Politikwissenschaft ist keine Wissenschaft: Wie man rassistische Vorurteile schürt

Unter dem Titel

Rassenlehre

Die Rückkehr einer Bullshit-Wissenschaft

gibt es bei Zeit-Online einen Artikel, der die Wissenschaft von der Rassenlehre kritisieren soll.

Ich wusste nicht, dass es diese Wissenschaft gibt.

Absurdeste Thesen zu Intelligenz und Abstammung werden wieder diskutiert. Auch dank des Rechtsrucks in den USA. Das ist keine Wissenschaft, sondern einfach nur Rassismus.

Der Artikel gibt vor, sich mit Wissenschaft auseinanderzusetzen. Doch schon im Teaser wird klar, dass dem nicht so ist. Der Autor Gavin Evans vermischt Wissenschaft und Politik, indem er den von ihm wahrgenommenen Rechtsruck in den USA für wissenschaftliche Thesen verantwortlich macht.

Der Journalist, Autor und promovierte Politikwissenschaftler Gavin Evans hat unter anderem ein Buch über die Frage geschrieben, ob Intelligenz eine Frage der Rasse ist.

Um ehrlich zu sein, ich musste nach diesem Satz lachen. Ein Politikwissenschaftler der sich in Biologie versucht. Ich halte das für aussichtslos und humoristisch.

Hier ein paar Dinge, die Sie möglicherweise zum Thema Rasse und Intelligenz schon einmal gehört haben: Die Evolution machte Europäer klüger als Afrikaner, weil sie der Eiszeit ausgesetzt waren. Ostasiaten und aschkenasische Juden (die größte Gruppe im Judentum) sind heute die intelligentesten Menschen der Erde. Die Dümmsten auf dieser Welt sind die Buschleute im Süden von Afrika und die Pygmäen im Kongo.

Schon im ersten Absatz des Artikel geht das Täuschen und Ablenken los. Gavin Evans nennt prüfbare Fakten, nämlich die durchschnittliche Intelligenz unterschiedlicher Ethnien, und vermischt sie mit simplifizierten Spekulationen über die Gründe für diese Beobachtung. Wahrscheinlich in der Absicht auch die Fakten lächerlich erscheinen zu lassen.

Die Daten echter Wissenschaftler (Richard Lynn und Tatu Vanhanen) zeigen, dass die Intelligenzverteilung genau so ist, wie Gavin Evans das beschreibt.

Und mit dieser Meinung sind Lynn und Vanhanen bei weitem nicht allein.

Diese Karten sind Aussagen über die Durchschnittsintelligenz von Gruppen. Sie enthalten keine Aussage über einzelne Individuen und lassen keine Rückschlüsse auf diese zu.

Und arme Menschen sind arm, weil sie dumm sind – was wiederum erklärt, warum so viele Menschen in der Unterschicht schwarz sind.

Es stände Gavin Evans gut zu Gesicht, wenn er in seinem Artikel solche Behauptungen mit harten Fakten widerlegt, denn die Daten beweisen diese Behauptung zwar nicht, weil die Kausalität nicht belegt ist, sie wären aber eine mögliche Erklärung.

Denn Lynn und Vanhanen zeigen, dass die Unterschiede im IQ mit den jeweiligen Nationaleinkommen korrelieren. Der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Wohlstand liegt also nicht nur auf der Hand, eine Korrelation ist bewiesen.

Gavin Evans schneidet solche kritischen Themen an ohne sie zu widerlegen. Er erweist damit seiner Rassismuskritik einen Bärendienst.

Die Vorstellung, es gäbe eine Verbindung zwischen Rasse und Intelligenz, ist die Basis der Rassenlehre.

Das ist falsch, wie schon eine kurze Recherche bei Wikipedia zeigt. Primär werden in der Rassenlehre äußerliche Merkmale wie Hautfarbe, Behaarung oder Schädelform unterschieden. Eine Verbindung zwischen Rasse und Intelligenz ist nicht „die Basis der Rassenlehre“.

Dann bringt Gavin Evans – wie heutzutage in Qualitätsmedien üblich – Donald Trump in Verbindung mit Dingen, die er nicht gut findet. In diesem Fall mit der Rassenlehre. Auf diese Art von Schrott-Journalismus gehe ich nicht weiter ein.

Nirgendwo ist sie [die Rassenlehre] heute weiter verbreitet als unter den Vertretern der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung, wo Behauptungen zu biologischen Unterschieden zwischen den Rassen gerne genutzt werden, um pseudointellektuellen Ballast für ethnisch-nationalistische Politik zu liefern.

