Vier Faktencheckerinnen im Ausnahmezustand – Wenn es der alte weiße Hetero-Mann richten muss

Bei spiegel.de versucht sich Almut Cieschinger als Faktencheckerin. Um ganz sicher zu gehen, haben noch drei (!) weitere Kolleginnen mitgearbeitet: Nadine Markwaldt, Mirjam Schlossarek und Ursel Wamser.

Da hat spiegel.de also einiges an Frauenpower aufgefahren.

Ach so, das hatte ich noch gar nicht erwähnt: Der Artikel läuft zwar unter dem ergebnisoffenen Titel „Schriftsteller im Faktencheck: Hat Uwe Tellkamp recht – oder nicht?“, aber, soviel sei verraten, natürlich werden Tellkamp falsche Aussagen „nachgewiesen“.

Uwe Tellkamps Aussagen in Dresden zur Flüchtlingspolitik hat viele Kontroversen ausgelöst. Dass man seinen Argumenten zuhören muss, ist selbstverständlich. Aber man darf sie auch hinterfragen: Drei Aussagen im Check.

Drei Aussagen? Uwe Tellkamp hat in der Diskussion viel geredet. Almut Cieschinger und ihre drei Unterstützerinnen schaffen es gerade mal drei Aussagen zu finden, die sie bemängeln können.

Es beginnt schon erbärmlich.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann sich dieses 20- Minuten-Video anschauen. Es enthält einen Zusammenschnitt der Aussagen Tellkamps.

Seinen besonderen Charme erhält das Video dadurch, dass es offensichtlich von einem linken Ideologen zusammengeschnitten wurde. Da eine offene Meinungsbildung nicht riskiert werden kann, werden vor jeder Aussage Tellkamps Einordnungen und Vorwürfe in Textform eingeblendet, um den Zuschauer bei der Interpretation zu unterstützen.

Hier drei beispielhafte Aussagen Tellkamps im Check:

Na klar. Beispielhaft. Das glaube ich Almut Cieschinger sofort, dass sie so einen Riesenaufriss mit einem Vier-Frauen-Team veranstalten und dann drei zufällige Aussagen herausgreifen oder nach drei Aussagen aufhören, obwohl sie auch weitere als „falsch“ herausstellen könnten.

Wenn man sich die Qualität der Widerlegungen anschaut, erscheint diese Aussage noch unglaubwürdiger.

1. [Tellkamp:] „Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern. Über 95 Prozent. Das ist eine offizielle Untersuchung. 95 Prozent der Migranten!“

[Spiegel.de:] Zunächst einmal: Tellkamp vermischt hier einiges. Er spricht zunächst von Menschen, die „fliehen“, also Flüchtlingen, und dann von „Migranten“, also Ausländern, die – aus welchen Gründen auch immer – nach Deutschland gekommen sind.

Tellkamp sagt „Migranten“. Vielleicht ein Versehen, schließlich spricht er frei. Oder er wollte diese Art Migranten nicht „Flüchtling“ nennen, schließlich ist seine Aussage ja gerade, dass er sie nicht für Kriegsflüchtlinge hält.

Almut Cieschinger und ihr Team sind solche Überlegungen völlig fremd. Sie schreiben zwar in ihrem eigenen Teaser, dass Tellkamp die Flüchtlingspolitik kritisiert, aber diese Ungenauigkeit lassen sie nicht durchgehen oder gar unerwähnt.

Er unterstellt mit dem Verweis auf eine angebliche Studie, dass so gut wie alle Einwanderer (95 Prozent) nur hierherkommen, weil sie Sozialleistungen abgreifen und es sich hier gemütlich machen wollen – so muss man das verstehen.

Nein, so muss man das nicht verstehen. Im Gegenteil. Ich denke, dass Almut Cieschinger, Nadine Markwaldt, Mirjam Schlossarek und Ursel Wamser das so verstehen wollen, weil sie glauben, dass dies die einfacher zu widerlegende Interpretation ist.

