Warum Zivilcourage für mich ein Problem ist

Mein Blog-Kompagnon Horst thematisiert Zivilcourage und stellt die Frage wie man sich selbst in welchen Situationen verhalten würde.

Ich habe meine Einstellung zu Zivilcourage in den letzten Jahren verändert, weil sich die Welt um mich herum geändert hat. Früher habe ich es als Selbstverständlichkeit aufgefasst  Menschen in Not zu helfen – heute nicht mehr. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe.

Erstens glaube ich, dass sich das Risiko für Helfer vergrößert hat. Horst nennt Beispiele für Helfer, die selbst zu Opfer wurden. Aus meiner Sicht liegt das an der Veränderung unserer Gesellschaft in den letzten Jahren, die eine allmähliche Verrohung zur Folge hat.

Heute rechne ich damit, dass häufiger als früher Messer zum Einsatz kommen, was mein Risiko ganz erheblich vergrößert. Das menschliche Leben scheint nicht mehr den gleichen Wert zu haben wie früher.

Zweitens ist die Rechtslage für Helfer heutzutage schwierig, man kann sich nicht sicher sein, dass man auch als Helfer wahrgenommen wird und Notwehr als solche anerkannt wird.

Die höchste Priorität hat meine eigene Sicherheit und die meines Umfeldes. Das bezieht sich auf meine körperliche Unversehrtheit und auf die juristische Sicherheit. Und es geht nicht nur um die Auswirkungen auf mich, sondern auch um die Auswirkungen auf meine Familie.

Das weinende Kind

Als ich auf einer größeren Veranstaltung an einem weinenden, etwa zwei Jahre alten Mädchen vorbeikam, habe ich sie angesprochen, wo ihre Eltern seien.

Das Kind weinte nur und antwortete nicht. Im (sehr lauten) Umfeld nahm niemand das weinende Mädchen wahr.  Mein erster Impuls war es, das Kind auf den Arm zu nehmen, Trost zu spenden und mich mit ihr nach ihren Eltern umzusehen.

Dann dachte ich noch einmal nach und entschied, das Kind nicht auf den Arm zu nehmen. Zu groß erschien mir das Risiko, mich als Mann dem weinenden Mädchen zu nähern.

Vielleicht wehrt es sich gegen mich und strampelt während ich es hoch nehme. Kommt jetzt die ihr Kind suchende Mutter vorbei – wer weiß wie sie diese Situation interpretiert? Oder ein wütender Vater?

Ich löste die Situation für mich, indem ich zu einer Bekannten ging und sie um Hilfe bat. Sie nahm das Mädchen in den Arm, spendete Trost und lies die Eltern ausrufen. Das Kind sprach nicht, deshalb kannten wir den Namen nicht. Es dauerte deshalb etwas bis die Mutter des Kindes auf den Ruf aufmerksam wurde und das Kind abholte.

Das streitende Paar

Nachts in der S-Bahn sitzt ein Pärchen auf der anderen Seite des Gangs. Er verhält sich die ganze Zeit aggressiv und beleidigend. Er droht ihr mit der Hand.

Ich sitze daneben und denke mir: „Wenn das eskaliert, rufe ich die Polizei, aber ich unternehme nichts“. Letztlich passiert nichts.

In meiner Bewertung ob ich helfe oder nicht spielt auch die eigene Verantwortung des Opfers eine Rolle, also ob sich jemand selbst in gefährliche Situationen bringt. Wer sich mit gewalttätigen Asis einlässt weiß selbst was er tut. Dafür bringe ich mich nicht in Gefahr. Für Kinder oder Zufallsopfer eher.

Dominik Brunner

Der in Horsts Artikel angesprochene Dominik Brunner wurde zum Helden stilisiert. Er schützte Schüler in der S-Bahn vor zwei Schlägern.

Aber: Nach dem Aussteigen aus der S-Bahn ging er „tänzelnd, in Boxhaltung“ auf seinen später verurteilten Mörder und seinen Komplizen zu. Dominik Brunner schlug zuerst zu.

Das Gericht bewertete den Erstschlag Brunners als „zweifelsfrei von Notwehr gedeckt“. Auch die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer die Situation am Bahnsteig als „bedrohlich“ beschrieben und den ersten Fausthieb daher als gerechtfertigt interpretiert. „Handlungsleitend“ sei bei den Angeklagten gewesen, sich an Brunner rächen zu wollen, weil dieser sie in der S-Bahn wegen ihrer Pöbeleien gemaßregelt hatte.

Für Gericht und Medien handelte Dominik Brunner in Notwehr. Andere Zeugen empfanden die Situation auf dem Bahnsteig nicht bedrohlich, bis Brunner die Schlägerei anfing.

Stellt man die Situation nur etwas anders dar ist Dominik Brunner der Angreifer, der die beiden Jugendlichen am Gehen hinderte und die Schlägerei begann.

Für Dominik Brunner gab es Schweigeminuten, ein Verdienstkreuz vom Bundespräsidenten, eine Gedenkkundgebung, eine Schule und Straßen wurden nach ihm benannt.

