„Wie krank kann man sein?“: Alltägliche Denkverbote

Beim Edelblatt Huffington Post ist man empört:

AfD empört mit widerlicher Reaktion auf Terror von London

AfD-Politiker reagieren mit geschmacklosen Kommentaren auf den Anschlag von London

Die Partei versucht die Tat bereits zu früher Stunde politisch zu instrumentalisieren

Die AfD publiziert also geschmacklose, widerliche Kommentare als Reaktion auf einen Terroranschlag und instrumentalisiert diesen politisch.
Das sind schwere Anschuldigungen mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger. Schauen wir uns an, was im Artikel an Belegen präsentiert wird.

„Merkels Politik fördert den Terror in Europa. Sie ist verantwortlich“, giftet AfD-Vize Beatrix von Storch nach den Anschlägen in London.

Auch wenn Huffington Post-Autor Lennart Pfahler hier ein „giften“ sieht, ich sehe eine sachliche Aussage. Und sie ist korrekt. Angela Merkel ist als Bundeskanzlerin verantwortlich für die deutsche Reaktion auf die Flüchtlingskrise, die Grenzen zu öffnen und die Flüchtlinge willkommen zu heißen. Die deutsche Willkommensbotschaft an die Flüchtlinge zog selbst wieder weitere Flüchtlinge an. Und unter diesen Flüchtlingen waren und sind Terroristen.

Die Grenzöffnung und Einladung Angela Merkels war nicht alternativlos, andere europäische Länder haben das vorgemacht.

Das kann man für moralisch falsch halten – Fakt ist aber, dass Deutschland seine Grenzen eben nicht dicht gemacht hat und dass damit auch Terroristen nach Europa strömten. Auch wenn die Quote gering ist – es genügen ja wenige Terroristen, um Europa in Angst und Schrecken zu versetzen.

Es ist einmal mehr eine kalkulierte Provokation der rechtspopulistischen AfD auf eine tödliche Terrorattacke.

Der AfD hier Kalkül vorzuwerfen ist natürlich einfach. Aber welche Reaktion von Politikern und Parteien auf solche Ereignisse dienen nicht auch der Steigerung der eigenen Popularität? Die AfD handelt hier nicht anders als andere Parteien – nur die politische Richtung ist eine andere.

Man könnte diese Aussage einfach ignorieren.

Man könnte sie auch inhaltlich widerlegen. Das scheint für Huffington Post-Autor Lennart Pfahler aber keine Möglichkeit zu sein.

Daher müssen wir uns mit der menschenverachtenden Haltung ihrer Spitzenleute auseinandersetzen.

Wo genau war die Menschenverachtung in den bisher von der AfD zitierten Aussagen?

In einem anderen Tweet schrieb von Storch über einem Video von einem Polizeieinsatz in einer Londoner Bar: „schön bunt“.

Die AfD nutzt mit diesen Provokationen einmal mehr das Leid anderer Menschen, um gegen eine offene Gesellschaft zu hetzen.

Das was Lennart Pfahler als „Video von einem Polizeieinsatz“ bezeichnet, nenne ich ein Video verstörter und verängstigter Menschen während eines Terroranschlags. Sicherheitshalber hat Lennart Pfahler den Tweet nicht verlinkt, damit man sich selbst ein Bild machen kann.

Natürlich provoziert von Storch hier, indem sie mit „schön bunt“ darauf hinweist, dass -so interpretiere ich das – solche Terroristen ohne die von Multi-Kulti-Verfechtern befürwortete Einwanderung gar nicht im Land wären. „Bunt“ ist neben „Vielfalt“ einer der Begriffe, die Moralapostel vor sich hertragen, so als wären das Werte an sich. Von Storch weist auf negative Auswirkungen einer offenen Gesellschaft hin.

Und was setzt Lennart Pfahler entgegen? Nichts. Kein Argument. Nur der erhobene moralische Zeigefinger. Statt das Argument von von Storch inhaltlich auseinander zu nehmen oder zu erklären, warum die offene Gesellschaft aus seiner Sicht solche Opfer wert ist, bleibt der Huffington Post-Autor im Moralischen. Erbärmlich.

Zusammenhangslos bringt er noch einen Tweet:

Wir wollen den Terror nicht mehr hinnehmen.
Wir können die hilflosen leeren Worte von #Merkel und Co. nicht mehr hören. (1/2)#Londonbridge pic.twitter.com/o1W1hexQ5z

— AfD Berlin (@AfDBerlin) 4. Juni 2017

Mir ist nicht klar, was Lennart Pfahler mit diesem Tweet zeigen möchte. Für mich klingt das nach der Forderung, wirksame Maßnahmen gegen Terrorismus zu ergreifen. Was ist dagegen einzuwenden?

Vielleicht findet es die AfD Berlin falsch Menschen, die anderen Menschen mit Ermordung drohen, wieder frei zu lassen. Vielleicht meint sie so etwas, wenn sie von „hilflosen leeren“ Worten schreibt. Denn natürlich könnte die deutsche Bundeskanzlerin an dieser Situation etwas ändern – wenn sie den politischen Willen dazu hätte.