Falls es heute so etwas wie eine Wissenschaft der Rassenlehre gibt – ich kenne sie nur im historischen Kontext – kann man sie nicht damit diskreditieren, dass bestimmte Menschen ihre Erkenntnisse verwenden.

Wissenschaftliche Erkenntnisse und Fakten werden nicht falsch, wenn die falschen Leute sie benutzen. Gavin Evans versucht ganz plump, Fakten mit der falschen Ideologie zu kontaminieren.

Deutlich wird dadurch vor allem, dass es in dieser Richtung keine wirkliche Freiheit der Wissenschaft gibt: Wer wäre so verrückt in diesem Minenfeld etwas zu publizieren, das auf angeborene Intelligenzunterschiede zwischen Ethnien eingeht.

Der Artikel von Gavin Evans zeigt, dass jeder, der Fakten in dieser Richtung bringt, sofort in die Nazi-Ecke geschoben wird.

Wenn es die Rasse biologisch gesehen wirklich gibt…

Gibt es ernsthafte Zweifel, daran? Auch wenn man das Wort Rasse nicht verwenden möchte: Ethnie, Herkunft oder Volk, egal wie man es nennt, es gibt ganz offensichtlich erbliche genetische Eigenschaften, die Unterschiede zwischen Gruppen manifestieren.

… und manche Rassen von Natur aus weniger intelligent sind als andere – so das Argument –, dann ist das Grund genug, den Unterlegenen die Sozialleistungen und Entwicklungshilfe zu streichen und sie an ihrem angestammten Platz zu lassen, oder?

Gavin Evans vermischt die Fakten – die tatsächlich beobachtete Intelligenz -, die Ursachen für Intelligenzunterschiede und die Schlussfolgerungen, die sich daraus ergeben. So argumentieren Politiker, nicht Wissenschaftler.

Ganz offensichtlich handelt es sich nicht wie angekündigt um Wissenschaftskritik.

„Es gibt schließlich Leute auf dieser Welt, die naturgemäß aggressiv und gewalttätig sind“, schrieb Bannon und bezog sich dabei auf eine der hässlichsten Behauptungen der Rassenlehre: Afroamerikaner haben mit höherer Wahrscheinlichkeit als andere ein gewaltförderndes Gen.

Die Frage, ob Gewalttätigkeit und Aggressivität angeboren und in bestimmten Ethnien stärker verbreitet sind habe ich mir noch nie gestellt. Wird Evans die Behauptung schlüssig widerlegen?

Denn es ist eine gefährliche Strategie, solche Behauptungen zu zitieren und sie dann nicht zu widerlegen.

Hinter diesem Argument steckt Nicholas Wade, ein ehemaliger New-York-Times-Journalist, der das wahrscheinlich giftigste Buch über die Rassenlehre schrieb, das in den vergangenen 20 Jahren erschienen ist.

Ja, ja. Giftig. Alles klar. Gavin, bitte widerlege die Behauptung.

In A Troublesome Inheritance wiederholte er drei vertraute Parolen: Der Begriff Rasse bezeichne erhebliche Unterschiede zwischen Gruppen von Menschen; menschliche Gehirne hätten sich je nach Rasse unterschiedlich entwickelt; und all das ist durch unterschiedliche Anlagen bewiesen, zum Beispiel seien Juden von Natur aus klug (eine Behauptung, die von anderen Vertretern der Rassenlehre – inklusive des Entwicklungspsychologen Steven Pinker – gerne wiederholt wird).

Hmm. Gehirne haben sich angeblich in unterschiedlichen Rassen unterschiedlich entwickelt. Das finde ich jetzt keine wirklich abwegige Theorie. Und Gavin Evans widerlegt sie auch nicht.

Und Juden sind von Natur aus klug? Hmm. 22 Prozent aller Nobelpreisträger sind Juden oder Halb-Juden, damit sind sie im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil mehr als 10-fach überrepräsentiert.

Unter den Juden gab und gibt es offensichtlich viele richtig kluge und zielstrebige Menschen. Viel mehr als bei anderen. Ich habe keine Ahnung, was die Gründe dafür sind. Vielleicht hat Abstammung nichts damit zu tun.

Aber der Punkt ist: Statt das zu belegen versucht Gavin Evans allen ernstes die Aussage dadurch zu widerlegen, dass er einen weiteren Typen nennt, der diese Aussage gerne wiederholt.

Ich habe keine Ahnung, wer Steven Pinker ist. Aber ganz egal wie oft Gavin Evans eine Aussage wiederholt, das sagt nichts über deren Falschheit aus.

In dem Stil geht das noch weiter. Geschenkt.

Sein Buch veranlasste 139 der weltweit führenden Bevölkerungsgenetikerinnen und Evolutionstheoretiker dazu, einen Brief der New York Times zu unterschreiben, in dem sie ihm widersprachen – später kamen noch weitere dazu.

