Die immer neuen Forderungen Alleinerziehender nach Unterstützung

Ach ja, die Jammerfrauen. Auf einem privaten Blog habe ich eine Beschwerde darüber gelesen, dass andere Frauen sich mit falschen Opferfedern schmücken, weil sie sich als Alleinerziehend bezeichnen, obwohl sie das gar nicht sind.

Schließlich endet die Geschichte in der Forderung nach weiteren sozialen Wohltaten für die alleinerziehenden Helden des Alltags.

„Mein Mann arbeitet Vollzeit, ich bin ja den ganzen Tag quasi auch alleinerziehend.“ Ich hab gar nicht so viele Fäuste, wie ich hauen will.

— dIE kEMP (@dIE_kEMP) 7. September 2017

„Alleinerziehend“ ist aber kein Wort, dass man einfach so wörtlich nehmen kann, alleinerziehend ist ein gesellschaftlich und politisch mehr oder weniger definierter Status.

Wir lernen: Alleinerziehend ist definiert, Abstufungen gibt es nicht.

„Wenn Alleinerziehende nur halb soviel kochen müssen, dann meine Frau auch, ich bin ja so viel beruflich unterwegs“ sagte beim Kita-Elternabend der Porsche-Fahrer anlässlich der Verteilung der Eltern-Kochdienste. Da kann man schon mal würgen, wenn sehr gut verdienende Ehemänner ihre eigene Frau als alleinerziehend bezeichnen.

Der „Porsche-Fahrer“ kann nicht recht haben, denn es gibt keine Abstufungen. Häufig unterwegs zu sein, bedeutet eben nicht, dass seine Frau den Opferstatus „alleinerziehend“ bekommt. Den gibt es erst, wenn sie ihn rausschmeißt.

Betrachtet man die Sache differenzierter, fällt auf, dass der Porsche-Fahrer einen Punkt landet: Schließlich haben auch die Kinder von Alleinerziehenden zwei biologische Elternteile. Warum soll Familie Porschefahrer doppelt so viel kochen müssen, während der Ex-Mann der Autorin nicht kochen muss?

Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Es mag Fälle geben, wo das nicht durchführbar ist, etwa weil der andere biologische Elternteil nicht auffindbar oder unzuverlässig ist, aber Grundsätzlich finde ich persönlich es es fragwürdig, andere Menschen aufgrund der eigenen persönlichen Verhältnisse stärker zu belasten.

Der Autorin ist das aber offensichtlich nicht unangenehm, sie scheint das für selbstverständlich zu halten.

Der von der Autorin so despektierlich dargestellte sehr gut verdienende Porsche-Fahrer trägt – wenn er nicht gerade bei der Mafia ist – schon erheblich zur Finanzierung der Gesellschaft über Steuern bei und finanziert damit unter anderem den Kindergartenplatz der Autorin.

Sie scheint aber nur Geringschätzung für einen Leistungsträger übrig zu haben, der mit hohem persönlichen Einsatz für sich, seine Familie und die Gesellschaft Höchstleistungen erbringt.

Warum bezeichnen sich Menschen, die in Beziehung leben, als alleinerziehend? Ist das jetzt ein mehr oder weniger schickes Label, das man sich aufpappt, ist das am Ende hip, alleinerziehend zu sein?

Ich denke, dass es genau so ist. In unserer Gesellschaft ist es nicht nur hip, sondern auch nützlich, sich ein Opferetikett umzuhängen.

Ich finde, das sagt viel über den Wandel von einer Gesellschaft, die Leistung würdigt und honoriert, zu einer Gesellschaft, die Leistung an Bedürftige umverteilt, aus.

Dazu musste ich interessante Erfahrungen machen, zu diesem „echten alleinerziehend“. Denn statt sich gegenseitig zu unterstützen, verfallen Menschen, die sich alleine um Kinder kümmern, leider allzu oft in eine Art Wettbewerb, wer am alleinerziehendsten ist.Ich bin das schon mal nicht, das kann ich gleich verraten. Als ich den Text „48 Stunden Alleinerziehend“ veröffentlicht habe, wurde ich gleich angegriffen: Echte Alleinerziehende können sich keine Haustiere leisten! Krass, die Haustierhaltung als Kriterium des alleinerziehens? Zudem zahlt der Vater meiner Kinder Unterhalt: eine weiteres k.o.-Kriterium, denn es gibt viele, die es nicht so gut haben. Und der Vater kümmert sich alle 14 Tage so gut um die Kinder, dass ich in dieser Zeit wirklich mal abschalten kann. Außerdem habe ich einen Job, der meine kleine Familie gut ernährt und ich kann mir eine private Altersvorsorge leisten: ich bin eindeutig zu privilegiert für eine Alleinerziehende!

Ich finde es verständlich, dass andere Alleinerziehende versuchen, sich von der Autorin abzugrenzen: Je weiter das Opferetikett durch wirtschaftlich potente Personen verwässert wird, desto weniger ist der Opferstatus wert.

Die Autorin fordert hier die Einteilung der Lebenssituation in schwierig und nicht-schwierig anhand eines einzigen Kriteriums.

