Der Unterschied zwischen Virtue Signalling, Handlungen und Ideologie

Bei welt.de berichtet Daniel Wetzel über die Energiewende.

Deutsche sind bereit, für Energiewende Opfer zu bringen

Da bin ich aber gespannt, zu welch dramatischen Opfern die Deutschen für die Energiewende bereit sind.

Die Proteste gegen Windparks und Stromtrassen nehmen zu. Doch eine Umfrage zeigt, dass die Deutschen für mehr Klimaschutz große Einschnitte in ihrem Alltag in Kauf nehmen würden.

Um seinem Artikel einen knackigen Anfang zu bescheren wirft Daniel Wetzel den Protest Betroffener gegen konkrete Bauprojekte mit Aussagen einer Umfrage zusammen. Diese Aussagen kosten denjenigen, der sie sagt, nichts.

Während die einen ihre moralische Überlegenheit demonstrieren können, ohne dass sie zur Beantwortung der Frage das Haus verlassen müssen, geschweige denn echte Konsequenzen tragen müssen, protestieren die anderen gegen konkrete Konsequenzen, die sie und ihr Leben betreffen.

Dass Daniel Wetzel diese Dinge gleich setzt zeigt, dass der Journalismus bei welt.de zur Schmierenkomödie verkommen ist.

Eine repräsentative Umfrage des Instituts Forsa im Auftrag von WELT und des Energiekonzerns EnBW legt das Gegenteil nahe. Darin geben nahezu alle Befragten an, „in den letzten Jahren persönliche Verhaltensänderungen ergriffen zu haben, um das Klima zu schützen“.

Ich übersetze mal: Bei einem moralisch stark aufgeladenen Thema antworten viele Menschen auf eine allgemeine Frage völlig überraschend, dass sie sich moralisch konform verhalten.

Die Ergebnisse widerlegen zum Teil mit überraschender Deutlichkeit den Eindruck einer Energiewende-Müdigkeit, wie sie sich zum Beispiel aus der aktuell geringen Nachfrage nach Ökostromtarifen ablesen ließe.

Daniel Wetzel jubelt die Begeisterung der Deutschen für die Energiewende künstlich hoch, er berauscht sich regelrecht an diesem Umfrageergebnis, obwohl er selbst zeigt, dass diese Begeisterung bald endet, sobald man selbst einen Preis dafür zahlen muss: Vielen Menschen in Deutschland ist der Klimaschutz nicht einmal ein paar Euro für einen Ökostrom-Tarif wert.

Optimistisch stimmt dabei, dass laut Forsa-Umfrage eine große Mehrheit der Deutschen bereit ist, auf die gewaltigen Herausforderungen des Klimaschutzes mit einer persönlichen Verhaltensänderung zu reagieren.

Noch immer berauscht sich Daniel Wetzel an dieser Umfrage. Schaut man genau hin, ist das Ergebnis ernüchternd.

So gaben 85 Prozent der Befragten an, im Haushalt Energie zu sparen.

Was genau soll diese allgemeine Aussage bedeuten? Was ist die Referenz? Jeder könnte von sich behaupten Energie zu sparen, es kommt nur darauf an, was derjenige unter „nicht sparen“ versteht. Für eine Person könnte „Energie sparen“ beispielsweise bedeuten, regelmäßig das Licht abzuschalten. Ein anderer könnte die von ihm verwendeten Energiesparlampen als Einsparung von Energie deuten – obwohl normale Glühbirnen mittlerweile verboten sind.

74 Prozent erklärten, häufiger auf die Nutzung von Plastiktüten zu verzichten.

26 Prozent schränken sich bei Plastiktüten gar nicht ein. Nur 74 Prozent verzichten „häufiger“. Angesichts dieser überbordenden Opferbereitschaft konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen. Dazu kommt, dass gerade hinsichtlich des Einflusses auf das Klima die Alternativen zu Plastiktüten keineswegs besser abschneiden.

Immerhin 64 Prozent haben bereits Haushaltsgeräte gegen solche mit geringerem Stromverbrauch ausgetauscht.

Auch diese unglaubliche Opferbereitschaft spricht Bände. Es ist keine Einschränkung des eigenen Lebensstils, wenn man sich einen neuen, größeren und besseren Fernseher kauft, der zufällig auch energiesparender ist. Mit dem Kauf eines neuen Kühlschrankes wird Energie eingespart, ohne dass man ein anderes Opfer bringen muss als den „A+“-Aufkleber zu lesen.