Andere haben Wade widersprochen. Aber in welchen Aussagen? In denen, die oben zitiert wurden? Wade hat ein Buch geschrieben, in dem gab es sicher viele Aussagen.

Haben 139 der weltweit führenden Bevölkerungsgenetike und Evolutionstheoretiker der Behauptung widersprochen, Afroamerikaner hätten mit höherer Wahrscheinlichkeit als andere ein gewaltförderndes Gen? Wenn ja, warum sagt Gavin Evans das nicht?

Die Argumentation von Gavin Evans hat den Beigeschmack einer bewussten Täuschung.

Denn dass sich 139 der weltweit führenden Bevölkerungsgenetikerinnen und Evolutionstheoretiker bei der New York Times über ein Buch beschweren bedeutet keineswegs, dass jede Aussage in diesem Buch falsch ist.

Die Wissenschaftler können auch einzelne Aussagen in dem Buch kritisiert haben. Das ist in meinen Augen sogar wahrscheinlicher als ein Buch voller ausschließlich falscher Fakten. Vielleicht haben sich die Wissenschaftler auch über Schlussfolgerungen beschwert, die der Autor gezogen hat, und die Fakten nicht in Frage gestellt.

Und wie viele Bevölkerungsgenetiker und Evolutionstheoretiker gibt es eigentlich? Wie groß ist der Anteil derjenigen, die unterschrieben haben? Und welche Positionen haben die inne?

Sind das vor allem „interdisziplinär arbeitende“ Genderisten, wie sie sich in vielen naturwissenschaftlichen Fakultäten breit machen, oder richtige Biologen?

Jerry Coyne, ein Genetiker an der Universität von Chicago, beschrieb Wades Darstellungen als „schlicht schlechte Wissenschaft“.

Jerry Coyne scheint tatsächlich jemand zu sein, der die Kompetenz besitzt, sachkundige Aussagen auf diesem Gebiet zu machen.

Leider lässt Evans uns auch hier im Unklaren, ob Coyne der Behauptung widersprochen hat, Afroamerikaner hätten mit höherer Wahrscheinlichkeit als andere ein gewaltförderndes Gen.

Und warum nennt Gavin Evans – wenn er schon keine Fakten nennt, sondern nur Autoritäten – nur einen, genau einen Kritiker beim Namen?

Doch die Wucht, mit der die Alt-Right während Trumps Präsidentschaftskampagne wieder in die öffentliche Wahrnehmung kam, hauchte Wades Aussagen neues Leben ein.

Trump nur einmal in die Nähe dieser Leute zu rücken reicht einfach nicht. Manchmal muss es ein bisschen mehr sein.

Ein Grund dafür, dass die Rassenlehre immer noch nicht verschwunden ist, ist die Tatsache, dass die Öffentlichkeit besser über Rassismus Bescheid weiß als über Wissenschaft. Das hinterlässt eine Lücke, in der sich Leute wie Wade als Verteidiger des vernunftbetonten Nachhakens aufspielen.

Gavin Evans ist Geisteswissenschaftler. Promoviert. Wie um alle meine Vorurteile zu bestätigen, scheint er lieber um der schönen Worte und geschwollenen Formulierungen zu schreiben als für sein Publikum.

Ich verstehe jedenfalls nicht, warum vernunftbetontes Nachhaken ein Problem sein soll.

Was die Frage aufwirft: Warum genau liegen sie falsch?

Schön dass wir da einer Meinung sind. Warum genau liegen sie falsch?

Der wissenschaftliche Rassismus ist auf drei Pfeilern gebaut. Angefangen mit der Behauptung, dass die Urahnen der weißen Europäer, die vor 45.000 Jahren auf den Kontinent kamen, beschwerlichere Bedingungen vorfanden als in Afrika. Die eisige Kälte des Nordens soll demnach der entscheidende Faktor hinter dem neuen fortschrittlicheren weißen Gehirn gewesen sein.

Ich kenne die Aussagen der Anhänger der „Rassenlehre“ nicht. Ich weiß also nicht ob sich deren Theorie ausschließlich darauf stützt, dass Europäer beschwerlichere Bedingungen vorfanden als andere.

Und selbst wenn: Dieser „Pfeiler“ der „Rassenlehre“ ist nur eine Aussage über mögliche Ursachen unterschiedlicher Durchschnittsintelligenzen unterschiedlicher Ethnien. Wird sie widerlegt, widerlegt das nicht die Aussage, dass unterschiedliche Ethnien im Durchschnitt unterschiedlich intelligent sind.

Gavin, so wird das nichts.

