Sind bald Vergangenheit: Bezahlbare Mieten und guter Journalismus

Spiegel-Online berichtet:

Wohnen wird zum Schuldenrisiko

Die Behauptung in der Überschrift wird bereits durch den ersten Satz des Teasers relativiert:

Teure Mieten und steigende Nebenkosten könnten immer mehr Haushalte in Zahlungsschwierigkeiten bringen.

Statt „wird“ heißt es nun „könnten“. Wer auf der Hauptseite von Spiegel-Online nur die Überschrift liest, wird falsch informiert.

Schuldnerberater machen Vorschläge, um das Problem zu entschärfen.

Der nächste Widerspruch kommt bereits einen Satz später. Hier wird ein Problem postuliert, für das Lösungen gefunden werden müssen, obwohl unmittelbar vorher eingeräumt wird, dass es nur ein Problem geben „könnte“.

Anschließend berichtet Spiegel-Online, dass hohe Wohnkosten das Risiko von Überschuldungen vergrößern. Das ist keine überraschende Aussage, sondern genau das was ich erwarten würde, wenn die Kosten für Grundbedürfnisse steigen.

Unter anderem verlangen die Schuldnerberater, dass die Vergabe von mietpreisgebundenen, staatlich geförderten Sozialwohnungen nicht mehr von der Vorlage einer Auskunft zur Kreditwürdigkeit abhängig gemacht wird. „Das größte Problem für überschuldete Personen auf dem Wohnungsmarkt ist, dass sie nichts mehr bekommen, sobald sie einen negativen Schufa-Eintrag haben“, sagte Moers.

So schnell geht das: Oben wurde ein Vorschlag angekündigt, der verhindern soll, dass Menschen wegen hoher Wohnkosten in Zahlungsschwierigkeiten kommen. Tatsächlich wird aber ein Vorschlag gemacht, der Menschen nützt, die bereits überschuldet sind.

Das scheint zwar nur ein kleiner Unterschied zu sein, aber es handelt sich eben um zwei unterschiedliche Gruppen, auch wenn die Übergänge fließend sein können.

Und diese Gruppen haben verschiedene Interessen. Der Vorschlag läuft darauf hinaus, dass Vermieter, die staatlich gefördert wurden, keine Risikoprüfung mehr vornehmen dürfen.

Diese Maßnahme vergrößert also das Ausfallrisiko für diese Vermieter und erhöht damit deren Kosten und den Preis oder, falls sie das Risiko aufgrund der Bedingungen der staatlichen Förderung nicht weitergeben dürfen, verringert die Attraktivität Sozialwohnungen zu bauen und reduziert damit das Angebot für entsprechende Mieter.

Beide Auswirkungen sind nicht im Interesse der Gruppe der nicht überschuldeten Menschen.

Auch wenn es heute üblich ist, die Gruppe der Vermieter als homogene Gruppe zu betrachten und mit schlechten Attributen wie „Gier“ zu assoziieren, die Gruppe der Mieter hingegen als homogene Gruppe von Opfern, ist das natürlich eine wenig differenzierte Sichtweise.

Würde die geforderte Maßnahme umgesetzt und Vermieter dürften keine SCHUFA-Auskunft mehr verlangen, wer würde findige potenzielle Mieter daran hindern dem Vermieter unaufgefordert eine positive SCHUFA-Auskunft vorzulegen?

Diese Maßnahme ist nur schwer zu kontrollieren und noch schwerer durchzusetzen. Es ist eine weitere Maßnahme, die letztlich zum Nachteil der ehrlichen Menschen ist, die sich an die Regeln halten.

Vorteile haben hingegen Mieter, die die Regeln brechen und eine Schufa-Auskunft vorlegen, weil sie mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Wohnung bekommen. Vorteile haben auch die Vermieter, die auf Basis dieser SCHUFA-Auskünfte ihre Mieter aussuchen, weil sie an Mieter mit geringerer durchschnittlicher Ausfallwahrscheinlichkeit vermieten.

Eine Statistik über alle deutschen Haushalte mit Mietschulden gibt es dem Verband zufolge nicht. Doch Umfragen – etwa vom deutschen Caritasverband – zeigen, dass viele Deutsche Sorge vor zu hohen Wohnkosten haben.

So viel zum eingangs postulierten Problem: Es gibt keine Daten dazu. Als „Beleg“ herhalten muss eine Umfrage, die ein diffuses Gefühl ausdrückt, das nicht einmal auf die aktuelle, tatsächliche Wohnsituation bezogen ist.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Diese Sorgen vieler Deutscher sind nachvollziehbar. Das Bevölkerungswachstum und die daraus resultierende steigende Nachfrage nach Wohnungen in den Großstädten führt zu steigenden Mieten.

Neben Zwangsmaßnahmen und Verboten sind auch andere Lösungsansätze denkbar. Das Verbot von SCHUFA-Abfragen macht Wohnen für alle teurer, ohne dass eine einzige neue Wohnung gebaut wird und ohne dass es einen einzigen Nachfrager weniger gibt.

Fazit

Es geht um einen trivialen Zusammenhang: Steigen die Kosten für Grundbedürfnisse erhöht sich das Risiko von Überschuldungen. Aber selbst bei solch einfachen Themen bekommen es die etablierten Medien regelmäßig nicht hin, präzise und differenziert zu berichten.

Der Artikel gibt nur die Standpunkte einer Seite wieder, andere Stimmen kommen nicht vor. Es gibt auch keine eigenen Bewertung der Vorschläge oder einen sinnvollen Kontext.

Die Einleitung ist so missverständlich formuliert, dass Leser, die den Artikel nur überfliegen, einen falschen Eindruck gewinnen. Bei vielen wird hängen bleiben, dass es ein neu auftauchendes Problem gibt (was nicht nachgewiesen ist) und dass es einen Vorschlag gibt, der im Sinne aller Mieter ist (was nicht der Fall ist).

Meine Kritik an diesem Artikel bedeutet nicht, dass ich hohe und weiter steigende Mieten begrüße oder möchte, dass Menschen mit Schufa-Eintrag keine Wohnung bekommen.

Mich stört, dass man mit dieser Art der Berichterstattung nicht zu einer sachlichen Debatte beiträgt. Ein weiteres mal wird nicht differenziert über eine geforderte Zwangsmaßnahme berichtet.

Es ist eigentlich eine Binsenweisheit, dass Verbote und Eingriffe immer einen Trade-off haben: Erzwingt man für eine Gruppe den Zugang zu einem Markt, ändern sich für alle die Konditionen.

Das kann wohlbegründet und sinnvoll sein, aber es gibt eben Auswirkungen, über die man sich im Klaren sein muss.

In einem Artikel nur den Standpunkt der Lobbyorganisation einer Gruppe darzustellen aber den Artikel so einzuleiten, als gäbe es ein Problem das gleichmäßig alle Mieter trifft und die vorgeschlagene Maßnahme würde allen Mietern nützen, ist nicht ehrlich.

Diese Art Journalismus ist nicht hilfreich für eine Debatte.

Werbeanzeigen

2 Kommentare zu „Sind bald Vergangenheit: Bezahlbare Mieten und guter Journalismus“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s