Experte: Staatliche Bürokratien müssen in die Familien hinein regieren

Bei stern.de wurde ein Interview mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff veröffentlicht.

Glaubt man den Worten von Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater aus Bonn, laufen wir auf eine Katastrophe zu. Denn so, wie unsere Gesellschaft funktioniert, wird sie mit den Kindern und Jugendlichen, die derzeit heranwachsen, nicht weiterbestehen. Den Kindern fehle soziale Kompetenz, in Jobs sind das die sogenannten Soft Skills. Ein Gespür für Situation, das Setzen von Prioritäten, das Erkennen von Handlungsbedarf – Fehlanzeige. Auf 50 Prozent der Kinder trifft das heute zu, sagt der 64-Jährige.

Winterhoff spricht der Hälfte der heutigen Kinder die Sozialkompetenz ab. Diesen hohen Anteil kann ich in meiner direkten Umgebung nicht nachvollziehen. Wie es außerhalb des von mir direkt beobachteten Bereichs aussieht kann ich natürlich nicht sagen.

Falls der Anteil von 50 Prozent „Problemkindern“ korrekt ist, muss es sehr große Unterschiede zwischen Teilgruppen von Kindern geben. Meine Erwartung wäre, dass Winterhoff auf dieses Thema eingeht, damit der Leser das Problem verstehen und einordnen kann.

Welche Kinder besonders betroffen sind ist wichtig zu wissen, um die Ursachen zu verstehen. Nur so kann die Gesellschaft – Staat, Bürger, Institutionen – gegensteuern.

Leider wird Winterhoff das nicht tun. Es ist nur der erste von vielen Punkten in diesem Interview, an dem konkrete Aussagen beim Verständnis der Situation helfen würden, aber schlicht fehlen.

Mein Eindruck ist: Konkrete Aussagen fehlen, denn sie könnten unangenehm sein. Es ist möglich, dass Winterhoff Angst vor der Reaktion hat, wenn er beispielsweise Schwerpunktstadtteile nennen würde, oder Kinder antiautoritärer Eltern, Migranten, Einzelkinder, Kinder vom Lande, Ostdeutsche, Westdeutsche oder Kinder Alleinerziehender.

Ohne diese konkreten Aussagen bleibt das Interview im Wagen und Ungefähren.

Und er führt diese Entwicklung nicht auf mangelnde Erziehung zurück, sondern auf die fehlende „erworbene Intelligenz“. Und das liege daran, dass Kindern ein Gegenüber fehle, eine menschliche Person, mit der sie sich auseinandersetzen.

Diese Aussage ist erkennbar inkonsistent, schließlich ist „Erziehung“ eine Tätigkeit und fehlende „erworbene Intelligenz“ eine Eigenschaft. Es sind Äpfel und Birnen, die hier verglichen werden.

Es ist auch nicht schlüssig, warum die fehlende Sozialkompetenz von Kindern keine Folge mangelnder Erziehung sein soll, sondern stattdessen auf das Fehlen einer „erworbenen Intelligenz“ zurückgeführt wird.

Wodurch „erwirbt“ man denn diese „Intelligenz“? Hat Erziehung darauf keinen Einfluss?

Auf die Spitze der Absurdität wird die Aussage dadurch getrieben, dass als Ursache für die fehlende „erworbene Intelligenz“ auch noch ein fehlender Gegenüber angegeben wird. Wer wäre denn so ein Gegenüber? Die Eltern vielleicht?

Ist es nicht genau Erziehung, die (zumindest teilweise) zur „erworbener Intelligenz“ führt?

Es bleibt offen, ob diese Aussage so von Winterhoff kommt, oder ob Stern- Autorin Susanne Baller ihn falsch wiedergibt.

Auf mich wirkt diese Aussage nicht wie Zufall. Nicht in diesem Interview.

Es wirkt wie der erste von vielen Versuchen, die Eltern von der Verantwortung für schlechte Erziehung freizusprechen – und sie gleichzeitig aus der Zuständigkeit für die Erziehung herauszudrängen.

Liest man bei Wikipedia unter „Erziehung“ nach, findet sich, dass auch das Erlernen von sozialen Fähigkeiten Teil der Erziehung ist.

Unter Erziehung versteht man die pädagogische Einflussnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. […]
Der Ausdruck „Erziehung“ bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch […] die Gesamtheit allen erzieherischen Handelns, das die Personalisation, Sozialisation und Enkulturation eines Menschen steuert […].

Erziehung beinhaltet den Erwerb von Sozialkompetenzen. Michael Winterhoff ist Kinder- und Jugendpsychiater. Weiß er das nicht? Oder versucht er die Leser bewusst in die Irre zu führen?

Das Bildungswesen habe sich in die falsche Richtung entwickelt: autonomes Lernen (Kinder erarbeiten sich alles alleine), individuelles Lernen (Kinder entscheiden, auf welchem Niveau sie lernen) und Lehrer und Erzieher, die ihrem eigentlichen Beruf gar nicht mehr nachgehen, sondern nur noch sogenannte Lernbegleiter sind.

Michael Winterhoff schränkt die Verantwortung für mangelnde „erworbene Intelligenz“ auf das Bildungswesen ein. Nur das Bildungswesen entwickelt sich seiner Meinung nach in eine falsche Richtung.

Winterhoff berichtet von einigen Beispiele für Kindergärten, die aus seiner Sicht falsch erziehen, weil sie Kinder autonom entscheiden lassen, was sie gerade wollen und ihnen nichts vorschreiben oder abverlangen.

Die Eltern werden nicht erwähnt, nicht einmal der der Einfluss der Eltern auf solche Bildungseinrichtungen. Eltern könnten gegen ungeeignete Methoden protestieren, sie könnten versuchen ihre Kinder in anderen Einrichtungen unterzubringen. Das mag in Zeiten knapper Kindergartenplätze schwierig sein, ein Signal an die Träger und die Gemeindeverwaltung wäre schon der Versuch.

Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff ignoriert in seiner Bestandsaufnahme das Offensichtliche: Viele Eltern begrüßen diese neuartigen Erziehungsmethoden.

Es ist falsch, die Eltern aus der Verantwortung zu nehmen. Es ist falsch, weil es den Kindern schadet die Verantwortung nur auf staatliche Einrichtungen abzuschieben.

Viel besser wäre die Aufforderung an die Eltern Verantwortung zu übernehmen und bessere Kindergärten für ihre Kinder einzufordern und ihre Kinder in besseren Einrichtungen unterzubringen.

Winterhoff glaubt an die Lösung „von oben“ durch Politik und Staat. Dabei ignoriert er seine wichtigsten Verbündeten im Kampf für die Kinder: Die Eltern.

Die allermeisten Eltern würden Berge versetzen, wenn es im ihre Kinder geht. Winterhoff müsste sie ansprechen und sie überzeugen, dass so manches Bildungsverständnis ihren Kindern schadet. Die Eltern würden mit den Füßen abstimmen.

Die emotionale, soziale Psyche ist ein Teil unseres Gehirns, da gibt es einen Hirnreifungsprozess. Und das Entscheidende dafür ist die Bindung, die Orientierung des Kindes am Gegenüber. Wenn die fehlt, kann sich diese Psyche nicht bilden.

Auch an dieser Stelle ignoriert Winterhoff das Offensichtliche: Das Problem liegt nicht nur in staatlichen Einrichtungen. Wer käme denn noch als „Gegenüber“ für „Bindung“ und „Orientierung“ in Frage? Mir fallen da spontan die Eltern und die Familie ein.

Ehrlich gesagt fallen mir dafür sogar zu allererst die Eltern ein. Viel mehr als Erzieher und Lehrer. Erzieher und Lehrer sind keine Konstante im Kinderleben. Ziehen sie um, sind sie weg. Werden sie schwanger, sind sie weg. Finden sie einen attraktiveren Arbeitsplatz, sind sie weg. Zieht das Kind um, sind sie weg. Wechselt das Kind die Gruppe, sind sie weg. Kommt das Kind in die Schule, sind sie weg.

Wie kann ein Kinder- und Jugendpsychiater Menschen, für die die Kinder nur ein Job sind allen Ernstes noch vor den Eltern als Bindungsperson sehen?

Michael Winterhoff beschreibt, wie wichtig Bezugspersonen für den Hirnreifungsprozess sind. Warum nimmt er nicht in erster Linie die Eltern in die Pflicht?

Das Wichtigste, das wir im Leben brauchen, ist nicht lesen, schreiben, rechnen zu können, sondern dass wir über diese Psyche verfügen.  […]

Wir haben eine Grundintelligenz mitgebracht, die ist unterschiedlich, aber nicht entscheidend, entscheidend ist diese erworbene Intelligenz. Und die kann sich nur bilden, wenn das Kind von klein auf ein Gegenüber hat, an dem es sich orientieren kann. Wenn es jemanden hat, der mit dem Kind auch Dinge einübt und sie abverlangt.

[Susanne Baller:] Sind dafür nicht auch die Eltern zuständig?

[Michael Winterhoff:] Die wichtigsten Jahre, die das Kind hat, sind die ersten zehn, im Schwerpunkt die ersten sechs. Wenn Eltern das nicht leisten können – und das können immer mehr nicht –, dann müssen die Systeme außerhalb übernehmen. Wenn die aber in Richtung autonom lenken, sind die Kinder verloren.

Die Frage nach der Zuständigkeit der Eltern ist vorsichtig formuliert. Es fällt auf, dass Michael Winterhoff nicht auf die Frage eingeht.

Michael Winterhoff beschreibt eine Entwicklung: Die Situation war früher besser, heute können aber immer mehr Eltern ihre Kinder offensichtlich nicht mehr zu selbstständigen Erwachsenen erziehen.

Wäre es da nicht naheliegend zu fragen, was sich geändert hat? Warum können Eltern das heute nicht mehr leisten, obwohl sie es früher konnten?

Warum ist der Ruf nach dem Staat das erste was Michael Winterhoff einfällt, statt die Ursachen herauszuarbeiten und daraus Maßnahmen abzuleiten?