Die von Tellkamp genannten 95 Prozent Einwanderung in Sozialsysteme und nur fünf Prozent „echte“ Flucht vor Krieg und Verfolgung sind offensichtlich ein beliebtes Argument von Pegida-Anhängern oder rechten Postings.

Es macht einen echten Faktencheck erst zum Faktencheck, wenn der erste „Fakt“ den man selbst nennt, nur dazu dient, die Person in Zusammenhang mit Gruppen zu bringen, die man (ebenfalls) nicht mag.

Im Anschluss nimmt spiegel.de die „Epoch Times“ auseinander, die in der Vergangenheit über „nur 4,9 Prozent Migranten aus Kriegsgründen“ berichtet hatte.

Ob sich Tellkamp auf diesen Artikel bezieht – wofür die Ähnlichkeit der Zahlen spricht -, ob er sich auf eine andere Studie bezieht oder ob er die 95 Prozent nicht wörtlich meint, sondern als Größenordnung – schließlich spricht er frei -, bleibt offen.

Demnach sind 2016 insgesamt 1,71 Millionen Menschen mit ausländischem Pass nach Deutschland gezogen. Jeder Zweite der neu Zugewanderten kam aus einem EU-Staat – es handelt sich also um EU-Bürger, die in der Regel nach Deutschland kommen, um hier zu arbeiten, und die damit naturgemäß nicht vor Krieg oder Verfolgung fliehen.

Bei diesen Migranten ist aber nicht davon auszugehen, dass sie alle direkt in die Sozialsysteme einwandern (wie Tellkamp unterstellt), da EU-Bürger nur unter strengsten Regeln Zugang zu Sozialleistungen haben.

Nein. Tellkamp unterstellt nicht, dass EU-Bürger „alle direkt in die Sozialsysteme einwandern“. Sein Thema waren „Flüchtlinge“.

Aber, diese Spitzfindigkeit sei mir nach diesem Einstieg des Vier-Frauen-Teams um Almut Cieschinger gestattet, „ist aber nicht davon auszugehen“ ist kein Fakt, sondern Spekulation.

Und: So gut wie „strengste Regeln“ in Deutschland in den letzten Jahren durchgesetzt werden – wer würde es nicht für möglich halten, dass es in großem Stil Missbrauch gibt?

Aber was rede ich: Dass es keinen Missbrauch gibt hat ja auch niemand behauptet, schließlich sind nur die Regeln streng – nicht ihre Durchsetzung.

Und ganz ehrlich? Schon die Verwendung des Superlativs „strengste“ – das habe ich in diesem Kontext noch nie gesehen – sagt mir, dass auch die vier Autorinnen ganz fest glauben wollen.

Trotz des Aufwands ist es den Autorinnen um Almut Cieschinger nicht gelungen, wenigstens für die EU-Migranten Tellkamp einen Fehler nachzuweisen. Sie spekulieren nur, belegen aber nichts.

Die steigende Anzahl von Hartz-IV-Empfängern aus Südosteuropa, und zwar seit Jahren vor allem aus Rumänien und Bulgarien, ist den Faktencheckerinnen keine Erwähnung wert.

Sie haben eine Diskussion gegen den abwesenden Tellkamp verloren, die er gar nicht geführt hat, weil es ihm um Flüchtlinge ging.

Ein weiterer großer Teil der Migranten sind Flüchtlinge. Sie kommen nach Deutschland, um einen Asylantrag zu stellen und hier Schutz zu suchen. Fliehen sie tatsächlich vor Krieg und Verfolgung? Das beantwortet die Asylstatistik des Bundesamtes für Migration (BAMF):

Schon bei den Hauptherkunftsländern der Asylbewerber wird klar, dass es hier nicht überwiegend um Einwanderung in Sozialsysteme geht.

Warum? Was sagt das Herkunftsland über die Motivation der Migranten aus, nach Deutschland einzuwandern?

