Erst „Integration“, dann „gegenseitige Akzeptanz“ und jetzt „kulturelle Modernisierung“

Ich hatte hier beschrieben, wie deutsche Islamverbände in seltsamer Einigkeit mit Mitgliedern der deutschen Regierung dafür werben, das Staatsziel der Integration von Zuwanderern durch Akzeptanz zu ersetzen.

Die Integration von Zuwanderern, also die Aufnahme von Migranten in das nationale Sozialgefüge, erfordert die Bereitschaft der Migranten zur Anpassung. An ihre Stelle soll aktive Akzeptanz des Sozialgefüges der Migranten durch die Aufnahmegesellschaft treten. Nebenbei drückt Akzeptanz ein zustimmendes Werturteil aus.

Die Autoren einer neuen Bertelsmann-Studie gehen einen Schritt weiter. Sie bezeichnen die aktuelle Veränderung der deutschen Gesellschaft durch neue kulturelle Einflüsse als kulturelle Modernisierung.

Das ist nichts weniger als das Gegenteil von Integration, es bedeutet die Anpassung der deutschen Gesellschaft an die Zuwanderer.

Der Begriff wird eingeführt und von den Medien sofort unkritisch übernommen. Nicht auszuschließen ist, dass er auf SPD-Parteitagen oder Grünen-Ortsverbandssitzungen schon länger verwendet wird, aber in der Presse habe ich jetzt zum ersten Mal von kultureller Modernisierung, bezogen auf die aktuelle Entwicklung der deutschen Gesellschaft, gelesen.

Über die Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Wählerschaft der AfD berichtet beispielsweise die FAZ. Danach soll die AfD bei der Bundestagswahl in „sozial schwächeren Milieus“ (was soll das eigentlich sein – Menschen mit geringem Einkommen?) und in der bürgerlichen Mitte viele Wähler hinzugewonnen haben.

In der Studie wird die deutsche Wählerschaft geteilt:

Die Bundestagswahl zeigte laut der Studie auch, dass die Wählerschaft in Skeptiker und Befürworter der Modernisierung gespalten ist und sich dies auch im Wahlverhalten niederschlägt.

Der soziologische Begriff der Modernisierung

beschreibt und erklärt sozialen Wandel als Übergang von einer traditionalen Form von Gesellschaft bzw. Kultur hin zu moderneren Formen, etwa der Industriegesellschaft, zu Demokratisierung, Urbanisierung, sozialer Differenzierung, Individualisierung, Bürokratisierung oder Globalisierung.

Modernisierung in diesem Sinne kann als (Weiter)-Entwicklung einer Gesellschaft verstanden werden. Die in der Wikipedia aufgeführten Beispiele hatten für die Bevölkerung überwiegend positive Folgen.

Auch im allgemeinen Sprachgebrauch ist das Wort positiv besetzt: Eine modernisierte Wohnung, ein modernisiertes Kabelnetz, ein modernisierter IT-Grundschutz. „Modernisierung“ suggeriert, wie auch im soziologischem Sinne, die Veränderung zu etwas Besserem.

Modern bedeutet aber nicht zwangsläufig „besser als vorher“: Atomwaffen galten ebenfalls einmal als modern. Im ersten Weltkrieg waren es die chemischen Waffen.

Manchmal ist man hinterher schlauer.

Rund zwei Drittel (65 Prozent) aller AfD-Wähler kommen demnach aus Milieus, die eher modernisierungsskeptisch sind.

Wofür steht der Begriff der Modernisierung in der Bertelsmann-Studie?

Die AfD sei also ganz überwiegend von Menschen gewählt worden, „die der sozialen und kulturellen Modernisierung zumindest skeptisch gegenüberstehen“, erklärte Studienautor Vehrkamp.

Der Begriff steht für soziale Modernisierung und kulturelle Modernisierung, sagt der Autor der Bertelsmann-Studie. Menschen, die die gegenwärtigen kulturellen Veränderungen in Deutschland ablehnen, sind Modernisierungsgegner.

Offen bleibt, warum Meinungen als „unmodern“ klassifiziert wurden. Ich weiß nicht, welche Fragen den Menschen für die Studie gestellt wurden. Die Macher kombinierten verschiedene Methoden, die nicht auf Aussagen zu konkreten Fragen schließen lassen, mit Daten aus einer Nachwahlbefragung der YouGov Deutschland GmbH (S. 114 f.), die nicht frei zugänglich sind.

Welche Antworten haben denn als „modern“ gegolten?

Es macht einen Unterschied, ob sich jemand beispielsweise gegen die Industriegesellschaft,  Demokratisierung, Urbanisierung oder gegen Bürokratisierung oder Globalisierung ausgesprochen hat.

Die AfD hat damit nach Einschätzung der Stiftung im Parteienspektrum ein „Alleinstellungsmerkmal“.