Winterhoff ignoriert die Verantwortung der Eltern, obwohl die Frage danach explizit gestellt wurde.

[Susanne Baller:] Wieso können Eltern das nicht leisten?

[Michael Winterhoff:] Natürlich gibt es Eltern, die die Möglichkeit haben, sich die Zeit für die Kinder zu nehmen. Es gibt Eltern, die es als wichtig erachten, die Schulleistung zu begleiten. Es gibt auch Eltern, die es sich finanziell leisten können, besonders für sich und ihr Kind zu sorgen. Aber da reden wir von privilegierten Ausnahmen.

Auch hier: Winterhoff beantwortet die Frage nicht.

Warum, frage ich mich, stellt Winterhoff keine Forderungen an die Eltern? Das ist doch naheliegend. Er schreibt ja auch, dass es Eltern gibt, die sich die Zeit für ihre Kinder nehmen und dass es Eltern gibt, denen es wichtig ist ihre Kinder schulisch zu begleiten.

Warum fordert er nicht von den anderen Eltern ein, dass sie sich ebenfalls um ihre Kinder kümmern?

Sich Zeit für die Kinder zu nehmen ist eine Frage der verfügbaren Freizeit, vor allem ist es aber eine Frage der Prioritäten der Eltern.

Statt die Eltern positiv hervorzuheben, die sich um ihre Kinder kümmern, schwenkt Winterhoff auch noch die moralische Vorwurfskeule gegen einen Teil von ihnen und erklärt sie zu privilegierten Ausnahmen.

Diese Moralkeule ist ihm so wichtig, dass er dafür extra einen Themenschwenk vollzieht: Oben ging es um Kindergärten und zu viel Autonomie, die den Kindern schadet. Es ging um Bindung und Orientierung. Er betont auch, dass lesen, schreiben und rechnen nicht das wichtigste sei, was wir im Leben brauchen.

Trotzdem wechselt er hier vom Kindergarten zur Schule, nur um Leistungsträgern, die sich um ihre Kinder kümmern, unterschwellig ihre angeblichen Privilegien vorzuwerfen.

Dabei ist es gerade anders herum: Arbeitslose haben beispielsweise viel mehr Freizeit als die meisten Leistungsträger. Sie könnten sich viel mehr um ihre Kinder kümmern, Zeit dafür steht ausreichend zur Verfügung. Viele Arbeitslose werden ihre Zeit sicher auch genau dafür nutzen.

Die Arbeitslosen, die das nicht tun, könnte er ansprechen und in die Verantwortung nehmen, weil sie falsche Entscheidungen treffen und schlechte Prioritäten setzen.

Das tut Winterhoff aber nicht. Er traut ihnen offensichtlich keine Verbesserung zu. Er glaubt offensichtlich nicht, dass ihnen ihre Kinder so wichtig sind, dass sie ihr Verhalten ändern wollen und können.

Für ihn gibt es in diesem Interview nur entmündigende, paternalistische Lösungen.

Die Gruppe der Eltern, die das nicht leisten können, ist sehr groß geworden. Und wir können und dürfen diese Kinder nicht alleine lassen

Und wieder: Winterhoff beschreibt eine Entwicklung. Früher war es besser für die Kinder. Warum analysiert er nicht, was sich geändert hat?

Man schaut sich an, warum etwas früher funktioniert hat und heute nicht mehr und setzt dort an? Wenn wir „diese Kinder“ nicht „alleine lassen“ dürfen, warum fordert er dann nicht das erwiesenermaßen und erprobte Beste für sie, nämlich das, was in der Vergangenheit funktioniert hat?

Stattdessen schreibt er, dass es viele Eltern nicht mehr „leisten können“, ihre Kinder zu Erwachsenen zu erziehen. Die „können“ das nicht. Ganz passiv ist die Gruppe irgendwie groß geworden. Niemand ist verantwortlich, es gibt keine Gründe und Ursachen.

Der Widerspruch in seinen Aussagen scheint ihm nicht aufzufallen. Oben ist angeblich das Bildungssystem Schuld. Jetzt versagen auf einmal die Eltern, aber das Bildungssystem soll das ausgleichen.

Mir gefällt diese Denkweise nicht. Susanne Baller fragt nach der Zuständigkeit der Eltern. Michael Winterhoff antwortet darauf nicht.

Nimmt man aber jemandem die Zuständigkeit und damit auch die Verantwortung, nimmt man ihm auch den Gestaltungsspielraum.

Indem Winterhoff Bildungseinrichtungen immer weitere Zuständigkeiten zuschreibt, nimmt er sie den Eltern weg. Seine Vorstellungen berauben Eltern der Möglichkeit ihre Kinder nach ihren eigenen Vorstellungen zu erziehen.

Stattdessen sollen den Kindern soziale Kompetenzen durch Menschen für die Kinder nur ein Job sind, Menschen für die das Kind nur eines unter vielen ist, beigebracht werden. Die Lehrpläne dazu werden pauschal und für alle Kinder gleich von Bürokratien festgelegt.

Das soll besser für die Kinder sein als die Fürsorge der Eltern?

Selbstverständlich gibt es sehr gute und engagierte Erzieher und Lehrer. Natürlich sind nicht alle Lehrpläne schlecht. Aber sind nicht die Eltern die richtigen Adressaten, wenn es um das Wohlbefinden ihrer Kinder geht?

Winterhoff beobachtet Probleme nur bei manchen Kindern. Aber er analysiert die Ursachen nicht, und macht ohne Begründung immer nur den Staat und seine Einrichtungen verantwortlich.

Der Staat als Elternersatz. Pauschaler Entzug von Verantwortung bei allen Eltern, statt persönlicher, individueller Verantwortung für die Eltern, die betroffen sind.

Und das soll dann im Sinne der Kinder sein. Absurd.

Wir brauchen heute, um Kinder entwickeln zu können, viel kleinere Gruppen.

Zur Entwicklung der Klassengrößen sagt Wikipedia:

Gab es 1997 in deutschen Grundschulen noch 22 Schüler pro Lehrer, waren es 2010 im Schnitt 17 und 2015 nur noch 16.

Auch an anderen Stellen findet sich, dass Klassen früher zum Teil deutlich größer waren als heute.

Die Wirksamkeit von Winterhoffs Forderung nach kleineren Klassen um die sozialen Kompetenzen der Schüler zu verbessern ist also durch nichts belegt.

Im Gegenteil: Die Klassen sind kleiner geworden und trotzdem berichtet Winterhoff im gleichen Zeitraum von einer Entwicklung zum Schlechteren.

Winterhoff fordert mehr von den immer gleichen Maßnahmen (Klassengröße reduzieren) statt die Ursachen für die Unterschiede zwischen den Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern und denen, die das nicht tun, herauszuarbeiten und auf persönlicher Verantwortung zu bestehen.

Winterhoff ist nicht bereit, die Probleme beim Namen zu nennen. Damit handelt er nicht im Interesse der Kinder.

Ich fordere die Umstellung, dass wir Lehrer wieder als Lehrer sehen, dass Erzieher wieder Erzieher sind.

Bei einigen seiner Einschätzungen zur Fehlentwicklung unseres Bildungssystems gebe ich Winterhoff Recht. Ich bin ebenfalls der Überzeugung, dass Erzieher und Lehrer keine Freunde oder Begleiter sein sollten, sondern Respektspersonen.

Aber auch hier verschweigt er, woher diese Fehlentwicklung kommt. So etwas passiert doch nicht von allein. Es kann beispielsweise etwas mit der Ausbildung oder den Lehrplänen zu tun haben. Es könnte auch etwas mit dem verfügbaren Personal zu tun haben, die bereit sind diese Berufe zu ergreifen.

Es könnte auch mit den Eltern oder den Kindern zusammenhängen, dass sich Bildungseinrichtungen zunehmend antiautoritär aufstellen. Schlagen sich beispielsweise im Konflikt zwischen Lehrer und Kind die Eltern immer auf die Seite der Kinder, berauben sie ihn seiner Autorität. Es ist anzunehmen, dass Lehrkräfte darauf mit Rückzug reagieren.

Winterhoff weicht der Frage nach den tieferliegenden Ursachen für die von ihm beobachteten Probleme aus. Er scheint niemandem die Schuld geben zu wollen.

Aber wir müssen, wenn uns die Kinder wichtig sind und wir als Gesellschaft Menschen haben wollen, die so leben können wie wir, investieren.

Kinder sind uns doch nicht wichtig, wenn wir an den Symptomen herumdoktern, aber keinesfalls an der Ursache rühren!

Einer Gesellschaft, die von Eltern nichts verlangt, nicht einmal dass sie sich um ihre Kinder kümmern, sind Kinder nicht wichtig!

Im Gegenteil: Winterhoff echauffiert sich noch über angeblich privilegierte Eltern, weil sie sich um ihre Kinder kümmern.

Ich brauche in der Grundschule auf 15 Kinder zwei Lehrer oder einen Lehrer und einen Erzieher. Ich brauche das auch in der Nachmittagsbetreuung in der Offenen Ganztagsschule, da ist der Schlüssel aktuell 1:25 und diese Person ist oft noch nicht mal Erzieherin.

Wird ganz sicher nicht teurer. Klar.

Und ganz ehrlich: So als würde eine Ausbildung als „Erzieher“ uneingeschränkt ein Qualitätsmerkmal sein. Deren Ausbildung beinhaltet doch zunehmend gerade das, was Winterhoff als „autonomes Lernen“ bezeichnet.

Winterhoffs These ist ja gerade, dass Bildungseinrichtungen – und damit natürlich auch deren Personal – verantwortlich für Kinder sind, die geistig im Kleinkindalter steckenbleiben.

Mehr Erzieher bringen per se den Kindern also gar nichts. Im Zweifel bedeuten mehr Lehrer und Erzieher nur mehr vom Schlechten.

Winterhoff kritisiert einerseits „individuelles Lernen (Kinder entscheiden, auf welchem Niveau sie lernen)“ ignoriert aber andererseits, dass mehr Personal bedeutet, dass man sich überhaupt individueller auf jedes Kind einlassen kann.

