Polizisten sind Rassisten

Die Qualitätswebseite jetzt.de hat anonym mit einem Polizisten gesprochen. Das verspricht interessante Einblicke.

Ein junger Polizist spricht über Rassismus und Korpsgeist in der Polizei.

„[…]Als ‚Linker’ in der Polizei gehöre ich zu einer fast nicht existenten Spezies in diesem System. Aus diesem Grund habe ich vielleicht auch ein anderes Auge auf das Handeln meiner Kollegen.“

Jetzt.de hat einen jungen, linken Polizisten gefunden. Auch ich gehe davon aus, dass linke Polizisten eher selten sind.

Wobei die Ursache dieser vermuteten Korrelation nicht unbedingt sein muss, dass vor allem „Rechte“ in den Polizeidienst gehen. Denn das, was Polizisten tagtäglich erleben, kann Einfluss auf ihre politische Einstellung haben. Polizisten tauchen in eine Welt ein, die sich viele Menschen mit einem warmen Bürojob nicht einmal vorstellen können.

Wir haben ihn Zuhause besucht, in seinem Wohnzimmer ein langes und intensives Gespräch mit ihm geführt und ihn als sensiblen, aufrichtigen und vertrauenswürdigen Menschen kennengelernt, den sein Gewissen quält und dem es wichtig ist, das Richtige zu tun.

Das finde ich eine erstaunliche Einführung ihrer anonymen Quelle. Die Autorinnen Nadja Schlüter und Charlotte Haunhorst haben einen „sensiblen, aufrichtigen und vertrauenswürdigen Menschen“ kennengelernt?

Sind die Gefühle der Autorinnen das Maß, mit dem die Glaubwürdigkeit anonymer Quellen beurteilt wird? Ist das Satire?

Haben sie irgendeine Geschichte der anonymen Quelle neutral überprüft, wenigstens auf Plausibilität?

Weil die meisten Journalisten politisch links zu verorten sind, erwarten die Autorinnen Nadja Schlüter und Charlotte Haunhorst wahrscheinlich eher als der Durschnittsbürger, dass die meisten Polizisten Nazis sind.

Diese (wahrscheinliche) Erwartung macht sie anfällig für jemanden, der genau das behauptet, weil Menschen die Neigung haben, „Informationen so auszuwählen, zu ermitteln und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen erfüllen“ (Bestätigungsfehler).

Die Vorstellung der anonymen Quelle als sensibel weist auf mangelnde journalistische Neutralität hin. Diese subjektiv von den Journalistinnen empfundene Eigenschaft scheint aus deren Sicht die Glaubwürdigkeit der Quelle zu erhöhen, obwohl sie nichts damit zu tun hat.

Es deutet auf einen Bestätigungsfehler hin, wenn die Journalistinnen Sensibilität für eine positive Ausnahmeeigenschaft ihrer Quelle halten, während sie Polizisten im Allgemeinen für eher unsensibel, abgestumpft oder grob halten.

Gerade vor diesem Hintergrund finde ich es verwunderlich, dass die Autorinnen nicht schreiben, ob und wie sie ihre Quelle unabhängig überprüft haben. Das finde ich bei diesem Thema unangemessen. Immerhin folgen pauschale, abwertende Aussagen über die Polizei im Allgemeinen.

Er hat uns von Kollegen erzählt, die sagen, dass sie „Bimbos jagen“ gehen, von rassistischen Witzen und von gewalttätigen Übergriffen durch Polizisten.

Das klingt nicht gut, ist aber wohl nicht anders zu erwarten, da Polizisten auch nur Menschen sind – und da gibt es gute und schlechte.

Interessant wäre zu wissen, wie oft die anonyme Quelle solche Beobachtungen in welcher Zeit gemacht hat.

Wir können seine Vorwürfe nicht belegen

Das kann man auch schwer erwarten. Man kann aber erwarten, dass so viel wie möglich geprüft wird.

