Männer werden sexuell übergriffig, wenn man sie nicht unter Kontrolle hält

Einen Artikel aus 2016 hat meine Aufmerksamkeit geweckt. Es geht um die Aussagen des Rechtspsychologen Rudolf Egg vor dem Untersuchungsausschuss im Landtag von Nordrhein-Westfalen zu den Ereignissen Silvester 2015.

Ich fand es interessant diesen drei Jahre alten Artikel noch einmal zu lesen und sich die Situation von damals noch einmal ins Gedächtnis zu rufen.

Rudolf Egg gibt Aussagen der Opfer in ihrer Strafanzeige wieder.

Frauen, die übel begrapscht und auf widerwärtige Weise sexuell belästigt worden sind, gaben etwa zu Protokoll: „Leider waren die Polizisten vor Ort nicht sehr hilfreich. Eine Beamtin sagte zu mir: ,Du kommst doch aus Köln, dann weißt du doch, dass du hier nicht feiern gehen darfst.‘“

Egg findet dafür deutliche Worte: „Es ist unerträglich, wenn einigen Frauen das Gefühl gegeben wurde, sie selbst hätten dazu beigetragen.“

Ja, darüber kann man sich aufregen. Ich will ebenfalls nicht in einem Land leben in dem man sich nicht frei bewegen kann, ohne Angst zu haben.

Spannend ist der Blickwinkel der Polizistin. In ihrem Job kennt sie schließlich die Realität und ist häufiger mit körperlichen Übergriffen konfrontiert. Für die Polizistin ist klar, dass man in erster Linie selbst für seine eigene Sicherheit verantwortlich ist. So wie sie selbst in ihrem beruflichen Alltag.

Aus dieser Perspektive sagt sie: Ihr kennt die Lage, warum bringt ihr euch selbst in unnötige Gefahr?

Ja, Egg kann sich moralisierend über diese Aussage in das Gesicht eines Opfers echauffieren. Und er hat damit Recht. Trotzdem ist das nur die eine Seite.

Die Polizistin hat eben auch Recht. Sie sollte nur nicht recht haben. Es wäre besser und unser Land wäre lebenswerter, wenn sie nicht Recht hätte.

Ich finde eher verwunderlich, dass der eigentliche Skandal dieser Aussage keine Aufmerksamkeit findet: Eine Polizistin, die die reale Situation in Köln aus persönlicher Erfahrung kennt, beschreibt nichts anderes als eine No-Go-Area.

Für sie ist es normal, dass man dort nicht hingehen sollte. Für sie ist es Allgemeinwissen, dass man diesen Bereich meiden sollte.

Als Polizistin ist sie quasi eine Expertin auf diesem Gebiet. Dass diese unzensierte Expertenaussage nicht aufgegriffen und skandalisiert wurde sagt vieles über den Zustand unserer Politik und unserer Medien aus.

Das Resümee des Rechtspsychologen wirkt wie eine Ohrfeige für alle Verantwortlichen: „Es entstand eine Art rechtsfreier Raum, ein Zustand der scheinbaren Regellosigkeit, der den Beteiligten irgendwie alles zu erlauben schien.“

Diese Aussage muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Zu Ende gedacht scheint Egg sagen zu wollen, dass der Staat bzw. die Polizei durch fehlendes Einschreiten suggeriert hätte, dass kriminelle Handlungen erlaubt seien.

Dem ist selbstverständlich nicht so. Verantwortlich und ursächlich für die Taten sind die Täter und nicht der Staat bzw. die Polizei.

Es stimmt einfach nicht, dass ein rechtsfreier Raum und ein paar Männer genügen, um solche Verbrechen geschehen zu lassen.

Nur ein Jahr vorher kam es in einer vergleichbaren Situation nicht zu solchen Übergriffen, obwohl ebenfalls viele Männer anwesend waren und die Polizei nicht unmittelbar in großer Zahl präsent war.

In diesem Sinne gab es also ein Jahr zuvor ebenfalls einen „rechtsfreien Raum“, aber es kam nicht zu derartigen Übergriffen.

Der Unterschied zum Vorjahr war eine sich aufputschende Gruppendynamik von Personen, die Frauen als Freiwild betrachten und für die unser Rechtssystem keine relevante Rolle spielt.

Ohne diese Personen wäre im „rechtsfreien Raum“ gar nichts passiert.

Ich finde dieses Herausnehmen der Täter aus der Verantwortung so absurd. Es begegnetet mir in letzter Zeit aber immer häufiger.

Drastisch erzählen die überwiegend jungen Frauen in ihren Anzeigen von aggressiven, nicht enden wollenden Übergriffen zahlloser Hände in einer anonymen Menge. „Ich habe mich in dem Moment hilflos gefühlt! Ich habe die ganze Zeit nichts gesehen, nur gespürt, weil meine Augen voller Tränen waren.“

Hilflos dem Mob ausgeliefert. Ich wünsche es niemandem. Lese ich das heute, läuft es mir kalt den Rücken herunter.