Die Frage ist doch, ob der Gegensatz zwischen den von Winterhoff kritisierten „Lernbegleitern“ und Lehrern nicht auch etwas damit zu tun hat, dass ein Lehrer vor 25 Kindern nur durch Autorität die Klasse im Griff behalten konnte, auch wenn das bedeutete, dass die größten Störenfriede rausflogen.

Liegt es nicht auf der Hand, dass der einzelne autoritäre Lehrer, der nicht auf jedes Problemchen eingehen kann, ein viel besseres „Gegenüber“ ist, mit dem sich Kinder auseinandersetzen müssen und an dem sich Kinder orientieren können, als zwei Lehrer die versuchen den Störenfried zu therapieren?

Winterhoffs Vorschlag läuft geradezu darauf hinaus, dass Problemkinder vor versammelter Mannschaft durch mehr Aufmerksamkeit aufgewertet werden und sich gerade nicht mit dem Gegenüber an der Tafel auseinandersetzen müssen.

Das ist nicht die letzte von Winterhoffs Widersprüchlichkeiten in diesem Interview.

Eine weitere Frage ist auch hier wieder, ob nicht so manche Eltern strengen und autoritären Lehrern und Erziehern in die Parade fahren. Die Autorität eines Lehrers ist auch von den Eltern abhängig.

An der Verantwortlichkeit der Eltern kommt man nicht vorbei, es sei denn, man verschließt aktiv die Augen davor, so wie Winterhoff das zu tun scheint.

[Susanne Baller:] Können Sie erzählen, wie Sie die Veränderung der Kinder in der Praxis erleben?

[Michael Winterhoff:] Auf die Psyche eines Kindes kann man nur durch Beobachtung schließen. […] das Verhalten, das ich heute bei Kindern und Jugendlichen sehe, entspricht dem Verhalten eines Kleinkindes. Wenn ich früher einen Fünfjährigen gefragt habe: „Was machst du gern im Kindergarten?“, hat er gestrahlt und erzählt, was er da spielt. Wenn ich gefragt habe mit wem, hatte er die Namen der Kinder präsent. Er hat es mir so erzählen können, dass ich mir etwas darunter vorstellen konnte und er war im Affekt. Das heißt, wenn ich nach Freunden gefragt habe, war das Gefühl, dass das Kind dabei hatte, im Raum. Wenn man heute einen Fünfjährigen fragt, was er gerne im Kindergarten macht, dann kommt häufig die Antwort: „Weiß ich nicht.“ Wenn ich dann nachfrage, was man dort machen kann, tun manche Kinder so, als müssten sie lange nachdenken oder sie müssen vielleicht auch lange nachdenken. Dann kommt irgendwas wie: mit Autos spielen. Die Antworten sind ohne Affekt. Wenn ich nach den anderen Kindern frage, wissen viele gar nicht die Namen von denen, mit denen sie spielen. Sie nehmen nur sich wahr. Sie stehen auf einer Entwicklungsstufe von 10 bis 16 Lebensmonaten, das ist ein Abschnitt, wo man nur sich sieht und gar nicht erkennt, dass es ein Gegenüber gibt.

Eine bittere Diagnose. Aber eine Diagnose, die ich in meinem Umfeld einfach nicht nachvollziehen kann.

Es macht mich fassungslos: Michael Winterhoff behauptet, dass die Hälfte der Kinder in Deutschland Quasi-Psychopathen sind, aber er benennt Ross und Reiter nicht. Er stellt das in den Raum, so als ob das ein allgemeines Problem wäre, etwas, das jeden treffen kann.

Dem ist natürlich nicht so. Es ist bestimmtes Verhalten, dass zu psychopathischen Kindern führt. Statt aber den Eltern konkrete Hinweise für Verbesserungen zu geben und damit den Kinder zu nutzen, gibt es bei Winterhoff nur Probleme bei den Bildungseinrichtungen.

Auch an einer anderen Stelle bleibt Winterhoff hinter seinen Möglichkeiten: Die von ihm beobachteten Veränderungen korrelieren mit vielen Familien- und Bildungspolitischen Veränderungen der letzten 30 Jahre.

Aber er benennt auch hier Ross und Reiter nicht. Vielleicht scheut er sich, weil diese Veränderungen mit dem progressiven Zeitgeist zusammen hängen. Es sind schließlich Veränderungen, die vom linken politischen Spektrum forciert werden.

Winterhoff scheint Angst vor seiner eigenen Courage zu haben. Er will Kindern helfen, scheut sich aber auf mögliche tieferliegende Gründe hinzuweisen.

Ein Beispiel: Ein 15-Jähriger aus Berlin, top erzogen, ausgezeichneter Schüler am Gymnasium, beschimpft seine Mutter mit den übelsten Schimpfworten, wenn er seinen Willen nicht kriegt.

Langsam gehen mir die sachlichen Reaktionen aus. Michael, dieses Kind ist nicht „top erzogen“, wenn es seine Mutter mit „übelsten Schimpfworten“ beleidigt. Wo lebst du denn?

Es klingt eher nach „außer Kontrolle“, so als hätten die Eltern gar nichts im Griff.

Es ist auch der Beleg dafür, dass alle Diagnosen, die Michael Winterhoff gestellt hat, falsch sind: Wie soll denn bei so einem Psycho-Kind das Bildungssystem helfen?

Der Junge beleidigt seine Mutter „übelst“, das findet im privatem Umfeld statt, wo genau soll da bitte das Bildungssystem ansetzen um die familiären Beziehungen zu reparieren?!

Mehr noch: Wer möchte denn, dass das staatliche Bildungssystem in die familiären Beziehungen hinein wirkt? Das klingt wie in einem dystropischen Science-Fiction-Roman.

Bürokraten formen familiäre Beziehungen. Gruselig.

An einem Sonntagmorgen bricht er in einem Baumarkt ein, um eine Kettensäge zu klauen, und nimmt noch seinen elfjährigen Bruder mit. Warum? Weil der Motor seines Carts kaputt war und der einer Kettensäge sich als Ersatz eignet. Er schneidet also den Drahtzaun auf und wundert sich, dass fünf Minuten später die Polizei dasteht. Wobei alles voller Kameras und Alarmanlagen ist. Dass man am helllichten Tag gesehen werden könnte und jemand die Polizei ruft, begreift er nicht. Dass der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ergebnis steht und dass er seinen kleinen Bruder da mit hineingezogen hat, auch nicht. Er kann einfachste Zusammenhänge nicht erkennen. Und als er vor mir saß, wusste er nicht, was er hier sollte. Und das erklärt sich nur über den Reifegrad in der emotionalen sozialen Intelligenz eines Kleinkindes.

Ja, dieses Kind ist verloren. Der Junge scheint auf das Leben völlig unvorbereitet zu sein.

Aber nichts von dem, was Winterhoff berichtet würde ich als Problem des Bildungssystems sehen. Sind alle Kinder in seiner Klasse betroffen? Sind die alle kriminell und ziehen ihre Geschwister mit rein?

Das glaube ich eher nicht. Was ist also das besondere an der Situation dieses Jungen? Was genau haben die Eltern falsch gemacht?

Warum sagt Winterhoff das nicht? Die allermeisten Eltern würden doch im Sinne ihrer Kinder versuchen, solche Fehler zu vermeiden. Warum vertraut Winterhoff den Eltern nicht?

Ich spekuliere mal, dass es kein Zufall ist, dass Winterhoff nur von der Mutter spricht, nicht aber von den Eltern oder vom Vater. Ich könnte mir vorstellen, dass der Junge das Kind einer Alleinerziehenden ist.

Und ich vermute, dass Winterhoff sich scheut, das so offen auszusprechen, weil diese Gruppe möglicherweise überdurchschnittlich häufig betroffene Kinder hervorbringt. 

Ein Kind, das nur von einem Elternteil aufgezogen wird, hat Nachteile.

Und das ist das, was die Betriebe heute zu Recht sagen, wenn sie Praktikanten anstellen oder Auszubildende: Sie haben keine Arbeitshaltung, die sehen auch die Arbeit nicht, die haben keinen Sinn für Pünktlichkeit, erkennen Strukturen und Abläufe in der Firma nicht, sie können nicht priorisieren, nicht feststellen, welcher Reiz wichtig ist. Das Handy ist ihnen wichtiger als der Kunde, der vor ihnen steht.

Linke Familien- und Bildungspolitik hinterlässt für alle nur einen Scherbenhaufen.

Seit Ende des letzten Jahrtausends geht es bergab. Wir haben das Glück, in einer Hochkultur zu leben, die vor 200 Jahren die Kindheit erfunden und sich Gedanken über das Bildungswesen gemacht hat. Diese enorme Psyche, die wir haben, würden wir unseren Kindern automatisch mitgeben, wenn wir in uns ruhen würden, abgegrenzt und klar wären. So war das bis 1995, die Menschen waren viel zufriedener als heute. Hätte man 1990 solche Lernmethoden vorgestellt, mit offen und frei und auf sich gestellt, hätte man die Leute für irre erklärt. Weil man ein Gespür für Kinder hatte und dafür, was für sie gut und wichtig ist. Die Digitalisierung hat die Menschen verändert.

Na klar. Die Digitalisierung. Jetzt benennt Michael Winterhoff endlich mal einen Grund und dann ist es so etwas.

Ich bin auf die Beweisführung gespannt. Besonders auf seine Erklärung, warum die Digitalisierung zwar alle Eltern und Bildungseinrichtungen trifft, aber nicht alle Kinder betroffen sind.

[Susanne Baller:] Wie macht sich das bemerkbar?

[Michael Winterhoff:] Als Kinderpsychiater erlebe ich das ständig in meiner Praxis. Wenn Sie mal sehen, wie wenig Kinder heute mit fünf Jahren noch können – eine Schere bedienen oder einen Stift, das wäre eine Ausnahme.

Michael, das stimmt einfach nicht. Das können die Kinder die ich in meinem Umfeld beobachte, das sind nicht einzelne Ausnahmen. Die können das einfach. Alle.