Aber es gibt eben Abstufungen: Was ist mit einer Familie, in der ein Partner wochen- oder monatelang auf Montage oder Seereise ist? Was ist mit alleinerziehenden Millionären? Die Welt ist nicht schwarz-weiß.

Das Etikett „alleinerziehend“ korreliert mit finanzieller Bedürftigkeit; in konkreten Fällen sagt es aber nichts über die finanzielle Bedürftigkeit aus.

Es gibt zwischen „Paar mit Kindern“ und „Alleine mit Kindern“ so dermaßen viele Grauzonen, Zustände und Familienkonstellationen, dass es inzwischen fast unmöglich erscheint, „Alleinerziehend“ trennscharf zu definieren.

Ja, es gibt Grauzonen, der Begriff „alleinerziehend“ ist aber trotzdem trennscharf definierbar. Nur sagt er allein wenig über die wirtschaftliche und mentale Verfassung einer Familie aus.

Dabei bleibt es dann doch relativ einfach: Eine alleinerziehende Person ist eine Person, die ohne Hilfe einer anderen erwachsenen Person mindestens ein Kind unter 18 Jahren großzieht.Sagt Wikipedia.

Von Haustieren steht da nix, auch nix von wirtschaftlichen Verhältnissen, dem Fließen von Unterhalt oder der Berufstätigkeit. Von Abwechseln übrigens auch nicht, demnach wären die Wechselmodell-Eltern zwar zwischenzeitlich allein, aber nicht alleinerziehend.

Es scheint für die Autorin sehr wichtig zu sein, dass sie sich das Opferetikett umhängen kann.

Im Grunde scheint es ihr gut zu gehen, sie hat ihre Kinder, der Ex-Partner zahlt Unterhalt und übernimmt regelmäßig die Kinder. Wirtschaftlich steht sie ebenfalls gut da.

Aber das reicht nicht. Sie benötigt das Opferlabel, damit öffentlich erkennbar ist, wie großartig ihre Leistungen sind:

Wikipedia-like alleinerziehend zu sein, also ohne Hilfe einer anderen erwachsenen Person, ist übrigens sehr sehr anstrengend. Denn das heißt ja nicht nur, alleine Frühstück Mittagessen Abendessen zu machen, alleine Kita-/Schulprobleme zu bewältigen, alleine jeden Wut-/Trotz-/Pubertätsanfall auszugleichen, alleine putzen waschen einkaufen und für Bewegung an der frischen Luft zu sorgen.

Nun wird niemand bestreiten, dass es anstrengender ist, Kinder alleine zu erziehen, als das mit Partner zu tun. Und da man nicht jedem seine komplette Opfergeschichte erzählen kann, ist so ein knackiges Opferetikett schon praktisch.

Im übrigen ist die Erziehung von Alleinerziehenden im Durchschnitt nicht nur anstrengender, sondern auch weniger erfolgreich und schlechter für die Kinder als die Erziehung in Kernfamilien.

Das heißt auch, alleine die Familie finanziell abzusichern, alleine fürs Alter vorzusorgen, alleine die Existenzängste auszuhalten, wenn Kinder oder Mutter krank werden, weil das den Jobverlust nach sich ziehen kann. Denn auch wenn ich einen guten Job habe: ich muss die Krankentage von drei Leuten wegorganisieren und ich muss 12 Wochen Schulferien mit einem Vollzeitjob vereinbaren. Das ist nicht trivial, und soviel Geld, um das alles outzusorcen, habe ich bei weitem nicht.

Die Autorin bekommt Unterhalt vom Ex-Partner, sie muss die Familie also nicht allein finanziell absichern. Vielleicht springt der Ex-Partner bei Krankheit auch mal ein.

Vor allem aber stört mich an dieser Auflistung der Hinweis, dass es sich um ein selbstgewähltes Schicksal handelt. Die Autorin hat ihren Mann verlassen, nicht umgekehrt. Ich finde, dass diese Information dazu gehört, um ihre Aussagen bewerten zu können.

Sie beschreibt ihren Ex-Mann als oberflächlich und familiär nicht engagiert. Aber was sagt das über die Autorin aus, wenn sie sich so eine Person für die Familiengründung aussucht? Sie spottet über sein protziges Auto, aber fand sie das gleiche Auto nicht doch ganz angenehm, bis sie es für unpraktisch hielt?

Partnerwahl und Trennung waren die Entscheidung der Autorin des Beitrages. Das ist ihr gutes Recht.

Für mich erschließt sich deshalb aber nicht, warum Familie Porsche-Fahrer wegen der privaten Entscheidungen der Autorin doppelt soviel zum Kindergartenessen beitragen soll wie sie.

Die Autorin verlangt das Opferetikett für eine Wahl, die sie selbst getroffen hat.

Das einzige, was diesem allein gelassenen Menschen hilft, ist genau das, was Alleinerziehende permanent (und zu recht!) für sich einfordern: Respekt, Empathie, Anerkennung.