„Ich wurde selbst schon zum Racial Profiling aufgefordert. Als ich im Streifendienst angefangen habe, bekam ich von meinem Vorgesetzten mehrfach eine durchschnittliche Beurteilung. Also habe ich nachgefragt: ‚Was muss ich tun, um besser als der Durchschnitt zu sein?‘ Er hat zu mir gesagt: ‚Geh an den Bahnhof und kontrollier‘ Neger. Geh raus und kontrollier‘ Bimbos. Dann hast du spätestens bei jedem Dritten eine Anzeige. Damit kannst du dir Fachwissen aneignen und hebst dich von der Masse ab.‘ Ich habe gefragt, ob das sein Ernst sei. Und gesagt, dass ich dann lieber die Durchschnittsbeurteilung nehme.

Die Wortwahl „Neger“ und „Bimbo“ ist nicht akzeptabel.

Die Quelle stellt es so dar, dass es effektiv ist, dunkelhäutige Menschen am Bahnhof zu kontrollieren, dass es also häufig Gründe für eine Anzeige gibt.

Es scheint sich also um einen guten Rat zu handeln, um in seinem Job besser zu werden: Erfahrungen und Fachwissen sammeln und erfolgreich sein, indem man Straftäter anzeigt. Der Vorgesetzte verlangt nicht, dass die Hautfarbe das einzige Kriterium für eine Kontrolle sein soll.

Das moralische Dilemma ist, dass Racial Profiling wohlbegründet ist, weil die Kriminalität unterschiedlicher Herkunftsländer sehr unterschiedlich ist.

Tabelle_Tatverdächtige_nach_Nationalität
Den Artikel mit Erklärungen und Quellen gibt es hier
Grafik_Tatverdächtige_nach_Nationalität
Den Artikel mit Erklärungen und Quellen gibt es hier

Die anonyme Quelle handelt anscheinend moralisch jederzeit einwandfrei und selbstlos und nimmt eine durchschnittliche Beurteilung in Kauf, nur um sich nicht des Racial Profilings schuldig zu machen.

Grafik_mit_Pfeil_Straftaten_gegen_das_Leben
Den Artikel mit Erklärungen und Quellen gibt es hier

Dass Racial Profiling wohlbegründet ist, bedeutet nicht, dass es richtig ist. Es nicht anzuwenden hat aber Auswirkungen, schließlich sind die personellen Ressourcen der Polizei begrenzt.

Natürlich kann man ins Villenviertel gehen und dort deutsche Großmütter kontrollieren – Drogenhandel hat man damit aber nicht bekämpft.

Sich moralisch überlegen zu fühlen, weil man Racial Profiling nicht einsetzt, finde ich unangebracht, denn ich halte Drogentote ebenfalls für ein Problem.

Es ist, wie gesagt, ein Dilemma. Die Autorinnen Nadja Schlüter und Charlotte Haunhorst gehen darauf nicht ein.

Für einen meiner Kollegen war das allerdings ganz selbstverständlich: Wenn er noch Vorgangsnummern brauchte – also noch nicht so viele Anzeigen aufgenommen hatte – dann ist er an den Bahnhof gefahren und hat eine Anzeige nach der anderen gegen Dunkelhäutige aufgenommen.

Der Kollege, über den hier so vorwurfsvoll gesprochen wird, hat das getan, wofür Polizisten bezahlt werden: Er hat Tatverdächtige ausfindig gemacht und angezeigt. Das nennt man Kriminalitätsbekämpfung.

Es wird nicht behauptet, dass der Kollege Menschen anzeigt, die unschuldig sind. Die anonyme Quelle sagt, dass man nur „bei jedem Dritten eine Anzeige“ schreiben kann. Es geht nicht um Unschuldige, sondern um Tatverdächte, so dass es für eine Anzeige reicht.

Sein Kollege geht zu einem Kriminalitätsschwerpunkt, sorgt für Polizeipräsenz und kontrolliert Verdächtige. Das ist gut, denn es sorgt für weniger Kriminalität, auch wenn sich die anonyme Quelle an der Wortwahl stört.

Die anonyme Quelle hingegen tut das nicht und fühlt sich damit auch noch moralisch überlegen. Ich finde es richtig, dass er dafür nur durchschnittliche Bewertungen bekommt, schließlich drückt er sich um den unangenehmen – und vermutlich auch überdurchschnittlich gefährlichen – Einsatz am Kriminalitätsschwerpunkt.