Wo auch immer du arbeitest, Michael, dieses Umfeld scheint geradezu toxisch für Kinder zu sein, wenn es die Kinder derart verkümmern lässt. Das solltest du benennen um anderen Eltern einen Hinweis zu geben, was sie auf keinen Fall tun sollten.

Bei dieser Altersgruppe geht es um Kindergartenkinder. Die Kinder werden durch ihre Eltern und Kindergärten erzogen. Im Kindergarten dürfte die Digitalisierung keine Rolle spielen.

Falls der negative Einfluss der Digitalisierung nicht einfach frei erfundener Quatsch ist, betont das also nur noch mehr die Verantwortung der Eltern für diese Misere, weil die Digitalisierung das Verhalten der Eltern in den letzten 20 Jahren viel stärker beeinflusst hat als das tägliche Leben in Kindergärten.

Manche Eltern scheinen ihre Kinder trotz Digitalisierung zu Erwachsenen erziehen zu können, andere Eltern scheinen das nicht zu schaffen.

Fast schon nebenbei möchte in anmerken: Das Thema war Winterhoffs Behauptung, dass die Digitalisierung Schuld an der mangelnden erworbenen sozialen Intelligenz von Kindern sei.

Die Frage nach Details belegt Winterhoff aber nicht mit Beispielen mangelnder sozialer Intelligenz sondern mit handwerklichen Fertigkeiten und (dieser Teil der Antwort folgt noch) Bildungserfolg.

Auch hier wirkt dieser Winkelzug nicht wie Zufall, denn durch diese Wahl der Beispiele werden ein weiteres Mal die Eltern aus der Verantwortung genommen, weil es Fähigkeiten sind, die man in Kindergarten und Schule erlernt.

Aber was haben diese Fähigkeiten mit dem 15-jährigen Einbrecher zu tun, oder mit dem Praktikanten, dem sein Handy wichtiger als der Kunde ist?

Wenn Sie mal sehen, was sie Ende der vierten Klasse können: 1995 konnten die Kinder noch drei- bis viertausend Wörter richtig schreiben, in schöner Schrift und völlig sicher. Wenn Sie sich das heute angucken, ist das einfach traurig und auch fahrlässig.

Im ganzen Interview ging es um die erlernte (soziale) Intelligenz, auch die Frage zielte darauf ab. Jetzt sind wir bei etwas völlig anderem, nämlich bei der ureigensten Aufgabe des Bildungssystems. Immer wie es Winterhoff gerade in den Kram passt.

Wenn Kinder am Ende der vierten Klasse Analphabeten sind – für Winterhoff ist das die Schuld der Digitalisierung. Nicht etwa die Schuld versagender Schulen aufgrund falscher Bildungspolitik.

Kennt noch jemand „Schreiben nach Gehör“? Kinder schreiben wie sie wollen und werden nicht korrigiert? Das funktioniert erwiesenermaßen schlecht, im Ergebnis schreiben Kinder viel schlechter.

Das hat nichts mit Digitalisierung zu tun. Warum schützt Winterhoff verantwortungslose oder dumme Politiker und Pädagogen, die an Kindern experimentelle Methoden testen und ihre Lebenschancen schmälern?

Warum gibt er ihnen die Möglichkeit ihr Versagen hinter „Digitalisierung“ zu verstecken?

Man könnte das verändern, aber das ist ein dickes Brett. Es kann nur gelingen, wenn die Eltern sagen: Wir wollen mehr Qualität, wir wollen eine Änderung.

Es ist wirklich schwierig Michael Winterhoff zu folgen. Das Thema dieses Interviews war die erworbene soziale Intelligenz, die wichtiger sei als Schulbildung. Dennoch sind wir jetzt bei genau beim Thema Schulbildung.

An dieser Stelle nimmt Winterhoff die Eltern zum ersten Mal in die Verantwortung, aber nur, um unspezifische Forderungen an andere zu formulieren und ergeben darauf zu hoffen, dass irgendetwas besser wird, statt zum Wohle ihrer Kinder aktiv zu handeln.

Trotzdem würde ich das als Fortschritt betrachten, wenn es nicht so absurd wäre, weil Winterhoff wahrscheinlich genau die Eltern, die aktiv handeln und alle Hebel in Bewegung setzen, um ihre Kinder auf eine bessere Schule zu schicken, als „privilegiert“ diffamieren würde. So wie er das schon mit den Leistungsträgern getan hat, sie sich um ihre Kinder kümmern.

Aber letztendlich ist auch die Industrie gefragt, damit die Bildungspolitik sich endlich ändert.

Es wird immer absurder. Michael Winterhoff hält jeden für zuständig. Er nutzt alle Möglichkeiten, egal wie weit sie hergeholt sind, nur um nicht auf die Ursachen für die Misere eingehen zu müssen.

Statt endlich mal Butter bei die Fische zu geben und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Problemkinder in seiner Praxis zu benennen, damit man daraus etwas lernen kann, führt er jetzt auch noch die Industrie ins Feld.

Warum die Industrie, frage ich mich? Denen ist es doch egal, wer bei denen arbeitet. Wenn die Kinder aus deutschen Schulen Versager sind, sorgt die Industrie dafür, dass Mitarbeiter von woanders kommen oder verlegen Betriebsanteile woanders hin.

Es gibt auch nicht „die Industrie“ als gleichförmigen monolithischen Block gleicher Interessen. Die einzelnen Firmen und Industriezweige haben unterschiedliche Erwartungen an die Bildungspolitik.

Es ist doch offensichtlich: Die einzigen, denen wirklich etwas an den Kindern liegt, sind die Eltern.

Sie sind der richtige Adressat, wenn um Veränderungen zum Besseren geht.

Bildungspolitik in Deutschland ist Ideologie und die ändert sich mit jedem Regierungswechsel.

Michael Winterhoff suggeriert, dass jeder Kurswechsel in der Bildungspolitik gleichwertig wäre. So als wäre „Schreiben nach Gehör“ einzuführen und eine ganze Generation Kinder zu verheizen gleichwertig zur Abschaffung desselben.

Dazu passt, auch, dass er von den Eltern erwartet „mehr Qualität, […] eine Änderung“ einzufordern – so als ob nicht jede Partei und jede ideologische Richtung etwas anderes darunter verstehen würde.

Ist es Angst oder Fahrlässigkeit, die verhindert, dass sich Winterhoff konkret positioniert? Warum sagt er nicht, welche Änderungen notwendig wären und in welchen Wahlprogrammen er sie am ehesten gefunden hat?

Welche Bundesländer unter welchen Parteien haben gute und welche haben schlechte Änderungen am Bildungssystem vorgenommen?

Winterhoff gibt den Mahner, der um Kinder besorgt ist. Aber immer wenn er wirklich etwas tun könnte, entscheidet er sich, nichts konkretes zu sagen.

[Susanne Baller:] Was ist in den Schulen passiert?

[Michael Winterhoff:] Die Schulen wurden in den letzten 20 Jahren kaputtreformiert, die Lehrer können nicht mehr. Auf die wahren Probleme schaut man nicht, dass wir, wie es bis 1995 noch war, nicht mehr darüber verfügen können, dass alle Kinder eine Schulreife mit sich bringen. Damals wollten die Kinder in die Schule, waren lernwillig, wissbegierig und haben auch Dinge gemacht, zu denen sie keine Lust hatten, üben, Hausaufgaben etc. Und heute haben die Lehrer einen großen Teil von Schülern da sitzen, die Kleinkinder geblieben sind und sich nicht haben entwickeln können. Wir haben an den Bedürfnissen der Kinder vorbei ein ganzes Bildungswesen auf den Kopf gestellt.

Ich versuche mal die Kernaussagen dieses Gefasels herauszuarbeiten:

  1. Die Schulen sind kaputt. Ursache: Bildungspolitik.
  2. Die Kinder kommen nicht schulreif in die Schule. Ursache: unausgesprochen.
  3. Nochmal 1.

Es gibt keinen Zusammenhang zwischen 1. und 2. Es sind unterschiedliche Probleme mit unterschiedlichen Ursachen und mit unterschiedlichen Lösungen.

Schon der Rückblick auf Winterhoffs eigenes Beispiel des 15-jährigen Einbrechers macht überdeutlich, dass das zwei völlig verschiedene Probleme sind. Er beschreibt den Jungen als „ausgezeichneten Schüler“. Trotzdem ist er kaputt. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Winterhoffs Thesen sind ungeeignet um Probleme zu lösen, weil bereits die Analyse schwammig und unzusammenhängend ist.

Man sieht das auch daran, dass Winterhoff ganz selbstverständlich auch diese Frage nicht beantwortet. Er sagt nur, dass sich etwas geändert hat, aber zu konkreten Inhalten sagt er nichts.

Und in bester Manier der etablierten Medien lässt ihm Susanne Baller das natürlich auch dieses mal einfach durchgehen. Nachfragen, dran bleiben – unbekanntes Terrain.

Irgendjemand hat die Schulen „kaputtreformiert“. Wer das war, was kaputt gemacht wurde, ob das in allen Bundesländern, in den Städten und auf dem Land in gleichem Maße passiert ist – dazu sagt er nichts. Winterhoff will offensichtlich niemandem weh tun.

Er beschriebt, wie eine Generation von Kindern verloren geht und bejammert das. Ross und Reiter benennt er nicht. Danke, Michael Winterhoff. Sehr wertvoll.

Und das zieht sich bis ins Berufsleben durch?

Bei vielen. Ich befasse mich nicht mit den 50 Prozent der Heranwachsenden, die super gelungen sind und bestens ins Leben gehen können. Ich bin als Arzt damit befasst, wenn etwas nicht stimmt. Und bei den anderen 50 Prozent haben wir etwas versäumt und darauf mache ich aufmerksam. Die Veränderung des Bildungswesens kommt ja nicht von Lehrern oder Eltern, sondern ist eine Idee der OECD und von Ideologen gewesen und über die Bildungspolitik von oben nach unten durchgedrückt worden.

Immer das gleiche Muster: Andere sind schuld. Diesmal die OECD. Man muss nur kurz nachdenken, um zu sehen, wie absurd das ist. Haben denn alle OECD-Mitgliedsländer die gleichen Probleme?

