Der neue deutsche Krimi: Männer sind entweder toxisch oder würdelose Weicheier

Im Sommerurlaub wollte ich mal wieder Krimis lesen. Ich wollte Spannung und Unterhaltung, ohne großen literarischen Anspruch, politikfrei und vor allem ohne moralische Appelle.

Dazu hatte ich mir vor dem Urlaub aktuelle Hörbücher besorgt. Mir gefiel die Vorstellung ausgedehnter Spaziergänge, während ein Kommissar einen Mörder jagt und ich mitdenken und schlussfolgern kann. So wie als Kind, als ich, fasziniert von der Logik Sherlock Holmes‘, seine Fälle wieder und wieder gelesen habe.

Der neue deutsche Krimi war für mich ein Reinfall auf ganzer Linie.

Gleich auf den ersten Seiten des Kriminalromans „Ostseefeuer“ von Eva Almstädt muss sich die Kommissarin mit einem Kindesvater auseinandersetzen, der ihr das Sorgerecht für das gemeinsame Kind streitig macht. Er wird als richtig fieser Typ dargestellt, der einer guten Mutter ihr Kind wegnehmen will. Das Auftreten dieses Mannes ist spöttisch-aggressiv und, wenn man die Realität deutscher Jugendämter und Gerichte kennt, völlig absurd, während Kommissarin Korittke ruhig, überlegt und vernünftig handelt.

Dennoch wird die junge Mutter durch den Fiesling-Vater eingeschüchtert, was eigentlich nicht zu ihrer gerade eingeführten Figur passt, aber wohl notwendig ist, damit die Autorin ihr eine Opferrolle bei gleichzeitiger moralischer Überlegenheit zuschreiben kann.

Ich musste das Hören abbrechen.

Mit bösen Männern ging es im zweiten Buch weiter. In „Schafkopf“ von Andreas Föhr werden gleich zu Beginn zwei Frauen eingeführt, die in der bayerischen Provinz von ihren Freunden brutal dauerverprügelt werden. Sie haben Angst, eine will nach Berlin abhauen, die andere will ihr helfen. Ich ahne, diese Schlüsselszene soll die Handlung wohl über den gesamten Aufklärungsprozess des (noch nicht begangenen) Verbrechens tragen.

Nein danke. Abbruch.

Jetzt kam „Ostfriesenmelodie“ von Klaus-Peter-Wolf an die Reihe, auf den ich mich besonders gefreut hatte, denn es gibt von diesen Ostfriesenkrimis eine ganze Reihe, viele sogar als Hörbuch. Ist der Roman gut ist für weiteren Stoff gesorgt.

Die Hauptperson ist ein Polizist, der von seiner strengen Ehefrau herumkommandiert und von der Schwiegermutter permanent beschimpft, beleidigt und gedemütigt wird.

Quälend wird es, als klar wird, dass dieser Polizist namens Rupert aus dem Verhalten der Damen keinerlei Konsequenzen zieht. Dieser Beta, ach was, dieses Gamma-Opfer nimmt alles hin und reagiert allenfalls mit stillem Protest. Die Schwiegermutter nennt ihn Kretin und greift ihn in seiner Würde an – Rupert trollt sich wie ein geprügelter Hund.

Ich habe trotzdem versucht durchzuhalten. Ich konnte doch nicht schon am ersten Urlaubstag das dritte Hörbuch zur Seite legen. Aber als ein Mord geschieht und die Schwiegermutter Rupert auch vor seinen Kollegen heruntermacht (im Nebenzimmer spricht sie mit ihrer Tochter und zetert lautstark, dass sie eine viel bessere Partie hätte machen können, und wieder nennt sie ihn Kretin), und Rupert dann nicht etwa ins Nachbarzimmer geht und seine Schwiegermutter aus dem Haus wirft, sondern die Beleidigungen erneut hinnimmt und sich stattdessen gegenüber seinen Kollegen von der Polizei fachlich so unprofessionell (er nennt etwa das Opfer wiederholt eine Nervensäge) verhält, dass er von seiner Kommissar-Kollegin zurechtgewiesen werden muss – da war es vorbei. Keine Minute länger hätte ich das ausgehalten.