Er sagte: ‚Wir gehen jetzt Bimbos jagen.’ In der Dienstgruppe wurde darüber ganz normal gesprochen. Wer es so praktiziert, bekommt Anerkennung: ‚Guck mal, was der für Zahlen bringt.‘ Und wenn sich jemand beschwert, wird das Vorgehen von den anderen verharmlost.

Die anonyme Quelle (er wird im Artikel „Robert“ genannt) stellt sich selbst als moralisch überlegen dar. Das ist wegen der Formulierung „Bimbo“ natürlich einfach.

Aber in welchem Job regt man sich nicht auch mal über Kunden auf und redet geringschätzig über sie, wenn sie nicht im Raum sind? Es gibt immer eine Diskrepanz zwischen dem, was man von außen erwartet und dem, was unter der Haube steckt.

Das ist in jedem Beruf so. Wie sprechen Krankenschwestern unter sich über ihre Patienten? Wie sprechen Verkäufer unter sich über ihre Kunden? Wie sprechen Journalisten unter sich über Politiker, Interviewpartner oder den „Pöbel“?

Bei Polizisten sind die unangenehmen „Kunden“, „Politiker“ oder „Patienten“, die ihnen das Leben schwer machen, die Kriminellen. Nur dass für Polizisten „unangenehm“ auch mal „gefährlich“ oder „lebensbedrohlich“ bedeuten kann.

Deshalb finde ich es arrogant, derart moralisierend über dumme Sprüche zu urteilen. Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.

Nadja Schlüter und Charlotte Haunhorst scheinen frei von Zweifeln zu sein.

Schon ganz am Anfang hat ein Kollege zu mir gesagt: ‚Wenn mal was schiefgeht, mach dir keinen Kopf – wir schreiben es gerade.‘ Das war mit das Erste, was ich gelernt habe: Man kann es immer gerade schreiben.

Das glaube ich sofort, genau das würde ich erwarten. Das finde ich ebenso falsch, wie ich es verständlich finde.

Jemand, der viel Auto fährt hat ein höheres Risiko Strafzettel zu bekommen als jemand der wenig Auto fährt. Natürlich hat das Strafzettel-Risiko auch etwas mit dem individuellen Verhalten zu tun, aber eben auch damit, wie häufig bzw. wie lange man Situationen ausgesetzt ist, in der man Fehler machen kann.

Polizisten sind viel häufiger mit Gewalt und Gefahr für das eigene Leben konfrontiert als andere Menschen. Dazu kommt, dass sich Polizisten nicht vor solchen Situation zurückziehen können.

Gewalt bedeutet Kontrollverlust, Gefahr, schnelle Reaktion, Angst, Anspannung. In einer solchen Ausnahmesituation passieren Fehler wie ungerechtfertigte Härte oder sich entladende Anspannung.

Natürlich erwarte ich von Polizisten Professionalität, aber es sind eben auch „nur“ Menschen. Und diese Gruppe von Menschen befindet sich häufig in Belastungssitutaionen und ihr Verhalten wird dann von anderen, die sich solchen Situationen nicht aussetzen, beurteilt.

Medien, Richter und Bürger haben das Recht, das Verhalten von Polizisten zu kritisieren. Fehlverhalten muss geahndet werden. Menschlich finde ich es aber verständlich, dass sich Polizisten untereinander schützen.

Die Welt ist eben nicht so einfach, wie sich Gutmenschen in ihren warmen Büros einreden.

Ich erinnere mich noch gut an einen Einsatz. In einem Mehrfamilienblock wurden mehrere Wohnungen von Polizeibeamten aufgerammt und nach Rauschgift durchsucht. Auch wir rammten eine Tür auf und der Bewohner, ein dunkelhäutiger Asylbewerber, ließ sich widerstandslos festnehmen. Dann fiel die Tür aus Versehen zu und der Sicherungsposten trat sie mit aller Wucht wieder auf. Das Türblatt traf den festgenommenen Mann an der Stirn und er sackte benommen zusammen. Der Sicherungsposten hat sich schlapp gelacht und sagte: ‚Schaut mal – ein Bimbo, der weiß wird, das sieht ja lustig aus!’ Ich fuhr ihn an und rannte los, um einen Sanitäter zu holen. Rauschgift wurde bei dem Mann nicht gefunden. Konsequenzen für den Kollegen hatte es meines Wissens auch nicht.