Es wird überdeutlich, dass sich etwas grundlegendes geändert hat: Früher hatte man in dunklen Ecken Angst vor Übergriffen und man fühlte sich in der Öffentlichkeit einer Menschenmenge besonders sicher, weil sich da niemand etwas trauen würde.

Heute sind manche Menschenmengen noch unsicherer als dunkle Ecken.

Er gehe nicht davon aus, dass sich in der Silvesternacht Hunderte gewaltbereiter, rücksichtsloser Männer gezielt verabredet hätten, um Frauen sexuell zu demütigen und Feiernde zu bestehlen, folgert Egg aus den vorliegenden Fällen.

Was er beschreibt, ist eigentlich schlimmer: „Eine Sogwirkung.“ Die Übergriffe geschehen, weil sie geschehen können: von harten Griffen zwischen die Beine über Eindringen mit den Fingern bis hin zu ekligen Sexspielen mit den hilflos eingekesselten Opfern.

Vielleicht bin ich überempfindlich, aber mir scheint Eggs Aussage das Ziel zu verfolgen, die Täter aus der Verantwortung für ihre Taten nehmen.

Es fängt damit an, dass er verallgemeinernd von „Männern“ spricht.

Es geht damit weiter, dass Egg diese Taten als eine Art „Gelegenheit macht Diebe“ hinstellt.

Damit erklärt er die Übergriffe auf schäbige Art und Weise zum Normalzustand – so als ob alle Männer, gibt man ihnen die Gelegenheit, einen übergriffigen Mob bildeten.

Dem ist natürlich nicht so. Nur ein Jahr zuvor gab es bei gleicher Gelegenheit keinen übergriffigen Mob.

Egg beschwert sich einerseits zurecht, dass man Opfern eine Mitschuld gibt. Andererseits schreckt er nicht davor zurück implizit Männer pauschal als Gewalt- und Sexualstraftäter hinzustellen, denen sich nur gerade keine Gelegenheit bietet.

Die „soziale Ansteckung“ sei für viele Männer im Verlauf des Abends dann vermutlich auch der Grund gewesen, Diebstähle zu begehen.

Auch an dieser Stelle: „Männer“. „Männer“ haben eigentlich nur auf die Gelegenheit gewartet.

Diese furchtbare Sogwirkung, diese gemeine „soziale Ansteckung„. Diese „Männer“ tun mir ja so leid. Sie wurden angesogen und angesteckt. Täter wider Willen.

Ich frage mich nur, warum diese starke „Sogwirkung“ nicht auch auf die männlichen Begleiter der Frauen und die Männer, die selbst Opfer geworden sind, gewirkt hat.

Sicher gab es eine Sogwirkung, eine Gruppendynamik. Aber sie reicht als Erklärung der Situation eben nicht aus.

Um von einer Männergruppe und den ersten Übergriffen zu immer weiteren Übergriffen zu kommen – und nicht etwa zu Prügel für den ersten Täter – fehlt noch ein Teil der Erklärung der Situation.

Aber niemand spricht es aus, die Medien fordern es nicht ein.

Eine große soziale Kontrolle habe es nicht gegeben.

Das ist eine interessante Aussage, weil sie einen fehlenden Einflussfaktor liefert, der notwendig ist, um die Situation zu verstehen.

Zu sozialer Kontrolle sagt Wikipedia:

Eine neuere Definition fasst unter dem Begriff „jene Prozesse und Mechanismen, mit deren Hilfe eine Gesellschaft versucht, ihre Mitglieder zu Verhaltensweisen zu bringen, die im Rahmen dieser Gesellschaft positiv bewertet werden“. […]

Das Ziel ist die Herstellung von Verhaltenskonformität gemäß den Normen und Werten der Mehrheit.

Mit der Erklärung, dass (auch) mangelnde soziale Kontrolle verantwortlich für Silvester 2015 in Köln war, sagt Rudolf Egg, dass die „Normen und Werte der Mehrheitim Personenkreis der Täter nicht gegolten haben.

Denn ganz offensichtlich haben sich die „Normen und Werte der Mehrheit“ in Deutschland nicht grundlegend geändert, sonst wären solche Zustände Alltag.

Nur sehr indirekt gibt Rudolf Egg damit zu, dass nicht Männer im Allgemeinen einen vergewaltigenden Mob bilden, sondern dass es Männer waren, die nicht die „Normen und Werte“ der Mehrheit der Deutschen teilt.

Darüber Hinaus sagt Rudolf Egg damit, dass nach seiner Erwartung eine Gruppe von Männern mit unseren „Normen und Werten“ eine soziale Kontrolle etablieren würde, die solche Taten verhindern würde, statt einen Sog zu entwickeln.

Rudolf Egg ist Rechtspsychologe. Ich unterstelle ihm, dass er ganz genau weiß, was er sagt, wenn er von mangelnder sozialer Kontrolle redet.