Was ist nur mit dem neuen deutschen Krimi los? Hatte ich mit der Auswahl der Hörbücher besonderes Pech? Bin ich zu verwöhnt durch Holmes und Maigret?

Vielleicht tue ich den Romanen Unrecht und sie entwickeln sich noch. „Schafkopf“ etwa hätte ich vielleicht nicht beiseite gelegt, wenn ich nicht zuvor von diesem fiesen, völlig überzeichneten Kindesvater hätte hören müssen.

Vielleicht reagiere ich sensibler als noch vor 5 Jahren. Das Klischee von lieben, vernünftigen und sachlichen Frauen (Opfer) und übergriffigen, aggressiven, brutalen Männern (Täter) geht mir gegen den Strich.

Ich will ein derartiges Zerrbild von Männern, das Feministinnen und ihre Speichellecker in der Presse so häufig wie irreführend zeichnen, nicht auch noch in meinem privaten Unterhaltungsbereich akzeptieren. Ich suche Unterhaltung und keine ideologisch motivierte Belehrung über toxische Männlichkeit. Nicht auch noch im Urlaub.

Wenn ein Mann nicht toxisch ist, wenn er ein guter Mann ist, dann wird er im neuen deutschen Krimi als erbärmliches Weichei dargestellt, den Frauen wie Dreck behandeln. Und selbstverständlich müssen Frauen zeigen, wo es langgeht: Die Ansagen von Ehefrau und Kollegin befolgt Rupert, teils zähneknirschend, aber immer in dem Wissen, dass die Unterordnung für ihn letztlich das Beste ist.

Vielleicht baut der Autor Rupert bewusst auf den ersten Seiten so abstoßend auf, um den erarbeiteten Respekt von Ehefrau und Schwiegermutter nach aufgeklärtem Mord als umso beeindruckender schildern zu können. Ich werde es nie erfahren.

 


 

Zum Glück hatte ich zwei weitere Hörbücher dabei, die mich leider nicht durch die ganze Urlaubszeit brachten: Raymond Chandler, „Ärger mit Perlen“ – großartig, aber kurz, amerikanisch knackig erzählt, mehr Handlung als Psychologie, überraschendes Ende – und Alex Beer, „Der zweite Reiter“, ein tolles Buch, dessen Handlung in Wien nach dem ersten Weltkrieg spielt und die von Hunger, Elend, Verbrechen, aber auch Anstand und Pflichterfüllung geprägte Atmosphäre gut wiedergibt. Spannend und unterhaltsam, mit Liebe zum Detail erzählt. Wer kennt heute noch Begriffe wie „Kostgänger“?

9 Kommentare zu „Der neue deutsche Krimi: Männer sind entweder toxisch oder würdelose Weicheier“

  1. Ja bitter, bei den TV Krimis find ich die Tendenz fast noch schlimmer, aber möglicherweise hat es etwas mit der weiblichen Dominanz in diesem Geschäftsbereich, (Literatur, Kunstgeschichte etc) zu tun….Lektorat; gibt es sowas noch in männlich?

    Und wenn überall die Geschichten auf demselben dualen Charakter der Männer basieren, eben dumm UND gewalttätig, dann fallen alle anderen Bilder wohl langsam aber sicher raus, weil sie den Mitarbeiterinnen/Lektorinnen und Leserinnen dann nicht mehr realistisch erscheinen. Offenbar handelt es sich auch noch um einen sich selbst verstärkenden Effekt oder Prozess, der von den Frauen alleine scheinbar nicht durchbrochen werden kann.

    Schon schade dass so viele Frauen auf dieses gesellschaftliche Framing reinzufallen scheinen, das ja obendrein der intellektuellen Verarmung Vorschub leistet (vom mehrdimensionalen männlichen Mensch zum eindimensionalen tumben Trottel)…gegen einen solchen „Mechanismus“ ist man glaub ich ziemlich aufgeschmissen. Erst Recht, wenn das schon so weit in der Gesellschaft angekommen ist.

    Man könnte natürlich eigene frames stricken, aber dazu fehlt nicht nur die Reichweite…mir würde auch der Wille fehlen, manipulatives Framing zu betreiben, weil wirkliche Emanzipation dadurch hintertrieben wird.