Man könnte aufgrund des Herkunftslandes über die Gründe spekulieren, warum die Menschen auswandern, etwa wenn in diesem Land Krieg herrscht. Aber auch das wäre ein schmaler Grat, weil die Situation in diesem Ländern lokal sehr unterschiedlich ist.

Zudem: Jeder einzelne Asylantrag wird vom Bundesamt geprüft, und zwar daraufhin, ob die Antragsteller Recht auf Schutz vor eben Krieg und Verfolgung haben.

Ja, aber auch das ist nur eine Aussage darüber über die Ausreisegründe aus dem Herkunftsland. Tellkamp sprach von denen, die „herkommen“, also nach Deutschland einreisen.

Es geht darum, warum diese Menschen gerade hierher kommen und nicht im Nachbarland bleiben oder in irgendeinem Land auf ihrer häufig lebensgefährlichen Route.

Von der Zuverlässigkeit der Prüfungen beim BAMF fange ich gar nicht erst an.

Ein großer Teil der Asylbewerber flieht also tatsächlich vor Krieg und Verfolgung und erhält hier Schutz.

Diese Formulierung klingt sehr danach, als hätten die Autorinnen Almut Cieschinger, Nadine Markwaldt, Mirjam Schlossarek und Ursel Wamser ganz genau verstanden, wovon Tellkamp spricht.

Zu sorgfältig verwenden sie „fliehen“, also die Ausreise, und „Schutz erhalten“, vermeiden damit also den Bezug auf die Einreise.

Vielleicht haben sie es auch wirklich nicht bemerkt – auch das wäre keine Meisterleistung.

Anschließend führt Almut Cieschinger noch eine Studie ins Feld, bei der die Flüchtlinge nach ihren Fluchtursachen befragt wurden.

Für wie glaubwürdig man diese Studie auch halten mag: Die Flüchtlinge wurden nach den Ursachen für die Flucht gefragt, also der Ausreise aus ihrem Land. Nicht, warum sie die lange Reise nach Deutschland angetreten haben.

Tellkamp ermahnt zwar seinen Kollegen Durs Grünbein, bei den Fakten zu bleiben, nimmt es damit aber selbst nicht genau.

Nein. Tellkamp hat in seiner freien Rede keine Belege für seine Aussage angeführt. Auf diese Unzulänglichkeit lasse ich mich ein.

Almut Cieschinger, Nadine Markwaldt, Mirjam Schlossarek und Ursel Wamser haben aber auch keine Belege für das Gegenteil erbracht. Und, viel schlimmer, sie argumentieren dabei am eigentlichen Punkt vorbei.

Letztlich kann man nur darüber spekulieren, warum sich Menschen aus aller Welt ausgerechnet Deutschland als Ziel ihrer Flucht aussuchen.

Tellkamps Erklärung, dass dies der Attraktivität des deutschen Sozialsystems geschuldet sei, ist jedenfalls nicht die unwahrscheinlichste Erklärung.

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Erläuterungen und Quellen im Artikel

Ein Blick auf die aktuelle Hartz-IV Statistik sagt natürlich nichts über die Einreisegründe der Flüchtlinge nach Deutschland aus.

Sie sagt aber etwas über die Realität der anerkannten Asylbewerber und diejenigen, die schon länger als 18 Monate auf einen Bescheid warten, aus. Die anderen Flüchtlinge bekommen kein Hartz IV sondern andere Sozialleistungen, sie fehlen in dieser Statistik also noch.

