Die Sprechverbote der Weltverbesserer

Neulich bei Twitter:

Opa hat eine neue Nachbarin. Sie spricht mich an.

Ob ich aus Vietnam sei, weil ja toll integriert.

Ich sage: Gute Frau, was reden Sie? Ich bin hier geboren und in dieser Straße aufgewachsen.

Sie: „Achso, ich bin erst hingezogen.“

Eine Frau (Nhi Le) mit vietnamesischen Wurzeln echauffiert sich öffentlich darüber, dass sie von einer Unbekannten gefragt wird, ob sie „aus Vietnam sei“, weil sie ja toll integriert wäre.

Warum kann Nhi Le den Spruch nicht einfach ignorieren? Oder ihn als so positiv aufnehmen, wie er wahrscheinlich gemeint ist: Als Anerkennung ihrer (angenommenen) persönlichen Leistung.

Mit ein wenig Empathie könnte man sich sogar in die Nachbarin hineinversetzen: Sie trifft einen neuen, unbekannten Menschen. Sie will Smalltalk machen um ihr Gegenüber etwas kennenzulernen und einen netten Eindruck zu hinterlassen. Welche Themen stehen nach wenigen Sekundenbruchteilen Nachdenken zur Verfügung? Das Wetter?

Ich frage mich, was mit Nhi Le mit ihrer Beschwerde erreichen möchte. Man stelle sich vor, die Nachbarin würde diesen Tweet kennen. Würde sie – aus Angst etwas falsches zu sagen – vielleicht gar nicht mehr mit Nhi Le sprechen? Würde Nhi Le das besser finden?

Wie soll eine Gesellschaft aussehen, in der man es nicht einmal bei lächerlichem Smalltalk wagen darf, eine Annahme über sein Gegenüber zu treffen? Eine Gesellschaft, in der ausschließlich der Empfänger der Botschaft die Interpretation festlegt und die Intention des Senders irrelevant ist?

Wie soll überhaupt noch eine Konversation, geschweige denn eine Diskussion, stattfinden, wenn jeder die negativste Interpretation der Aussagen seines Gegenübers annimmt?

Was ist mit einem arabisch aussehenden Nachbarn? Lädt man den zum Nachbarschafts-Grillfest ein? Fragt man ihn, ob er Schweinefleisch isst, hat man ihn aufgrund seines Aussehens als praktizierenden Moslem stereotypisiert. Legt man ihm ein Schweinesteak auf den Teller kann das leicht als Provokation ausgelegt werden. Lädt man ihn gar nicht erst zum Fest ein, ist man ein Rassist.

Würde Nhi Le wirklich lieber in einer Gesellschaft voller Angst und Misstrauen leben?

Und was ist mit Nhi Le? Legt man ihre eigenen Maßstäbe zugrunde: Wie kommt sie dazu diese Person als Nachbarin zu bezeichnen? Was ist, wenn sich diese Person als Mann identifiziert? Darf Nhi Le einfach aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes annehmen, dass die Person eine Frau ist?

Ich habe dann mal nachgehakt:

Man könnte es für ehrliches Interesse eines freundlichen Menschen halten.

Ich habe es möglichst defensiv formuliert, weil ich nicht provozieren wollte. Ich wollte wissen, ob Nhi Le wenigstens die Möglichkeit in Betracht ziehen kann, dass das eine ganz unschuldige Frage war.

Von Nhi Le habe ich keine Antwort erhalten. Anna Gramm ist eingesprungen:

Nein, das kann man nicht. Solche Leute haben ein Bild im Kopf, wie ein Deutscher auszusehen hat. Und solche Fragen implizieren ein „Du gehörst nicht dazu, denn du siehst nicht aus, wie ich mir einen Deutschen vorstelle“.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Während die Nachbarin aufgrund Nhi Les Aussehens keinerlei Annahmen treffen darf, besonders nicht über ihre Herkunft, darf Anna Gramm der Nachbarin beliebige Denkweisen unterstellen. Egal wie weit hergeholt und spekulativ sie erscheinen.

Anna Gramm macht mit ihrem kategorischen „nein“ deutlich, dass aus ihrer Sicht keine andere Interpretation möglich ist.

Zum Zeitpunkt dieses Artikels hat der Originaltweet 348 Likes, meine Frage drei Likes und Anna Gramms Antwort 30 Likes.

In Nhi Les Umfeld ist Anna Gramms Interpretation der Situation offensichtlich Konsens.

Ich habe Anna Gramm dann den Spiegel vorgehalten:

Du kennst doch die Person gar nicht, der du pauschal eine bestimmte Denke unterstellst. Das klingt für mich wie ein Vorurteil.

Denn das ist der Punkt: Obwohl sich Anna Gramm als moralisch überlegen aufspielt, ist sie diejenige die pauschalisiert, sie hat Vorurteile, die sie – getriggert durch einen einzelnen Satz – auslebt.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Menschen wie Nhi Le und Anna Gramm darüber bestimmen, was andere dürfen.