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  2. Ich darf an dieser Stelle mal Eigenwerbung machen, ja? Hier

    wirst du garantiert keine solchen Geschlechterklischees finden, im Gegenteil.

    (Gibt’s nur leider nicht als Hörbuch)

    Ich teile deine Erfahrungen mit deutschen Krimis. Wie ich neulich zu jemandem sagte: Ich glaube, ich habe in den letzten 20 Jahren keinen deutschen Krimi gelesen oder gesehen, in dem nicht eine junge Polizistin vorkam, die von ihren Macho-Kollegen gemobbt wurde, aber natürlich um Klassen besser war als die Männer und am Ende alle beschämt hat. Kann ich genau wie du nicht mehr ertragen.

    @Schleifmatt: Die Geschlechterklischees beim Film haben sicher auch etwas hiermit zu tun:
    „Der Spiegel berichtet über Frauen in technischen Berufen und erwähnt dabei das Projekt MINTIFF der Technischen Universität Berlin, finanziell unterstützt von der Bundesregierung und der EU, das feministischen Einfluss auf Drehbücher nimmt. Für die entsprechende Gestaltung einer Folge der Reihe Tatort wurden beispielsweise 10.000.- Euro gezahlt.“
    (Links siehe hier:)
    https://alternativlos-aquarium.blogspot.com/2016/04/das-feministische-jahr-2013.html

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    1. Danke für den Hinweis. Einflussnahme und Lesererziehung scheint fortgeschritten und erfolgreich zu sein.

      Bei Hörbüchern ist man leider auf Mainstream angewiesen. Die müssen gut vorgetragen sein.

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    2. Danke Gunnar, hab ich mir natürlich angesehen….das Projekt Mintiff wird aber wenn ich es richtig verstanden habe, seit 2015 oder so schon nicht mehr weitergeführt. An den Inhalten und Titeln hat sich aber trotzdem nichts geändert… vielleicht haben die ja einen Standard erarbeitet, der jetzt nur noch intern weitergereicht wird.

      Ich hab mir auch mal wahllos ein paar Filme auf ÖR rausgesucht und die Beschreibungen für ein video vorgelesen, weil ich das schonmal in einem Kommentar irgendwo gesehen habe, wie lustig weil doof das sein kann.
      Und es stimmt: alles ist bechdel-konform.
      Doof, uninteressant, klischeebehaftet und wahrscheinlich auch stinklangweilig. Hauptsache, es wird den politisch korrekten Ansprüchen gerecht.

      Daher bin ich da ganz bei Danisch: wer guckt sowas? 😋

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  3. Hattest Du mal bei frankjordanblog vorbeigeschaut. Die schreibt Krimis.
    https://frankjordanblog.wordpress.com
    Weiss aber nicht ob es auch Hoerbuecher gibt.

    Es gibt auch unzaehlige Hoerbuecher, viele Klassiker, auf Youtube, allerdings meist auf Englisch.

    Bislang wurde der Schriftsteller ja nur abgekanzelt (woertlich), wenn er ein „nicht hilfreiches“ Buch schrieb, welches gegen den Mainstream war. Heute muss ein Schriftsteller schon zu angeblich „extrem rechten“ Kleinverlegern gehen, wenn er die Mainstream-Suppe nicht loeffelt. Die Grossverleger nehmen nur noch Jubelperser an. Mit anderen Worten: Hast du was anderes erwartet?

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    1. Allerdings. Ich hatte nicht erwartet dass das Männerbashing im unpolitischen Unterhaltungssegment des Krimis so selbstverständlich ist. Ich habe ja ganz bewusst neuere deutsche Krimis ausgewählt, ich wollte mal keine Klassiker. Und dann dieses unerträgliche Zeug. Nein, das habe ich nicht erwartet.

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  4. Ich lese im Urlaub so alle 2 Tage 1 Buch, aber mehr englische /amerikanische Thriller… Selbes Problem.

    Regel #1: Frauen als Autoren kann man sich idr sparen.

    Jack Carr, the terminal list. Oder du schickst mir ne Email, ich hab auch was geschrieben…. 😉

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