Der Hauptgrund der Briten, für den Brexit zu stimmen, war die Flüchtlingskrise

Über den Brexit wurde schon viel geschrieben. Und auch darüber, was die Briten bewogen hat, mehrheitlich für den Brexit zu stimmen. Viele Gründe wurden genannt. Dass die Flüchtlingskrise, die ungesteuerte Einwanderung vieler Menschen nach Europa, der Hauptgrund war, ließ sich deutschen Medien bisher meist nicht entnehmen.

Was war die Ursache für die Entscheidung der Briten, die Europäische Union zu verlassen? Was gab den Ausschlag, was brachte die entscheidenden Prozentpunkte, damit es für eine knappe Mehrheit reichte? Was bewegte die Briten 2016 und was bewegt sie bis heute?

Für die Süddeutsche waren Ursache des Brexit die Massenarbeitslosigkeit und der Dünkel Gutsituierter.

Es war nicht nur die Massenarbeitslosigkeit – auch der Dünkel gut situierter Bürger hat zum Brexit geführt.

Der Focus nannte fünf Gründe und stellte als Hauptargument die Zahlungen nach Brüssel heraus.

Ein Hauptargument der Brexit-Befürworter sind die hohen Zahlungen nach Brüssel, die sich Großbritannien mit einem Austritt sparen könnte. …

Die Brexit-Kampagne setzt stark auf die Angst mancher Briten vor Zuwanderung. So behaupteten die Kampagnen-Macher, die Türkei werde in den nächsten Jahren EU-Mitglied und dann würden 12 Millionen Türken nach Großbritannien einwandern. …

Die „Brexit“-Kampagne schürt Ängste vor illegalen Zuwanderern, die normalen Briten die Jobs wegnähmen. Die Kampagnenmacher kündigen an, nach dem Brexit werde Großbritannien die „Kontrolle über seine Grenzen“ wiedergewinnen, um die Zuwanderung einzudämmen. …

Die Brexit-Befürworter behaupten, der EU-Austritt werde Großbritanniens Wirtschaft ankurbeln und für mehr Jobs sorgen. …

Die Befürworter eines EU-Austritts behaupten, dass die politischen Folgen für Großbritannien gering wären: Sie malen ihren Anhängern vielmehr eine Zukunft aus, in der Großbritannien weiterhin eng mit den EU-Ländern zusammenarbeitet und Handel treibt, aber keinen „Mitgliedsbetrag“ mehr an Brüssel zahlt und politisch unabhängig von der EU ist.

RP online sah in der Immigration mit Abstand das wichtigste Argument der EU-Gegner.

Die Zeit nannte die Zahlungen an die EU, Gesetzesflut, die Masseneinwanderung und Handelsabkommen als Argumente pro Brexit (und war der Meinung, „mit der Wahrheit nehmen es Brexit-Befürworter nicht so genau“).

Spiegel Online nannte vor allem das Versprechen ökonomischer Vorteile durch die Brexit-Befürworter.

Zusammengefasst: Obwohl ein Großteil der britischen Wirtschaft vor einem EU-Austritt warnt, werben dessen Befürworter mit angeblichen ökonomischen Vorteilen. Dazu sollen bessere Handelsabkommen, eine Stärkung des Finanzplatzes London und weniger EU-Bürokratie gehören.

Auch die Rheinische Fachhochschule Köln hat sich mit den Gründen der Briten für den Ausstieg aus der EU beschäftigt.

Natürlich herrschte in Großbritannien seit langem ein euroskeptisches Klima, so dass mit einem knappen Ergebnis zu rechnen war. Die negative Einstellung vieler Wähler gegenüber Migranten wurde im Kontext der Flüchtlingskrise weiter verstärkt und in ein Signal der Ablehnung gegen Europa umgemünzt. Die tatsächliche oder individuell wahrgenommene Verschlechterung der wirtschaftlichen Perspektiven von Teilen der Bevölkerung und ein damit verbundenes Gefühl, vergessen worden zu sein, spielte ebenfalls eine Rolle.

Welt.de titelt jetzt:

Die Brexit-Wähler wollen raus – um jeden Preis

Ökonomische Argumente spielten wohl doch keine so große Rolle wie es bisher hieß.

