurde – befragt wurden ja nur nachgewiesene Fälle.

Infizierte mit einem milden Verlauf sind also nicht einmal eingeschlossen, wenn sie nicht auf Corona getestet wurden. Die tatsächliche Anzahl der Infizierten ist um ein Mehrfaches höher.

Überträgt man das auf die 3.062 offiziellen Corona-Fälle in Deutschland (Stand: 13. März), kann man davon ausgehen, dass gestern ca. 45.930 (3.062*15) Personen in Deutschland infiziert waren.

Am 9. März gab es offiziell 1.139 Fälle, das wären ca. 17.085 reale Fälle gewesen. Am 6. März, also vor einer Woche, gab es 639 offiziell bestätigte, also tatsächlich ca. 9.585 Fälle.

Spätestens am 6. März – also vor einer Woche – hätte man die Situation als außer Kontrolle bezeichnen müssen. Man hätte vor einer Woche handeln müssen.

Und jetzt stellt sich die Landesregierung in Baden-Württemberg hin und gibt vor, unverzüglich und entschlossen vorzugehen und verzögert die Maßnahmen um ein ganzes Wochenende und den Montag.

In Chart 23 im Artikel sieht man, dass ein einziger Tag Verzögerung bei harten Quarantänemaßnahmen im Modell zu 40 Prozent mehr Infizierten führt.

Also auch zu 40 Prozent mehr Toten.

Ein Tag.

2 Kommentare zu „Wie wichtig unverzügliches und entschlossenes Handeln ist“

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