Das ist genau das, was ich meine. Das war ein Fehler, der Polizist hat den Tatverdächtigen nicht bewusst verletzt. So wie Robert die Situation schildert, klingt es aber so, als wäre es gar nicht nötig gewesen, die Tür mit „aller Wucht“ aufzutreten.

Von einer warmen Richterstube aus betrachtet könnte man dem Polizisten Fahrlässigkeit vorwerfen oder sogar Absicht. Schließlich war der Einsatz offenbar bereits abgeschlossen und der Tatverdächtige verhaftet.

Die beleidigende Wortwahl, möglicherweise ein Zeichen der sich entladenden Anspannung nachdem sich herausstellte dass das Zufallen der Tür nicht der Beginn eines Angriffs war, spricht auch nicht für den Polizisten.

Aber man muss sich die Situation eben aus Sicht der Polizei vorstellen. Alle sind angespannt. Kollegen sind in der Wohnung des Tatverdächtigen. Die Tür fällt zu, aber die Kollegen sind noch in der Wohnung und man kennt die Situation nicht. Im Notfall verhindert die geschlossene Tür, dass man seinen Kollegen zur Hilfe eilen kann. Man muss sofort entscheiden und handeln.

Der Hinweis, dass kein Rauschgift gefunden wurde, dient nur dazu den Sicherungsposten noch weiter moralisch ins Unrecht zu setzen. Mit der eigentlichen Situation oder der Bewertung der Handlungen vor dieser Erkenntnis hat das nichts zu tun.

Hinterher ist man immer schlauer und tut sich leicht mit moralischen Urteilen. Und genau davor wollen sich Polizisten schützen, indem sie sich gegenseitig decken.

Auch sonst ist dieses Beispiel erstaunlich schwach: Robert weiß nicht, ob dieser Vorfall Konsequenzen für den Sicherungsposten hatte, er spekuliert nur. Und ich hoffe für Robert und seine Kollegen, dass dieser Vorfall keine Konsequenzen hatte.

Denn das nächste mal ist Robert noch in der Wohnung mit Tatverdächtigen, wenn sich die Tür schließt. Ich hoffe für ihn, dass der Sicherungsposten dann ebenfalls entschlossen handelt um ihm zu Hilfe kommen zu können.

Ich habe auch erlebt, wie ein Kollege einem ausländischen Straftäter, der auf der Straße gefasst wurde, den Arm nach hinten verbogen und ihm mit den Handschellen aufs Handgelenk geschlagen hat. Und als er die Handschellen dann angelegt hat, hat er sie extra fest zugezogen. Ich glaube, der hat sich dabei richtig gut gefühlt.

„Den Arm nach hinten verbogen“ ist nichts anderes als der Polizeigriff. Eine übliche Festnahmetechnik, die nicht nur bei „ausländischen Straftäter[n]“ eingesetzt wird.

Warum weiß Robert das nicht? Ist Robert wirklich Polizist? Und was bedeutet „aufs Handgelenk geschlagen“? Ist das mehr als das bloße Anlegen der Handschellen, die am Handgelenk erfolgt? Woher weiß Robert, dass der Kollege die Handschellen „extra fest“ zugezogen hat? Was hat seine Spekulation, was der Kollege gefühlt haben mag mit der Bewertung dieser Situation zu tun?

Nadja Schlüter und Charlotte Haunhorst geben ungeprüft das subjektive Empfinden von Robert wieder. Das ist kein Journalismus.

Für solche Kollegen, die durch aggressives Verhalten und zur Schau gestellte Dominanz und Autorität auffallen, gibt es sogar einen eigenen Begriff: Man nennt sie ‚Widerstandsbeamte’. […]

Falls sich jemand, der festgenommen wurde, über einen solchen Beamten beschwert, heißt es meistens: ‚Der hat sich bei der Festnahme gewehrt.‘ […]

Aber es gibt einfach diese Fälle, meist im Zusammenhang mit Ausländern, die einen gewissen Beigeschmack haben.

