Kein Unterschied: Wie man von „Hab dich nicht so“ zu sexueller Gewalt gegen Frauen kommt

Patrick Schlereth schreibt in einem Artikel für fr.de, den Online-Auftritt der Frankfurter Rundschau, über den offenen Brief von 100 Frauen in der französischen Tageszeitung „Le Monde“, in dem sie vor einem totalitären Klima und dem Verlust sexueller Freiheiten durch die #Metoo-Debatte warnen.

Was verstehen die Unterzeichnerinnen des Gastbeitrags nun unter Freiheit? Sexualität sei von Natur aus „offensiv und wild“, geben sie zu bedenken. Hartnäckiges oder unbeholfenes Anbaggern sei kein Verbrechen und von sexualisierter Aggression zu unterscheiden.

Das klingt zunächst einleuchtend, doch wollen wir das Abstrakte mit einem Fallbeispiel ins Konkrete überführen. „Du hast so schöne Augen, darf ich Dir ein Getränk ausgeben / mich neben Dich setzen / Deine Nummer haben?“ wäre unbeholfen. Okay, mancher Mann meint es vielleicht nicht böse, kann es aber einfach nicht besser. Lautet die Antwort auf eine der Fragen jedoch „Nein“, kann ein hartnäckiges Insistieren seitens des Mannes schnell unangenehm werden für die Frau: „Ach komm schon, nun hab‘ Dich doch nicht so.“

Es mag Frauen geben, für die dieses absurde Spiel zum knisternden Flirten dazugehört, doch die sollten nicht die Regeln für alle vorgeben oder ihre persönlichen Vorlieben mit den Forderungen der #MeToo-Bewegung vermischen.

Patrick Schlereth führt von unbeholfenen Anmachsprüchen, die nicht belästigend sind,  zu „hab‘ Dich doch nicht so“ und suggeriert, dass es Frauen gäbe, die den letzten Spruch gut fänden.

Indem er behauptet, dass manche Frauen diese Anmachsprüche in Ordnung fänden und andere nicht, will er daraus ableiten, dass alle diese Sprüche eben nicht einfach so auf jede Frau angewendet werden dürften.

Ich frage mich bei solchen Artikeln immer, was der Autor für ein rückständiges Frauenbild hat, wenn er meint, dass man Frauen in Watte packen müsse, weil sie nicht mit unangenehmen Sprüchen umgehen könnten.

Es ist der blanke Hohn, den Gegnern des #MeToo-Hypes vorzuwerfen, ihre Regeln anderen vorgeben zu wollen. Es sind Menschen wie der Autor Patrick Schlereth und die Protagonisten des #MeToo-Hypes, die anderen ihre Weltsicht aufoktroyieren wollen.

Nimmt man die „Nun hab‘ Dich doch nicht so“-Logik fraglos hin, ist es zur sexuellen Aggression nicht mehr weit

Es ist keinesfalls „nicht mehr weit“ zur sexuellen Aggression. Der harmlose, schlimmstenfalls dämliche Spruch und sexuelle Gewalt sind kilometerweit voneinander entfernt. Dazwischen liegt eine Grenze, die überschritten wird.

Die Autorinnen des offenen Briefes mahnen, dass diese Grenze verwischt wird, wenn nicht zwischen Anbaggern und sexueller Aggression unterschieden wird. Patrick Schlereth schreibt genau das in seinem Artikel. Für ihn ist es vom Anbaggern zur Gewalt „nicht mehr weit“.

Projiziert Patrick Schlereth hier seine Gedanken auf alle Männer? Das liegt nahe, wenn man seinen Text liest. Passiert es ihm häufiger, dass er von „Hab dich nicht so“ in „sexuelle Aggression“ gegen Frauen abgleitet?

Also mir passiert das nicht. Ich sehe den Unterschied zwischen einem dummen Spruch und „sexueller Aggression“ und greife Frauen auch nicht an.

Wenn er das nicht kann, dann sollte er sich Hilfe holen.

und der Mann daran gewöhnt, dass man Frauen eben zu ihrem Glück zwingen muss.

