Die Tyrannei der Wenigen

Die BZ berichtet über die Forderung des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) der Berliner Alice Salomon Hochschule, ein Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer von der Südfassade des Gebäudes zu entfernen.

Das ist die Übersetzung des Gedichtes (im Original spanisch):

Alleen

Alleen und Blumen

Blumen

Blumen und Frauen

Alleen

Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer

Was ist der Stein des Anstoßes?

Der Vorwurf, den die Studentenvertretung der Hochschulleitung in einem offenen Brief macht, gründet auf Gefühlen von Angst, Degradierung und als unangenehm empfundener Bewunderung von Frauen.

Zwar beschreibt Gomringer in seinem Gedicht keineswegs Übergriffe oder sexualisierte Kommentare und doch erinnert es unangenehm daran, dass wir uns als Frauen* nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches „Frau*-Sein“ bewundert zu werden. Eine Bewunderung, die häufig unangenehm ist, die zu Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher führt.

Die U-Bahn-Station Hellersdorf und der Alice-Salomon-Platz sind vor allem zu späterer Stunde sehr männlich dominierte Orte, an denen Frauen* sich nicht immer wohl fühlen können. Dieses Gedicht dabei anzuschauen wirkt wie eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können.

Eine Entfernung oder Ersetzung des Gedichtes wird an unserem Sicherheitsgefühl nichts ändern. Dennoch wäre es ein Fortschritt in die Richtung, dass es unsere Degradierung zu bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum, die uns Angst macht, nicht auch noch in exakt solchen Momenten poetisch würdigen würde.

Bemerkenswert ist, dass die Verfasser nicht einmal behaupten, Gomringers Gedicht wäre frauenfeindlich oder sexistisch. Die Studentenvertreter erklären selbst, Gomringer beschreibe in seinem Gedicht „keineswegs Übergriffe oder sexualisierte Kommentare“. Stein des Anstoßes ist das Gefühl einiger Frauen, denen die Bewunderung ihres körperlichen Frau-Seins häufig unangenehm ist und die das Gedicht Gomringers daran unangenehm erinnert.

Die Kritik des Asta basiert ausschließlich auf unangenehmen Gefühlen seiner Mitglieder. Es überrascht nicht, dass die Gefühle derer, die nicht der Meinung sind, das Gedicht würdige die Degradierung von Frauen zu bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum, keine Rolle spielen. Die Praxis ist bekannt: Auch Rassismus liegt nach der Vorstellung einiger Menschen dann vor, wenn sich eine Person verletzt fühlt.

Dabei wird nicht nur die Intention des Urhebers ignoriert. Die subjektive Auffassung Einzelner ersetzt auch den Verstoß gegen das „Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden“, wie es in der juristischen Definition der Sittenwidrigkeit heißt. Eine kleine, sich als moralisch gut empfindende Minderheit diktiert der Mehrheit, wie sie Worte und Handlungen zu interpretieren habe. Wenn das Gedicht an der Fassade einigen Menschen unangenehm ist, hinterfragen diese Moralapostel nicht, ob sie überempfindlich reagieren, sondern das Gedicht muss weg. Die Tyrannei der Wenigen.

Es ist nicht einmal klar, ob es tatsächlich Menschen gibt, die durch das Gedicht unangenehm berührt werden. Darüber hinaus ist es auf Spanisch verfasst, wieviele „Betroffene“ gibt es also überhaupt?

Wer Mitglied im Asta der Alice Salomon Hochschule ist, wird auf der Webseite nicht verraten. Verfasser ist ausweislich der als Kontakt angegebenen E-Mail-Adresse wohl das Anti-Diskriminierungsreferat des Asta. Die Forderungen: Die Zeilen von Gomringer sollen weg, für konkrete Vorschläge alternativer Gedichte steht der Asta gern zur Verfügung.

antidis_ash

Die BZ zitiert fünf Studentinnen der Alice Salomon Hochschule, die an dem Gedicht keinen Anstoß nahmen und sich nicht unangenehm an die Bewunderung von Frauen in der Öffentlichkeit erinnert fühlten. Unangenehm erinnert an dunkle Zeiten hingegen fühle ich mich angesichts der Parallelen zur Kampagne der Nationalsonzialisten gegen entartete Kunst. Der gerade zum Minister für Volksaufklärung und Propaganda berufene Josef Goebbels sagte im März 1933 im Berliner Hotel Kaiserhof:

Die Kunst ist frei und die Kunst soll frei bleiben, allerdings muss sie sich an gewisse Normen gewöhnen.

Der inzwischen 92-jährige Lyriker Eugen Gomringer muss sich 2017 an die Normen des Asta gewöhnen.

Wer trägt die Verantwortung?

