Relotius: Die Fragen die man eigentlich stellen müsste

Seit der Fall Claas Relotius bekannt wurde, beobachte ich in der Berichterstattung darüber eine Konzentration auf die kleinen und großen Fälschungen und Lügen des Herrn Relotius. Der Blick auf das große Ganze wird damit verstellt.

Man arbeitet sich an einer Liste ab, kritisiert den Faktencheck des Spiegel und fertig. Der Spiegel selbst deckt lächerliche Fehler wie die Tatsache auf, dass ein Footballspieler ein Verteidiger und nicht – wie von Relotius behauptet – ein Quarterback sei.

Um ehrlich zu sein, halte ich das für den journalistischen Standardfall und nicht für eine Besonderheit von Claas Relotius. Wenn in der Berichterstattung über Colin Kaepernick ein passendes Statement eines anderen Spielers benötigt wird um die Geschichte rund zu machen – welcher Journalist interessiert sich für die Position dieses Spielers?

Die erste Frage, die man eigentlich stellen müsste:

Wenn man auf dieser Genauigkeitsstufe alle Reportagen aller Medien der letzten Jahre durchsuchen würde – wie viele solche Fehler würde man finden?

Bei der NZZ führten Beschwerden von Lesern dazu, dass man die Zusammenarbeit mit Relotius bereits 2014 eingestellt wurde. Wie wahrscheinlich ist es, dass es solche Leserhinweise beim Spiegel und anderen Medien, für die Relotius gearbeitet hat, nicht gab?

Die zweite Frage, die man eigentlich stellen müsste:

Wie oft gab es Beschwerden, Hinweise und Richtigstellungen von Relotius-Opfern oder anderen Lesern?

Die dritte Frage, die man eigentlich stellen müsste:

Ist die Geisteshaltung des Spiegels und anderer deutscher Medien geeignet, Hinweise und Beschwerden von Nicht-Journalisten auf Augenhöhe wahrnehmen?

Liest man, wie der Fall Relotius schließlich aufgeflogen ist, wird klar, dass Relotius nicht sehr professionell gefälscht hat. Sein Kollege konnte die Entstehung seiner Reportage beobachten, er konnte sehen, wie ein außergewöhnliches Ereignis erst später hinzugefügt wurde.

Dieser eine Kollege – Juan Moreno – hat viele weitere Ungereimtheiten und Unwahrheiten entdeckt. Er hat gekämpft, damit sie richtig gestellt werden. Hätte er das auf sich beruhen lassen, wäre Relotius nicht aufgeflogen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Moreno der erste von Relotius‘ Kollegen war, der Lügen und Ungereimtheiten bemerkt hat?

Die vierte Frage, die man eigentlich stellen müsste:

Wie viele seiner Kollegen und Vorgesetzten haben in den Jahren seines Schaffens Ungereimtheiten und Lügen bemerkt, haben aber nichts unternommen?

Es ist belegt, dass Kollegen Fehler und Ungereimtheiten entdeckt haben. Wären diese Kollegen oder Relotius‘ Vorgesetzte da dran geblieben und hätten konsequent Aufklärung über die vielen Widersprüche und Fehler verlangt – Relotius wäre deutlich früher aufgeflogen.

Die fünfte Frage, die man eigentlich stellen müsste:

Wie oft kamen Hinweise auf Fehler, Widersprüche und Lügen von Journalisten, Lesern und Betroffenen bei Relotius‘ Vorgesetzten an, wurden aber ignoriert?

Eine naheliegende Erklärung für diese Fehler-Ignoranz seiner Vorgesetzten und Kollegen könnte sein, dass zumindest kleine Verdrehungen und Unwahrheiten für eine runde Geschichte als völlig normal angesehen werden – dass so etwas also (fast) jeder macht.

Eine andere Erklärung wäre, dass kleine Verdrehungen und Unwahrheiten von Journalisten als gar nicht so wichtig empfunden werden.

Die sechste Frage, die man eigentlich stellen müsste:

Ist Juan Moreno nicht die Ausnahme und Claas Relotius die Regel?

Fazit

Den Fall nur auf die Person Relotius zu beziehen greift zu kurz. Die Geschichte der Aufdeckung des Falls zeigt, dass es ein strukturelles Problem gibt. Juan Moreno ist ein hohes persönliches Risiko eingegangen, indem er konsequent Aufklärung verlangte.

Dieses Auftreten setzte Relotius‘ Vorgesetzte derart unter Druck, dass sie schließlich auch von Relotius konsequent Aufklärung verlangten.

Was ich in deutschen Medien zu diesem Fall lese, kommt mir wie ein Ablenkungsmanöver vor, um die wirklichen Fragen nicht stellen zu müssen.

Dieses aufgeregte Abarbeiten an lächerlichen Fehlern – wie der falschen Position eines Footballspielers – offenbart doch, dass dies nur ein Symptom eines viel tiefergehenden Problems ist.

Sicher wäre ein Text ohne solche Fehler besser – unstrittig. Aber ist das das Hauptproblem im Fall Relotius?

 

Werbeanzeigen

2 Kommentare zu „Relotius: Die Fragen die man eigentlich stellen müsste“

  1. Die Verlogenheit ist systemimmanent. Wie oft wird der gender pay-gap wieder aufgewaermt, obwohl der Unfug unzaehlige Male widerlegt wurde. Wie oft wird behauptet, dass Gewalt in der Partnerschaft ausschliesslich von Maennern ausgeht, obwohl es genuegend Studien gibt, die das widerlegen. Wie oft wird behauptet, dass antisemitische Aktionen nur von den boesen Rechten ausgehen, obwohl es genuegend Beweise gibt, dass es Moslems, oder fake Aktionen von Linken waren. Es gibt da nirgendwo einen Chefredakteur, der die ganzen Luegen aufraeumen will, ganz im Gegenteil. Sehr viele Artikel setzten ja schon voraus, dass die etablierten Luegen von vielen Leuten ganz fest geglaubt werden.

    Weis der Geier, was der wirkliche Anlass war, Relotius abzusaegen. Ich spekuliere, dass jemand eine richtig teure Klage vor einem US-Gericht androhte. Sowas im Stile von Gawker, denen Hulk Hogan mit 140 Mio USD das Licht ausgeknipst hat.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s