2. [Tellkamp:] „Wir haben eine Million Flüchtlinge, es weiß keiner genau, wie viele. Wir reden über Obergrenzen, die [vermutlich gemeint: die Regierenden] sagen, die Flüchtlinge sind reduziert, sind sie de facto nicht. Wir haben uns geeinigt auf die Art der Obergrenze von 200.000. Ich habe vorhin die Zahl vorgelesen, 500 bis 1000, stand in der ‚B.Z.‘, kommen monatlich, das heißt, wir haben jährlich den Zuzug einer Stadt etwa wie Kassel.“

Zunächst stören sich Almut Cieschinger und ihre Unterstützerinnen am „monatlich“ im letzten Satz, weil Tellkamps Zitat (die B.Z.) diese Aussage nicht enthält, er also falsch zitiert. Mit diesem Fehler entkräftet er seine Aussage von der Obergrenze bei 200.000 Flüchtlingen jährlich, denn das sind mehr als 16.000 monatlich.

Die B.Z. nennt nicht den Zeitraum auf den sich die Aussage bezieht, spricht aber von 500 bis 1.000 täglich.

Fazit: Ja, Tellkamp hat hier falsch zitiert. Statt 500 bis 1.000 Flüchtlinge monatlich kommen 500 bis 1.000 Flüchtlinge täglich nach Deutschland. Das schwächt Tellkamps Argument nicht, sondern stärkt es.

Und Tellkamps Aussage dreht sich um die Obergrenze von 200.000 Flüchtlingen jährlich. Geteilt durch 365 liegt das sogar im Korridor von 500 bis 1.000.

[Spiegel.de:] Fakt ist: Die Bundespolizei zählte für 2016 mehr als 110.000 unerlaubte Einreisen und deren Versuche.

Im vergangenen Jahr sind die registrierten unerlaubten Einreisen aber um mehr als die Hälfte auf rund 50.000 zurückgegangen. Damit sind im Übrigen nicht nur Grenzübertritte von Flüchtlingen gemeint. Das heißt also: 2016 waren es rund 300 pro Tag, 2017 nur noch weniger als 140 täglich. Das liegt deutlich unter den von Tellkamp genannten Zahlen von 500 oder gar 1000 unerlaubten Einreisen.

Ja, die Zahl 140 ist kleiner als „500 oder gar 1.000.“

Aber Tellkamp hat die „500 oder gar 1.000“ in dieser Aussage auf den Monat bezogen. Die Faktencheckerinnen schreiben von 140 täglich.

War es bis hierhin noch nicht peinlich genug für Almut Cieschinger?

Und warum stellt sie den Flüchtlingen, von denen Tellkamp spricht, die Anzahl der illegalen Einreisen entgegen? Den Grund werden wir unten erfahren: Die Anzahl der registrierten illegalen Einreisen ist verhältnismäßig klein und damit als Täuschung gut geeignet.

Und natürlich weiß man genau, wie viele Asylbewerber in den letzten Jahren zu uns gekommen sind und hier leben. Nur in der Hochphase des Flüchtlingswinters 2015/2016 waren die Behörden überfordert, die genaue Zahl der Asylsuchenden zu erfassen.

Die Faktenchecker greifen auf mehrere Tricks zurück um Tellkamp weitere Fehler unterzujubeln.

Erstens bezieht sich Tellkamps Aussage auf Flüchtlinge, Almut Cieschinger antwortet aber mit Asylbewerbern.

Die Menge der Asylbewerber ist nicht identisch mit der Menge der Flüchtlinge. Asylbewerber sind diejenigen, die sich selbst als solche melden.

In dieser Menge sind beispielsweise diejenigen nicht enthalten, die als Flüchtling einreisen, sich aber nicht als Asylbewerber melden und untertauchen. Und das ist nicht nur Theorie, sondern Praxis.

Enthalten sind auch nicht die, die sich um Asyl beworben haben, aber abgelehnt wurden. Die halten sich entweder legal (geduldet) oder illegal in Deutschland auf. Auch anerkannte Asylbewerber verschwinden in Deutschland manchmal und niemand weiß wo sie sich aufhalten.

Der zweite Trick ist, dass sich Tellkamps Aussage auf die Vergangenheit bezieht, nämlich auf diejenigen, die bereits hier sind. Und wie Almut Cieschinger selbst einräumt, gab es in der Vergangenheit beim BAMF Versäumnisse.

