Medienversagen: Mit instrumentalisierten Jammerfrauen lässt sich kein Staat machen

In meinem Artikel Jammerfrau: Wir müssen noch mehr Rente an Frauen umverteilen habe ich über eine Frau berichtet, die ihre Rente ungerecht gering findet. Sie wurde von RTL und Spiegel TV eingeladen um bei Angela Merkel zu jammern.

In diesem Artikel möchte ich auf die Rolle der Medien eingehen, die politische Diskussionen mit Einzelschicksalen ersticken und damit den Blick auf das große Ganze verstellen. Praktisch immer sehen sie die einzige Lösung in staatlichen Eingriffen und praktisch nie in Eigeninitiative.

Die „Diskussion“ zwischen Frau Merkel und Lioba Bichl steht exemplarisch für diese gefühlsduselige Pervertierung des Journalismus.

Bundespolitik kann nie auf einzelne Menschen bezogen sein – der Gesetzgeber und die Exekutive sind immer auf alle Menschen ausgerichtet.

Wie kann es also sinnvoll sein, die Zeit der Bundeskanzlerin mit einer einzelnen Person mit ihrem Einzelschicksal zu verschwenden? Zumal Lioba Bichl in keiner Weise repräsentativ für ihre Gruppe ist. Das wird im Artikel deutlich:

Spiegel TV war über den Münchner Verein LichtBlick Seniorenhilfe, der Rentner finanziell und persönlich unterstützt und dem Lioba Bichl viel zu verdanken hat, mit der Rentnerin in Kontakt getreten.

Lioba Bichl wurde gecastet. Sie wurde speziell ausgewählt, weil sie die Gruppe der altersarmen Frauen moralisch überlegen vertreten kann. Sie hat zwei Kinder großgezogen. Und ihr Leben lang gearbeitet. Und sie ist trotzdem arm – zumindest nach den Maßstäben, die RTL anlegt. Damit ist sie moralisch praktisch unangreifbar.

Für eine Lobbygruppe ist dieses Verhalten vertretbar. Politische Medien sollten hingegen neutral sein. Sie sollten den Blick auf die großen Zusammenhänge richten.

Die Wahrheit ist: Frauen arbeiten deutlich weniger als Männer. Auch wenn sie keine Kinder haben. Und der Trend geht noch weiter in Richtung geringere Wochenarbeitszeit.

Männer arbeiten im Schnitt 39 Jahre – Frauen 26 Jahre. Man sieht wie wenig repräsentativ Lioba Bichl mit ihren 43 Arbeitsjahren ist. Wie viel weniger Frauen im Durchschnitt weniger als Männer erarbeiten hatten wir hier auch schon. Und das wirkt sich auf die Rente aus.

Medien sollten das Einzelschicksal einordnen und in Relation setzen: Gibt es weitere Leistungen, wie z. B. die Grundsicherung, von der die Betroffene profitiert? Wie leben andere in einer ähnlichen finanziellen Situation? Wohnen die günstiger? Sind die vielleicht an anderen Ort gezogen?

Sicher hat Lioba Bichl ihr Leben lang gearbeitet. Sicher ist Friseuse kein hochbezahlter Job. Aber während sie in einem warmen und sicheren Friseursalon gearbeitet hat, hat ein Straßenbauer bei Wind und Wetter und Hitze geschuftet und verreckt wegen der Teerdämpfe mit 70 Jahren an Lungenkrebs. Dafür hat er mehr verdient und bekommt eine bessere Rente. Lioba Bichl war jeden Abend zu Hause – der Straßenbauer hat sein halbes Leben auf Montage in einem Container geschlafen.

Würde Lioba Bichl ihr Leben mit dem Straßenbauer tauschen wollen?

Und warum sollte der Straßenbauer Lioba Bichl ein besseres Leben finanzieren und selbst eine geringere Rente erhalten? Wäre das gerecht?

Es gibt keine ultimative Gerechtigkeit. Aber es gibt individuelle Fähigkeiten, Entscheidungen und Glück oder Pech. Es ist unmöglich alles gerecht zu bewerten und dann den perfekten Ausgleich herzustellen. 

Medien sollten auch solche Vergleiche – wie zwischen der Friseurin und dem Straßenbauer – ziehen, um die Situation der Rentnerin einzuordnen. Aber so etwas tun unsere Gutmenschenmedien nicht. Sie erklären die Rentnerin zur Heldin und übernehmen völlig unkritisch ihre persönliche Sichtweise. Eine Einordnung findet nicht statt.

Nicht einmal die Grundzüge unseres gesetzlichen Rentensystems werden erläutert, so dass den Zuschauern klar werden kann, wie Lioba Bichl in diese Situation geraten ist. Damit hilft diese Diskussion jungen Frauen auch nicht, kluge Entscheidungen hinsichtlich Familienplanung, Arbeitszeiten und Berufswahl zu treffen um der Altersarmut zu entgehen.

Die Gutmenschen von RTL und Spiegel TV könnten das Beispiel von Frau Bichl nutzen, um jungen Frauen zu erklären, wie man es nicht macht. Das könnte zukünftige Altersarmut verhindern. Stattdessen übertreiben sie ihre Leistungen ins Heroische und verpassen die Chance jungen Menschen vor Augen zu führen, welche Fehler sie nicht machen sollten.

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