Wie das Vertrauen und der Zusammenhalt einer Gesellschaft zerstört wird

Eine Schulklasse nutzt in einem Messenger (WhatApp oder ähnlich) eine eigene Gruppe. Ein Mitschüler fordert, dass die Kommunikation in der Gruppe in deutscher Sprache erfolgen soll. Dafür wird er verprügelt.

Man kann mit dem Beispiel dieser Messenger-Gruppe ein Gedankenexperiment durchführen: Zunächst ist die gesamte Klasse in einem Chat und machmal unterhalten sich Mitglieder in einer anderen Sprache.

Diese Personen nehmen sich damit selbst aus der Gruppe heraus, denn die anderen verstehen sie nicht. Unterschiedliche Sprachen wirken abgrenzend.

Es wirkt nicht nur auf die Nutzer der anderen Sprache, sondern auch auf die deutsch schreibenden Gruppenteilnehmer. Die fragen sich natürlich, warum manche Teilnehmer die Sprache wechseln. Machen sie sich über andere lustig? Beleidigen sie andere? Wenn es öffentlich ist, warum wechseln sie dann die Sprache?

Unterschiedliche Sprachen säen Misstrauen, selbst wenn gar keine negative Intention vorliegt.

Eine fremde Sprache zerstört das Vertrauen und den Gruppenzusammenhalt, weil man nicht weiss, was die anderen sagen und warum sie die Sprache wechseln.

Aber es geht noch weiter.

Diejenigen, die die fremde Sprache nicht sprechen, nutzen diesen Kommunikationskanal vermutlich seltener, weil sie das unverschämt finden und sich nicht so behandeln lassen möchten. Sie schreiben denjenigen, die sie erreichen wollen öfter mal direkt, so dass nicht mehr alle alles mitbekommen, sondern nur noch eine Teilgruppe.

Die ursprüngliche Gruppe fällt so weiter auseinander. Vielleicht gibt es schon andere, kleinere Messenger-Gruppen von Freunden, die auch mal neue Mitglieder aufnehmen. Die werden nun mehr darauf achten, dass sie nur Leute aufnehmen, die Deutsch schreiben.

Diese direkten Kommunikationskanäle oder Gruppen in deutscher Sprache werden verstärkt genutzt, so dass die Gruppe noch weiter auseinander fällt.

Technisch ist die ursprüngliche Gruppe vielleicht noch vorhanden, wichtige Kommunikation findet aber immer weniger über sie statt. Schließlich verlassen die ersten Mitglieder die Gruppe, weil sie sowieso nichts wichtiges verpassen und ihr Misstrauen gegen die Sprecher der anderen Sprache wächst.

Die Folge ist, dass sich die ursprüngliche Gruppe allmählich auflöst und in kleine Gruppen zerfällt.

Etwas von dem alle profitiert haben wird gedankenlos zerstört. Alle verlieren, besonders aber diejenigen, die keine deutschen Muttersprachler sind und es daher schwer hatten Teil der Gruppe zu sein.

Vielleicht hat sogar der Schüler, der auf Deutsch bestanden hat und dafür verprügelt wurde, solche Effekte beobachtet und als Ursache die andere Sprache identifiziert. Dann wäre der Fall ein Beispiel dafür, dass es den Überbringer der schlechten Botschaft erwischt obwohl er die besten Absichten hatte und den Fremdsprachlern helfen wollte.

Auswirkungen auf die Gesellschaft

Dieses Gedankenexperiment kann man auf das reale Leben und auch auf die gesamtgesellschaftliche Ebene übertragen. Dort sind die Zusammenhänge nicht so deutlich sichtbar und wesentlich komplexer – aber  vorhanden.

Der Effekt ist aber derselbe: Steht ein deutscher Schüler in einer Gruppe von Schülern, die sich in einer ihm unbekannten Sprache unterhalten, hat er keinen Vorteil davon in dieser Gruppe zu bleiben. Er hat sogar Grund zu Misstrauen: Warum unterhalten die sich so, dass er es nicht verstehen kann?

Er hat noch einen Grund die Gruppe zu wechseln: Dort wo deutsch gesprochen wird kann er am Gespräch teilnehmen, er profitiert also, wenn er wechselt. Die Sprachgrenze wird damit zur Trennlinie für Freundschaften und Beziehungen in der Klasse.

Der Zusammenhalt der Klasse wird zerstört und Misstrauen gesät.

Es ist klar, dass die Nutzung anderer Sprachen den Zusammenhalt einer ganzen Gesellschaft zerstören kann und Vertrauen zerstört, weil man dieses Beispiel auf beliebige Situationen übertragen kann: Im Verein, am Arbeitsplatz oder im Supermarkt.

Das wird auch deutlich, wenn man sich vorstellt, dass man im Zugabteil sitzt und drei Jugendliche zusteigen, die sich unterhalten.

Sprechen diese Jugendlichen Deutsch bekommt die Person im Abteil den Inhalt der Unterhaltung mit.

Sprechen die Jugendlichen eine andere Sprache kann man nicht zwischen einer harmlosen Unterhaltung und Gewaltdrohungen oder Beleidigungen unterscheiden. Man kann nur vermuten, worum es geht.

Misstrauen ist die Folge.

Fazit

Wir können zwei Dinge daraus lernen:

  1. Auf Deutsch zu bestehen verlangt Fremdsprachlern zwar einiges ab, aber sie profitieren selbst am Meisten davon, weil sie nur so Teil der Gruppe werden können.
  2. Andere Sprachen können – auch ohne negative Intention – gewachsene Gruppen und gewachsenes Vertrauen zerstören.

Es gibt keine Gewinner. Die Deutschsprachler verlieren, weil ihre gewachsenen Strukturen geschwächt werden, die Fremdsprachler verlieren, weil ihre Sprache sie ausgrenzt.

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