61 Prozent der Wähler, die beim EU-Referendum vor einem Jahr für Leave, den Austritt aus der Union, gestimmt haben, sind nach ihrer jüngsten Erhebung bereit, „erheblichen Schaden für die britische Wirtschaft“ als Preis für den Brexit in Kauf zu nehmen.

Für diese 61 Prozent waren die (angeblichen) ökonomischen Vorteile nicht ausschlaggebend, um für den Brexit zu stimmen. Und nicht nur das: Sie sind sogar bereit, ökonomische Nachteile in Kauf zu nehmen – wenn es nur raus geht aus der EU.

Zwei Fünftel der Befragten aus dieser Gruppe würden gar den Verlust des eigenen Arbeitsplatzes oder den eines nahen Angehörigen als Preis der neuen Freiheit von Brüssel in Kauf nehmen.

Auch den Preis erheblicher persönlicher Nachteile wie den Verlust des Arbeitsplatzes würden viele Brexit-Befürworter bezahlen.

Ganz besonders kampfeswillig zeigen sich ältere Mitbürger: Bei den über 65-Jährigen steigt der Anteil derer, die wirtschaftlichen Schaden für die Sache akzeptieren würden, auf 71 Prozent. Arbeitslose Angehörige würden 50 Prozent in Kauf nehmen.

Massenarbeitslosigkeit, Zahlungen an Brüssel, Schaden für die Wirtschaft – alles egal. Das zeigt deutlich: Der Hauptgrund für den Brexit, vor dem alle anderen Argumente zurücktreten, ist die Masseneinwanderung nach Europa. Die hat die Briten so wütend gemacht, dass sich trotz aller Gegenargumente nicht nur eine knappe Mehrheit für den Brexit fand, sondern dass die Brexit-Wähler auch schwerwiegende Nachteile in Kauf nehmen würden, wenn nur die britische Grenze wieder kontrolliert und die Zuwanderung gestoppt wird.

„Es mag nicht um jeden Preis sein, aber es ist offensichtlich, dass eine große Zahl von Leave-Wählern bereit ist, einen hohen Preis für den Brexit zu zahlen“, sagt Matthew Smith, Datenanalyst bei YouGov. „Dies sind hypothetische Fragen, aber die Untersuchung sagt uns einiges über die Intensität der Gefühle unter Leave-Wählern“, sagt auch Stefan Stern, Professor an der CASS Business School in London.

Diese Intensität der Gefühle wird erst vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise 2015 verständlich. Die Bilder von der Grenzöffnung und dem darauf folgenden Flüchtlingsstrom haben in ganz Europa starke Vorbehalte ausgelöst. Viele EU-Bürger haben fassungslos mit angesehen, wie Angela Merkel die Tore nach Europa öffnete. Bis heute weigern sich osteuropäische Staaten, Flüchtlinge aufzunehmen.

In vielen europäischen Staaten standen keine jubelnden Willkommenskulturbefürworter an den Bahnhöfen. Wie müssen die Bilder aus 2015 auf Ungarn, Slowaken, Polen und – ja – Briten gewirkt haben? Ist die konsequente Weigerung, von den sich als moralische Instanz aufführenden Deutschen ins Land gelassene Flüchtlinge aufzunehmen, nicht verständlich?

Der Brexit ist die (erste) Quittung dafür, dass sich Deutschland über Verträge hinweggesetzt und geltende Asylregeln außer Kraft gesetzt hat.

Diese Intensität der Gefühle und die Bereitschaft der Brexit-Befürworter, auch erhebliche Nachteile für den Ausstieg in Kauf zu nehmen, macht deutlich: Der Brexit war kein einmaliger Denkzettel für das Establishment. Die Ablehnung der EU geht über ein kurzes „Jetzt haben wir es denen da oben mal gezeigt“ weit hinaus. Bei den Briten heißt es „Nur raus – auch wenn der Preis hoch ist“.

Angela Merkel wird vielleicht in die Geschichte eingehen als die Bundeskanzlerin, die Europa gespalten und mit ihrer Entscheidung der Grenzöffnung 2015 das Ende der Union eingeläutet hat.

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2 Kommentare zu „Der Hauptgrund der Briten, für den Brexit zu stimmen, war die Flüchtlingskrise“

  1. Ich denke die 400 Säureattacken in London alleine dieses Jahr sowie Bürgermeister Shir Khan geben den Gründen für den Brexit ein Gesicht.

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