Ja, es gibt Polizeiübergriffe. Und ich bin mir sicher, dass es Polizisten gibt, die sich besonders durch Übergriffe hervortun. Und ja, dieses Problem wird zu selten thematisiert.

Aber nochmal: Die Polizei ist viel häufiger mit Gewalt konfrontiert als Durchschnittsmenschen. Mit Gewalt gehen Eskalation und der Verlust der Kontrolle über die Situation einher. Robustes und auf Eigensicherung bedachtes Auftreten ist kein Übergriff.

Man muss auch die andere Seite betrachten: Wenn jemand die Polizei ruft, weil er in Not ist, dann möchte er nicht, dass die größte Sorge der Polizisten ist, dass irgendjemand ihre entschlossene Hilfe als Übergriff interpretieren könnte.

Es muss also einen Spielraum zugunsten der Polizei geben, der über das hinaus geht, was Menschen, die selbst nicht ihr Leben aufs Spiel setzen und die aufgeheizte Situation nicht selbst erleben, für angemessen halten.

Schaue ich mir beispielsweise diese konkrete Situation an, würde ich den Polizisten viel mehr Spielraum bei der Eigensicherung zugestehen. Aus meiner Sicht müssen Polizisten in dieser Situation niemanden auf Armlänge an sich heranlassen und sie dürften sich auf gar keinen Fall auf eine Prügelei in Unterzahl einlassen.

Ich würde mir sogar ein stärkeres Durchgreifen wünschen. Im Hintergrund scheint sich ein Verdächtiger aus dem Polizeiwagen davonzustehlen. Polizisten, die so etwas geschehen lassen geben den Rechtsstaat und die Sicherheit der Bürger der Lächerlichkeit preis.

Die konkrete Situation spielt bei Übergriffen der Polizei eben ein Rolle. Menschen, die sich beispielsweise einer Festnahme anhaltend widersetzen, beleidigend werden und vielleicht sogar Gewalt gegen die Polizisten einsetzen, werden vermutlich häufiger Opfer von Polizeiübergriffen als Menschen, die das nicht tun.

Die anonyme Quelle Robert wirft der Polizei implizit Rassismus vor, indem er behauptet, dass Fälle mit „gewissen Beigeschmack“ „meist“ mit Ausländern zu tun habe. Aber auch diese Medaille hat zwei Seiten: Sind Ausländer im Durchschnitt möglicherweise aggressiver gegen Polizisten? Die Daten zu Gewalt aus der Kriminalstatistik legen das nahe.

Viele Vorwürfe, die gegen die Polizei erhoben werden, stimmen. Aber sie werden immer dementiert. Wenn man die Polizei mit Fehlern konfrontiert, laviert sie sich raus – denn die Polizei macht grundsätzlich keine Fehler.

Wie gesagt, ich kann mir gut vorstellen, dass das so ist.

Und wenn doch mal einer rauskommt, dann war das ‚ein ganz bedauerlicher Einzelfall‘.

Was die Quelle Robert als Ausrede abtut beweist eines: Polizisten stehen nicht über dem Gesetz. Der Rechtsstaat funktioniert.

Robert berichtet von einer stehenden Einheit der Polizei, bei der „Wehrmachtslieder“ gesungen wurden, die seine Kollegen bei der Bundeswehr gelernt hatten. Leider sagt er nicht, welche Lieder das waren, so dass man sich kein Bild machen kann.

Bei den Übungen der Einsatzhundertschaft für Demonstrationen wurde von Anfang an ein Feindbild aufgebaut[…]

Ich habe über die Jahre immer wieder gehört, dass Kollegen gesagt haben: ‚Mit den Rechten hat man nie Schwierigkeiten. Die schmeißen ja keine Pflastersteine.‘

Was Robert empört berichtet halte ich für verständlich. Menschen bewerten gefährliche  Situationen nach dem Risiko für sich persönlich.

Einen Kommentar zu Roberts politisch gefärbter Ferndiagnose zu den G20 Protesten in Hamburg spare ich mir.

