Rassismus in der Ludwigsburger Kreiszeitung: Flüchtlinge als komplett unfähig dargestellt

Lkz.de berichtet über die Wohnungsnot von Flüchtlingen. Der Syrer Ali Walat und seine Freundin erwarten ein Kind, leben aber getrennt. Die schwangere Frau – sie lebt mit ihren Eltern und ihrer Schwester zusammen – soll menschenunwürdig untergebracht sein:

Dort zu wohnen, stellt für Walats Lebensgefährtin und deren Familie offenbar eine große gesundheitliche Belastung dar. „Die Decke in der Küche schimmelt, der Teppich ist sehr alt und stinkt, im Boden sind Löcher, durch die Wohnung laufen Mäuse, ein Zimmer hat Ameisenbefall und vier Wochen lang gab es in der Wohnung keine Toilette“ […]

Seine Lebensgefährtin habe dort bereits einige bakterielle Infektionen erlitten, so dass sogar ihr Gynäkologe eine akute Gefahr für ihre Gesundheit sieht. In einem fachärztlichen Gutachten bescheinigt die gynäkologische Praxis aus Ludwigsburg, dass ihre Patientin „wegen der unzumutbaren Wohnungssituation wiederholt bakterielle Infektionen mit Fieber hatte, die die Gesundheit der Schwangeren und des ungeborenen Kindes schädigen können“.

Die Situation ist unangenehm: Es schimmelt, Mäuse und Ameisen sind in der Wohnung. Vier Wochen lang keine Toilette. Es ist so dreckig, dass die Schwangere bereits „einige bakterielle Infektionen“ hatte.

Aus Sicht der Verwaltung stellt sich die Situation anders dar:

„Wenn Missstände wie Schimmel, Mäusebefall oder Ungeziefer gemeldet werden, geben wir das an einen Fachmann weiter“, sagt Tyler. Ein Kammerjäger habe in der Wohnung der Schwangeren ohne Erfolg Fallen aufgestellt und keinen weiteren Handlungsbedarf gesehen. Bezüglich der Beseitigung des Schimmels in der Küche sei mittlerweile ein zweiter Fachmann beauftragt worden. „Es ist unsere Aufgabe, da tätig zu werden“, sagt Tyler. In dem Einfamilienhaus gebe es zwei Toiletten für insgesamt sechs dort untergebrachte Personen. Solange ein WC davon defekt war, hätten sich alle Bewohner eine Toilette teilen müssen. „Das hat einige Wochen gedauert, weil die Handwerker nicht immer spontan kommen können“, so Tyler.

Wir lernen: Es handelt sich um ein Einfamilienhaus mit zwei Toiletten, es gab also eine Alternative zur defekten Toilette. Die Aussage Walats, es habe vier Wochen lang in der Wohnung keine Toilette gegeben, war eine Lüge. Der Kammerjäger hat keine Mäuse vorgefunden.

Eine andere Wohnung, die ihnen im Wohngebiet Seelhofen von privater Seite vermittelt wurde, haben sie laut Sascha Tyler abgelehnt, weil sie ihnen zu dunkel erschien.

Wir können nur spekulieren, ob Ali Walat überzogene Erwartungen hat. Sehr prekär und einen sofortigen Umzug erfordernd scheint die Situation für die betroffenen Flüchtlinge jedenfalls nicht zu sein. Warum also der ganze Aufstand?

Weil Walats Lebensgefährtin in der Mundelsheimer Unterkunft bereits ein Kind verloren hat, will sie zu ihm nach Stuttgart ziehen. […]

Walat selbst hat allerdings keine Wohnsitzauflage und kann laut Stadt Stuttgart „seinen Wohnsitz jederzeit zu seiner Verlobten verlegen und ihr in Mundelsheim beistehen“. Da er in Feuerbach selbst in einer Flüchtlingsunterkunft wohnt und dort nicht über Wohnraum für seine Verlobte verfüge, habe sich das Stuttgarter Sozialamt gegen einen Zuzug der Frau zu Walat ausgesprochen. „Angesichts der Wohnraumknappheit in Stuttgart verbleiben viele Flüchtlinge – wie Herr Walat – auch lange nach ihrer Anerkennung in den Unterkünften“, teilt die Stadtverwaltung mit. Weil sie dort bereits ein Kind verloren haben, wollen Walat und seine Verlobte aber keineswegs in Mundelsheim leben.

Die Unterkunft in Mundelsheim ist offensichtlich akzeptabel, so dass Alternativen von den Bewohnern abgelehnt werden. Trotzdem wird sie von den Flüchtlingen und der Zeitung als so schlecht geschildert, dass der Vater des Kindes nicht dort hinziehen kann. Obwohl die Situation für die anderen Bewohner offensichtlich akzeptabel ist.

Andere Motive drängen sich auf. Mundelsheim ist eine kleine Gemeinde mit 3.276 Einwohnern, wer würde nicht lieber in Stuttgart leben?

Ich frage mich, ob mit solchen Artikeln bewusst die Ablehnung von Flüchtlingen geschürt werden soll, indem sie als übermäßig anspruchsvoll und undankbar dargestellt werden.

Außerdem zeichnet die Zeitung von den Flüchtlingen ein komplett unfähiges und unverantwortliches Bild:

  • Die Flüchtlinge leben zu sechst in einem Einfamilienhaus, ohne einer Beschäftigung nachzugehen – und bekommen es nicht hin, die Wohnung so sauber zu halten, dass sich ihre hochschwangere Tochter keine Infektionen holt? Ameisen und Mäuse (deren Befall der Kammerjäger nicht bestätigen konnte) sind unbesiegbar?
  • Es drängt sich der Gedanke auf, die Flüchtlinge seien unfähig so zu lüften, zu kochen und zu heizen, dass es nicht zu Schimmelbildung kommt.
  • Warum beschließen Ali Walat und seine Frau in einer von ihnen als menschenunwürdig und gesundheitsgefährdend geschilderten Situation Kinder zu bekommen?
  • Lügen und Übertreibungen von Flüchtlingen werden nicht als Lügen und Übertreibungen thematisiert. Im Laufe des Artikels werden einige Unrichtigkeiten korrigiert (Toilette, Mäusebefall), aber grundsätzlich, so scheint es, können Flüchtlinge konsequenzlos behaupten, was sie wollen. Sie werden den Lesern als unmündig und unverantwortlich für ihre Falschbehauptungen vorgeführt.
  • Eigenverantwortung wird von Flüchtlingen auch nicht bei der Lösung der Situation erwartet. Ob tatsächliche oder angebliche Probleme: Es gibt nur die eine Wunschlösung des Zusammenlebens in Stuttgart, und darum sollen sich andere kümmern. Den Lesern wird gezeigt: Flüchtlinge können nichts und müssen nichts können.

Die Ludwigsburger Kreiszeitung stellt Flüchtlinge so dar, als könne man gar nichts von ihnen erwarten. Als wären sie unfähig, faul, unverantwortlich und undankbar. Das ist Rassismus – ein Rassismus der niedrigeren Erwartungen.

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1 Kommentar zu „Rassismus in der Ludwigsburger Kreiszeitung: Flüchtlinge als komplett unfähig dargestellt“

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