Trotzdem spricht er nur pauschal von Männern und verklausuliert eine differenziertere Aussage hinter einem Fachbegriff.

Damit lässt er es so wirken, als würden Männer im Allgemeinen sexuell übergriffig werden, wenn man sie nicht unter Kontrolle hält – obwohl er es besser weiß.

Zurück zum ursprünglichen Artikel:

Stattdessen habe eine hohe Anonymität den Männern die Gewissheit gegeben, nicht erkannt zu werden, sagte Egg weiter. Die „scheinbare Reglosigkeit“ der Polizei habe die Täter in der Ansicht bestärkt: „Heute ist alles erlaubt.“

Die angebliche Anonymität der „Männer“ (Egg meint eigentlich: „Täter„) – sind die denn alle allein zum Domplatz gekommen? Gab es keine gemeinsam anreisenden Gruppen?

Es ist doch viel wahrscheinlicher, dass viele der Täter – wie wahrscheinlich fast jeder Besucher – gemeinsam mit Bekannten und Freunden angereist sind. Sie waren eben nicht anonym, nur für die Opfer waren sie unbekannt.

Und trotzdem begingen sie Straftaten. Und trotzdem werden sie von ihren Begleitern – die sie identifizieren könnten – nicht angezeigt.

Die Täter hatten nicht die Gewissheit, nicht erkannt zu werden, sie hatten nur die Gewissheit, dass ihre Begleiter sie nicht anzeigen würden.

Es gibt in dieser Personengruppe wahrscheinlich eine soziale Kontrolle, aber die verhindert, dass die Täter angezeigt werden. Es sind eben andere „Normen und Werte“.

Bei vielen Ereignissen sind Menschen Teil einer anonymen Gruppe – auch Männer. Trotzdem sind Kölner Silvester-Verhältnisse in Deutschland nicht der Normalzustand.

Eggs Erklärungsversuch hat offensichtliche Lücken – für welt.de ist das aber kein Thema.

Eine größere Polizeipräsenz und eine frühere Abriegelung des Domplatzes und des Bahnhofsvorplatzes hätten die zahlreichen sexuellen Übergriffe auf Frauen „wahrscheinlich verhindert“.

Was für ein absurdes Argument.

Selbstverständlich hätte die „Abriegelung des Domplatzes“ die Übergriffe verhindert. Man muss die Party nur absagen und schon sind wir alle sicher!

Die ganze Situation war in Deutschland bis dahin beispiellos.

Was wäre wohl los gewesen, wenn die Polizei den Menschenauflauf unterbunden hätte und die Taten damit verhindert hätte?

Auf die Schlagzeilen wäre ich gespannt gewesen!

Ich höre die Klugscheißer schon: „Es war doch immer alles friedlich“, „Das ist wie ein Polizeistaat“. Vermutlich hätten sich viele darüber aufgeregt, die sich heute über den mangelnden Polizeischutz beschweren.

Vielleicht würden wir auch ein Interview mit Rudolf Egg gelesen, in dem er sich darüber echauffiert, wie überzogen die Reaktion der Polizei war – schließlich sei doch alles friedlich verlaufen.

„Wenn man keine Polizeikräfte in der Menge hat, sieht man natürlich auch nichts“, stellt Egg fest. Da solche massenhaften Übergriffe ein bis dahin beispielloses Phänomen in Deutschland gewesen seien, sei die Polizei mit viel zu wenig Kräften vor Ort gewesen.

Da bleibt mir die Spucke weg. Egg selbst spricht von einem beispiellosen Phänomen wirft der Polizei aber gleichzeitig mangelnde Präsenz vor.

Hinterher ist man natürlich immer schlauer. Wo kann ich denn das Interview mit Rudolf Egg lesen, in dem er diese Situation im November vorhersagte?

Diese Vorkommnisse gab es ja auch in anderen Städten. Es nur auf die Kölner Polizei zu schieben ist also völlig fehl am Platz.

Fazit

Artikel wie dieser lassen mich sprachlos zurück. Ein Elefant steht im Raum – aber er wird nicht erwähnt.

Im ganzen Artikel ist ausschließlich allgemein von „Männern“ die Rede und warum „Männer“ Massenvergewaltiger werden. Weitere notwendige Bedingungen werden nicht erwähnt, obwohl sie bekannt sind.

Im Text schwingt mit, dass Männer im Allgemeinen sexuell übergriffig werden, wenn man sie nicht unter Kontrolle hält. Das bleibt im Artikel unwidersprochen.

Mein Eindruck ist, dass die pauschalisierende Art in der Rudolf Egg berichtet nur bei der Gruppe der Männer möglich ist.

Bei anderen Gruppen würde welt.de dies als Sexismus, Rassismus oder einen anderen „-ismus“ kritisieren.

Ein Gedanke zu „Männer werden sexuell übergriffig, wenn man sie nicht unter Kontrolle hält“

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