Zivilcourage

Anlass für diesen Artikel war ein Gespräch mit Freunden über diese Gewalttat in Amberg und Personen, die Zivilcourage zeigten, indem sie – obwohl sie sich damit selbst in Gefahr brachten – anderen halfen.

Ich stelle mir die Frage: Wie hätte ich mich verhalten?

Am Bahnhofsvorplatz soll einer der Männer ein Mädchen (17) als „Nutte“ beleidigt und bedrängt haben. Als die Begleiter des Mädchens (beide 17) dazwischengingen, wurden sie durch Schläge im Gesicht verletzt.

Als Begleiter wären wohl die meisten Männer dazwischengegangen.

Der Auszubildende kam mit Prellungen und Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. Ein Mann, der den Opfern helfen wollte, wurde ebenfalls verprügelt.

Dieser Mann war offenbar ein Unbeteiligter, der sich entschied zu helfen.

Die Opfer von Amberg hatten Glück, sie bezahlten ihre Hilfsbereitschaft nicht mit dem Leben. Dieses Glück hatten in der Silvesternacht auch ein 18-jähriger in Leipzig, der einen Streit schlichten wollte und dafür verprügelt wurde, und ein 28-jähriger in Cottbus, der erfolgreich einen Streit schlichtete, aber wenig später ein Messer im Körper hatte.

Insbesondere, aber nicht ausschließlich Männer, die helfen oder einen Streit schlichten wollenwerden immer wieder selbst angegriffenBei Messerangriffen sind die Verletzungen schwer, manchmal tödlich.

Ist es das wert? – frage ich mich.

Ich würde ohne zu zögern meine Familie und Freunde schützen. Auch für Bekannte, mit denen ich unterwegs bin, fühle ich mich verantwortlich.

Bei anderen Personen kann ich das nicht so klar sagen. Es macht einen Unterschied, ob sich zwei Jugendliche in der U-Bahn streiten oder jemand ausgeraubt wird. Ich würde auch versuchen, das Risiko einzuschätzen, verletzt oder gar getötet zu werden.

In Extremsituationen bleibt allerdings selten Zeit zum Nachdenken. Man muss schnell entscheiden: Sehe ich bei einem Streit weg und gehe weiter – oder wende ich mich den Kontrahenten zu? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer der Streitenden ein Messer zieht?

In einen Streit unter arabisch aussehenden Jugendlichen würde ich wohl nicht eingreifen. Auch bei Angriffen aus Gruppen heraus, wie es sie in der Neujahrsnacht in ganz Deutschland auf Feiernde, Polizei und Feuerwehr gab, würde ich zunächst mich selbst in Sicherheit bringen und Hilfe holen. Sollte man versuchen Angegriffene zu schützen, wenn man sich in der Lage fühlt den Aggressoren Paroli zu bieten?

Ein wesentlicher Aspekt ist für mich (neben dem Schutz meiner Lieben und dem Willen, ihnen noch eine Weile erhalten zu bleiben), dass ich es für feige halte, jemandem nicht zu helfen.

Wie seht ihr das? Wo würdet ihr helfen? Was würdet ihr von jemandem mit einer Vorerkrankung wie Dominik Brunner oder dem Streitschlichter von Köthen erwarten? Was würdet ihr tun, wenn ihr fürchtet hinterher diffamiert zu werden, weil sich eure Zivilcourage gegen den falschen Aggressor richtet?

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5 Kommentare zu „Zivilcourage“

  1. „Ist es das wert? – frage ich mich.“

    Meiner Meinung nach muß man klar differenzieren: Innerhalb persönlicher Beziehungen gibt es ein vitales Interesse, zu helfen. Bei Unbekannten jedoch würde ich mich auf dne von mir gehaßten Standpunkt der Intersektionalität zurückziehen: Frauen behandeln Männer wie Menschen zweiter Klasse? Ok, dann können sie sich mal selbst helfen. Dasselbe gilt für Moslems und Nicht-Moslems? Ok, selbe Lösung? Schwarze glauben, Weiße bringen es nicht? Ok, dann kommt mal alleine klar.

    Denn all diese Leute ignorieren Argumente für Mitmenschlichkeit vorsätzlich und daher gibt es keine Alternative dazu, als sie ihren eigenen Entscheidungen allein zu lassen. Wenn ihnen die Folgen ihrer Entscheidungen gefallen – um so besser. Tun sie das nicht, können sie ja andere treffen – und das würde ich immer abwarten.

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  2. Oh, das ist jetzt schon eine Weile her, aber ich lese mich gerade ein in diese Blog (man hat ja sonst nichts zu tun, in den Pausen beim Berichteschrieben 😀 …)

    Ich denke, das Kernproblem besteht darin, dass wir nicht mehr wissen, was der Begriff und die Vorstellung „öffentlicher Raum“ besagt. Innenstädte z.B. gehören uns Bürgerinnen u. Bürgern, sind unser Raum.

    Wir hatten daher vor ein paar Jahren die Nachtwanderer bei uns gegründet – bundesweit sind die am Start. Sie sind KEINE Bürgerwehr und auch KEINE Deeskalationsteams. Sie sind da für die jungen Nachtschwärmer, als Ansprechpartner, als jemand, der ne Flasche Wasser in heißen Sommernächten dabei hat, nen Pflaster oder auch mal ein Ohr. Uns gibt es inzwischen nicht mehr. Die Zusammensetzung wie sagt man … das Klientel in Bahnhofsnähe und in den Parks hat sich derartig verändert, der Ton ist z.T. aggressiv und man beobachtet übergriffiges Verhalten, Anstarren, Begrabschen, zufälliges Anrempeln von einer bestimmten Gruppe gegenüber Mädchen. Nach den ersten Vergewaltigungen und Schlägereien, die es z.T. nur als kleine Notiz in die lokale Presse geschafft hatten, haben wir unser Engagement eingestellt.

    „In einen Streit unter arabisch aussehenden Jugendlichen würde ich wohl nicht eingreifen. Auch bei Angriffen aus Gruppen heraus, wie es sie in der Neujahrsnacht in ganz Deutschland auf Feiernde, Polizei und Feuerwehr gab, würde ich zunächst mich selbst in Sicherheit bringen und Hilfe holen.“ So sieht es aus: Nachts unterwegs zu sein, birgt inzwischen ein Risiko, dem sich viele nicht mehr aussetzen wollen. Wir auch nicht.

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