Cassie Jaye: The Red Pill

Ich habe mir den hochgelobten und stark kritisierten Film „The Red Pill“ angeschaut.

Gleich vorweg: Für eine Dokumentation finde ich den Film zu emotional. Mich stört auch, dass Cassie Jaye sich selbst so stark in den Mittelpunkt rückt.

Gleichzeitig halte ich diese Schwächen für die größte Stärke des Films. Cassie Jaye ist eine gut aussehende junge Frau – sie taugt als Identifikationsfigur. Ihre emotionale Nabelschau kann Menschen wahrscheinlich dazu bringen, sich in ihre Lage zu versetzen und ihrem Erkenntnisprozess zu folgen.

Im Wesentlichen macht der Film auf bekannte Fakten aufmerksam. Durch die emotionale Darstellung werden diese wirkmächtig transportiert. So wird beispielsweise die Beschneidung eines Säuglings dargestellt, indem ein medizinisches Schulungsvideo gezeigt wird. Gezeigt wird auch die fassungslos weinende Autorin, die dieses Schulungsvideo anschaut. Man hört das verzweifelt schreiende Kind.

An vielen anderen Stellen im Film werden stark emotionalisierende Beispiele erzählt, in denen Männer extrem benachteiligt werden. Oft wiederkehrendes Motiv ist Kindesentzug. In einem Extrembeispiel wird ein Kind – gegen den Willen des Vaters – von der Mutter zur Adoption freigegeben. Der Vater hat keine rechtliche Handhabe dagegen in der Hand.

Diese Emotionalität und der Fokus auf die Entwicklung der Autorin macht „The Red Pill“ zu einem starken Film. Ich möchte nicht alle seine Aussagen und Entwicklungen zitieren. Ein paar Punkte greife ich kritisch heraus.

Unpassend erscheint mir der Beginn des Films, in dem sie sich zunächst als Feministin einführt. Sie war Schauspielerin, bekam aber nur Rollen, die sie als zu klischeehaft empfand.

Vorwurfsvoll äußert sie sich zu Produzenten, die ihr empfahlen abzunehmen und sich die Brust vergrößern zu lassen. Auch hätten sie verheiratete Männer angemacht. Solche Erfahrungen hätten sie zu einer Feministin gemacht.

Das finde ich im Kontext des Filmes unpassend, da sie das kritiklos wiedergibt. Dabei sind das (ob wirkungsvolle, darüber kann man streiten) Karrieretipps für weibliche Schauspieler. Das werden manche nicht mögen, aber gerade in diesem Film wird doch dargestellt, dass auch Männer Dinge tun müssen, die sie nicht mögen.

Cassie Jaye greift beispielsweise die Tatsache auf, dass die allermeisten tödlichen Arbeitsunfälle Männer betreffen.

Im Film gibt es auch Aussagen wie diese:

Vor 50 Jahren hätte ich keine Frau sein wollen, aber vielleicht haben es heutzutage die Frauen besser.

Im Film zeigt sie auch die Reihen der Gräber der toten Soldaten aus dem zweiten Weltkrieg. Mir ist völlig unklar, wie Cassie Jaye nach der Recherche zu diesem Film weiterhin das Realitätsverzerrungsfeld aufrecht erhalten kann, dass Frauen früher das schlechtere Schicksal als Männer hatten.

Cassie Jaye spricht mit Männerrechtsaktivisten und Feministen. Leider spricht sie die Feministen nicht auf die plakativen Fakten an, die sie im Film selbst benennt: Männer haben die gefährlicheren Jobs, sie leben kürzer und verlieren ihre Kinder. Schade. Ich glaube die Antworten der Feministen auf diese Fragen hätten den Film noch stärker gemacht.

Irgendwann driftet mir der Film zu sehr in die Richtung „Männer werden unterdrückt“ (wörtlich wird gesagt „Men are oppressed“). Oder: „Auf unserer Seite der Wiese ist es auch ziemlich beschissen“. Das wirkt auf mich wie „Oppression Olympics“. Jeder wetteifert darum, dass es seiner Gruppe am schlechtesten geht.

Diese negative Interpretation des Lebens finde ich kontraproduktiv. Statt Förderung speziell für eine weitere „unterdrückte“ Gruppe wähle ich die Freiheit. Gesetze sollen neutral und möglichst gerecht für alle Gruppen geschrieben werden und Interessen ausgleichen. Gerichte und öffentliche Verwaltung sollen diese Gesetze neutral und möglichst gerecht für alle Gruppen anwenden. Unsere Gesellschaft ist bei weitem nicht in diesem Zustand. (Update: ersten Link korrigiert)

Erstklassig fand ich den Auftritt von Karen Straughan. Klar und sachlich hat sie das Thema Boko Haram und „Bring back our Girls“ beleuchtet und klar gemacht, dass die Weltpresse nach hunderten ermordeten Jungen (während man die Mädchen laufen ließ) erst aufmerksam wurde, als Mädchen entführt wurden. Sauber leitet sie her, dass gerade die fehlende internationale Aufmerksamkeit für die ermordeten Jungen die Terroristen dazu gebracht hat, die Mädchen zu entführen. Sofort bekamen sie die Aufmerksamkeit, die sie wollten.

Straughans sachliche Art liegt mir deutlich mehr als die emotionale Grundstimmung des Films. Um Sympathien zu gewinnen ist aber ganz klar die Emotion zu bevorzugen. Das wird klar, wenn Karen Straughan äußert, dass die Jungen von Boko Haram ermorden wurden und dies selbstverständlich schlimmer ist als das Schicksal der entführten Mädchen. Die Aussage ist natürlich korrekt. In unserem gesellschaftlichen Klima kann Karen Straughan mit solchen Aussagen aber nicht zu einer breiten Identifikationsfigur werden.

Im Schlusswort stellt Cassie Jaye klar, dass sie nach der Recherche des Films keine Feministin mehr ist. Sie hat Bereiche gefunden, in denen Männer benachteiligt sind und entdeckt, dass ihre ehemaligen feministischen Freunde schon das Sprechen über diese Benachteiligungen mit allen Mitteln verhindern wollen. Letztlich ist es dieses empathielose Verhalten, was sie abstößt. So sehr, dass sie sich klar als Nicht-Feministin positioniert.

I no longer call myself a feminist.

Dieses klare und eindeutige Statement – als Abschluss ihres Erkenntnisprozesses – ist das starke, nachvollziehbare Schlusswort des Films.

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1 Kommentar zu „Cassie Jaye: The Red Pill“

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