Selbst wenn das das BAMF heute weiß, wieviele Asylanträge es bekommen hat, weiß keiner, wie viele Flüchtlinge einfach ohne Asylantrag woanders hingegangen sind.

Inzwischen liegen jedoch Statistiken vor: Im Jahr 2017 wurden knapp 190.000 asylsuchende Menschen in Deutschland neu registriert, im Jahr zuvor waren es noch etwa 280.000, und im Jahr 2015 noch rund 890.000. […]

Wenn er denn wollte, könnte Uwe Tellkamp sich also gründlich über die die Zahl der Asylbewerber informieren – denn das Bundesamt für Migration veröffentlicht jeden Monat detaillierte Statistiken. Und wir wissen nicht nur, wie viele Flüchtlinge kommen – wir wissen sogar genau, wie viele hier leben, ganz offiziell erfasst vom Statistischen Bundesamt.

An dieser Stelle erreichen wir einen Höhepunkt. Die Autorinnen Almut Cieschinger, Nadine Markwaldt, Mirjam Schlossarek und Ursel Wamser haben an dieser Stelle auf die Statistiken des BAMF verlinkt. Diese hier beispielsweise.

Und diese Zahlen entsprechen nicht den Zahlen die sie selbst im Text verwenden. Auf Seite 4 des PDF-Dokumentes kann man die Zahlen der Asylantragsteller lesen:

  • Jahr 2015: 476.649, davon 441.899 Erstanträge
  • Jahr 2016: 745.545, davon 722.370 Erstanträge
  • Jahr 2017: 222.683, davon 198.317 Erstanträge

Ich fürchte, keine der vier Faktencheckerinnen hat die Fakten gecheckt, denn keine der Zahlen stimmt mit denen überein, die die Faktencheckerinnen als Asylbewerberzahlen angeben.

Gleichzeitig belegen die Zahlen, dass der Verweis auf die Anzahl der illegalen Grenzübertritte ein Täuschungsmanöver war um mit möglichst kleinen Zahlen operieren zu können.

Tatsächlich erreichte die Zahl der Asylbewerber-Erstanträge letztes Jahr die Obergrenze, von der Tellkamp spricht.

Fazit: Tellkamps Angst vor zu viel Einwanderung fußt zum großen Teil auf falschen Annahmen und Zahlen. Die fiktive Obergrenze von 200.000 Flüchtlingen wurde schon im vergangenen Jahr unterschritten,

Das ist in mehrfacher Hinsicht falsch.

  1. Es ging Tellkamp darum, die Dimension der Obergrenze zu zeigen, darum der Vergleich mit Kassel.
    Ihm sind 200.000 neue Flüchtlinge pro Jahr offensichtlich zu viel. Und diese Zahl beruht auf der richtigen Zahl von 200.000, die als Obergrenze bekannt ist.
  2. Bei 198.317 Neuanträgen und zusätzlichen Zweitanträgen von „unterschritten“ zu sprechen ist grob irreführend. Sachlich ist das richtig. Wenn aber eine Obergrenze zu mehr als 99 Prozent ausgeschöpft wird, würde ich von „ausgeschöpft“ sprechen.

3. [Tellkamp:] „Es wird in dem Land immer noch mit zweierlei Maß gemessen. Beispiel: ‚Wir werden sie jagen‘. Alexander Gauland. Riesen-Bohei in den Medien. Johannes Kahrs von der SPD sagt genau das Gleiche. Das interessiert niemanden. Der twittert’s noch. Sigmar Gabriel, heute ist er zurückgetreten…: ‚Wir werden die Regierung rückstandsfrei entsorgen.'“

Almut Cieschinger und ihre Unterstützerinnen räumen ein, dass auch Vertreter sauberer, reinlicher Parteien ihre politschen Gegner bereits „jagen“ und „entsorgen“ wollten.