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14 Kommentare zu „Die Sprechverbote der Weltverbesserer“

  1. Die junge(?) Frau ist also offensichtlich in Sachsen aufgewachsen, und dürfte daher mit vietnamesischen Wurzeln tatsächlich einen ordentlichen Schlag Rassismus gegen sich selber und ihre Familie miterlebt haben. Ich kann tatsächlich ein wenig verstehen, dass sie das nicht so ohne weiteres wegstecken will, selbst wenn die Frage unschuldig war. Mein Mitleid hört allerdings auf, wenn es in der Bio mit „Feminismus“ und „#funk“ weitergeht… 😉

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    1. Du scheinst nicht einmal die Person persönlich zu kennen, geschweige denn diejenigen, die sich ihr gegenüber rassistisch verhalten haben sollen.

      Deine Einschätzung basiert ausschließlich auf Vorurteilen gegenüber Sachsen.

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      1. Korrekt, das ist ein Vorurteil – und solltest Du zu der von mir vorverurteilten Gruppe gehören: Deal with it.

        Ist denn mein Vorurteil über die Sachsen etwa falsch? Haben die etwa Ihre vietnamesischen Gastarbeiter immer freundlich und mit offenen Armen empfangen? Ich kenne einige gebürtige Sachsen, und die sag(t)en nicht immer nettes zu diesen Leuten. Ich lasse mich da aber gerne eines besseren belehren, und bin auch bereit, zuzugestehen, dass es selbstverständlich auch welche gibt, gegenüber denen die Vorurteile unberechtigt sind.

        Und so geht es wohl auch der Protagonistin hier: die hat ihre Nachbarn auch so erlebt, ist aber im Gegensatz zu mir vermutlich deutlich weniger bereit, ihr Vorurteil bei Bedarf zu revidieren.

        Ich gebe aber zu: Hätte ich mir diese Person hier vorher genauer angesehen, hätte ich wahrscheinlich die Klappe gehalten – wenn die sich nicht über harmlose Omas aufregen kann, dann ätzt die garantiert gegen Manspreader, Dachdecker mit dem Namen Neger und das Patriarchat…

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        1. Ich kritisiere in meinem Beitrag, dass ohne Kenntnis der Individuen irgendwelche negativen Annahmen getroffen werden.

          Ich habe keine Ahnung ob Sachsen Vietnamesen mit offenen Armen empfangen haben.
          Der Punkt ist: Diese Aussage kann man nicht für die zwei Gruppen treffen, sondern nur für Individuen.

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          1. Du hast ja prinzipiell nicht unrecht, dass man die Individuen betrachten sollte; allerdings darf man sich auch dann eine Meinung dazu bilden, wenn wie in diesem Fall die Betrachtung der jeweiligen Individuen versperrt ist, hier weil die eine es verweigert, und die andere unbekannt ist. Du unterstellt in der Situation ebenfalls Elemente, die Du nicht sicher weißt, z.B. ob die Oma den Spruch anerkennend meinte (was ich im Übrigen auch so beurteilen würde, und darin ebenfalls keinen verdeckten Rassismus sehen kann). Die Blogfrage war aber eben halt auch, warum diese Nhi Le das nicht einfach ignorieren kann, und ich habe dazu einen möglichen Grund aufgezeigt.

            (das es sich um eine der üblichen SJW handelt, kann man anhand ihres Blogs problemlos und vorurteilsfrei belegen: https://nhi-le.de/campus-rassismus-leipzig/#more-3176).

            Und was Vorurteile angeht: Ja, ich habe eine ganze Menge davon, und ich schäme mich kein Stück dafür. Sie helfen einem im täglichen Leben, eine erste, grobe Einschätzung über eine Situation zu bilden. Schwierig wird das imo erst dann, wenn man auch mental darauf besteht, dass eben diese Vorurteile unbedingt und immer wahr sein müssen, und von seiner anfangs vorgefassten Meinunh nicht abrücken will.

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            1. Mir sind deine Vorurteile völlig egal.

              Sie sind einfach ein schlechtes Argument, weil sie (1) gar nichts darüber sagen, was der konkreten Protagonistin in ihrem Leben widerfahren ist. Und sogar wenn sie in Sachsen schlechte Erfahrungen gemacht hätte, gilt eben dennoch, dass (2) ihre Reaktion die Situation für alle nur verschlechtert, weil sie einer (vielleicht naiven) und freundlich auftretenden Nachbarin Angst macht, überhaupt noch mit ihr zu reden (wie im Artikel dargelegt).

              Du unterstellt in der Situation ebenfalls Elemente, die Du nicht sicher weißt, z.B. ob die Oma den Spruch anerkennend meinte (was ich im Übrigen auch so beurteilen würde, und darin ebenfalls keinen verdeckten Rassismus sehen kann).

              Falsch. Ich schreibe „wahrscheinlich gemeint“. Ich habe keine Ahnung, wie die Nachbarin das gemeint hat, ich plädiere dafür, dass Nhi Le das aushält, weil sie die wahre Intention nicht kennt. Das finde ich besser, als das Schlechtestmögliche zu unterstellen. Mittelfristig auch für sie selbst.

