Journalistische Arbeit 2017 – wenn die Angst umgeht

Ich habe beim SWR gelesen, dass es in einem Tübinger Jugendzentrum sexuelle Übergriffe durch dunkelhäutige Männer gegeben habe.

Die Stadt Tübingen geht davon aus, dass Männer – zum Teil auch in Gruppen – Frauen begrapscht und sexuell belästigt haben. Das hätten Augenzeugen bestätigt. Eine Frau, die nach eigenen Angaben im Epplehaus war, meldete sich bei Oberbürgermeister Boris Palmer. Sie schrieb: „Gegen späterer Stunde mutierte die Feier zu einer Katastrophe. Ich wurde einfach angefasst, gezogen, man hat mich trotz mehrfacher Gegenwehr nicht in Ruhe gelassen. Meine männlichen Freunde haben sich fast in eine Schlägerei verwickeln lassen, da auch diese nichts gegen die wildgewordenen Männer unternehmen konnten, bis wir die Party schließlich verließen.“ Palmer hatte das Schreiben anonym auf Facebook veröffentlicht.

Auch die studentischen Veranstalter hatten im Internet von einer „sehr kritischen Situation mit sehr vielen Tätern“ gesprochen.

Der SWR hat unter dem Artikel einen gesonderten Abschnitt „Anmerkungen der Online-Redaktion“ eingerichtet, in dem sich allerlei Rechtfertigungen für den Bericht finden. Es wird betont, dass der Vorfall nicht genau bekannt und bestätigt sei, dass Augenzeugen namentlich nicht bekannt seien, dass Aussagen widersprüchlich wären, dass die Zuverlässigkeit von Zeugen nicht eingeschätzt werden könne. Offenbar hält der SWR das für erforderlich – hier in vollem Wortlaut.

In der Dachzeile dieses Artikels stand lange „Angebliche sexuelle Übergriffe“. Das haben wir später geändert. Der Grund: Zunächst sprachen nur Stadt und OB von „sexuellen Übergriffen“. Sie beriefen sich auf Augenzeugen. Aber keiner der Augenzeugen war namentlich bekannt. Die Aussagen waren und sind polizeilich nicht bestätigt. Unter solchen Bedingungen gelten Tatbeschreibungen für uns als „mutmaßlich“ und „angeblich“. Auch in anderen Fällen.

Schilderungen sind widersprüchlich

Inzwischen hat der Betreiberverein bestätigt, dass es Übergriffe im Epplehaus gab. Danach haben wir das „angeblich“ gestrichen. Die Beschreibung der genauen Vorgänge im Epplehaus bleibt indes schwierig, weil die Schilderungen im Internet widersprüchlich sind. Oft ist nicht eindeutig nachvollziehbar, wer schreibt und ob das wirklich Augenzeugen sind. Aus den Schilderungen wird oft nicht klar, wer wie gehandelt hat.

Zu OB Palmers Posts

Auch für die von OB Palmer geposteten Schilderungen über den Abend gilt: Wir wollen sie nicht als Fakten behandeln, solange wir die Quellen nicht genau kennen. Für uns ist wichtig, einschätzen zu können: Wer schreibt da? Wie verlässlich sind diese Informationen? Wenn wir Posts zitieren machen wir deshalb ihre Entstehung klar: Nicht wir, sondern der OB hat die Informationen erhalten und weiter verbreitet. Wir können nicht einschätzen, wie zuverlässig sie sind.

SWR sucht Kontakt zu Opfern

Aber selbstverständlich nehmen wir die Schilderungen ernst. Die Posts sind für uns Anlass, weiter zu recherchieren. Wir bemühen uns seit Beginn der Diskussion um einen persönlichen Kontakt zu Augenzeugen. Bislang ist uns das nur in einem Fall gelungen. Die junge Frau will aber nicht öffentlich über ihre Eindrücke sprechen. Dennoch machen uns ihre Schilderungen klar, dass die angesprochenen Vorfälle im Epplehaus wohl drastisch waren.

Beim Thema sexuelle Übergriffe von Migranten nimmt die Darstellung von Zweifeln und die Rechtfertigungen dafür, dass und wie berichtet wird, ungefähr denselben Raum ein wie der ganze Bericht.

Dabei ist der Bericht schon äußerst vorsichtig formuliert. Nur ein einer Stelle wird überhaupt – und auch nur als Zitat der Stadt Tübingen – sichtbar, dass die Täter Migranten waren:

Die Stadt sagt, unter den mutmaßlichen Tätern seien auch Menschen mit schwarzer Hautfarbe gewesen.

Weitere Angaben zu den Tätern fehlen. Die Rede ist von „Männern“, „wildgewordenen Männern“ und von „Gruppen“.

Ich stelle mir gerade vor, welchen Rechtfertigungsdruck die Mitarbeiter des SWR verspüren müssen. Sollten sich die Vorwürfe wider erwarten doch als falsch erweisen, könnte sie eine Hexenjagd erwarten. Dann rollen, so befürchten sie offenbar, die Köpfe derer, die berichtet haben. Den Mitarbeitern der Redaktion muss der Arsch so auf Grundeis gehen, dass sie sich gegen Vorwürfe von Hetze und Hassrede auf solche Weise absichern wollen.

Hier sind wir angekommen im Deutschland des Jahres 2017. Diese übertrieben betonte journalistische Sorgfalt, solch exaktes Benennen, Zitieren und Einordnen der Quellen, derartige Relativierungen und Zweifel an den eigenen, bereits im Konjunktiv formulierten, äußerst vorsichtigen Aussagen gibt es nur, wenn sich Journalisten gegen einen Rassismusvorwurf schützen wollen, sei der auch noch so weit hergeholt.

 

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3 Kommentare zu „Journalistische Arbeit 2017 – wenn die Angst umgeht“

  1. Kein Wunder will kaum einer mehr Journalist werden, wie Danisch schreibt. Selbst wenn man immer brav gegen „Rechte“ gehetzt hat, wird man beim ersten falschen Wort abgeschossen. Dazu liegt das Einkommen auch kaum ueber Hartz4, zumindest so lange man keinen Job bei den Staatsmedien ergattert, fuer den man sich unterwuerfig, politisch korrekt anbiedern muss.

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