Das klingt nur nicht so, wie ich das hier hinschreibe. Über mehrere Absätze hinweg eiern sie herum und versuchen noch Haare in der Suppe zu finden. Geschenkt.

Da offensichtlich ist, dass sich mit Fakten nichts machen lässt, versuchen die Faktenfinderinnen jemanden ins Feld zu führen, den sie für eine Autorität auf dem Gebiet der Beleidigungen zu halten scheinen:

[Spiegel.de:] Dass es aber einen Unterschied macht, ob man direkt eine Regierungsmitarbeiterin mit Migrationshintergrund in ein bestimmtes Land oder süffisant in eine Regierung „entsorgen“ will, darauf wies auch der selbst äußerst streitbare ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer im August 2017 hin:

„Während die erste eine pseudolustige Schmähung der Person ist, bezieht sich die letztere ausdrücklich auf die Person als Mitglied einer ethnischen Minderheitsgruppe, verbunden mit dem Ausdruck der Hoffnung, sie außer Landes schaffen und dort ‚entsorgen‘ zu können, weil sie ‚in Deutschland nichts verloren‘ habe. In diesem Sinnzusammenhang hat der Begriff ‚entsorgen‘ eine offenkundig rassistische, auf Verletzung der Menschenwürde gerichtete Bedeutung.“

Ich habe es richtig genossen, dass die eifrigen Faktenfinderinnen den bei Feministinnen äußerst unbeliebten ehemaligen Bundesrichter Thomas Fischer zitieren mussten, weil es ihnen selbst an der Wortgewalt mangelt, über die Fischer verfügt, um hier punkten zu können.

Sie führen ihn mit spritzen Fingern als „streitbar“ ein, sie wollen ihn nicht, aber sie brauchen ihn. Der alte weiße Hetero-Mann muss es für das Vier-Frauen-Team richten.

Und er liefert. Es ist tatsächlich etwas anderes, einfach irgendjemanden irgendwo entsorgen zu wollen, als den Angehörigen einer ethnischen Minderheit genau in seinem Herkunftsland entsorgen zu wollen.

Tellkamp ist hier anderer Meinung. Für ihn wird mit zweierlei Maß gemessen, weil die Wortwahl („entsorgen“) in beiden Fällen dieselbe ist. Zu einem Lügner macht ihn diese Fehleinschätzung nicht.

Fazit

Von den vielen Aussagen Tellkamps haben es nur drei in den Faktencheck geschafft.

Die Faktencheckerinnen decken in diesen drei Aussagen kleine Ungenauigkeiten Tellkamps auf, wie sie auf Podiumsdiskussionen, auf denen niemand ein fertiges Skript vorliest, häufig vorkommen.

Spitzfindig unterscheiden sie Begrifflichkeiten und missverstehen Tellkamp bewusst, ohne die Größenordnung und seine Schlussfolgerungen mit Fakten zu widerlegen. Wo Tellkamp der Meinung ist, es würde mit zweierlei Maß gemessen, zitieren die Autorinnen die gegenteilige – überzeugende – Meinung eines wortgewaltigen Juristen.

Man stelle sich zum Vergleich die Aussagen von Spitzenpolitikern in einer beliebigen Talkshow vor. (Hinweis zum Link: Auch die Volontäre der Kölner Journalistenschule, die die Aussagen der Politiker überprüft haben, lagen in ihrem „Faktencheck“ nicht immer richtig.)

Wenn der Artikel eines deutlich macht, dann das Uwe Tellkamp kein Lügner, kein Hetzer und kein Nazi ist.

Mir ist nicht klar, was Medien mit solchen Artikeln erreichen wollen. Diejenigen, die in Uwe Tellkamp einen Nazi sehen, tun das auch nach der Lektüre. Aber dafür benötigte man diesen Artikel nicht.