Was hat die OECD damit zu tun, dass viele Kinder nicht schulreif sind, beeinflusst sie auch die Eltern? Was kann die OECD dafür, dass manche Kinder sozial auf den Niveau von Kindern in den ersten „10 bis 16 Lebensmonaten“ stecken bleiben?

Was genau hat die OECD mit den Eltern gemacht, dass so viele von ihnen versagen?

Auch wenn es ums Bildungssystem geht: Es sind nationale Politiker, die OECD-Maßgaben umsetzen oder nicht umsetzen.

Schuld sind immer nur die anderen. Die Anonymen. Die Institutionen.

Von staatlichen Bürokratien

Michael Winterhoff ist für mich ein Beispiel für jemanden, der uns mit guten Intentionen in die Hölle führen würde. Wie leicht er Bildung und Erziehung, Eltern und staatliche Bildungseinrichtungen und vor allem deren Zuständigkeiten und Verantwortung vermischt!

Winterhoff beobachtet, dass die Zahl der psychisch, sozial und motorisch fehlentwickelten Kinder zunimmt. Doch schon bei der Diagnose scheinen Informationen zu fehlen: Diese Entwicklung ist höchstwahrscheinlich nicht gleichmäßig in der Bevölkerung festzustellen, auch wenn ich das natürlich nicht statistisch belegen kann.

Früher lief es besser, das sagt Winterhoff deutlich. Statt aber einer echten Analyse, was sich geändert hat und was die betroffenen Kinder (denn es sind ja nicht alle betroffen!) für Gemeinsamkeiten haben, springt er sofort zum Bildungssystem als Verursacher der Probleme.

Er gibt Änderungen im Bildungssystem die Schuld, das aber zum großen Teil erst ab sechs Jahren ansetzt und damit nach dem Zeitraum, den Winterhoff als „Schwerpunkt“ für diese Fehlentwicklungen bezeichnet.

Solche Widersprüche scheint Winterhoff aber nicht zu bemerken.

Andere Einflussfaktoren (die Eltern beispielsweise) werden von Susanne Baller angesprochen, von Winterhoff aber ignoriert.

Der Schlussfolgerung, den Bildungseinrichtungen immer mehr Kompetenzen und Ressourcen bei der Erziehung der Kinder zu geben, kann ich nicht folgen.

Winterhoff selbst beklagt, dass das deutsche Bildungssystem Spielball ideologisierter Politik ist. Und gerade diesem System möchte er noch mehr Einfluss und Macht auf die Entwicklung von Kindern geben? Fällt ihm dieser Widerspruch nicht auf?

Der blinde Fleck, den Winterhoff hinsichtlich der Eltern als möglichen Mitverursachern der Probleme hat, führt auch dazu, dass sie auch als mögliche Problemlöser nicht zur Verfügung stehen. Er sieht die Eltern nur in der Rolle, defensiv Forderungen an andere zu stellen.

Man stelle sich vor, Winterhoffs Vision von zwei Personen auf 15 Schüler und deren Zuständigkeit für die soziale Entwicklung der Kinder würde Realität werden: An Schulen mit einem geringen Anteil an fehlentwickelten Kindern müssten diese Menschen ihren Job rechtfertigen. Die würden schon etwas finden, Zeit dafür haben sie ja genug. 

Die gleichen Bürokratien, denen Winterhoff vorwirft nur ein Spielball ideologisierter Politik zu sein und in den letzten 30 Jahren zunehmend zu versagen, würde Winterhoff weiter stärken.

Wenn man einer Bürokratie größere Ressourcen zur Verfügung stellt und ihr die Zuständigkeit für die soziale Entwicklung der Kinder gibt, würde ich erwarten, dass zunächst die Bildungspläne um diesen Aspekt ausgeweitet werden und diese dann an das Lehrpersonal weitergegeben werden.

Die Lehrer werden diese pauschalen und allgemeinen Pläne umsetzen, die besseren Lehrer werden das jeweils individuell auf die Schüler und ihre Eltern anpassen. Die schlechteren, die schon immer Dienst nach Vorschrift gemacht haben, ziehen einfach durch, was auch immer da drin steht.

Hinzu kommt: Wenn mal wieder etwas schlimmes passiert, müssten sich Lehrer fragen lassen, warum sie das nicht bemerkt hätten und warum sie nichts unternommen hätten, sie seien doch schließlich dafür zuständig.

Das würde ebenfalls dazu beitragen, dass Lehrer sich im Zweifel für zuständig halten – auch gegen die Eltern. Etwas zu befürchten hätten sie schließlich nur, wenn sie zu wenig machten, nicht aber, wenn sie zu weit gehen.

Im Ergebnis glaube ich, dass Winterhoffs Vorschläge den Kindern schaden würden.

Statt die Eltern aus der Verantwortung herauszudrängen, sollte man analysieren, was Eltern richtig machen können um diese Situation zu vermeiden.

Dieser Weg ist natürlich der schwierigere, mit konkreten Forderungen an betroffenen Eltern würde Winterhoff viel Kritik riskieren. Ich befürchte, dass er dazu nicht bereit ist.

Viel einfacher als Kritik an den Eltern, die bei der Erziehung versagen, fällt ihm hingegen Kritik an den angeblich privilegierten Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern.

Winterhoffs Sicht ist auch an anderer Stelle sehr eingeengt: Was ist mit den anderen Kindern? Sind die nicht ebenfalls betroffen, wenn die Hälfte ihrer Klassenkameraden Soziopathen sind?

Sollte er die versagenden Eltern nicht auch deswegen in die Pflicht nehmen, weil die anderen Kinder wahrscheinlich sogar viel stärker betroffen sind, wenn sie von sie von empathielosen und egozentrischen Typen umgeben sind, die sie leichtfertig in die Kriminalität hineinziehen?

Fazit

Bei Winterhoff scheint die angebliche Ursache für die von ihm beobachteten Probleme, das Bildungssystem, von vornherein festzustehen. Die Fakten scheint er nur unter dieser Prämisse zu betrachten und auszuwählen.

Fehlentwicklungen spricht er nebulös an. Er sagt nicht, welche Kinder betroffen sind, welche Eltern betroffen sind, er spricht nicht aus, welche Politik für negative Veränderungen am Schulsystem verantwortlich ist.

Winterhoff beantwortet Fragen nicht, Susanne Baller hakt auch nicht nach und lässt ihm das jedesmal durchgehen und ermöglicht ihm auszuweichen.

Letztlich ist der Informationsgewinn des Interviews sehr begrenzt. Beide Gesprächspartner bleiben weit unter den Möglichkeiten und verhindern damit, dass sich positive Veränderungen einstellen.

Für mich bleibt offen, woher Winterhoffs Staatsgläubigkeit kommt. Auch im Angesicht des von ihm berichteten Versagens staatlicher Institutionen scheint Winterhoff manche seiner Einstellungen trotzdem nicht mehr hinterfragen zu können.

Auch den Blick auf das große Ganze wagt er nicht. Er müsste auch außerhalb des Bildungssystem die Frage stellen, welche gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte ursächlich sind. Aber sein Blick ist verengt oder er möchte aus ideologischen Gründen gewisse Ursachen gar nicht erst ansprechen.

Die armselige Pseudo-Analyse Winterhoffs ermöglicht keine Problemlösung. Resümee: Verzichtbar.

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7 Kommentare zu „Experte: Staatliche Bürokratien müssen in die Familien hinein regieren“

  1. Moin Siggi,
    Erstmal herzlichen Dank für die Analyse dieses üblen Geschwurbels! Hätte ich gar nicht gedacht, daß Dich das Thema dermaßen motiviert, so lange Texte dazu zu verfassen.
    Und nein, ich habe den auszugsweise zitierten Kram nicht komplett gelesen, sondern beschränke mich auf die Zitate oben, weil ich noch nicht so viel gefrühstückt habe, um angemessen und ausreichend kotzen zu können.

    Ich gehe mal ergänzend von oben nach unten durch:

    W.: „Die wichtigsten Jahre, die das Kind hat, sind die ersten zehn, im Schwerpunkt die ersten sechs. Wenn Eltern das nicht leisten können – und das können immer mehr nicht –, dann müssen die Systeme außerhalb übernehmen.“

    Richtig, aber das hat ja Ursachen. Früher brauchte es nur relativ wenige Sondereinrichtungen für schwer erziehbare und nur die brauchten „Erzieher“ ( Manuela Schwesigs Traumberuf ist übrigens DDR-Heimerzieherin und sowas hat man zur „Familienministerin“ gemacht ). Alle anderen kamen in gewachsenen Umfeld ( also in erster Linie Familie Nachbarschafts- u. Freundeskreis ) klar und mussten Kinder nur gelegentlich im Kindergarten zwischenparken, wo sie von Kindergärtnern für ein paar Stunden nett und freundlich beaufsichtigt ( und eben nicht im Leistungskurs erzogen ) wurden.

    S.: „Warum ist der Ruf nach dem Staat das erste was Michael Winterhoff einfällt, statt die Ursachen herauszuarbeiten und daraus Maßnahmen abzuleiten?“

    Ganz einfach: weil es in seinem Geschäftsinteresse liegt, er profitiert davon! Eine selffullfilling prophecy!

    S.: „Man schaut sich an, warum etwas früher funktioniert hat und heute nicht mehr und setzt dort an? Wenn wir „diese Kinder“ nicht „alleine lassen“ dürfen, warum fordert er dann nicht das erwiesenermaßen und erprobte Beste für sie, nämlich das, was in der Vergangenheit funktioniert hat?“

    Dito!

    S.: „Nimmt man aber jemandem die Zuständigkeit und damit auch die Verantwortung, nimmt man ihm auch den Gestaltungsspielraum.“

    Korrekt erkannt! Nämlich um diesen Spielraum im eigenen Interesse Anderen zuzuweisen und dadurch das eigene Geschäft zu fördern. Die besten Interesen des Kindes sind dabei eher störend.