Was Daniel Wetzel hier als Opferbereitschaft herbei halluzinieren will ist nichts weiter als ein schlechter Witz – heutzutage sagt man Journalismus dazu.

Überraschend vor allem: Die persönlichen Verhaltensänderungen greifen inzwischen recht weit auf den Alltag über.

Oder doch? Kommen jetzt die großen Opfer, die die Deutschen bringen?

So erklärten 57 Prozent der Befragten, weniger Fleisch zu essen.

Auch hier musste ich mir ein Lachen verkneifen. Eine Einschränkung des eigenen Lebensstils zugunsten des Klimas ist nicht feststellbar: Im Gegenteil. Der Fleischkonsum geht zwar leicht zurück, der Konsum des besonders klimaschädlichen Rindfleischs steigt aber sogar.

49 Prozent gaben an, das Auto jetzt häufiger mal stehen zu lassen. 46 Prozent erklärten zudem, jetzt auch weniger zu fliegen.

In der Wohlfühlumfrage gibt zwar fast die Hälfte an, das Auto „häufiger mal stehen zu lassen“, in der Realität legen die Deutschen jedes Jahr mehr Kilometer mit dem Auto zurück.

Auch die Aussage, dass die Menschen wegen des Klimawandels weniger fliegen würden ist ein Witz: Von 1991 bis 2017 hat sich die Anzahl der Flugpassagiere in Deutschland verdreifacht, wobei die Anzahl fast jedes einzelne Jahr gestiegen ist. Die wenigen Ausnahmen scheinen eher mit der wirtschaftlichen Entwicklung im Zusammenhang zu stehen als mit dem Klimaschutz.

Während früher im Klimaschutz der schwarze Peter allein den Energiekonzernen zugeschoben wurde, zeigt sich heute ein Bewusstseinswandel hin zu einer breiteren, auch eigenen Verantwortlichkeit.

Daniel Wetzel redet sich weiter in einen Rausch. Die Menschen behaupten zwar nur, dass sie persönlich zu Opfern bereit wären, während sie ihr tatsächliches Verhalten Lügen straft, aber Daniel Wetzel scheint durch das allgemein übliche Virtue Signalling schon so geschädigt zu sein, dass er den Unterschied nicht versteht.

Dieser Erkenntnis wollen offenbar immer mehr Menschen auch entsprechende Taten folgen lassen: So ist inzwischen fast jeder Dritte (31 Prozent) grundsätzlich zur Anschaffung eines Elektro- oder Hybridautos bereit: In den letzten Jahren wäre dies nur für fünf Prozent der Befragten infrage gekommen.

Ja, Daniel, wenn es sich finanziell lohnt, machen das vielleicht einige von denen, die es derzeit nur behaupten. Mit Einschränkungen des Lebensstils oder sogar mit Opfern zugunsten des Klimas hat das aber nichts zu tun.

Wenig überraschend: Acht von zehn Befragten äußern gegenüber dem Neubau einer Windkraftanlage „weniger große“ oder „gar keine“ Bedenken: Schließlich bildet die repräsentative Umfrage ab, dass 75 Prozent der Deutschen in Städten leben und damit Windparks kaum direkt erleben.

Im Grunde sind die Ergebnisse dieser Umfrage verheerend: Während die meisten Menschen nicht bereit sind, auch nur ein paar Euro im Jahr für einen Ökostrom-Tarif auszugeben, fällt es ihnen ganz leicht anderen Menschen Windkraftanlagen mit ihren Konsequenzen aufzuhalsen.

Fazit

Wie Daniel Wetzel aus dieser Umfrage eine große Opferbereitschaft der Deutschen herauslesen kann, bleibt sein Geheimnis. Er scheint den Unterschied zwischen Virtue Signalling und wirklichen Handlungen nicht zu verstehen.

Was bei welt.de als Journalismus durchgeht hat die Qualität eines naiven Schülerprojekts: Journalisten, die so in ihrer Ideologie gefangen sind und sich passende Ergebnisse so sehr herbeiwünschen, dass sie völlig den Realitätsbezug verlieren.

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2 Kommentare zu „Der Unterschied zwischen Virtue Signalling, Handlungen und Ideologie“

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    Gefällt mir

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