Eine Jammerfrau hat beschlossen unglücklich zu sein

Es ist mal wieder Zeit für einen Jammerfrauenartikel. Diesmal wurde ich bei spiegel.de fündig.

Wie so häufig hat sich auch SPIEGEL-ONLINE-Autorin Lena Greiner die arbeitsreichste Lebensphase einer Frau herausgesucht, die mit kleinen Kindern.

Der Artikel startet mit der Schilderung der Autorin, wie sie den Alltag bei Jammerfrau Theresa erlebt und geht dann übergangslos in die Schilderung des angeblich normalen Tagesablaufes über.

Wir erfahren, dass Theresa 6:10 Uhr aufsteht, ihr Mann gegen 7:00 Uhr das Haus verlässt, die drei größeren Kinder in Schule bzw. Kindergarten gehen und die zweijährige Tochter von Mama betreut wird.

Ab 8:00 Uhr schuftet sich Theresa durch die Hausarbeiten, an drei Tagen in der Woche betreut sie ab 9:00 Uhr vormittags zwei weitere Zweijährige als Tagesmutter.

Nachmittags nach den Hausaufgaben geht Theresa jeden Tag mit allen Kindern bis 18:00 Uhr raus.

Um 18 Uhr sind sie wieder zu Hause, sie bereitet das Abendessen vor, ihr Mann Daniel kommt heim, er bringt die Kleinen ins Bett, sie räumt auf, kocht vielleicht etwas für den nächsten Tag vor.

Wenn es gut läuft, geht sie mit einer befreundeten Nachbarin kurz joggen, wenn es nicht gut läuft, weint sie, vor Erschöpfung und Frust. Ab 21.30 Uhr schaut sie in einen Film rein oder liest etwas – bis sie gegen 22 Uhr völlig fertig einschläft.

Ein Mal pro Woche arbeitet Theresa Nachts in einem Krankenhaus am Empfang.

So sieht der Alltag der Jammerfrau Theresa aus.

Ich bin immer wieder fassungslos, wie fassungslos mache Frauen sind, wenn mal eine Frau den ganzen Tag beschäftigt ist. Willkommen in der Welt der Erwachsenen! Und die liegt näher als man denkt: Ihr Ehemann Daniel ist nach ihrer Aussage typischerweise elf Stunden täglich unterwegs. Weint der auch vor Erschöpfung und Frust? Wie stressig ist sein Job? Hat er während seiner Arbeitszeit die Möglichkeit, mit den eigenen Kindern etwas zu unternehmen? Wann kommt der Spiegel-Artikel über Daniel?

„Meine Mutter war mit mir und meinen fünf Brüdern auch zu Hause, und wir hatten eine tolle Kindheit in Bayern auf dem Dorf, wie in Bullerbü.“

Ich frage mich, wie Theresas Mutter damit klargekommen ist. Ging es ohne Weinkrämpfe und Spiegel-Artikel?

In diesem Text, der die Dinge ausschließlich aus Theresas Sicht darstellt, ist klar zu erkennen, dass ihr Leben von ihren eigenen Entscheidungen geprägt war und ist:

Auch in die Kita soll Madita erst mit drei, „sie ist ja noch so klein“, findet Theresa.

Und dann sind da noch die Dinge im Leben, die sich nicht planen lassen. Als Theresa Anfang 20 ist, lernt sie beim Roten Kreuz ihren Mann Daniel kennen. Er bringt Nadine und Alex, damals vier und zwei Jahre alt, mit in die Beziehung.

Da ist eine der Lebensentscheidungen deren Konsequenzen sich recht einfach vorhersagen lässt.

Was haben ihr eigentlich ihre Eltern geraten, als sie eine Beziehung mit einem Mann mit zwei Kindern begonnen hat?

Sie wird schwanger mit Max, bricht die Ausbildung ab, bleibt zu Hause, wird schwanger mit Madita.

Auch hier das gleiche Bild: Entscheidung und Konsequenz. Die Konsequenz ist vorhersagbar und trotzdem hat Theresa ihre Entscheidung so getroffen.

Einen Fernseher hat die Familie nicht, das heißt für die Mutter: „Im Winter oder bei schlechtem Wetter muss ich mir immer etwas überlegen.“

Entscheidung. Konsequenz.

Auch gute Schulleistungen sind ihr wichtig, genau wie Umweltschutz, Nachbarschaftshilfe, gesellschaftliches Engagement, und dass ihr Gemüse und ihr Fleisch bio sind.