Im April 2015, als dieses große Schiff auf dem Mittelmeer gesunken ist und 500 Menschen umgekommen sind, liefen im Sozialraum unserer Dienststelle die Nachrichten. Da wurden auch Überlebende gezeigt und ein Kollege hat gesagt: ‚Hoffentlich schafft es von denen keiner bis hierher.‘ Da bin ich sauer geworden und habe gesagt: ‚Tickst du noch ganz richtig? Da sterben Menschen und du hast keine andere Sorge, als die, ob die hier mal ein Dach über dem Kopf suchen werden?‘ Ich glaube, ich bin sogar beleidigend geworden. Es werden dauernd solche Späße und Abfälligkeiten geäußert und wenn man sich darüber beschwert, wird es verharmlost: ‚War ja nur ein Spaß.‘ Ich bin fast immer der Einzige, der so was schlimm findet.

Die Art in der sich Robert moralisch über seine Kollegen erhebt finde ich unangenehm. Er selbst – da bin ich ganz sicher – benimmt sich sicher in jeder Situation politisch korrekt und macht nie dumme Sprüche.

Da er davon überzeugt ist auf der politisch richtigen Seite zu stehen und die Moral für sich gepachtet zu haben, wird er seinen Kollegen gegenüber beleidigend. Stolz berichtet er den Autorinnen Nadja Schlüter und Charlotte Haunhorst von seinen Heldentaten.

Das schadet der Glaubwürdigkeit seines Berichts in besonderer Weise, weil klar wird, dass es Robert nicht um einen neutralen Bericht über die Polizei geht. Es geht ihm um Selbstdarstellung, es ist ihm wichtig, sich selbst im Besten – moralisch überlegenen – Licht darzustellen.

Die moralisch überlegene Selbstdarstellung schwingt im ganzen Bericht mit, aber hier wird sie überdeutlich. Nadja Schlüter und Charlotte Haunhorst scheinen das nicht zu bemerken und geben auch diesen Teil seines Berichtes wieder. Wahrscheinlich sind sie selbst so politisch gefärbt, dass sie nicht bemerken, dass sie damit ihrer Position schaden.

Der Hinweis, dass er der einzige sei, der „so was schlimm findet“ ist entlarvend. Entweder sind alle Polizisten – außer Robert – Nazis oder Robert ist ein ewig empörter Jammerlappen. Ich glaube nicht, dass alle Polizisten Nazis sind.

Roberts Bericht dreht danach endgültig in die Richtung eines politischen Aktivisten. Er berichtet jetzt nicht mehr von seinen persönlichen Erfahrungen sondern verlegt sich darauf, bundesweite Fälle von Polizisten mit AfD-Sympathien wiederzugeben, die der Öffentlichkeit bekannt geworden sind.

Ich kenne selbst Kollegen, die nach der Arbeit AfD-Wahlplakate aufhängen, und Beamte in Führungspositionen, die in Gesprächen relativ eindeutig Sympathien für AfD und Pegida erkennen lassen.

Sympathien von Polizisten für Pegida oder AfD – beides nicht-verbotene Organisationen – werden von Robert offensichtlich als illegitim betrachtet.

Robert geht es nicht mehr um Polizisten, die kriminell werden, sondern um die Verurteilung der politischen Einstellung anderer. Für mich hat er seine Glaubwürdigkeit als Quelle endgültig verloren.

Dass Polizisten möglicherweise häufiger als andere eine konservative politische Einstellung haben liegt wahrscheinlich daran, dass sie einen völlig anderen Erfahrungshorizont haben als andere Menschen.

Während Richter und Rechtsanwälte in ihren sicheren Amtsstuben sitzen und urteilen, müssen Polizisten in die unangenehmen und oft gefährlichen Situationen hinein. Wie finden es Polizisten wohl, wenn Richter Gesetze so unterlaufen, dass Straftäter bei Strafen bis 2 Jahre in fast 75 Prozent der Fälle auf Bewährung freikommen?

Polizisten müssen das ausbaden, sie begegnen Wiederholungstätern und müssen sich erneut in Gefahr begeben um sie festzunehmen. Sie sehen das langsame Zusammenbrechen unseres Rechtsstaates viel deutlicher als andere. Ich finde es verständlich, wenn Polizisten wollen, dass unsere Gesetze strikt angewandt werden und sich deshalb im konservativen politischen Spektrum wiederfinden.