Dieser Behauptung steht entgegen, dass Landwirtschaft, Städte und Schrift erstmals im heißen Mesopotamien auftauchten.

Und was soll das belegen? Dass es in Mesopotamien nicht zu einer industriellen Revolution gekommen ist, keine Dampfmaschine, keine Eisenbahn, keine Autos, keine Antibiotika und keine integrierten Schaltkreise erfunden wurden?

Dass die Anhänger der „Rassenlehre“ also Recht haben, weil die Entwicklung der Europäer also einzigartig war? Ich verstehe nicht, wie dieses Argument Gavin Evans Widerspruch belegen soll.

Selbst wenn man der Argumentation mit Landwirtschaft, Städten und Schriften folgt: In Mesopotamien könnten es andere beschwerliche Faktoren oder ganz andere Einflüsse gewesen sein, die für die kulturelle Entwicklung gesorgt haben.

Was sagt das über die Europäer aus? Genau gar nichts. Das Argument der Anhänger der „Rassenlehre“ wird von Gavin Evans nicht widerlegt.

Noch bedeutsamer sind jüngste Beweise aus Höhlen an der südafrikanischen Küste zum Indischen Ozean. Menschen hier mischten Farbe, indem sie Ocker-Tonerde mit Knochenmarkfett und Holzkohle vermengten. Damit zeichneten sie geometrische Symbole auf Tafeln, dekorierten Perlen, um sich selbst zu schmücken, und fertigten Angelhaken, Pfeile oder andere Waffen und Werkzeuge an. Teilweise erhitzten sie dafür das Material auf 320 Grad Celsius – und das alles vor 75.000 bis 100.000 Jahren. Diejenigen, die derartige Beweise untersuchen, sagen, dass es sich hier um moderne, kreative Menschen handelte, die auch Sprache nutzten – genau wie wir.

„Noch bedeutsamer?“ Wirklich, Gavin? Andere haben einen kleinen Teil von dem erreicht, was die Europäer erreicht haben, und das soll irgendetwas darüber aussagen, ob bestimmte Bedingungen bestimmte Auswirkungen bei den Europäern hatten?

Welche Bedingungen auch immer bei diesen Menschen zu einer kulturellen Entwicklung führten, es enthält keine Aussage über die Bedingungen der Europäer.

Die Beweise gegen die Rassenlehre sind überwältigend

Ich habe es verstanden, Gavin. Jetzt bringst du sie bestimmt, die überwältigenden Beweise.

Ein zweiter Pfeiler in der Argumentation für die Rassenlehre lautet wie folgt: Menschliche Körper entwickelten sich weiter, wenn es um Hautfarbe, ethnische Erkrankungen und andere Dinge wie etwa die Laktoseintoleranz geht – warum sollte sich nicht auch das menschliche Gehirn verändern?

Ich bin biologischer Laie, aber diese Argumentation klingt für mich absolut schlüssig. Will man sie widerlegen, muss man belegen, warum genau das Gehirn eine Ausnahme sein soll.

Die Antwort darauf lautet, dass hier nicht Gleiches mit Gleichem verglichen wird. Bei den meisten dieser physischen Änderungen waren einzelne Genmutationen involviert. Intelligenz dagegen besteht aus einem Netzwerk von Tausenden von Genen.

Einzelne Gene oder Netzwerk von tausenden Genen. Das belegt gar nichts. Die Evolution wirkt auch auf tausende Gene.

Und noch nie wurden genetische Variationen zwischen Populationen gefunden, die mit Intelligenz in Verbindung stehen.

Dass man noch nie etwas gefunden hat, belegt genau nichts. Vielleicht sucht niemand danach, weil dieses Wissenschaftsgebiet ein Minenfeld ist und man sofort als Nazi diffamiert wird, wenn man etwas in dieser Richtung veröffentlichen würde.

Oder man hat einfach nur noch nichts gefunden. Etwas nicht zu finden oder etwas nicht erklären können belegt nicht, dass eine Behauptung nicht stimmt. Das Higgs-Boson hat man auch erst im Juli 2012 gefunden. Bis dahin war es nur eine (begründete) Behauptung.

Im Mittelalter konnte man nicht erklären was Blitze sind und welche physikalischen Effekte sie auslösen – heute kann man sie ganz selbstverständlich erklären. Man dachte auch mal, dass die Erde eine Scheibe ist, trotzdem hatten diejenigen Recht, die behaupteten, dass die Erde eine Kugel ist.

Gavin, so wird das nichts.

Dennoch – und das ist Säule Nummer drei – hängt Rassenlehre an der Idee, dass unterschiedliche Durchschnittswerte des Intelligenzquotienten (IQ) zwischen Populationsgruppen angeboren seien.