              Ist es denn das wahrscheinlichste Verhalten einer Rassisten-Nachbarin, einer Asiatin in Deutschland zur gelungenen Integration zu gratulieren? Wie wahrscheinlich ist es also, dass die Nachbarin eine Rassistin ist? Mit einer gewissen Empathie kann man sich ein viel wahrscheinlicheres Szenario überlegen, so wie ich das im Text getan habe.

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              1. Während du „Wahrscheinlich“ geschrieben hast, hat grumpyoldfart „offensichtlich“ und „dürfte“ geschrieben. Daher sollte sein Kommentar nach dieser Logik genau so in dieselbe Kerbe schießen wie dein Blogeintrag.

                Übrigens toller Blogeintrag, aber im Gespräch mit grumpyoldfart muss ich sagen, dass du aus meiner Sicht zwanghaft versuchst, dich mit deiner Kritik im Recht zu sehen. Wir Anti-SJW´s sind von diesem beliebten Verhalten leider nicht befreit.

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  2. Die Vietnamesin und die Kommentatorin betreiben die Lieblingshandlung der Neo-Marxisten und Berufsbeleidigten: Das okkulte Gedankenlesen. Anstatt nachzufragen was der Andere gemeint haben koennte, oder gar deren Erklaerung des evtl. Missverstaendnisses zu akzeptieren, wird dem Anderen einfach Boeses unterstellt.

    Andererseits muessen auch „wir“ mal akzeptieren, dass der Mensch ohne Vorurteile gar nicht funktionsfaehig waere. Jeder hat sie.

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    1. Andererseits muessen auch „wir“ mal akzeptieren, dass der Mensch ohne Vorurteile gar nicht funktionsfaehig waere. Jeder hat sie.

      Und sie funktionieren:

      Dabei hat sich gezeigt, dass die Stereotypengenauigkeit (stereotype accuracy), das heißt die Übereinstimmung von Stereotyp und Wirklichkeit auf Gruppenebene, sehr hoch ist. Untersuchungen von Lee Jussim, Thomas R. Cain und anderen Forschern in den USA ergaben eine durchschnittliche Korrelation von Stereotypen mit der Wirklichkeit anhand von empirischen Befunden (psychologische Messungen, demographische und soziologischen Daten) von r = 0,7 bei ethnischen Stereotypen (Schwarze, Weiße, Asiaten) und von r = 0,75 bei den Geschlechterstereotypen. Das bedeutet einen mittleren bis starken statistischen Zusammenhang von Stereotypen und Wirklichkeit. Der Einfluss der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit auf die Stereotype ist größer als der der Voreingenommenheit der Probanden oder der Effekt der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Die Stereotypengenauigkeit ist größer als die der Einschätzungen von Individuen über ethnische Gruppen bzw. die Geschlechter oder als die Vorhersagekraft von sozialpsychologischen Theorien.

      (https://de.wikipedia.org/wiki/Stereotyp)

      Ich habe kein Problem mit Vorurteilen, mich stört ein bestimmtes Verhalten, egal ob das das Resultat von Vorurteilen oder etwas anderem ist.

      Da kommt eine Nachbarin auf sie zu, offen und freundlich. Und Nhi Le reagiert schnippisch und echauffiert sich öffentlich darüber. Damit vergiftet sie das Gesprächsklima.

      Aus dem Twitter-Thread ergibt sich, dass diese Reaktion offensichtlich aus Vorurteilen resultiert, die auf eine Person projiziert werden, obwohl sie mit ihrer Freundlichkeit dem Vorurteil, dass sie eine Rassistin wäre, die Nhi Le unterstellt, dass sie nicht dazu gehört, widerspricht.

      Welcher Rassist ist freundlich zu Menschen mit Migrationshintergrund?
      Wenn man jemandem sagen will, dass er nicht in eine Gesellschaft gehört, warum gratuliert man ihm dann zur erfolgreichen Integration in genau diese Gesellschaft?

      Menschen denken in Schubladen und damit in Vorurteilen, so ist das eben. Aber diese Menschen werfen anderen Vorurteile vor, haben aber selber welche. Diese Doppelmoral kritisiere ich bei Twitter.

      Und gruppenbezogene Vorurteile sind das eine, sie aber auf ein konkretes Individuum anzuwenden, das starke Indizien liefert, dass das Vorurteil gar nicht zutrifft, das ist vernagelt, das ist Ideologie.

      Diese Ideologie führt dazu, dass diese Menschen die Aussagen anderer so negativ interpretieren, wie es ihnen gerade passt. Die Intention des Senders spielt keine Rolle.

      Skaliert man das auf alle Menschen sieht man: So lässt sich kein Zusammenleben gestalten.

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      1. […]Und Nhi Le reagiert schnippisch und echauffiert sich öffentlich darüber.[…]
        Man kann nicht verhindern, dass sich jemand selbst zum Arschloch geriert. Man kann es aber (aus ausreichender Entfernung) benennen 😀

        Gefällt 1 Person

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