    „Aber sind nicht die Eltern die richtigen Adressaten, wenn es um das Wohlbefinden ihrer Kinder geht?“

    Selbstverständlich, wer sonst? ( steht auch im GG-Art. 6,2 ). Irgendwelche formellen Konzeptbebilder ( Profi[t]erzieher ) können das gar nicht leisten, ist nicht ihr Job.

    W.: „Wir brauchen heute, um Kinder entwickeln zu können, viel kleinere Gruppen.“

    Das zeigt doch deutlich wes‘ Geistes Kind der Kerl ist! Ein rhetorischer Schlag an den Hals! Er will Kinder aktiv „entwickeln“ und sieht sich als Mitglied einer Produktentwicklertruppe. Er will aus fremden Kindern das machen was seiner irren Ideologie entspricht.
    Von der Freiheit der Kindheit und Jugend hat er offenbar keinen Dunst. Diese Freiheit bezieht sich auf eine freie, offene und individuelle Entwicklung, die stabile soziale Grundlagen hat, m.E. die höchste Form der menschlichen Freiheit überhaupt und die wird in erster Linie durch die Familie und in zweiter Linie durch das sonstige gewachsene soziale Umfeld ( erweiterte Familie, Freunde, Nachbarn etc. ) konstitutiert. Mal von der rechnerischen Erkenntnis ganz zu schweigen, daß in kleineren Gruppen die Macht des „Zugführers“ enorm anwächst. Und darum geht es W.! Gleichaltrigenverbände möglichst pauschal in bestimmte Formen zu pressen!

    S.: „Ich fordere die Umstellung, dass wir Lehrer wieder als Lehrer sehen, dass Erzieher wieder Erzieher sind.“

    Und ich fordere die Abschaffung des Erzieherstatus bei beiden Berufen. Ganz einfach, weil dafür eben die Eltern zuständig sind. Das heißt nicht, daß Kindergärtner und Schullehrer gerade keine erfahrenen Eltern sein sollten, im Gegenteil, aber sie sollten es auf keinen Fall für ihren Hauptjob halten, Kinder zu irgendetwas zu „entwickeln“. Sondern eben die von den Eltern per Bindungs- u. Vorbildfunktion angestoßene freie Entwicklung möglichst wenig zu behindern.

    W.: „Ich brauche in der Grundschule auf 15 Kinder zwei Lehrer oder einen Lehrer und einen Erzieher. Ich brauche das auch in der Nachmittagsbetreuung in der Offenen Ganztagsschule, da ist der Schlüssel aktuell 1:25 und diese Person ist oft noch nicht mal Erzieherin.“

    Mehr davon, auch wenn es das ganz falsche Rezept ist! „Sie haben Kopfschmerzen, weil Sie in lauter Umgebung leben? nehmen Sie 5 Aspirin täglich! Was? die Kopfschmerzen werden immer schlimmer und es kommen noch Magenschmerzen hinzu? Nehmen Sie 10 Aspirin und fünf Rennies für den Magen!“
    Und der Kerl will Arzt sein?

    S.: „Die Frage ist doch, ob der Gegensatz zwischen den von Winterhoff kritisierten „Lernbegleitern“ und Lehrern nicht auch etwas damit zu tun hat, dass ein Lehrer vor 25 Kindern nur durch Autorität die Klasse im Griff behalten konnte, auch wenn das bedeutete, dass die größten Störenfriede rausflogen.“

    ( Irgendwie bin ich jetzt mit meinem Clipboard durcheinander geraten, eigentlich müßte zuerst der Satz von Dir mit den Respektspersonen kommen, egal muß auch so gehen )
    Hier ist ein wenig Begriffsklärung vonnöten. Respekt ist m.E. eine gegenseitig erworbene Voraussetzung im zwischenmenschlichen Kontakt, welche den allgemeinen Umgang miteinander regelt. Während Autorität von „unten nach oben“ zugewiesen wird, w.h.: Ein Kind betrachtet ein Gegenüber aufgrund von dessen Verhalten dem Kind ggü. als zu respektierende Person oder Autorität, oder im Idealfall beides. Ausschließlich verordnete autoritaristische „Respektspersonen“, die Kompetenz durch das Tragen einer Titelmonstranz zum Ausdruck bringen, bewirken das Gegenteil, nämlich reinen Machtglauben.
    Ergo: Nicht das massenhafte Rausschmeissen von unfolgsamen Kindern wirkt sozialisierend ( eher im Gegenteil ), sondern die Einsicht aller Anwesenden, daß jemand zurecht und ausnahmsweise rausgeflogen ist. Dann wird der Lehrer zur Autorität erhoben ( eben weil er den Kindern mit größtmöglichem Respekt begegnet ), ansonsten werden ihm ein paar Jahre später von Ex-Schülern ( durchaus nachvollziehbar ) die Autoreifen zerstochen o.ä..

    S.: „Liegt es nicht auf der Hand, dass der einzelne autoritäre Lehrer, der nicht auf jedes Problemchen eingehen kann, ein viel besseres „Gegenüber“ ist, mit dem sich Kinder auseinandersetzen müssen und an dem sich Kinder orientieren können, als zwei Lehrer die versuchen den Störenfried zu therapieren?“

    Unbedingt! Schon dadurch, daß er sich mit seiner primären Aufgabe befasst, nämlich die formelle Bildung – welche die Eltern heutzutage nicht in ausreichendem Umfang und Komplexität zu leisten in der Lage sind – adäquat zu ergänzen.
    Daß manche Kinder heute zu wenig Eltern und zuviel „Erzieher“ haben wird durch noch weniger Eltern- und mehr „Erzieher“-Zeit keineswegs „therapiert“, im Gegenteil ( s.o. „mehr davon“ ).

    W.: „Auf die Psyche eines Kindes kann man nur durch Beobachtung schließen.“

    Das ist richtig, aber was W. sich daraus zusammenreimt ist Bullshit, der ursächlich den Erfahrungen der allermeisten Eltern widerspricht. Als „Beobachter“ taugt der Mann nicht in die Suppe.

    S.: „Langsam gehen mir die sachlichen Reaktionen aus. Michael, dieses Kind ist nicht „top erzogen“, wenn es seine Mutter mit „übelsten Schimpfworten“ beleidigt. Wo lebst du denn?“

    Nun, er meint mit „erzogen“ offensichtlich den s.M.n. „exzellenten“ Drill im Gleichaltrigenzug und blendet denselben als ( mit- )Ursache einer vollends gescheiterten elterlichen Erziehung vollständig aus ( und versucht so irreführenderweise seine Forderung nach „mehr davon“ zu scheinbegründen ).

    S.: „Der Junge beleidigt seine Mutter „übelst“, das findet im privatem Umfeld statt, wo genau soll da bitte das Bildungssystem ansetzen um die familiären Beziehungen zu reparieren?!“

    Gar nicht! Das ist nicht Aufgabe des Bildungssystems! Das ist Aufgabe der Familienpolitik! Und die hat in den letzten Jahrzehnten ( schon in der Kindheit der meisten heutigen Eltern ) aktiv Familien zerdroschen, anstatt sich für sie ( und ihre ureigene Entwicklungsaufgabe einzusetzen! Winterhoff treibt es nur noch weiter auf die Spitze.

    „Ja, dieses Kind ist verloren. Der Junge scheint auf das Leben völlig unvorbereitet zu sein.“

    Richtig! Der Junge ist auf ein bestimmtes Machtsystem geeicht, welches gerade NICHT auf Respekt und Autorität aufbaut, sondern auf Obrigkeitshierarchien und Titelgläubigkeit. Also im Endeffekt auf Gewalt und Intrigen. Er bringt der Mutter keinen Respekt entgegen, weist ihr keine Autorität zu, weil er gelernt hat, daß der autoritaristische „Erzieher“ wesentlich mehr Macht hat, der kann nicht nur dem Kind Befehle erteilen, er steht sogar über den Eltern und nimmt diese nicht ernst ( steht über der höchsten Autorität die das Kind natürlicherweise als erstes erlebt ).

    „Was genau haben die Eltern falsch gemacht?“

    Auch einfach zu beantworten: Sie haben sich widerstandslos diesem „Bildungssystem“ unterworfen, sind wohlmöglich genau darin aufgewachsen. Weshalb ich den Eltern im speziellen Fall auch höchstens eine Teilschuld anlaste.

    S.: „Ich könnte mir vorstellen, dass der Junge das Kind einer Alleinerziehenden ist.“

    Volle Zustimmung, die Zahlen der Defizite allein schon der „nur“ vaterlosen Kinder setze ich mal als grob bekannt voraus. Das kann ( und darf ) auch der Feldwebel „Erziehungspädagoge“ nicht „therapieren“, schon gar nicht nach W’s abstrusen Vorstellungen. Da muß man an die Ursachen ran!

    W.: „Seit Ende des letzten Jahrtausends geht es bergab. Wir haben das Glück, in einer Hochkultur zu leben, die vor 200 Jahren die Kindheit erfunden und sich Gedanken über das Bildungswesen gemacht hat.“

    Kompletter Unfug! Die Kindheit gibt es locker so lange wie es Familienverbände bei Säugetieren gibt. Was er meint ist, daß man ein paar relativ willkürliche Abgrenzungen erfunden hat und die immer weiter hochpauschalisiert, die nix verbessert haben ( außer als Richtschnur für Richter im Gerichtsprozess und institutionelle Angestellte ). Vorher war Kindheit individuell dynamisch. Was er jetzt zwar als sein Ziel zwischen den Zeilen auch zu insinuieren Versucht, aber so Plump, daß man es als glatte Lügenformulierung erkennen kann.
    Kurz: Er verherrlicht die Kollateralschäden der industriellen Revolution und derer Folgen als „hochkulturelles“ Allheilmittel! Tatsächlich ist aber die vorherige überwiegend agrarische Gesellschaft prinzipiell um Klassen besser für die Kinderaufzucht geeignet.