Wie gesagt, ich kenne die Originalaussagen der Anhänger der „Rassenlehre“ nicht. Mir kommt es aber so vor, als würde Gavin Evans mit seinen drei Säulen hier Strohmann-Argumente aufbauen um nur gegen diese – und nicht gegen die echten Argumente – argumentieren zu können.

Die erste von Evans‘ Säulen war eine Erklärung für genetische Unterschiede. Die zweite Säule betraf die biologische Möglichkeit von Unterschieden. Und die dritte Säule ist die eigentliche Kernaussage, nämlich dass es angeborene Unterschiede gibt.

Diese drei Säulen sind völlig unabhängig voneinander, sie bedingen und belegen sich nicht gegenseitig. Die dritte Säule benötigt die erste Säule nicht, um wahr zu sein.

Und alle politischen Aussagen, die Gavin Evans Eingangs zitiert hat und die sich auf die Rassenlehre stützen, benötigen nur die dritte Säule.

Das ganze Konstrukt der Rassenlehre fiele ohne diesen Aspekt in sich zusammen.

Das ist genau das was ich sage. Es geht eigentlich nur um genau diesen einen Aspekt. Mir kommt es so vor, als wären die drei Säulen ein von Gavin Evans selbst eingeführtes Konstrukt. Vielleicht kommt er sich so wichtig und intellektuell vor.

Inhaltlich trägt es nichts zur Aufklärung bei.

Welche Rolle Gene beim IQ spielen, kann man untersuchen, indem man identische Zwillinge findet, die bei ihrer Geburt getrennt wurden und getrennt voneinander groß wurden.

Wie soll das denn funktionieren? Wachsen Geschwister mit gleichen Genen in unterschiedlichem Umfeld auf, kann man nichts über die Rolle der Gene sagen, sondern nur über die Rolle des Umfelds.

Würde man beispielsweise einem Zwilling gar keine Bildung zukommen lassen, würde er natürlich schlecht in IQ-Tests abschneiden. Bringt man ihm keine Sprache bei, würde er nicht einmal die Fragen verstehen.

Ich frage mich langsam, welche Fähigkeiten für eine Promotion in Politikwissenschaften notwendig sind.

Es gibt nur wenige untersuchte Fälle, in denen Zwillinge in unterschiedlichen Familien aufgewachsen sind, die gleichzeitig zu verschiedenen sozialen Schichten mit abweichendem Bildungsniveau zählten. Untersuchungen zeigten hier deutliche Unterschiede in den IQ-Werten – in einem Fall lagen 20 IQ-Punkte zwischen den Zwillingen, in einem anderen sogar 29

Wie gesagt, das sagt etwas über den Einfluss des Umfeldes aus, nichts über den Einfluss der Gene.

Und ganz ehrlich: Zwei handverlesene Beispiele mit relativ großem Unterschied. Beispiele mit nur geringem oder keinem Unterschied fallen einfach unter den Tisch. Lächerlich.

Die Erforschung von Adoptionen bestätigt diesen Eindruck. Beispielsweise zeigte eine französische Studie, die Aufzeichnungen von Adoptionsvermittlungsstellen auswertete, dass Kinder aus armen Familien, die an arme Familien vermittelt wurden, einen durchschnittlichen IQ von 92,4 hatten. Dagegen zeigte sich bei armen Kindern, die an wohlhabende Familien vermittelt wurden, ein Schnitt von 103,6

Bestreiten die Anhänger der „Rassenlehre“, dass das soziale Umfeld Einfluss auf die Intelligenz hat? Nicht einmal Gavin Evans baut dieses Strohmann-Argument auf. Was will er also belegen?

Diese Aussage trifft beispielsweise auch für Trisomie-21-Patienten (Downsyndrom) zu. Je nach Förderung können sie unterschiedlich weit kommen. Heute viel weiter als in vergangenen Jahrhunderten, weil sie heute meist besser betreut und gefördert werden.

So weit wie gesunde Menschen kommen sie trotzdem nicht. Das soziale Umfeld hat also einen Einfluss, über ihr angeborenes Potenzial kommen Menschen mit Downsyndrom trotzdem nicht hinaus.

Dieses Beispiel zeigt sogar noch mehr: Je nach Krankheitsbild haben Trisomie-21-Kranke ein ganz unterschiedliches individuelles Potential. Mit guter Förderung können sie es ausschöpfen, übersteigen können sie es nicht.

Es gibt bei Trisomie-21-Kranken also angeborene Grenzen für die Intelligenz, die vom Erbgut bestimmt werden. Eine Eigenschaft, die Gavin Evans für Gesunde ausschließt.

Zum nächsten Beispiel des Artikels zum Einfluss des Umfeldes spare ich mir den Kommentar.