Warum also der angestrengte Faktencheck? Hat der Chefredakteur gesagt: „Almut, schnapp dir die Praktikantinnen und nimm mal die Aussagen von diesem Tellkamp auseinander“? Und als ganze drei Aussagen mit mäßigem Checkerfolg übrigblieben: „Egal, den langatmigen Quatsch liest sowieso keiner bis zu Ende, wir bringen es unter >Schriftsteller im Faktencheck<„?

Ich glaube nicht, dass dieser Artikel jemanden überzeugt, der sich nicht sicher ist, was er von Tellkamp zu halten hat. Falls derjenige es schafft, den ermüdenden Artikel wirklich durchzulesen, wird er schnell über die Ungereimtheiten stolpern.

Das macht misstrauisch. Und dieses Misstrauen gegen die Autorinnen nutzt Tellkamp sicher mehr als es ihm schadet.

Alles in allem halte ich diesen Artikel für ein peinliches und damit typisches Hit Piece.

 

6 Kommentare zu „Vier Faktencheckerinnen im Ausnahmezustand – Wenn es der alte weiße Hetero-Mann richten muss“

  1. Entlarvend für den Spiegel ist, dass die Kommentarfunktion abgeschaltet ist.
    Offenbar fürchtet man dort, die Leser zerfleischen die Faktenfinder mit ihren Kommentaren.

    Gefällt 2 Personen

  2. Die drei Tussis als Faktenchecker sind genauso tauglich, wie wenn ich meinen Kaufmann gefragt haette ob der Spektralanalysator korrekt kalibiriert ist.
    Diese Faktencheckerei und Anti-fake-news Kacke dient doch nur dazu bestimmte Leute, die sich nicht an die PC-Normen halten, oeffentlich zu diskreditieren und mittelfristig zu vernichten. Tellkamp sollte den Spiegel wegen Rufmord verklagen.

    Gefällt 3 Personen

  3. Zum eigentlichen Thema: Ich habe bislang noch keinen „Faktencheck“ gelesen, der nicht (mindestens) unendlich gebiast war (analog den „es waren ja gar keine 200k, sondern nur 199.875 Leute; das ging spätestens mit Trump richtig los).

    Zum erweiterten Thema:

    Ich habe nicht wirklich was gegen Fischer, aber grundsätzlich was gegen Juristen, die mit „Menschenwürde“ daherkommen. Das ist nämlich das juristische Go-To für „das ist richtig und wichtig“ ohne Substanz.

    Das eigentliche Problem, nämlich dass es einen „rassistischen“ Nachgeschmack hat, Frau Özoguz oder andere Politiker mit türkisch klingenden Namen (wie Söder) nach Anatolien abschieben zu wollen oder Leute, die Wang heißen, halt nach China, ist nämlich auch nur vorgeschoben:

    Dass das rassistisch ist, sei nämlich leicht gelöst, indem ich z.B. beim Thema Abschiebungen immer und grundsätzlich für „nach Suriname“ plädiere.

    Und nun?

    Warum Suriname? Naja,

    (a) da ist kein Krieg
    (b) niemand weiß, wo das ist
    (c) da lebt kaum jemand, also macht man sich wenig Feinde.

    Klar, natürlich finden die Surinameresen (oder so) das sicher nicht so prickelnd, aber das ist deren Problem. Wenn das Leute bei uns ‚problematisch‘ finden, können wir die ja einfach nach Surinam abschieben. Bekommen die Surinamesen wenigstens ein paar Gleichgesinnte.

    (Und ne; nicht googlen, wo Suriname liegt. Sollte ich jemals an die Macht kommen, ist das mit Sicherheit ein Grund, dahin abgeschoben zu werden 😉

    Liken

    1. Zusätzlich zu den neuen Erstanträgen kommt der Familiennachzug. Der wird bei den Zahlen geflissentlich ausgeblendet, denn diese werden nicht als Flüchtlinge beim BAMF erfasst. Sachlogisch sollte man diese aber dazuzählen.

      Gefällt 1 Person

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