Zeit Online: Ideologie ist schlechter Journalismus

In einem Artikel habe ich einen Text bei Zeit Online dafür kritisiert, dass er letztlich Rassismus schürt, weil rassistische Aussagen über die Ursachen der sozioökonomischen Situation von Afroamerikanern nicht widerlegt wurden.

In diesem Text wurde auf einen Text von Alexandra Endres verwiesen, den ich ebenfalls für schlechten Journalismus halte. Er trägt den Titel

Der Rassismus ist messbar

Das verspricht ein interessanter Artikel zu werden, denn ich stelle es mir sehr schwer vor, so etwas wie Rassismus messbar zu machen. Laut Wikipedia ist Rassismus so definiert:

Rassismus ist eine Gesinnung oder Ideologie, nach der Menschen aufgrund weniger äußerlicher Merkmale – die eine gemeinsame Abstammung vermuten lassen – als sogenannte „Rasse“ kategorisiert und beurteilt werden.

Eine beobachtete Situation kann also nur mit Rassismus erklärt werden, wenn Menschen aus rassistischen Motiven handeln und diese Handlungen zu der beobachteten Situation führen.

Um also Rassismus „messen“ zu können, müsste man die Gesinnung oder Ideologie derjenigen „messen“, die andere nach Rasse kategorisieren und beurteilen.

Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass es in diesem Artikel natürlich keine Belege für Rassismus gibt.

Weiter bei Zeit Online:

Seit 50 Jahren ist die Rassentrennung in den USA offiziell abgeschafft, doch Schwarze bleiben benachteiligt. Vier Grafiken, die ihre Diskriminierung zeigen

Ich sehe in diesem Artikel keine Grafiken. Der Artikel ist drei Jahre alt, hat die Zeit ein Recht auf Vergessen für schlechten Journalismus implementiert?

Beschränken wir uns auf den Text: Es soll Diskriminierung gezeigt werden. Wikipedia definiert Diskriminierung wie folgt:

Diskriminierung bezeichnet eine Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder einzelnen Personen nach Maßgabe bestimmter Wertvorstellungen oder aufgrund unreflektierter, z. T. auch unbewusster Einstellungen, Vorurteile oder emotionaler Assoziationen.

Nicht jede Benachteiligung oder Herabwürdigung ist also Diskriminierung, sondern nur solche, die aufgrund „bestimmter Wertvorstellungen oder […]  Einstellungen, Vorurteile oder emotionaler Assoziationen“ erfolgen.

Weiter bei Zeit Online:

Die Staatsmacht ist weiß, die Bevölkerung schwarz:

Klingt für mich, als würde Alexandra Endres Menschen aufgrund weniger äußerlicher Merkmale – die eine gemeinsame Abstammung vermuten lassen – als sogenannte „Rasse“ kategorisieren und beurteilen.

In Ferguson, wo vor zwei Wochen der 18-jährige Afroamerikaner Michael Brown von einem Polizisten erschossen wurde, ist die längst überwunden geglaubte Rassentrennung der USA noch spürbar.

Schauen wir, was Wikipedia zu Michael Brown sagt:

Lediglich in einigen Punkten stimmen die Aussagen der Zeugen miteinander überein: Der Polizist Darren Wilson war allein in seinem Streifenwagen unterwegs, als er auf Brown und Johnson traf, die zu Fuß auf der Straßenmitte gingen.

Brown soll sich durch das offene Fenster des Polizeifahrzeuges gelehnt haben, ein Schuss aus Wilsons Waffe habe sich gelöst, und Brown sei geflüchtet. Wilson habe den Streifenwagen verlassen, Brown habe angehalten und sich umgedreht.

Laut dem offiziellen Abschlussbericht habe kein einziger vernommener Zeuge behauptet, Brown habe seine Hände gehoben, um sich ergeben zu wollen. Dies haben die polizeilichen Ermittlungen, als auch die Ermittlungen des FBI bestätigt.

Ein Teil der Zeugen behauptete, Brown habe sich in bedrohlicher Haltung auf den Polizisten zubewegt, der seine Waffe mehrfach auf den anstürmenden Brown abfeuerte und ihn tötete.

Er hatte sich bereits in das Polizeifahrzeug hinein gelehnt, die Auseinandersetzung mit dem Polizisten hat also Michael Brown begonnen und damit eine gewisse Angriffslust bewiesen.

Der Polizist war alleine unterwegs, Dorian Johnson und Michael Brown waren zu zweit. Der 1,93 cm große Michael Brown hat sich nicht ergeben. Vielleicht hat er sich sogar „in bedrohlicher Haltung auf den Polizisten zubewegt“.

Der Artikel behauptet das zwar nicht, aber diesen Vorfall einfach auf Rassismus zurückzuführen greift sicher zu kurz.