Halten wir fest: Gavin Evans hat nicht widerlegt, dass Intelligenz erblich ist.

Wer statt einzelnen Personen ganze Populationen betrachtet, entdeckt ein ähnliches Muster. Die größte Änderung der IQ-Werte konnte man unter kenianischen Kindern beobachten – einer Studie zufolge stiegen sie in 14 Jahren um 26,3 Punkte an –, das Ergebnis  einer besseren Ernährung, Gesundheit und Bildung der Eltern

Und wieder der gleiche Strohmann: Niemand behauptet, dass das Umfeld keinen Einfluss auf die Intelligenz hätte. Nicht einmal Gavin Evans behauptet, dass das jemand behaupten würde.

Was soll diese Aussage also belegen?

Gavin Evans nennt auch nur den IQ-Zugewinn –  die absoluten Zahlen nennt er nicht. Ein rassistischer-Nazi-Faschisten-Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die Studie ist nicht zugänglich, darum konnte ich leider nicht selbst reinschauen. Schade. Gavin Evans‘ Artikel hat mein Interesse an dem Thema geweckt.

IQ-Tests, die in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurden, zeigten jedes Mal, wie der IQ aschkenasischer Juden in den USA unter dem Durchschnittswert lag. Zuzeiten des Zweiten Weltkrieges lag er aber über dem Durchschnitt. Unter Kindern der Mizrachim-Juden in Israel hatte die erste Generation einen durchschnittlichen Wert von 92,8. Die zweite einen Durchschnitts-IQ von 101,3.

Das könnte daran liegen, dass Gavin Evans Recht hat und die Gene der Ethnie keinen Einfluss auf die Intelligenz haben.

Es könnte aber auch an ganz anderen Einflüssen liegen, die mit der Ethnie nichts zu tun haben.

Vielleicht waren die Lebensumstände der Juden früher besonders schlecht und heute sind sie besser. Oder die Qualität der Untersuchungen war schlecht. Oder Juden wurden so diskriminiert, dass man sie besonders schlecht aussehen lassen wollte.

Gavin Evans belegt ein weiteres mal nicht, dass die Ethnie nichts mit der Intelligenz zu tun hat.

Aufzeichnungen von chinesischen Amerikanern zeigten Durchschnittswerte von 97 im Jahr 1948 und 108,6 im Jahr 1990,

Viele Erklärungen kommen dafür in Frage. Immer das gleiche Spiel. Das Vorhandensein anderer Einflussfaktoren auf die Intelligenz belegt nicht, dass die Ethnie keinen Einfluss hat.

während Afroamerikaner die Lücke von 5,5 IQ-Punkten zu weißen Amerikanern zwischen 1972 und 2002 schlossen

An dieser Stelle macht sich Gavin Evans der Lüge verdächtig.

Das von ihm zitierte Buch ist nicht frei zugänglich. Die englische Wikipedia schreibt aber über die zugehörige Studie des gleichen Autoren (englisches Originalzitat am Ende, alle Übersetzungen mit DeepL mit eigenen Änderungen):

[1] Ähnlich wurde in einer Studie von Dickens und Flynn aus dem Jahr 2006 geschätzt, dass der Unterschied zwischen den Durchschnittswerten von Schwarzen und Weißen zwischen 1972 und 2002 um etwa 5 oder 6 IQ-Punkte geschlossen wurde, was einem Rückgang von etwa einem Drittel entspricht.

Die Lücke wurde nur um ein Drittel verringert. Entweder schreibt Flynn in seinem Buch, das nur ein Jahr nach seiner Studie veröffentlicht wurde, etwas ganz anderes über die gleiche Gruppe im gleichen Zeitraum oder die Wikipedia zitiert ihn falsch oder Gavin Evans lügt.

Außerdem kann man im selben Abschnitt der englischen Wikipedia lesen, dass die Ergebnisse dieser Studie keineswegs unumstritten unter Wissenschaftlern sind: Manche behaupten, dass der Unterschied zwischen Schwarzen und Weißen konstant geblieben ist, andere geben Dickens und Flynn Recht.

Wieder andere behaupten, dass der höhere durchschnittliche IQ bei Schwarzen auf bessere Ergebnisse in den unteren Bereichen zurückzuführen ist, es aber keine Verbesserungen des IQs in den höheren Bereichen gegeben hat.

Ganz armselig, Gavin Evans.

Der bedeutendste IQ-Theoretiker der vergangenen 50 Jahre ist der Neuseeländer James Flynn.

Ja, Gavin. Der Mann ist so bedeutend, dass du ihn wahrscheinlich falsch zitiert hast, um deinem Geseier einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.