    S.: „Hätte man 1990 solche Lernmethoden vorgestellt, mit offen und frei und auf sich gestellt, hätte man die Leute für irre erklärt.“

    Zu Recht! Erstens, weil es weder offen noch frei ist und zweitens, weil es sämtlichen Erkenntnissen entsprechender Forschungen glatt und diametral widerspricht. Bekannt ist ja der alte ( übrigens falsche ) Waldorfwitz: „Tante, müssen wir heute wieder spielen ‚was wir wollen‘?“
    Natürlich sollten Kinder offen, frei und auf sich gestellt miteinander umgehen können. Das fängt aber schon bei der Auswahl ihrer Interaktionspartner an! Von nine to five im Leistungskurs unter Feldwebel Erziehungsoffizier kann das nix werden. Meine Mutter sagte dazu: Rut midde Görn an’ne Fröhjohrsluft!“. Und ermunterte uns dazu rauszugehen, uns mit unseren Freunden zu treffen und unser eigenes Leben zu entwickeln und aufzubauen.
    Und genau so habe ich das mit meiner Ex-Tochter auch gemacht ( bis es verboten wurde ). Die Lütte war anfangs in einer (Erstmütter-)Krabbelgruppe mit 5 ungefähr Gleichaltrigen, die aber nix als ein Kaffee- u. Kuchenkränzchen der Mütterdarsteller war und viel kaputt gemacht hat ( allein schon der Mist, den man sich dort einredete, wie zu reagieren wäre, wenn das Kind nicht sofort einschlafen wollte war gruselig ). Bei Papa fragte das Kind sehr schnell, ob sie rausgehen darf ( ohne ein bestimmtes Ziel zu nennen ). Durfte sie natürlich und hat dann bei den Nachbarskindern zu schauen angefangen ( sie war anfangs keine zwei, die beiden Nachbarstöchter derzeit 6 u. zehn Jahre alt ). Alternativ ging sie zu den Nachbarn gegenüber auf der anderen Strassenseite, die jünger waren und versuchte dort Anschluss zu finden. Und lernte dabei jede Menge über Respekt und Autorität, schon allein, weil die unterschiedlich alten Kinder auch unterschiedlich mit ihrer Verantwortung ( besonders ggü. den jüngeren ) umgingen. Das waren ihre ersten Ausflüge zur Erkundung der Welt außerhalb der familiären Triangulation und die waren sehr erfolgreich. Ich mußte kaum je eingreifen. Härtester „Eingriff“ war, als ich das Kind daran erinnern mußte, ein paar Erdbeeren für nächsten Tag, sich und uns Eltern übrigzulassen, weil sie gerade den Spaß am Teilen entdeckt hatte und unsere ( einmalig leckeren ) Erdbeeren an sämtliche Nachbarskinder verfütterte, die dabei übrigens weder bettelten, noch in signifikante Konkurrenz- oder gar Hierarchiestrukturen verfielen. Und ganz nebenbei wurde diese „Ermahnung“ von allen sofort und gern akzeptiert, „Papa’s Autorität“ machte nämlich Sinn!

    S.: „Bei dieser Altersgruppe geht es um Kindergartenkinder. Die Kinder werden durch ihre Eltern und Kindergärten erzogen. “

    Stimmt, ist aber falsch 😉
    „Erzogen“ sollten Kinder hauptsächlich – wie schon gesagt – durch Eltern, gewachsenes Umfeld und vor allem sich selbst ( sic! ) werden! Durch kopieren von Vorbildverhalten und Einsicht in soziale Systeme. Und nicht durch pauschalisierte Hierarchiestrukturen, die von Dritten oktroyiert werden. Derartiges lernen sie mindestens früh genug in der Schule und beim Bund.

    S.: „Fast schon nebenbei möchte in anmerken: Das Thema war Winterhoffs Behauptung, dass die Digitalisierung Schuld an der mangelnden erworbenen sozialen Intelligenz von Kindern sei.“

    Is klar, Schuld sind immer die anderen. Was W. da als „Problem&Lösung“ predigt ist aber eine Hauptursache der „digitalen“ Verblödung! Erst kommt mangelnde Bindung, daraus entstehen ernsthafte Sozialisationsationsdefizite und erst dann kommt der kompensatorische Einsatz von Handy und Playstation! Andersrum: Wenn schon Mama & Papa das Kind mit Milupa und Fischstäbchen aus der Microwelle abfüttern, um mehr Zeit zum digitalen Patiencelegen, YT-Gucken und FB-Geschnatter zu haben, muß man sich nicht wundern, wenn das Kind genau das auch zur obersten Lebensprämisse erhebt! Dann, in der Zeit, wo das Kind eigentlich raus will, einen Termin zum therapeutischen Abarbeiten einer „pädagogischen“ Spielbroschüre aus dem Kitafundus autoritaristisch anzusetzen, rettet da gar nix mehr, im Gegenteil lernen die Kinder daraus, daß Eltern zu dumm für Kinder sind, denn sonst müßten sie ja nicht so einen hilflosen Quatsch veranstalten, anstatt dem Kind sein eigenes Leben unter ihrer Obhut zu ermöglichen.

    S.: „Wenn Kinder am Ende der vierten Klasse Analphabeten sind – für Winterhoff ist das die Schuld der Digitalisierung. Nicht etwa die Schuld versagender Schulen aufgrund falscher Bildungspolitik.“

    Bildungspolitik ist der m.E. falsche Begriff, es müßte Familienpolitik heißen. Oder aber in spezialisierter Formulierung „Soziale Grundbildungspolitik“, was aber hier die gleiche Bedeutung hätte. Die Bildungspolitik kann nur für spezielle formelle Inhalte verantwortlich sein, schon von Kompetenz und Befugnis her ( s.o. Art 6,2GG ).

    „Man könnte das verändern, aber das ist ein dickes Brett. Es kann nur gelingen, wenn die Eltern sagen: Wir wollen mehr Qualität, wir wollen eine Änderung.“

    Richtig! QUALITÄT und nicht noch mehr Quantität. Und genau das sieht W. partout nicht ein, vermutlich weil es seine Kundschaft auf wenige Extremfälle reduzieren würde. Mal davon abgesehen, daß er auch Lobbyinteressen bedient, die bei mehr Logik und Ehrlichkeit schnell gegen ihn stünden.

    S.: „Es ist doch offensichtlich: Die einzigen, denen wirklich etwas an den Kindern liegt, sind die Eltern.

    Sie sind der richtige Adressat, wenn um Veränderungen zum Besseren geht.“

    Absolut! Für W. &Co. sind sie, genau wie die Kinder, lukrative Humanressource, nix weiter!
    Aber schau Dir mal an, wie engagierte Kinder- u. Familienrechtler als „pöse rückwärtsgewandte Nazipopulisten“ beschimpft und gebrandmarkt werden. Eben WEIL sie für „das klassische“ Familienmodell und gegen noch mehr flächendeckende „KiTas“ und Ganztagsschulen eintreten. Nicht weil die arme unterdrückte Mama dann zwischen Herd und Bett angekettet wäre ( was ja nun auch glatt gelogen ist ), sondern weil es lobbyistischen Formungsidealen widerspricht! Mit nix hat man die Elterngeneration so effektiv im Griff, wie mit den Kindern als Waffe und umgekehrt, eine üble Zwickmühle! ( Sieht man ja nicht zuletzt am Hype der heiligen hüpfenden Greta und ähnlich extremdefizitärem Scheiß )

    S.: „Ist es Angst oder Fahrlässigkeit, die verhindert, dass sich Winterhoff konkret positioniert?“

    Beides! Und wohl auch einiges an egozentristischer Raffgier.

    S.: „Schon der Rückblick auf Winterhoffs eigenes Beispiel des 15-jährigen Einbrechers macht überdeutlich, dass das zwei völlig verschiedene Probleme sind. Er beschreibt den Jungen als „ausgezeichneten Schüler“. Trotzdem ist er kaputt. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“

    Korrekt! ( s.o. )

    S.: „Winterhoffs Thesen sind ungeeignet um Probleme zu lösen, weil bereits die Analyse schwammig und unzusammenhängend ist.“

    Da gehe ich, wie wohl leicht erkennbar, noch einen Schritt weiter und unterstelle, daß schon seine Motivation keine Normalelterliche ist. Jedenfalls wird sie nicht durch ein soziales Interesse an Kindern gebildet, sondern eher durch das, was ich oben als gegenläufiges ( Geschäfts-)Interesse beschrieben habe.

    W.: „Die Veränderung des Bildungswesens kommt ja nicht von Lehrern oder Eltern, sondern ist eine Idee der OECD und von Ideologen gewesen und über die Bildungspolitik von oben nach unten durchgedrückt worden.“

    Nun ja, ob nun OECD, Brüssel, oder Berlin ist völlig uninteressant und auch sollte es ( wieder ) Familienpolitik heißen.
    Wesentlich ist das Durchdrücken von oben nach unten und zwar zuvörderst GEGEN die Familie. Und genau das betreibt W. ganz offenbar! Indem er als autoritaristischer Titelexperte noch mehr davon fordert, ohne, daß ein normaldenkender Mensch ihm die dazugehörige Kompetenz und Autorität verpasst hätte, einfach weil er meint Arzt zu sein und sich mit ein paar vordergründigen Symptomen auszukennen ( Ähnlich wie Nahles per Möse und Kinderliedern die Autorität und Kompetenz hatte, die SPD zu therapieren, nicht wahr? Oder Schwesig die Sexualstraftäter, natürlich alles Männer, is klar, nä? ).

    S.: „Der Schlussfolgerung, den Bildungseinrichtungen immer mehr Kompetenzen und Ressourcen bei der Erziehung der Kinder zu geben, kann ich nicht folgen.“

    Ich schon, allerdings im negativen Sinne. Das beflügelt die „Kinderverwurstungsbranche“! Seine Berufskollegen und deren Geschäftsumfeld.