Weiter bei Zeit Online:

Aber die Apartheid herrscht nicht nur dort.

Wikipedia definiert Apartheid wie folgt:

Als Apartheid wird eine geschichtliche Periode der staatlich festgelegten und organisierten so genannten Rassentrennung in Südafrika bezeichnet.

Es ist zum Haare raufen. Gibt es in den USA eine staatlich festgelegte und organisierte Rassentrennung? Nein.

Zum Beispiel tragen schwarze Männer ein deutlich höheres Risiko, verhaftet zu werden, als Weiße – der Unterschied zwischen beiden Bevölkerungsgruppen ist in den vergangenen Jahrzehnten sogar noch gewachsen.

Ein deutlich höheres Risiko, verhaftet zu werden trägt man vor allem dann, wenn man häufiger Straftaten begeht.

Laut Wikipedia werden Schwarze im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil mehr als doppelt so häufig für Straftaten verhaftet als Weiße und Hispanics.

Ein Grund dafür ist offenbar, dass die Polizei Schwarze viel häufiger und strenger kontrolliert („stop-and-frisk“).

Ein Grund“ ist „offenbar„? Zu mehr als Spekulation hat es nicht gereicht?

Möglicherweise glauben die Polizisten sogar, dafür einen realen Grund zu haben – zumindest, wenn sie der Ansicht sind, dass Arme und Benachteiligte häufiger kriminell werden als andere.

Polizisten „glauben“ einen realen Grund zu haben? Höhere Kriminalitätsraten sind kein realer Grund?

Und wo kommt auf einmal die Korrelation zwischen Armut, Benachteiligung und Kriminalität her?

File:Homicide offending by race.jpg
Tötungsdelikte nach Rasse pro 100.000 Einwohner. Quelle: Wikipedia, Public Domain.

Das fängt bereits bei der Bildung an. Im Vergleich zu den Weißen schaffen Schwarze besonders häufig keinen Schulabschluss. Und selbst die, die einen Abschluss erreichen, verlassen das Bildungssystem eher nach der High-School oder dem College. Einen Bachelor- oder höheren akademischen Abschluss erhalten Schwarze deutlich seltener als Weiße oder als der Durchschnitt der US-Bevölkerung.

Die Autorin beginnt verschiedene sozioökonomische Daten zwischen Schwarzen und Weißen zu vergleichen.

Ein Bezug zu rassistischen Handlungen und Benachteiligungen wird nicht hergestellt. So beweisen diese Daten nichts.

Den Grafiken liegen Daten des Zensusbüros der USA zugrunde. In ihnen werden der Übersichtlichkeit halber nur die Werte für Schwarze und Weiße verglichen.

Wie gesagt, Grafiken sind nicht zu sehen. Aber auch ohne Grafiken gilt: Nur Schwarze und Weiße gegenüberzustellen verstellt derart den Blick auf das Gesamtbild, dass ich fast schon von Manipulation sprechen würde.

Denn Amerikaner asiatischer Herkunft sind viel Erfolgreicher als weiße Amerikaner, was die akademischen Abschlüsse betrifft (Table 1, Spalte „Percent with bachelor’s degree or higher“):

  • Landesdurchschnitt 27,9 Prozent
  • Weiße 29,3 Prozent
  • Schwarze 17,7 Prozent
  • Asiaten 50,2 Prozent

Es entsteht ein völlig anderes Bild:

Die Weißen sind nur knapp über dem Landesdurchschnitt. Der Abstand zwischen Weißen und Asiaten ist viel größer als der Abstand zwischen Schwarzen und Weißen.

Der Gedanke liegt nahe, dass Alexandra Endres diese Auswahl bewusst getroffen hat um den gewünschten Eindruck zu erzeugen.

Später vergleicht Alexandra Endres das Einkommen von Schwarzen und Weißen. Auch hier unterschlägt sie, dass Asiaten mehr verdienen als Weiße.

Die Autorin Alexandra Endres wirft mit Kampfbegriffen wie Rassismus, Diskriminierung und Apartheid um sich, scheint aber ahnungslos zu sein, was sie bedeuten. Sie bringt keine Belege für wirklichen Rassismus und macht ihre Position angreifbar, indem sie die vorhandenen Daten unvollständig darstellt.

Falls Alexandra Endres‘ Artikel gegen Rassismus gerichtet sein soll, erreicht sie genau das Gegenteil. Sie will den Leser offenbar im Sinne des ihrer Meinung nach Richtigen, Guten beeinflussen. Aber die Aussagen sind grotesk falsch, die zusammengeklaubten Zahlen belegen nichts, Daten die eine andere Interpretation nahelegen fehlen ganz. Wenn das keine Manipulation ist, dann ist es furchtbar schlechter Journalismus. Hauptsache die ideologische Richtung stimmt.

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