Die Familie klagt über Geldprobleme. Entscheidung für Bio. Konsequenz: Größere Geldprobleme.

Wir leben in einer freiheitlichen Gesellschaft. Zur Freiheit gehört aber auch, dass ich die Konsequenzen meiner Entscheidungen selbst trage. Entschließe ich mich zu rauchen, bekomme ich möglicherweise Krebs. Habe ich ungeschützten Geschlechtsverkehr, können Kinder die Folge sein. Kündige ich meinen Job wegen eines Streits mit dem Chef, bleibe ich vielleicht arbeitslos.

Unsere Gesellschaft bietet im Falle solcher Konsequenzen ein Basis-Sicherheitsnetz. Die Gemeinschaft kümmert sich um die Behandlung von Krankheiten und übernimmt, wenn notwendig, die finanzielle Grundsicherung für arbeitslose Eltern und deren Kinder.

Völlig absurd ist es, zu erwarten, dass jede beliebige persönliche Entscheidung durch die Gesellschaft auf eine Weise aufgefangen wird, dass das im Nachhinein gewünschte Ergebnis hergestellt wird.

Genau das scheint Theresa aber zu erwarten:

Und ihr Wunschtraum ist modern: „Ich studiere oder mache die Ausbildung, mein Mann arbeitet flexibel in Teilzeit, auch mal von zu Hause aus – und hat trotzdem die Chance auf eine Führungsposition. Wir bekommen finanzielle Unterstützung für die Kinder, und es gibt eine kostenlose flexible Betreuung auch am Nachmittag.“ […]

„Noch besser wäre für mich aber so etwas wie die Herdprämie.“

Es müssen sich nur alle an Theresa anpassen, dann ist das Problem schnell gelöst: Die Firma ihres Mannes muss mal eben Teilzeit-Führungskräfte benötigen und andere geben Theresa finanzielle Unterstützung für die Kinder, sorgen für eine kostenlose Betreuung am Nachmittag und bezahlen ihr aus irgendeinem Grund eine Herdprämie.

Ganz einfach.

Es ist nicht das Leben, das sich Theresa vorgestellt hatte, als sie vor zehn Jahren Abitur machte und Gynäkologin oder Kinderärztin werden wollte. Und es ist nicht das Leben, das sie ihrer kleinen Madita wünscht: „Ich hoffe, dass sie den Beruf machen kann, der sie glücklich macht. Und dass sie mit ihrer Familie ohne Rollenvorstellungen einen Alltag lebt, in dem sich alle verwirklichen können.“

Gerade hat sie noch geschrieben, dass sie mit ihrer Mutter als Hausfrau eine tolle Kindheit hatte. Jetzt ist das nicht das, was sie ihren Kindern wünscht.

Daniel, 36, holt in diesen Jahren sein Abi nach, studiert und beginnt seine Vollzeitstelle als Ingenieur im Straßenbau. „Heute finde ich es oft ungerecht, dass mein Mann das alles machen konnte“, sagt Theresa. Und: „Ich war zu naiv.“

Ihr Mann Daniel kämpft sich durch ein Abitur und ein Ingenieurstudium um einen gut bezahlten Job antreten und seine Familie ernähren zu können. Theresa scheint das für keine besondere Leistung zu halten und findet es ungerecht, dass sie zu Hause bleiben durfte.

Ich frage mich, ob das keine gemeinsame Entscheidung der beiden Partner war? Wäre es Theresa lieber, wenn eine externe Instanz solche Entscheidungen treffen würde, wie bei Kindern?

Hätte Theresa die Entscheidung einer externen Instanz akzeptiert, wenn sie ihr statt Daniel den Bildungs- und Arbeitsweg zugewiesen hätte? Hätte sich Theresa durch das Medizinstudium gekämpft und Daniels lange Arbeitszeiten in Kauf genommen, um die Familie allein zu ernähren?

Es deutet alles darauf hin, dass ihr Gejammer noch viel größer wäre – und zusätzlich würde sie lauthals die verlorenen Jahre mit ihren Kindern bedauern.

Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.

— Voltaire

An dieses Zitat muss ich bei Jammerfrauen häufig denken. Es geht ihnen im Grunde gut, an manchen Stellen könnten sie durch Eigeninitiative selbst etwas verbessern. Sie müssten nur einfach aufhören sich selbst einzureden, wie schrecklich ihre Situation ist.

Advertisements

3 Kommentare zu „Eine Jammerfrau hat beschlossen unglücklich zu sein“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s