Nun ist es das eine, wenn eine Minderheit unsinnige Forderungen stellt. Das andere ist es, diese Forderungen zu erfüllen. An der Alice Salomon Hochschule geschieht das gerade. Auf faz.net gibt es ein Interview mit Rektor Uwe Bettig.

Teilen Sie die Ansicht des Asta, dass Eugen Gomringer ein Dichter ist, dessen Zeilen zu „Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher führen“?

Nein, in keinster Weise.

Teilen Sie die Ansicht des Asta, dass dieses Gedicht „wie eine Farce“ wirke und daran erinnere, „dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können“?

Nein, aber wir nehmen diese Rückmeldung von Studierenden sehr ernst, insbesondere dann, wenn sich Personen diskriminiert fühlen.

Teilen Sie die Ansicht des Asta, dass der Dichter Eugen Gomringer in diesem Werk Frauen herabsetzt?

Ich persönlich teile diese Ansicht nicht. Tatsache ist aber, dass einige Frauen sich durch dieses Gedicht herabgesetzt fühlen.

Rektor Bettig wägt jedes Wort ab: Frauen, die sich durch das Gedicht diskriminiert oder herabgesetzt fühlen, werden an der Alice Salomon Hochschule sehr ernst genommen.

Den Beschluss zur Neugestaltung der Fassade hat nicht Rektor Bettig gefasst, sondern der Akademische Senat der Hochschule. In seine Zuständigkeit fallen Entscheidungen von grundsätzlicher Bedeutung. Mitglieder des Akademischen Senats sind Vertreter

  • der Hochschullehrer (7),
  • der akademischen Mitarbeiter (2),
  • der sonstigen Mitarbeiter (2) und
  • der Studenten (2).

Nur diese 13 Mitglieder sind stimmberechtigt. Eine Reihe weiterer Vertreter wie Rektor, Kanzler, Prorektoren, Studiengangsleitung, Personalrat und Frauenbeauftragte haben lediglich ein Antrags- und Rederecht.

Beschlüsse werden mit der einfachen Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen gefasst. Für die Beschlussfähigkeit muss mindestens die Hälfte der Mitglieder anwesend sein. Selbst wenn also der Akademische Senat mit sieben Mitgliedern gerade beschlussfähig war, müssen neben den beiden Studentenvertretern mindestens fünf Hochschullehrer oder Beschäftigte für den Antrag gestimmt haben.

ash_jul_2008Die Fassade der Alice Salomon Hochschule im Juli 2008 (Quelle: Google). Das Gedicht Eugen Gomringers wurde angebracht, nachdem er 2011 den Poetik-Preis der Hochschule erhalten hatte.

Warum fand sich eine Mehrheit für die Entfernung des Gedichtes im Akademischen Senat?

Felix Stephan erzählt auf welt.de folgende Begebenheit:

Bei einer Fachtagung im Jahr 2011 hat der amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt einmal das Publikum gefragt, wo es sich seiner eigenen Einschätzung nach politisch befinde, bitte mit Handzeichen. Das Ergebnis der Stichprobe: Achtzig Prozent der Sozialpsychologen bei dieser Tagung identifizierten sich als „liberal oder links der Mitte“, zwei Prozent als „moderat“, ein Prozent als „libertär“, und wenn man die drei Hände, die sich für „konservativ oder rechts der Mitte“ meldeten, sachgerecht rundet, ergibt sich ein prozentualer Anteil von null.

Rechts der Mitte: Null Prozent. Die Entwicklung ist auch an der Alice Salomon Hochschule, die Studiengänge der Sozial- und Erziehungswissenschaften anbietet, unübersehbar.

Es sei zwar allgemein bekannt, dass Akademiker eher nach links tendieren, schrieb Haidt daraufhin in einem Aufsatz mit dem leicht passiv-aggressiven Titel „Neue Studie deutet auf die Existenz von acht konservativen Sozialpsychologen hin“. Den wenigsten sei aber bewusst, wie radikal sich die Verhältnisse seit den Neunzigern verändert hätten.

Während sich das politische Spektrum im Bevölkerungsdurchschnitt kaum verändert habe, sei die akademische Klasse rapide nach links gewandert.

Diese radikale Veränderung der Verhältnisse seit den Neunzigern hat sich in der Gesellschaft fortgesetzt. Die neue linke akademische Klasse sitzt längst an den Schaltstellen in Universitäten, Redaktionen, Parteizentralen, Behörden und Firmen. Es sind bei weitem nicht alles Radikale. Aber das Feindbild der angepassten Linken, die nicht wahrhaben wollen dass ihre Weltanschauung inzwischen Mainstream ist, sind nicht die Radikalen im eigenen Lager, sondern jeder der politisch rechts der Mitte steht. So funktioniert sie, die Tyrannei der Wenigen.

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3 Kommentare zu „Die Tyrannei der Wenigen“

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