Was ist dran an der Gefahr durch Glyphosat?

Agrarminister Christian Schmidt wird auf zeit.de von Ludwig Greven als „wackerer CSU-Agrarlobbyist“ bezeichnet, weil er

einer verlängerten Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat durch die EU

zugestimmt hat. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) war anderer Auffassung.

In anderen Berichten ist von den „Risiken für Gesundheit und Umwelt“ durch Glyphosat die Rede.

Warum ist Glyphosat „umstritten“? In der Presse wird häufig erwähnt, es sei „potenziell krebserregend“.

Vor dem Alleingang Schmidts war die EU in der Sache monatelang entscheidungsunfähig. Eine Mehrheit für die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat kam trotz wiederholter Abstimmungen nicht zustande. Die Stimme Deutschlands, für das Agrarminister Schmidt gesprochen hat, gab jetzt den Ausschlag.

Was ist Glyphosat und wie gefährlich ist es?

Julia Merlot (was für ein schöner Name) hat auf Spiegel Online die Fakten zusammengetragen.

Im Vorfeld hatten Befürworter und Gegner vehement über das Thema gestritten. Vordergründig ging es meist um die Frage, ob das Pestizid krebserregend ist oder nicht. Umweltverbände nutzten das Thema auch für eine grundsätzliche Kritik an der konventionellen Landwirtschaft und am Herstellerkonzern Monsanto, der neben Glyphosat gentechnisch veränderte Pflanzen produziert. Sie dürfen in Deutschland allerdings nicht angebaut werden. Neben Monsanto produzieren 40 weitere Hersteller glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel.

Für die Zulassung von Glyphosat ist entscheidend, ob es krebserregend ist oder nicht. Keine Rolle darf es dagegen spielen, ob Umweltverbände das Thema „auch für eine grundsätzliche Kritik an der konventionellen Landwirtschaft“ nutzen. Sachfremde Erwägungen nennt man das.

Auch die Intention der Umweltverbände, das Thema Glyphosat für eine Kritik am Herstellerkonzern Monsanto zu nutzen, darf keine Rolle für die Zulassung des Mittels spielen.

Bisher habe ich kein schlüssiges Argument gegen Glyphosat gelesen.

Auch im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Erst vor wenigen Monaten hatten Forscher eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht – zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand.

Die Vermutung eines Zusammenhangs zum Insektensterben wäre ein Argument gegen Glyphosat. Einen Beleg gibt es allerdings nicht, auch nicht in einer vielbeachteten Studie, die noch dazu in Naturschutzgebieten stattfand.

Dass die Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe.

„Liegt jedoch nahe“? Gibt es Belege in der vielbeachteten Studie oder nicht? Nein?

Nein. Bisher habe ich kein schlüssiges Argument gegen Glyphosat gelesen.

Da es den durch Glyphosat im Unkraut blockierten Stoffwechsel in Menschen und Tieren nicht gibt, ging man lange davon aus, dass das Mittel keine Gesundheitsgefahr darstellt. 2015 stufte die Krebsagentur IARC der WHO den Stoff allerdings als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Damit stellte sie sich gegen die Bewertungen einer Vielzahl von Institutionen, die diese Gefahr nicht sehen. Für nicht krebserregend plädieren:

das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA)
die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency(PMRA)
die australische Bewertungsbehörde APVMA
die japanische Food Safety Commission
die neuseeländische Umweltbehörde EPA
das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)

Eine Institution, die Krebsagentur IARC der WHO, stuft den Stoff als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Andere Institutionen, darunter europäische, asisatische, amerikanische und internationale Behörden, halten Glyphosat für nicht krebserregend. Die Belege der IARC sollten stichhaltig sein.

Die Behörden, die zum Schluss kommen, dass Glyphosat nicht krebserregend ist, prüfen die Risiken für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung. Die IARC untersucht dagegen, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf als „wahrscheinlich krebserregend“ ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als „sicher krebserregend“.

Wie bitte? Die IARC untersucht nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen? Sie stuft auch den Frisörberuf als „wahrscheinlich krebserregend“ ein?

An dieser Stelle könnte man die Meinung der IARC getrost in den Wind schlagen. Warum ist das nicht geschehen?