Dieser Artikel gibt natürlich nur ihre Sicht wieder. Darin finde ich keine Anhaltspunkte, die mich dazu bringen würden, ihre Leistungen als Alleinerziehende nicht anzuerkennen und sie nicht zu respektieren. Gleichzeitig betrachte ihren Status als Alleinerziehende aber als ihre Privatsache.

Denn ich kenne viele Menschen, deren Leistungen und Entscheidungen ich respektiere. Daraus folgt aber nichts, ich schulde ihnen deshalb nichts.

Interessant finde ich, dass die Autorin selbst Respekt einfordert, sie selbst dem Porsche-Fahrer aber keinen Respekt entgegenbringt.

Denn auch ein Mensch mit Partner kann sich NATÜRLICH alleine fühlen. […]

Wir sollten uns fragen, warum sich so viele Menschen in ihrer eigenen Familie, gleich welche Konstellation, so allein und überfordert fühlen. Warum es so verteilt ist, dass permanent einer unter der Last zusammen bricht.

Ich frage mich eher, warum sich Frauen (und was das Ausmaß des Jammerns über ihre Situation angeht, sind Frauen weit vor den Männern) immer überforderter fühlen, obwohl ihre reale Lebenssituation immer einfacher geworden ist.

Es gibt Ganztagsschulen und Ganztageskindergärten. Es mag nicht jeder so einen Platz bekommen, trotzdem wird die Situation immer besser und ist völlig anders als noch vor 50 Jahren.

Es gibt heute Staubsauger, Kühlschränke, Geschirrspülmaschinen, Waschmaschinen und Trockner. Männer helfen heutzutage viel mehr im Haushalt mit als früher. Die Anzahl der Kinder ist heute kleiner als früher.

Die Frage ist als also eher, warum Frauen in heute durchschnittlich besseren Situationen mehr jammern als früher.

Familien brauchen innerhalb ihres Systems eine bessere Verteilung der Sorge um Kinder, Geld, Arbeit und Haushalt.

Warum? Warum kann es keine Arbeitsteilung zwischen den Partnern geben?

Und von außerhalb braucht es viel mehr Unterstützung für Familien und und es braucht Strukturen, die eine paritätische Aufteilung der Familienarbeit ermöglichen und aktiv unterstützen.

Noch einmal: Warum? Warum sollte sich die Gesellschaft in den Kernbereich der persönlichen Lebensgestaltung einmischen? Ich habe nicht das Gefühl, dass der Gesetzgeber es besser weiß als die Menschen selbst.

Warum sollten andere für die Lebensgestaltung anderer zahlen müssen? Die Autorin nennt keinen Grund als das Gejammer, was sie von anderen Frauen hört.

Und warum ist eine paritätische Aufteilung erstrebenswert? Wenn der Chefarzt und die Krankenschwester eine Familie gründen, sollte man denen nicht die Entscheidung überlassen, ob sie Familien-„arbeit“ paritätisch aufteilen wollen?

Damit meine ich nicht den ermäßigten Eintritt meines Kindes ins Planetarium oder einen Monat Väterzeit fürs Baby, sondern damit meine ich eine bedingungslose Grundsicherung für alle Familien, damit Eltern und Kinder mehr Zeit füreinander haben, ohne finanziell, physisch und psychisch vor die Hunde zu gehen.

Ich kenne viele Frauen, die mit Kindern und Partner nicht „finanziell, physisch und psychisch vor die Hunde […] gehen“. Die Situation vieler Frauen scheint also an den Frauen selbst zu liegen.

Das ständige Gejammer von eingebildet überforderten Frauen, ich habe es so satt. Gejammer und gefühlte Ungerechtigkeiten – wie in diesem Artikel – auch noch als Kronzeugen für immer neue Forderungen nach sozialen Wohltaten („bedingungslose Grundsicherung“) zu nutzen finde anstößig.

Eine Gesellschaft von Alleinerziehenden ist nicht lebensfähig. Alleinerziehende hängen jetzt bereits am Tropf der produktiveren Teile der Gesellschaft. Und die Antwort, was der prekär beschäftigte Taxifahrer davon hat, immer weitere soziale Geschenke an eine bestimmte Gruppe von Menschen zu verteilen, bleibt auch dieser Artikel schuldig.

Wenn es um die Verteilung sozialer Wohltaten geht, entwickelt die Frage, warum Alleinerziehende alleinerziehend sind, eine besondere Brisanz:

Denn wenn man sich selbst durch eigene Entscheidungen, deren Konsequenzen absehbar sind, in eine schlechte Situation bringt, warum sollte man dann auf Solidarität derjenigen hoffen dürfen, die klügere Entscheidungen getroffen haben?

Ich bin dafür, denjenigen, die bedürftig sind, zu helfen. Ich bin es aber leid, immer mehr jammernde Gruppen mit Opferetikett immer großzügiger mitzufinanzieren. Die Opfergruppen werden immer größer und fordern immer mehr ein, die Politik verteilt die von den Leistungsträgern erwirtschafteten Mittel gern und reichlich. Gerechtigkeit sieht anders aus.

3 Kommentare zu „Die immer neuen Forderungen Alleinerziehender nach Unterstützung“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s