Nach der Kölner Silvesternacht 2016/2017, dem Racial Profiling und der Diskussion um den Begriff ‚Nafri‘ wurde von Seiten der Kollegen sehr schnell geklagt: ‚Immer ist die Polizei schuld!‘ Immer, wenn die Polizei öffentlich angegriffen wird, hat sich die Öffentlichkeit angeblich gegen sie verschworen.

Robert ist ein ewig empörter Besserwisser. Sieht er das Dilemma der Polizei wirklich nicht?

Zunächst wurde die Polizei kritisiert, weil es Silvester 2015 zu vielen Straftaten gekommen ist und sie völlig überfordert war. Dann stand sie vor dem Problem, dass sie die Sicherheit gewährleisten sollte ohne den Charakter der Veranstaltung zu verändern.

Eine Feier mit so vielen Feiernden wie Polizisten ist schließlich nicht das Rezept für eine  ausgelassene Fete. Also griff man zu Racial Profiling um die wahrscheinlichste Tätergruppe  aus dem Verkehr zu ziehen. Racial Profiling zum Aussortieren von Menschen halte ich für falsch. Aber ich verstehe das Dilemma, in dem die Polizei steckt.

Die zur Schau gestellte öffentliche Empörung über die Bezeichnung „Nafri“ finde ich beschämend. Ich kann den Ärger der Polizisten verstehen, genauso wie das Gefühl, dass immer die Polizei schuld ist.

Die gleichen Leute, die mit „Refugees Welcome“ Schildern an den Bahnhöfen standen und dabei keinen Gedanken an die Konsequenzen verschwendet haben, beschweren sich jetzt über die Polizei, die verzweifelt versucht die Situation so gut es geht in den Griff zu bekommen.

Die Polizisten baden die verschlechterte Sicherheitslage als allererste aus. Und sei es nur, dass jetzt noch weniger von ihnen Silvester feiern können.

Den Begriff ‚Nafri‘ kannte unter meinen Kollegen früher übrigens keiner – seitdem wird er bewusst als Provokation benutzt.

Robert scheint das empörend zu finden. Ich kann das als Gegenreaktion sehr gut verstehen. Ein typisches Beispiel, dass Moralapostel genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie vorgeben erreichen zu wollen: Früher kannten Polizisten diesen Begriff nicht einmal, heute nutzen sie ihn als Provokation.

Anschießend jammert Robert, dass ein ausländischer Kollege, der sich nicht in die Gruppe integriert, ausgegrenzt wird. Auch für sich selbst nimmt er in Anspruch, dass seine Karriere langsamer vorangeht, weil er „unbequem“ ist.

Eine Beurteilung nach Leistung ist bei der Polizei reine Illusion.

Das klang oben aber ganz anders, Robert. Da hieß es, dass es um Fallzahlen geht. Und da hast du dich nicht besonders hervorgetan.

Am besten ist es, wenn man einfach mitschwimmt. Es ist frustrierend zu sehen, dass die Kollegen, die das so machen, die ganze Anerkennung bekommen.

Willkommen in diesem sogenannten „Leben“, Robert. Das ist überall so und ganz normal. Diejenigen, die sich selbst für etwas besseres halten, für „unbequem“, die mag keiner, weil sie allen das Leben schwer machen. Nach meiner Erfahrung leisten diese Typen auch weniger als andere. Das würde zu deinen schlechten Beurteilungen passen.

Und wenn mich irgendwas erreicht, wenn zum Beispiel bei Whatsapp ausländerfeindliche Bildchen rumgeschickt werden oder die Compact im Aufenthaltsraum rumliegt, dann sage ich deutlich: ‚Ich will das hier nicht noch einmal sehen.‘

Robert ist ein Moralapostel, der seine moralische Überlegenheit seinen Kollegen bei jeder Gelegenheit unter die Nase reibt. Klar, dass ihn keiner mag.

Die Compact ist laut Wikipedia ein rechtspopulistisches Magazin. Sie ist legal. Meinungsfreiheit gilt auch für Polizisten. Was Robert sich hier herausnimmt halte ich für eine Grenzüberschreitung von seiner Seite.

