Das neue deutsche Armutsproblem

Ständig ist in diesen Tagen von der wachsenden Armut in Deutschland die Rede und von der Schere zwischen Arm und Reich, die immer weiter auseinandergeht.

Mit dieser Schere ist das so eine Sache. NGO’s wie Oxfam beklagen einen sich vertiefenden „Graben zwischen Arm und Reich“ und Gregor Gysi platzt deshalb schonmal der Kragen.

Auf der anderen Seite weist der Armutsforscher Rainer Zitelmann darauf hin, dass der Lebensstandard der Menschen insgesamt durch die Entwicklung des Kapitalismus angehoben wird. Vor hundert Jahren vereinigte das reichste Prozent der Deutschen noch 18 Prozent der Einkommen auf sich, heute sind es nur noch 13 Prozent. Relativ gesehen sind die Reichen also ärmer als vor hundert Jahren, so Zitelmann. Und weiter:

Die meisten Hungertoten gehen im 20. Jahrhundert auf den Sozialismus zurück – seit 1920 mehr als 70 Millionen. Fast die Hälfte davon entfällt auf Maos sozialistisches Experiment des „Großen Sprungs nach vorne“ Ende der 50er-Jahre. Ein weiteres Viertel entfällt auf Stalins sozialistische Zwangskollektivierung.

Das Ende des Kommunismus und der weltweite Siegeszug des Kapitalismus haben dazu geführt, dass in den 2000er-Jahren nur noch drei von 100.000 Menschen durch Hungersnöte starben.

Clemens Fuest, Präsident des Leibniz-Institutes für Wirtschaftsforschung an der Universität München (ifo) tönt gar: „Die Botschaft, die soziale Schere geht auseinander, ist schlicht falsch“. Fuest weist darauf hin, dass 2005 der Anteil der unteren vierzig Prozent am verfügbaren Einkommen in Deutschland genauso hoch wie heute gewesen sei – und der Anteil der oberen zehn Prozent ebenfalls.

Man kann über die Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte also durchaus streiten. Meine Wahrnehmung ist, dass mitnichten alles immer schlimmer wird, sondern dass es im Gegenteil relativ Armen in Deutschland heute wirtschaftlich besser geht als vor 10, 50 und 100 Jahren. Es dürfte auch unstrittig sein, dass es seit der Einführung von Hartz IV (und auch in den Jahren davor) keine Hungertoten in Deutschland gab – auch in Gegenden ohne Tafeln.

Ich wollte mir von der jüngeren Entwicklung der Hartz-IV-Empfängerzahlen ein Bild machen. Auf den Webseiten der Bundesagentur für Arbeit finden sich detaillierte Statistiken ab Januar 2016. Da die Monatsstatistiken immer die Zahlen der Vormonate mit abbilden, liegen Empfängerzahlen ab Oktober 2015 vor. Die aktuelle Statistik ist vom November 2017.

In den reichlich zwei Jahren von Oktober 2015 bis November 2017 liegt die Anzahl an Haushalten („Bedarfsgemeinschaften“), die Hartz IV erhalten, konstant bei knapp über 3 Millionen. In Anbetracht der historisch niedrigen und weiter sinkenden Arbeitslosenquote im Jahresdurchschnitt (2015: 6,4 Prozent, 2017: 5,7 Prozent)  und einem anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung ist das jedoch keine Erfolgsmeldung.

Warum profitieren die Deutschen nicht von der guten Arbeitsmarktlage und der boomenden Wirtschaft?

Nun, sie profitieren durchaus. Die Anzahl Deutscher in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften ging von 4.681.720 im Oktober 2015 auf 4.094.906 im November 2017 zurück.

Im gleichen Zeitraum stieg die Anzahl von Ausländern in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften von 1.463.881 auf 2.081.632. Ja, das hat etwas mit der Flüchtlingskrise zu tun.

Nachdem das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ab 2016 personell aufgestockt wurde, konnten die vielen neuen Asylanträge seit der Grenzöffnung 2015 nach und nach abgearbeitet werden. Obwohl die meisten Asylanträge abgelehnt werden, ist auch die Anzahl der Anerkennungen stark gestiegen. Anerkannte Asylbewerber haben Anspruch auf Hartz IV.

In der Folge stieg der Anteil von Ausländern an Hartz-IV-Empfängern stark an. War im Oktober 2015 nicht einmal jeder vierte Hartz-IV-Empfänger ein Ausländer, war es im November 2017 schon mehr als jeder Dritte. Tendenz weiter steigend.

grafik

Unsere Gesellschaft hat seit 2015 massenhaft neue Sozialleistungsberechtigte aufgenommen. Das kann man begrüßen oder verdammen – es ist ein Fakt. Es ist heuchlerisch, unter diesen Umständen über wachsende Armut zu klagen.

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3 Kommentare zu „Das neue deutsche Armutsproblem“

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