Nochmal: Wenn er die Gefahr sieht, dass er „Frauen eben zu ihrem Glück zwingen muss“, dann sollte er sich Hilfe suchen.

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4 Kommentare zu „Kein Unterschied: Wie man von „Hab dich nicht so“ zu sexueller Gewalt gegen Frauen kommt“

  1. Vielleicht darf ich als Frau mich kurz dazu äußern? Diese ganze MeToo-Debatte geht mir schon seit dem ersten Tag auf den Keks. Sie ist aber auch ein wirklich schönes Beispiel dafür, dass jede Frau solche Dinge anders wahrnimmt. Und dass auch nicht jede Frau gleich gut mit Anmachversuchen umgehen kann. Das hat aber weniger mit ihrem Geschlecht zu tun, sondern eher damit, dass eben nicht jeder Mensch gleich ist. Ich zum Beispiel kläre solche Situationen mit Sarkasmus, Ironie oder einfach nur Humor. Bei seichtem Humor verliert der Mann nicht sein Gesicht, versteht aber, dass er bei mir keine Chance hat. Das ist mir sehr wichtig, denn ich will ja niemandem grundlos vor den Kopf stoßen. Versuchen kann er’s ja. Will er aber partout nicht locker lassen, wird die Gangart auch schon mal etwas härter. Aber ich habe noch NIE erlebt, dass jemand zudringlich oder aggressiv wurde. Also: MeNot

    Dann gibt es aber Frauen, die haben so ein selbstsicheres Auftreten nicht. (Und sie haben kein Verständnis für die Männerseele.) Für die ist die Frage nach der Frage schon eine verstörende Angelegenheit. Und das sehe ich als das größte Problem an der Sache. Jeder glaubt nun, er oder sie könne von sich auf andere schließen oder alle über einen Kamm scheren, so wie der Heini von der Frankfurter. Ich kenne Frauen, die halten sich bei dem Wort „f..cken“ die Ohren zu und sagen „Na!!“. Und wieder andere schmunzeln einfach nur vor sich hin.

    Was mich noch sehr an dieser Debatte stört, ist die Tatsache, dass jetzt diese ganzen Mauerblümchen mit ihren falsch verstandenen Komplimenten aus den Ecken kommen und die wirklich belästigten, unterdrückten Frauen in den Schatten stellen. Und dass jetzt alle Männer als Monster hingestellt werden. Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn mehr als einmal mitansehen müssen, wie Männer versuchten, ihre berufliche Macht an jungen Damen zu demonstrieren. Das waren zwei von 200 Führungskräften. Das sind einfach Idioten gewesen. Davon jetzt auf alle Männer zu schließen, finde ich schlicht grotesk. Es gibt ’ne ganze Menge netter Männer. 🙂

    Gefällt 4 Personen

  2. […]Passiert es ihm häufiger, dass er von „Hab dich nicht so“ in „sexuelle Aggression“ gegen Frauen abgleitet?[…]
    Es gibt ja den Spruch von Milo, dass man bei maennlichen Feministen, sobald sie sich uebertrieben gutmenschlich gegenueber Frauen oeffentlich aeussern, den Timer loslaufen lassen kann, bis sie eine (berechtigte) Vergewaltigungsanzeige am Hals haben.

    Wenn sich Frauen selbst immer als (potentielle) Opfer sehen, dann ist das zwar schaedlich fuer sie selbst, aber es ist nachvollziehbar und solche Psychosen sind heilbar. Wenn aber ein maennlicher Feminist das Dogma akzeptiert, dass Frauen immer Opfer sind, dann sieht er die auch nur als Opfer – dann kann sie sich ihm gegenueber entweder freiwillig oder eben mit Gewalt in ihre Opferrolle fuegen. Das ist ein Psychopat ‚in the making‘.

    Ich weiss nicht wie es bei anderen ist. Fuer mich ist es abschreckend, wenn ich eine Frau anspreche und sie entweder mit einem „deer in the headlight“ Blick oder auch nur ansatzweise zickig reagiert. Da will ich mich immer moeglichst schnell und hoeflich verabschieden.

    Gefällt 1 Person

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