In mir keimt der Verdacht, dass die zuvor erwähnten Umweltverbände die unrealistische Einstufung durch die IARC nutzten, um ihre Grundsatzkritik zu platzieren. Ist das Thema deshalb zum Politikum geworden? Wollten linke Blumen- und Schmetterlingsparteien zeigen, dass sie die Kritik ernst nehmen? Hat das die weitere Zulassung von Glyphosat monatelang blockiert?

Doch das Thema ist für Julia Merlot – zu Recht, wie sich zeigt – noch nicht beendet.

Neben den unterschiedlichen Bewertungen zum Krebsrisiko sorgten immer wieder auch Vertuschungs- und Manipulationsvorwürfe für Unsicherheit. Das betraf beide Seiten – Gegner und Befürworter von Glyphosat.

Sehen wir uns die Vorwürfe an.

  • So hat Glyphosat-Hersteller Monsanto offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

Dass der Glyphosat-Hersteller Monsanto versucht, die Entscheidungsfindung einer der Behörde für Lebensmittelsicherheit zu beeinflussen, ist zunächst einmal nicht verwerflich. Die Frage ist, ob das legal (z.B. durch Argumente und Studien) oder illegal (z.B. durch Bestechung) geschieht. Belege für illegales Verhalten von Monsanto gibt es nicht.

Für positive (und zwar nur für positive) Berichte Geld an Forscher zu zahlen, ist Manipulation. Auch hier gibt es offenbar nur unbelegte Vorwürfe, die das Unternehmen bestreitet.

Bisher habe ich kein schlüssiges Argument gegen Glyphosat gelesen.

  • Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus Industriestudien kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Passage wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Industriestudien wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt hat.

Das ist legitim. Warum sollte das BfR eine Bewertung, der es sich anschließt, nicht übernehmen? Mit dem Hinweis in der Einleitung ist das transparent dargelegt.

Bisher habe ich kein schlüssiges Argument gegen Glyphosat gelesen.

  • An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC („wahrscheinlich krebserregend“) war ein Sachverständiger mit Interessenkonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

Hier handelt es sich im Gegensatz zu den unbelegten Vorwürfen der Glyphosatkritiker um Fakten: Ein Sachverständiger mit Interessenkonflikten war beteiligt. Er erhielt mindestens 160.000 Dollar von Anwälten, die Monsanto verklagen.

Ob dieser Sachverständige großen Einfluss auf die Einstufung durch die IARC hatte und ob der Interessenkonflikt seine Einschätzung beeinflusst hat, ist offenbar nicht bekannt.

Bisher habe ich kein schlüssiges Argument gegen Glyphosat gelesen.

  • In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von „nicht krebserregend“ in neutral oder positiv („krebserregend“) umgeändert. Die IARC bestreitet das.

Belege scheint es nicht zu geben. Ein schlüssiges Argument gegen Glyphosat ist das jedenfalls nicht.

Fazit

Bei Betrachtung der Fakten bleibt von der Einschätzung, dass Glyphosat krebserregend ist, nichts übrig. Das bedeutet nicht, dass Pestizide keinen Einfluss auf die Tier- und Pflanzenwelt haben. Das bedeutet auch nicht, dass man die konventionelle Landwirtschaft und Hersteller chemischer Produkte nicht kritisieren darf und soll.

Aber einen Grund, das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat in der EU nicht weiter zuzulassen, gibt es nicht.

Bei näherer Betrachtung sind es Umweltverbände und Parteien, die das Thema für sich entdeckt haben und damit die öffentliche Meinung vor sich hertreiben.

Erleichtert wird ihnen das von Journalisten, die emotional aufgeladen und losgelöst von den Fakten berichten und nicht einmal einfachste Recherchen durchführen. Sie folgen einer einfachen schwarz-weißen Moral. Chemie und große Firmen sind schlecht. Natur und Umweltverbände sind gut.

Solche Journalisten wägen nicht zwischen Kosten und Nutzen eines Pflanzenschutzmittels ab oder halten sich zumindest an die Fakten.

Umweltministerin Barbara Hendricks handelte mit ihrer Blockadehaltung unverantwortlich. Agrarminister Christian Schmidt hat einen mutigen Schritt getan, die unsägliche Diskussion zu beenden und eine Entscheidung – für sich, wie er sagt – zu treffen.