Das (1/2) im Tweet weist darauf hin, dass die Aussage nicht in einen Tweet gepasst hat. Suchen wir uns (2/2) heraus:

Stoppt endlich den Terror, stoppt die unkontrollierte Einwanderung & stoppt die Duldung von illegalen Ausländern. Jetzt. Sofort.(2/2)

Lennart Pfahler hat diesen Teil lieber nicht mehr zitiert. Zu deutlich wird mit diesem Tweet, dass tatsächlich wirksame Maßnahmen gefordert werden um Terrorismus durch neu Zugewanderte zu verhindern. Ganz ohne Gesetzesverschärfungen, indem das geltende Recht konsequent angewendet wird.

Der Weihnachtsmarkt-Anschlag in Berlin wurde durch jemanden verübt, der ausreisepflichtig war und den man – unter anderem, weil er Straftaten begangen hatte – ganz einfach bis zur Abschiebung hätte in Haft halten können.

Beide AfD-Forderungen dieses Tweets

  1. stoppt die unkontrollierte Einwanderung
  2. stoppt die Duldung von illegalen Ausländern

wären geeignet gewesen, den Berliner Weihnachtsmarktanschlag zu verhindern.

Grünen-Politiker Özcan Mutlu‏ antwortete mit Empörung auf die Aussagen von Storchs. „Wie krank kann man sein?! Statt Anteilnahme für die Opfer, eine solche Kälte zu zeigen ist unglaublich! Wir trauern mit #London“, schrieb Mutlu bei Twitter.

Ausgerechnet so einen Tweet hält Huffington Post-Autor Lennart Pfahler für eine geeignete Erwiderung auf die Tweets der AfD. Der Tweet kostet Özcan Mutlu‏ nichts, nicht einmal Anstrengung. Vielmehr könnte man auch hier von politischem Kalkül sprechen, schließlich sind solche unsachlichen Angriffe in Mutlus potentieller Wählerschaft beliebt.

Wer sagt eigentlich, dass Beatrix von Storch kein Anteil am Schicksal der Opfer nimmt? Und was genau haben denn die Opfer davon, dass Mutlu mit ihnen trauert? Was haben sie von Beatrix von Storchs Anteilnahme?

Nichts.

Die AfD Heidelberg fragte zu den Anschlägen in London: „Ist das wirklich alternativlos?“

Die AfD setzt so die Strategie fort, die nach bisher allen großen Terrorangriffen zu erkennen war: Noch bevor es gesicherte Informationen über Tathergang und Täter gibt, versucht die Partei, die Vorkommnisse politisch zu instrumentalisieren.

Ist nicht nach der sinnlosen Ermordung so vieler Menschen Wut – verbunden mit dem Wunsch solche Dinge nicht mehr geschehen zu lassen –  genau die angebrachte Reaktion? Ist nicht geheucheltes Mitgefühl für vollkommen unbekannte Menschen genau das – Heuchelei?

Und unterscheidet sich die AfD überhaupt von anderen politischen Akteuren, wenn es um politische Instrumentalisierung solcher Vorkommnisse geht? Özcan Mutlu macht das – in seinem Sinne – doch ganz genauso.

Wenn es Lennart Pfahler darum geht, extreme Positionen der AfD zu bekämpfen, sind solche Artikel kontraproduktiv. Diese Konzentration auf geheuchelte Emotionen, die Darstellung, als wäre das die einzig angemessene Reaktion, die man von allen verlangen kann, finde ich widerlich. Diese unbegründeten Denkverbote bei völliger Faktenfreiheit – wen soll so etwas überzeugen?

Wenn sich die Wut anstaut möchte man nicht mehr leise und sachlich argumentieren. Man möchte keine kleinen Änderungen am System vornehmen – man will endlich etwas tun das wirksam ist.

Wenn solche Artikel jemandem helfen, dann der AfD. Und es stärkt gerade die widerlichsten Elemente unter ihnen, denn das dumpfe Gefühl, dass solche Artikel nicht angemessen mit dem Problem umgehen, beschleicht auch diejenigen, die das nicht artikulieren können.

Als Schlusswort möchte ich einen Satz von Man Tau zitieren, der die Doppelmoral von Menschen wie Lennart Pfahler exakt auf den Punkt bringt, die von anderen ohne Begründung verlangen, islamische Terroranschläge nicht politisch zu instrumentalisieren:

Was wäre wohl geschehen, wenn nach dem kranken Massenmord an Jugendlichen durch den rechtsradikalen Anders Breivik ein konservativer Politiker lediglich verkündet hätte, dass dieses Geschehen „den Linken“ keine Tribüne geben dürfe?

Advertisements

1 Kommentar zu „„Wie krank kann man sein?“: Alltägliche Denkverbote“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s