Das angebliche Alleinstellungsmerkmal der AfD drückt sich in Zahlen so aus, dass nur 52 Prozent der CDU/CSU-Wähler und nur 56 Prozent der SPD-Wähler von der Bertelsmann-Stiftung als „Modernisierungsbefürworter“ geadelt werden.

Beim Deutschlandfunk wird es etwas genauer:

Die Studie deutet darüber hinaus auf eine weitere Trennlinie in der Gesellschaft, die das Wahlverhalten entscheidend geprägt habe. Und zwar die zwischen Modernisierungsbefürwortern und -gegnern. Die Gegner stehen Tendenzen wie Globalisierung, einer weiteren europäischen Integration oder neuen kulturellen Einflüssen zumindest skeptisch gegenüber.

Differenziert wird nicht. So sind Globalisierungsskeptiker zahlreich im eher links und grün wählenden sozialökologischen Milieu zu finden (die Milieuberichte stehen im 3. Teil der Studie ab S. 33). Nicht alle Globalisierungsskeptiker sind gegen die weitere europäische Integration oder stehen kulturellem Wandel ablehnend gegenüber – und umgekehrt.

In der Studie wird das auch nicht behauptet. In den Medienberichten über die Studie wird aber genau dieser Eindruck erweckt. Es genügt, „neuen kulturellen Einflüssen“ skeptisch gegenüber zu stehen, um als jegliche gesellschaftliche Weiterentwicklung und Veränderung ablehnender Modernisierungsgegner zu gelten.

Das Heranziehen unspezifischer „neuer kultureller Einflüsse“ als Indikator für soziologische Modernität ist aus meiner Sicht willkürlich und manipulativ. Die Wikipedia sagt zwar,

Darüber, welche dieser inhaltlichen Indikatoren für die Modernisierung ausschlaggebend sind und wie sie sich zueinander verhalten, besteht in den Sozialwissenschaften keine Einigkeit.

„Kulturelle Einflüsse“ können das japanische Restaurant und die Dönerbude, aber auch Zwangshochzeiten, clandominierte No-Go-Areas und sogar das Töten von Homosexuellen sein.

Unter „kulturellem Einfluss“ versteht eben jeder, was er will. Diese Be­lie­big­keit des Ausdruckes erscheint mir unwissenschaftlich und sie passt auch nicht in zu den anderen, in der Wikipedia aufgeführten Indikatoren, die wesentlich spezifischer sind.

Das positiv besetzte Wort Modernisierung wird missbraucht, um den aktuellen kulturellen Wandel als per se gut darzustellen. Wer ihn ablehnt, ist unmodern, rückständig und fortschrittsfeindlich.

Das Gegenteil trifft zu. Es ist nicht unmodern, für den Erhalt der freien westlichen Gesellschaft zu kämpfen. Es ist nicht unmodern, für die Meinungsfreiheit einzutreten. Es ist nicht unmodern, das Gewaltmonopol des Staates zu verteidigen. Es ist nicht unmodern, die Freiheit von Homosexuellen auf gleichgeschlechtliche Partnerschaft zu respektieren. Es ist nicht unmodern, gegen die erneute Entrechtung von Frauen zu kämpfen.

Was an neuen kulturellen Einflüssen mit Zuwanderern, vor allem aus dem islamischen Kulturkreis, nach Deutschland kommt und unserer Kultur und Lebensweise entgegensteht, abzulehnen, ist nicht unmodern.

Modern ist nicht, jede Veränderung zuzulassen um den Preis der Aufgabe wichtiger Errungenschaften der westlichen Zivilisation. Fortschritt ist heute, der freiheitsbedrohenden Veränderung der deutschen Gesellschaft entgegenzutreten.

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5 Kommentare zu „Erst „Integration“, dann „gegenseitige Akzeptanz“ und jetzt „kulturelle Modernisierung““

  1. Das Wort „unmodern“ klingt unkuhl. Aber Begriffe wie „Old School“ oder „Alte Schule“ klingen ganz lässig. Auch Begriffe wie „klassisch“ oder „konservativ“ kommen ganz gut.
    Man sollte als „Modernisierungsgegner“ verstärkt mit diesen Begriffen arbeiten.

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  2. „Die AfD sei also ganz überwiegend von Menschen gewählt worden, „die der sozialen und kulturellen Modernisierung zumindest skeptisch gegenüberstehen“, erklärte Studienautor Vehrkamp.“

    Das ist eine Teildefinition von „““konservativ“““.

    Ausserdem moechte ich mal wissen was am Islam denn so modern ist. Islam ist erz-konservativ, aber eben in eine ganz andere Richtung konservativ als das Christentum. Sozialismus ist auch schon lange nicht mehr ‚modern‘; es ist eine veraltete und gescheiterte Ideologie.

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    1. „Ausserdem moechte ich mal wissen was am Islam denn so modern ist.“

      Genau das ist der Punkt. Die heutigen islamischen Gesellschaften sind alles andere als modern, sie sind näher am Mittelalter als an der westlichen Gesellschaft.

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