 

 

 

 

 

Advertisements

6 Kommentare zu „Was ist dran an der Gefahr durch Glyphosat?“

  1. Das Problem mit fast allen dieser Studien ist, dass sie natuerlich von irgendwem bezahlt werden und sich die derart Bezahlten letztendlich dem Diktat des Zahlers unterwerfen. Ich erinnere nur an Tabakrauch-Studien, Zucker-Studien, Contergan-Studien, Floxacin-Studien und viele mehr. Wir wurden daran gewoehnt, dass die Hersteller-Firmen viel Geld fuer genehme Studien und die Ruhigstellung von Politik und Presse ausgeben. Also Skeptik ist durchaus angebracht. Voellig aus der Luft gegriffene Aengste sind aber nicht angebracht.
    Monsanto steht vor allem wegen ihrer Gen-modifizierten Pflanzen in der Kritik. Zu Recht, wie ich finde, denn obwohl praktisch keine kurzfristigen Schaeden dadurch nachgewiesen wurden, bleibt weiterhin unklar welche Probleme nach mehreren Generationen auftreten koennen. Desweiteren mischen die Fertigfrass-Hersteller ueberall Genmais und Soya mit rein, und scheren sich einen Dreck um den Verbraucher.

    Gefällt mir

    1. Studien kritisch zu sehen ist legitim. Ich wollte die „harten Fakten“ hinter den Argumenten der Glyphosatkritiker finden. Da war nichts. Andere Quellen gehen mehr ins Detail, aber es gibt nichts Substanzielles, bei dem Thema geht es vor allem um Gefühle (böse Chemieindustrie).
      Es braucht aber mehr als ein schlechtes Gefühl, bevor ein Produkt nicht zugelassen wird, was im Fall von Glyphosat praktisch einem EU-weiten Verbot gleichkommt. Es braucht Belege. Das sollte auch für das Bundesumweltministerium gelten.
      Es mag sein, dass Monsanto wegen dies und jenem in der Kritik steht. Berechtigt oder unberechtigt. Ich will auch keinen Gen-Mais in meinem Essen. Aber wegen allgemeiner Kritik, verbunden mit einer grundsätzlichen Kritik an der konventionellen Landwirtschaft, ein wirksames Pestizid vom Markt zu nehmen, ist irrational. Genau darum geht es mir.
      Worauf ich in dem Artikel gar nicht eingegangen bin, was ich mich aber auch frage, ist: Was sind denn die Alternativen zu Glyphosat? Die Landwirte sprechen davon, dass sie dann andere, schädlichere Mittel einsetzen müssten. Die wirken dann breiter, machen mehr kaputt. Kann sein dass das Lobbygeschwätz ist, aber das muss man doch genau wissen, bevor man Glyphosatz blockiert!
      Angenommen die Grundsatzkritik an der konventionellen Landwirtschaft fruchtet und es gelingt der Umweltlobby, den pestizidfreien Öko-Landbau EU-weit durchzusetzen: Was hat das für Auswirkungen auf die Ernährung der Bevölkerung? Wie stark gehen die Erträge dann zurück – 30%? 50%? 70%? Was macht das mit den Preisen? Wer kann sich Nahrungsmittel noch leisten, wenn sie das Drei-, Fünf- oder 20fache kosten? Das müssen wir doch berücksichtigen, bevor wir eine abstrakte und unbelegte Gesundheitsgefahr über alles stellen!
      Und last but not least: Was würde so ein Quasi-Verbot denn für die Arbeitsplätze in der europäischen Chemieindustrie bedeuten? 40 Unternehmen wären betroffen – was passiert, wenn die Industrie 10% oder 30% Stellen abbaut, weil Glyphosat in der ganzen EU unverkäuflich ist? Das ist für Wohlstand oder Niedergang ganzer Regionen entscheidend! Wieder spezialisierte, gut bezahlte Arbeitsplätze weg, mehr Aufwendungen für Sozialleistungen, weniger Steuereinnahmen, und da spreche ich nicht nur von der Lohnsteuer. Stellt sich die SPD dann hinterher wie bei der Kraftwerkssparte von Siemens, die dank Energiewende mit einem dauerhaft schrumpfenden Markt zu kämpfen hat, hin und schimpft über schlechtes Management? Dieselbe SPD, deren Umweltministerin die weitere Zulassung von Glyphosat blockiert hat, damit wir uns alle besser fühlen und sie sich als Umweltfreundin profilieren kann?
      Das alles habe ich noch gar nicht betrachtet. Mir ging es erstmal nur um die Fakten zu Glyphosat. Mich hat es nicht mal überrascht, dass ich wieder nur auf Symbolpolitik gestoßen bin.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s