Er fand heraus, dass die IQ-Tests mit jeder Generation anspruchsvoller werden müssen, wenn ein Schnitt von 100 erhalten bleiben soll[…]. Er stellte fest, dass die durchschnittlichen IQ-Werte im Jahr 1900, gemessen an den heutigen Standards, bei etwa 70 lägen

Total faszinierend, Gavin. Und was belegt das hinsichtlich des unterschiedlichen durchschnittlichen IQs unterschiedlicher Ethnien?

Gavin Evans scheint die reale Welt mit der Blase der Politikwissenschaftler zu verwechseln: Mehr Worte bedeuten in seiner Blase offensichtlich Relevanz – egal ob die Worte Sinn ergeben oder nicht.

In der realen Welt wirkt man damit nur borniert, weil es aussieht als wolle man mit einem inhaltlich unpassenden Wortschwall von den Fakten ablenken die einem nicht passen.

Was sich geändert hat, hat nichts mit Genetik zu tun. Stattdessen sind Menschen heute häufiger mit abstrakter Logik konfrontiert, die in den IQ-Tests gemessen wird. Manche Bevölkerungsgruppen begegnen ihr häufiger als andere, was auch erklärt, warum ihre IQ-Werte sich voneinander unterscheiden.

Ja, die Umweltbedingungen haben Einfluss auf den IQ. Das hatten wir schon. Sind sie aber auch die einzig mögliche Erklärung?

Auch durch ständige Wiederholungen widerlegt das nicht die Behauptungen der Anhänger der „Rassenlehre.“

Flynn zeigte, dass sich die unterschiedlichen Durchschnittswerte von Populationen komplett durch äußere Einflüsse erklären lassen

Das ist die erste Stelle, an der Gavin Evans den Behauptungen der Anhänger der „Rassenlehre“ direkt widerspricht.

Ironischerweise widerlegt er mit diesem Satz, dass die IQ-Lücke zwischen Schwarzen und Weißen geschlossen wäre, wie er oben noch behauptet hat.

Genau an dieser einen Stelle, an der er den Behauptungen der Anhänger der „Rassenlehre“ tatsächlich einmal widerspricht, zitiert er nicht die konkreten Daten und Fakten des Wissenschaftlers, wie an den anderen Stellen um Text, sondern er beschränkt sich auf eine Wiedergabe der (angeblichen) Erkenntnis.

Ich kenne Flynns Buch nicht, ich kann mir also keine eigene Meinung bilden. Aber schon was ich im oben zitierten Wikipedia-Artikel sehe legt nahe, dass auch diese Behauptung nicht unumstritten ist.

Dazu kommt, dass auch die Wissenschaft von politischer Korrektheit infiziert ist. Es liegt nahe, dass manche Wissenschaftler versuchen, die „richtigen“ Erkenntnisse zu gewinnen.

So wie Gavin Evans.

Trotz der überwältigenden Beweise gegen sie bleibt die Rassenlehre ein fester Bestandteil der Ansichten der US-amerikanischen Alt-Right, die sie als politischen Rammbock immer wieder für ihre Kleinstaaten-Agenda einsetzen.

Überwältigende Beweise hat Gavin Evans nicht vorgelegt. Stattdessen versucht er erneut die Diskussion mit Politik in Verbindung zu bringen. Auch die angebliche „Kleinstaaten-Agenda“ scheint mir ein Strohmann-Argument zu sein.

Wer glaubt, die Armen seien arm, weil sie dumm geboren worden seien, der braucht auch nicht viel Fantasie, um die These auf ganze Bevölkerungsgruppen zu erweitern, die von Armut betroffen sind.

Gavin Evans bestreitet also, dass manche Menschen „dumm geboren“ werden, er lehnt also jeglichen Einfluss der Gene auf die Intelligenz ab und behauptet auch, dass Intelligenz keinen Einfluss auf den Wohlstand hätte. Damit macht er sich lächerlich.

Soweit ich das dem oben zitierten Wikipedia-Artikel entnehmen kann behauptet das nicht einmal der von Evans so geschätzte Wissenschaftler Flynn.

Evans dreht den Text immer weiter Richtung Politik.

Wade antwortete, dass Vorurteile nur eine „kleine und schwindende“ Rolle bei den sozialen Folgen unter Schwarzen spielten.

Möchte Gavin Evans ernsthaft behaupten, dass es anders wäre? Will er wirklich behaupten, dass Vorurteile gegen Schwarze in den letzten 50, 100 oder 200 Jahren nicht geschwunden wären?

So ein Schwachsinn.

Danach verurteilte er prompt die „verschwendete Entwicklungshilfe“ für afrikanische Länder.