Die Bürgerwehr

Von Horst erwähnt wurde auch der Fall von Arnsdorf. In diesem Video sieht man, wie ein Mann mit einer Weinflasche in der Hand gestikuliert und offensichtlich nicht bereit ist den Laden zu verlassen.

Dann kommen drei Männer in den Laden, greifen sich zielgerichtet diesen Mann und bringen ihn hinaus. Der wehrt sich und verliert die folgende Auseinandersetzung.

Nicht im Video ist zu sehen, dass der Mann mit Kabelbindern an einem Baum fixiert wird.

Mit diesem Fall gingen die Medien ganz anders um. Obwohl der Iraker den Anweisungen der Verkäuferin, den Laden zu verlassen, nicht Folge leistet und obwohl er sich mit einer Flasche bewaffnet, werden die Helfer als „Täter“ bezeichnet:

Im sächsischen Arnsdorf haben mehrere Männer einen Asylbewerber geschlagen, gewaltsam aus einem Supermarkt getragen und an einen Baum gefesselt. […]

Einer der Täter ist ein CDU-Gemeinderat in Sachsen

Süffisant wird darauf hingewiesen, dass der Iraker psychisch krank sei. Man versteigt sich sogar zu der Aussage, dass dies „bekannt“ sei – so als hätten die Helfer das wissen müssen. Die Frage, ob eine psychische Krankheit den Täter nicht unberechenbarer – und damit gefährlicher – macht, wird erst gar nicht gestellt.

Fazit

Das Problem mit Zivilcourage ist, dass es nichts zu gewinnen gibt, aber alles zu verlieren. Schließlich beurteilen andere die Situation, in der man sofort handeln muss, ohne groß nachzudenken. Manchmal muss man sich rechtfertigen, wenn man einem Angreifer, der einen begrapscht die Nase bricht.

Es sind im Zweifel die gleichen hypermoralischen Journalisten, die einen zum Helden hoch- oder zum Ausländerhasser runterschreiben – je nach deren Lust und Laune.

Deshalb ist es heute keine Selbstverständlichkeit für mich, Menschen in Not zu helfen.

 

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4 Kommentare zu „Warum Zivilcourage für mich ein Problem ist“

  1. Kurz und knapp:

    Toller Artikel.

    Das deckt sich zu 100% mit meinen Gedanken zu der Thematik.

    Mir fällt da auch immer das schöne Beispiel aus dem Flugzeug ein, wo man sich bei Druckabfall ja auch zuerst selber die Sauerstoffmaske aufziehen soll, bevor man anderen dabei hilft.
    Denn was bringt es, wenn ich meinem Nachbarn die Maske aufgesetzt habe und dann selber ersticke?
    Von daher, volle Zustimmung.

    Gefällt 1 Person

  2. „Zivilcourage“ kann nur in einem tribalistischen Umfeld funktionieren. Das ist erst mal die eigene Familie. Die naechste Stufe waeren z.B. Dorfgemeinschaften usw., bis zu Nationen. Diese natuerliche Praeferenz wurde uns jedoch mit vielen politischen Massnahmen ausgetrieben, bzw. wird nur noch mit Kosten belegt und bleibt ohne Vorteile, wie Du richtig schreibst. Das geht ja inzwischen so weit, dass die Leute, die eindeutige Vorteile durch ihr Helfen haben, da sie dafuer bezahlt werden (wie Polizisten, Feuerwehrleute, Notaerzte, usw.), es sich drei mal ueberlegen zu helfen, wenn sie befuerchten muessen angegriffen, verleumdet und sogar bestraft zu werden.

    Zivilcourage gibt es nur auf dem Hintergrund eines breiten gesellschaftlichen, kulturellen Konses, hinter dem Helfer zu stehen, selbst wenn er was falsch macht. Diesen Konsens gibt es nicht mehr.

    Gefällt 2 Personen

  3. Zivilcourage wurde schon vor Jahrzehnten in den USA ad absurdum geführt, indem Opfer, nachdem ihnen geholfen wurde, die Helfer wegen unsachgemässer Hilfe noch vor Gericht zogen und auch teilweise Recht erhielten. Unfassbar. Ausserdem haben sich einige besonders abgefeimte Strolche an Strassen als Verkehrsopfer inszeniert. Wenn ein Autofahrer dann anhielt, um Hilfe zu leisten, wurde er nicht selten ausgeraubt und niedergeschlagen. Die Menschheit hat sich über weite Strecken verroht. Hilfe sollte deshalb nur geleistet werden, wenn mehrere Menschen anwesend sind. Sie haben im Falle des kleinen Mädchens ganz richtig gehandelt. Genau so und nicht anders, ist Hilfe noch möglich. Sehr traurig, wie das Beste im Menschen durch die Justiz und die PC sowie der Generalverdacht gegen Jeden und Jedes ausgemerzt wurde.

    Gefällt 1 Person

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