Wenn Robert das gleiche Kriterium für ausländerfeindliche Bildchen anlegt, wird er auch an dieser Stelle im Unrecht sein. Die Autorinnen Nadja Schlüter und Charlotte Haunhorst ordnen dies aber nicht ein, für sie scheint das in Ordnung zu gehen.

Roberts Offenheit erfordert Mut. Wir würden uns freuen, wenn durch sein Vorbild weitere Beamte und Beamtinnen den Mut finden, über ihre Erfahrungen zu sprechen und sich kritisch zu Missständen zu äußern.

Robert tritt hier anonym auf, dafür braucht es keinen Mut. Gegen die Anonymität habe ich nichts, aber Roberts armseligen Auftritt, der vor Selbstbeweihräucherung nur so trieft, als „Mut“ einzuordnen finde ich peinlich.

Fazit

Der Unterton des gesamten Artikels ist polizeifeindlich. Nadja Schlüter und Charlotte Haunhorst verlassen sich auf eine Quelle, die mir nicht sehr glaubwürdig vorkommt und die selbst eine politische Zielsetzung zu haben scheint.

Im Grunde finde ich das Ergebnis positiv: Robert berichtet nur von wenigen konkreten Fällen, in denen Polizisten seiner Meinung nach übergriffig geworden sind.

Wenn er in vielen Jahren nur so wenige konkrete Beispiele erlebt hat, scheint im Großen und Ganzen alles in Ordnung zu sein: Polizisten sind keine Rassisten.

Der größte Teil des Artikels besteht aus moralischer Selbstüberhöhung, Selbstbeweihräucherung und politischem Aktivismus. Letztlich kommt mir Robert wie ein typischer linker Aktivist vor, dessen politische Einstellung seine Wahrnehmungen trübt, und der jeden, dessen Meinung von seiner abweicht, gleich zum Nazi erklärt.

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6 Kommentare zu „Polizisten sind Rassisten“

  1. Darf ich mal den Grammatiknazi spielen?

    Zitat: „Das finde ich eine erstaunliche Einführung ihrer anonymen Quelle.“

    M.E. funktioniert das grammatikalisch nicht. Es hat sich zwar eingebürgert, zu sagen: „Das finde ich eine gute Idee.“, aber das macht es nicht besser. Wenn man mal alle Attribute aus solchen Sätzen entfernt, steht da:

    Das finde ich eine Einführung / Idee.

    „Das“ steht dabei im Akkusativ (wen oder was finde ich?) und steht damit für ein Objekt. Mit der Einführung / Idee kommt ein zweites Objekt ins Spiel, und das geht eben nicht. An der Stelle kommt man nur mit einem Attribut weiter.

    Nix für ungut!

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  2. In Zeiten von Relotius‘ Märchenstunde möchte ich mal die Glaubwürdigkeit dieses Artikels bezweifeln:
    Es wird nicht näher gesagt, bei welcher Polizei er Dienst schiebt. Einerseits soll er zum Bahnhof, um Personen zu kontrollieren (Zuständigkeit hier Bundespolizei). Andererseits macht er bei einer Drogenrazzia in Privatwohnungen mit (Zuständigkeit hier die jeweilige Landespolizei).

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  3. Zur Geschichte mit der Drogenrazzia:
    „Robert“ erfährt von keinen Konsequenzen gegenüber dem Sicherungsposten.
    Es gibt eine Reihe von Sanktionsmöglichkeiten gegenüber Beamten. Die mildern wären Rüge (entspricht einer Abmahnung), Verlängerung der Probezeit, Aussetzen von Beförderungsverfahren, Strafzahlungen. Von diesen Maßnahmen würde Robert offiziell nichts mitbekommen (Datenschutz) und einem Nörgelkollegen wird man das kaum erzählen.

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  4. Wie viele psychologische Studien belegen, sind Leute, die Wert auf Ordnung legen, politisch eher konservativ orientiert. Da die Hauptaufgabe der Polizei ist, die Ordnungspolitik durchzusetzen, wird man unter den Polizisten eben hauptsaechlich politisch Konservative finden. Linke, Leute die sich nicht durchsetzen koennen und nur herum jammern, sind da fehl am Platz.

    Ansonsten ist der jetzt.de Artikel, wie fast jeder andere Artikel auf deren Webseite, reine Propaganda.

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