    S.: „Statt die Eltern aus der Verantwortung herauszudrängen, sollte man analysieren, was Eltern richtig machen können um diese Situation zu vermeiden.“

    Stimmt! Und diese Analyse könnte recht kurz und logisch sein. Einfach per Umkehrschluss!
    Lasst die Kinder, Eltern, Familien in Ruhe! Ermuntert sie sogar, sich auf das zu stützen, was in der „besten Empirik aller Zeiten!“ ( nämlich der Evolution selbst ) sich über die Jahrtausende als solide Erfahrung manifestiert hat! Das ist umfassend ausgeforscht!
    Und hört auf Eure ( immer berechtigten ) Zweifel zur „Hinterfragungs“-( also Zerstörungs-)Prämisse zu erheben, um irgendetwas „aufzubrechen“ und kaputtzumachen, nur weil das Wort „Progressiv“ ( i.S.v. „allem Neuen kritik- und bedingungslos nacheifernd“ ) so super postmodern und trendy klingt!
    Schaut Euch die Welt an, wie sie ist, anstatt Euch irgendein „widewidde wie sie MIR gefällt“ zu erträumen!

    S.: „Sollte er die versagenden Eltern nicht auch deswegen in die Pflicht nehmen, weil die anderen Kinder wahrscheinlich sogar viel stärker betroffen sind, wenn sie von sie von empathielosen und egozentrischen Typen umgeben sind, die sie leichtfertig in die Kriminalität hineinziehen?“

    Sollte er, kann er aber nicht, weil er denselben Defizite wie diese „Kriminellen“ zeitigt. Egozentrisch, empathielos, leichtfertig, ergo: Verantwortungsunfähig!

    S.: „Auch den Blick auf das große Ganze fehlt im. Er müsste auch außerhalb des Bildungssystem die Frage stellen, welche gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte ursächlich sind. Aber sein Blick ist verengt oder er möchte aus ideologischen Gründen gewisse Ursachen gar nicht erst ansprechen.“

    Richtig! Familie und gewachsenes Umfeld als Grundlage kennt er nicht! Vermutlich gehört er sogar zu den Irren, die die Familie als kleinste und Keimzelle der Gesellschaft glatt als „rechtspopulistisch“ bestreiten würden, entgegen jeder Offensichtlichkeit. Und sei es nur, weil er ja „Arzt“ ist und einen „Kundenstamm“ braucht, der am meisten abwirft, wenn er möglichst krank ist.

    Disclaimer: Wenn der Text hie und da etwas hakelt, liegt das wahrscheinlich daran, daß ich im Clipboard zwischendurch Mist gebaut und einiges ( zu viel? ) wieder gelöscht habe, was jetzt möglw. fehlt, oder nicht an der ursprünglichen Stelle steht.
    Sorry, aber der Kommentar hat eh schon zu lange gedauert und ich habe jetzt keine Zeit mehr nochmal von vorn anzufangen. Bei Unklarheiten einfach nachfragen, ich schaue nachher nochmal rein und ergänze/erkläre das dann ggf.

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  2. Du hast Dir zu dem Thema einen Riesenhaufen Arbeit gemacht. Wow.

    Aber was will man eigentlich von einem Mann erwarten, der zeitlebens am Steuer- und Abgabentropf hing, via Uni u/o Krankenkassen. Erstaunlich waere, wenn der gegen eine Ausdehnung des Staatsapparats argumentierte.

    Als Fachmann sind ihm doch die Eckpunkte der Sozialisierung von Kindern bekannt. Bis zum 4. Lebensjahr werden die Voraussetzungen fuer die Sozialisierung nur innerhalb der Familie geschaffen. Was bis dahin schief geht ist nahezu unwiderbringlich verloren. Bis zum 10. Lj. wird durch Eltern und Umwelt sozialisiert, danach vorwiegend durch das Umfeld.

    Was bis zum 4. Lj. schief geht ist heutzutage oft vaterlose Alleinerziehung, wegen Arbeit abwesende Eltern und damit Fremdbetreuung, links-gruen indoktrinierte Kindergaerten und vor allem das Aufwachsen als Einzelkind ohne Geschwister. Das betrifft nicht alle Kinder, aber durchaus 50%. Die Ursache liegt vorwiegend im Feminismus. Und den kann er als Staatsdiener nicht kritisieren.

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    1. Du hast Dir zu dem Thema einen Riesenhaufen Arbeit gemacht. Wow.

      Ich finde das Thema Interessant, weil es um die Zukunft unserer Gesellschaft geht. Aber es ist einfach ein so furchtbar schlechtes Interview. Die Motivation für diesem Artikel waren diese hanebüchenen Widersprüche und die schlechte journalistische Arbeit. Alles voller Widersprüche, auf Fragen wird nicht geantwortet, aber es wird nie nachgehakt.

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  3. Winterhoff hat sich jahrelang an den Eltern abgearbeitet. Sieht man das Interview isoliert stimmt die Analyse und die Kritikpunkte sind nachvollziehbar. Kennt man Winterhoffs Bücher – stimmt es nicht. Meine These ist: Winterhoff sucht Lösungen, bei den Eltern hat er es über Jahre nicht geschafft – das Bildungsystem war wahrscheinlich in den 90igern noch die Rettung für Kinder, welche zuhause in „Symbiose“ (Bücher: Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit sowie: Tyrannen müssen nicht sein: Warum Erziehung allein nicht reicht – Auswege) „erzogen“ wurden. Hier konnten sie Kind sein und hatten eine altersgerechte Umgebung, aber die Bildungseinrichtungen haben sich verändert und erziehen jetzt ebenfalls nach partnerschaftlichen Konzepten… Das Rettende ist also ebenfalls verloren.
    In seinen Büchern sieht Winterhoff ganz klar die Verantwortung bei den Eltern. Diese überfordern das Kind mit partnerschaftlichen und symbiotischen Erziehunsstilen derart, dass Kinder nicht reifen können. Es lohnt sich die Bücher trotz reißerischen Titeln zu lesen. Warum er all das nicht im Interview erwähnte liegt für mich an der Zielrichtung seiner Intervention und wahrscheinlich an seinen Erfahrungen.
    Persönlich erlebe ich in meinem Umfeld tatsächlich die von Winterhoff beschriebenen Fehlentwicklungen, allerdings keine derart drastischen Fälle. In vielen Familien (Alleinerziehende sind dabei besonders anfällig dafür) findet keine Trennung zwischen Kinder- und Erwachsenensphäre statt. Alles kindliche wird glorifiziert bei gleichzeitiger Überforderung des Kindes mit Entscheidungen (Partnerschaftlichkeit) welche es auf Grund seines Entwicklungsstandes noch gar nicht treffen kann und sollte. Ist die Symbiose mit der Mutter zunächst bei einem Säugling normal und entwicklungsgerecht, werden heute Kinder daraus nicht mehr entlassen. Eltern begreifen Kinder als Teil von sich und das Kind glaubt damit ebenfalls, dass Erwachsene ein Teil von ihm sind auf die es jederzeit Zugriff hat. All dies wird mit gutem Vorsatz getan und behindert die Entwicklung zu verantwortungsvollen und selbstständigen Erwachsenen. Die mediale Glorifizierung des Infantilen (Kinder als rein und unverstellt, Kinder an die Macht ect.) tut ihr übriges – es gibt kein Problembewußtsein. Ich erinnere mich an Talkshowauftritte Winterhoffs, er wurde für seine Thesen, ohne das diese Verstanden wurden, zerrissen. Wenn jemand Grenzen fordert (wobei es bei Winterhoff tatsächlich eher eine Abgrenzung als eine Begrenzung ist), ist autoritär und jede Autorität ist schlimm…
    Fazit: Aus dem Interview kann man die Kritik, dass Winterhoff einseitig auf eine staatliche Erziehung der Kinder pocht bei gleichzeitiger Entlassung der Eltern aus deren Verantwortung, herleiten – ist vielleicht auch berechtigt. Seine neueren Büchern habe ich noch nicht gelesen. Aber unbedingt sollte man um sein Konzept und sein Denken zu verstehen seine „Tyrannen- Bücher“ lesen. Hier ergibt sich ein anderes Bild. Er hat sich also zunächst ganz klar mit Ursachen und Eltern als Ursache für diese Entwicklung beschäftigt.
    Danke für die vielen klugen Artikel hier im Blog.

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    1. Richtig. Ich kenne Winterhoff nicht, dieses Interview war das erste was ich von im gelesen habe. Das fand ich inhaltlich unehrlich und gefährlich. Und ehrlich gesagt ziemlich wirr, weil er ständig zwischen den Ebenen springt. Erziehung und Bildung und die unterschiedlichen Altersstufen – alles durcheinander.

      Ich finde es spannend, dass du berichtest, dass seine Bücher anders sind. Das hätte ich mir im Traum nicht vorstellen können und hätte ihn als Teil der (im Kommentar oben) von Fiete ins Spiel gebrachten „Kinderverwurstungsbranche“ einsortiert.

      Ich muss zu ungunsten Winterhoffs sagen, dass Dein kurzer Kommentar wesentlich stringenter und inhaltsstärker daherkommt als das ganze Interview. Da du Inhalte Winterhoffs wiedergibst muss ich sagen: Er verkauft sich in dem Interview schlecht.

      (Dein Kommentar war im Spam hängen geblieben, daher hat die Veröffentlichung etwas gedauert)

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      1. Da wiederhole ich doch vorsichtshalber mal, daß ich ausschließlich von Siggi’s Artikel ausgegangen bin.
        Das Beispiel mit der Autorität ( „pöse und schlimm“ ) ist gut und zeigt die Verzerrung der ( mittlerweile übergeneralisierten, versimplifizierten ) Sprachbasis perfekt auf.
        Daß Autorität grundsätzlich etwas gutes ( weil auf einer Bewertung von unten aufbauend ) sein sollte ( bspw.: “ Der Arzt, der mich operiert hat, ist eine Autorität auf seinem Gebiet, immerhin hat er mir das Leben gerettet“ ), scheint heutzutage für die meisten unvorstellbar zu sein, weil sie ständig mit Unfug bombardiert werden, nach der Methode: „Autoritäre Staaten = Diktatur“ und fertig, was mit individuell erworbener/zugewiesener Autorität nix zu tun hat und tatsächlich ein Faulheitssynonym für „Autoritaristische Staaten“ geworden ist.
        ( Ja, ich weiß, ich bin ein wortklaubender Erbsenzähler, sei’s drum, ich finde solche Schwammigkeiten katastrophal wichtig )

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