Ja, Gavin. Das nennt sich „andere politische Meinung“. Das scheinst du nicht zu kennen. Tut mir leid, dass es abweichende politische Meinungen in der Blase der Politikwissenschaftler nicht zu geben scheint.

Und denkt man mal ein wenig darüber nach, finden sich auch Gründe für diese Meinung. Während sich manche Entwicklungsländer in wenigen Generationen zu einer Industrienation entwickelt haben ist Afrika nicht weit gekommen.

Ganz offensichtlich hat die Entwicklungshilfe den afrikanischen Ländern nicht bei der Entwicklung geholfen.

Hat man eine Strategie jahrzehntelang verfolgt, und sie zeigt keinen Erfolg, dann ändern gewöhnliche Menschen ihre Strategie. Das mag aber bei Politikwissenschaftlern anders sein.

Diesen Vorstellungen muss etwas entgegengesetzt werden.

Ich würde Gavin Evans recht geben, wenn er überzeugende Belege gebracht hätte. Aber ich bin nicht überzeugt. Nicht ansatzweise.

Nicht etwa, weil sie „politisch unkorrekt“ sind, sondern weil sie falsch sind: Die Rassenlehre ist einfach schlechte Wissenschaft. Genauer gesagt ist sie gar keine Wissenschaft.

An Gavin Evans Stelle würde ich mir eher Sorgen machen, dass zunehmend Politikwissenschaft und die meisten Geisteswissenschaften als „einfach schlechte Wissenschaft“ aufgefasst werden.

Sein Artikel trägt ein weiteres Stück dazu bei.

Die Alternative – eine, deren Ursprung wirklich in der Wissenschaft liegt – umfasst ein weiter gefächertes Rassenkonzept. Eines, das die Menschheit als einzige Rasse betrachtet, in der einige Bevölkerungsgruppen zu den ständigen Verlierern gehören.

Dieser Absatz zeigt mein Problem mit Geisteswissenschaftlern: Klug daherreden und Begriffe umdefinieren. Was Diskussionen erschwert ist keine Wissenschaft.

Es ist das Gegenteil von Wissenschaft.

Das Beste an diesem Absatz ist, dass er seine eigenen schwachsinnigen Argumente auch noch selbst widerlegt: „in der einige Bevölkerungsgruppen zu den ständigen Verlierern gehören“ zeigt ja, dass es auch nach der Umdefinition des Begriffes „Rasse“ die Gruppen immer noch gibt. Egal wie man sie nennt.

Man kann die Realität nicht mit Worten ändern.

Fazit

Gavin Evans betreibt Intelligent Design, weil er sich nur die Forschungsergebnisse heraussucht, die zu seiner Behauptung passen, dass es keine rassenspezifische Intelligenz gibt. Andere Forschungsergebnisse ignoriert er.

Dass er auch noch falsch und sinnentstellend zitiert treibt die Peinlichkeit auf die Spitze. Natürlich disqualifiziert ihn das nicht, mit solchem Schrott in einem großen deutschen Medium veröffentlichen zu können. Das ist heutzutage leider ganz normal.

Ganz offensichtlich erweisen Artikel wie dieser ihrer Sache einen Bärendienst. Sie lenken die Aufmerksamkeit ihrer Leser erst auf Unterschiede zwischen den Rassen, widerlegen sie aber nicht.

Sie fördern damit rassistische Vorurteile, weil die politische Intention sofort erkennbar ist und die wissenschaftlichen Argumente offensichtlich schwach sind.


Originalzitate:

[1] Similarly, a 2006 study by Dickens and Flynn estimated that the difference between mean scores of blacks and whites closed by about 5 or 6 IQ points between 1972 and 2002, a reduction of about one-third.

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6 Kommentare zu „Politikwissenschaft ist keine Wissenschaft: Wie man rassistische Vorurteile schürt“

  1. Bis 2002 seien also zw. 5 und 6 IQ-Punkten gut gemacht worden, was einem Drittel entspricht. Das macht nach Adam Riese einen früheren IQ von 82 bis 85 und einen heutigen von 87 bis 91. Ist nun auch nicht so eine rosige Aussicht in einem Land, in dem die Anforderungen an einen Arbeiter ebenfalls immer weiter ansteigen. Kohleschaufler braucht man heute keine mehr.

    Aber wie Ben Shapiro es einst so schön sagte: „Poor people are not poor because they have no money. They are poor because they suck with money.“

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  2. Könnte der Intelligenzanstieg der amerikanischen Juden etwas damit zu tun haben, dass die in Europa massenweise umgebracht wurden und dann eben die Intelligenten gegangen sind, statt sich in Viehwaggons vergasen zu lassen? Nein? Sehr abwegige Theorie?

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