Jammerfrau: Es reicht nicht zum Leben

Bei der Huffington Post gibt es mal wieder einen Blog-Eintrag einer Jammerfrau. Ilona Böhnke behauptet, dass sie trotz Vollzeitarbeit als Erzieherin nicht genügend Geld bekommt um davon zu leben.

Egal wie viele Beiträge dieser Art ich lese, jedesmal wundere ich mich darüber, warum Jammerfrauen ihr empfundenes Leid, ihr schreckliches Schicksal und die von ihr gefühlten Ungerechtigkeiten der ganzen Welt erzählen müssen.

Die Existenz solcher Beiträge zeugt von einem Privileg: Jammerfrauen haben die Möglichkeit ihren Standpunkt und ihre Gefühle ohne Nachfragen und ohne Gegenpositionen in großen Medien zu artikulieren. Manchmal – wie hier – indem sie den Artikel gleich selbst schreiben dürfen, manchmal indem sie ihr Schicksal einer vermeintlichen Leidensgenossin erzählen dürfen.

Immer sind andere Schuld, immer sind es Ungerechtigkeiten der Gesellschaft, nie ist die Jammerfrau selbst für etwas verantwortlich. Es versagen nur die anderen. Ein „so ist halt das Leben“ oder „kneif mal die Arschbacken zusammen“ – unvorstellbar.

Im Gegensatz dazu fallen mir keine Jammermänner-Artikel auf. Männer auf Montage, die ihre Familie nur alle paar Wochen mal sehen. Die Ausbildung zum Straßenbauer – diese Ungerechtigkeit! Er muss auf Montage. Sein Job an der Autobahn ist lebensgefährlich. Er muss am Wochenende arbeiten. Und bei Regen! Der Job ist immer gleich und bietet wenig Abwechslung. Und niemand dankt es ihm!

Wo ist der einfühlsame Artikel, der dafür die Gesellschaft anprangert? Ach ja, ich vergaß, da muss halt getan werden, was getan werden muss. Es gibt kein Mitgefühl für einen Mann, der seine Kinder selten sieht.

Kommen wir zu Ilona Böhnke und ihrem Jammer-Artikel:

34 Jahre habe ich als Erzieherin gearbeitet. 38, wenn man die Ausbildung mitzählt. Seit meinem 16. Lebensjahr kümmere ich mich also um die Kinder Deutschlands. […]

Und ich habe die Kinder immer geliebt. Wenn ein Kind dich ansieht, dich drückt und dir sagt, dass es dich ganz doll lieb hat, ist es das Schönste, was es gibt.

Sie hat einen sinnstiftenden Job, der ihr offensichtlich Spaß macht. Das kann nicht jeder von sich behaupten.

Aber andere Menschen werden nie verstehen, wie hart das Ganze ist. Anerkennung sehen wir Erzieherinnen dafür so gut wie nie.

Das selbstgerechte Gejammer beginnt ziemlich früh. Natürlich ist es nur in ihrem Job so, dass es keine angemessene Anerkennung gibt. Für andere Jobs findet man permanent Lobpreisung und den Hinweis auf die Schwierigkeit des Jobs in den Medien. Nur für Erzieherinnen nicht. Wer den Links nicht folgen möchte: Die Aussage ist natürlich ironisch gemeint, die Links enthalten Lob und Anerkennung und weisen auf die zu geringe Bezahlung von Erzieherinnen hin.

Die entsprechenden Artikel über Straßenbauer habe ich gerade nicht zur Hand.

Auch nach Jahrzehnten Berufserfahrung und einer Vollzeitstelle habe ich so wenig Geld dafür erhalten, dass ich davon nicht leben könnte.

Sie behauptet, dass sie so wenig Geld bekommt, dass sie nicht davon leben könnte. Eine starke Behauptung. Ich prüfe sie weiter unten.

Kinder aufs Leben vorbereiten kann man nicht mit Geld berechnen. Vielleicht ist das der Grund, warum wir so mies bezahlt werden. Mein Mann macht Strom. Da gibt es einen Strompreis, da kann man messen, wie viel die Arbeit wert ist. Deswegen erhält er vielleicht so viel mehr. Aber die Zukunft von Kindern sichern – da gib es kein Preisschild für.

Vielleicht liegt das ja daran, dass praktisch niemand bereit ist, für ihre Arbeit den angemessenen Preis zu zahlen. Je nach Bundesland zahlen die Eltern nur einen kleinen Anteil der tatsächlichen Kosten oder gar nichts für einen Kindergartenplatz. Der Hauptteil wird über Zwangsabgaben (Steuern) von anderen finanziert.

Das Produkt ihres Mannes (Strom) wird am Markt nachgefragt, die Konsumenten sind bereit dafür zu zahlen. Es gibt Konkurrenz. Das Produkt Kindergarten hingegen ist von Subventionen abhängig. Würde es zum realen Preis angeboten, wären die Kindergärten leer.

Das mag nicht gerecht und auch nicht im Sinne der Gesellschaft sein, aber es erklärt, warum in diesem Bereich keine Löhne wie in der Industrie gezahlt werden.

Lasst mich euch mal erklären, was wir leisten. Dann könnt ihr ja selbst entscheiden, ob das genug Wert ist, um dafür einen Lohn zu erhalten, von dem man auch Überleben kann. […]

4 Jahre hat es gedauert bis ich Erzieherin sein durfte. Ein Jahr lang Vor-Praktikum. Das bedeutet Vollzeit arbeiten, ohne einen Pfennig dafür zu erhalten, nix, für Lulu.

Sie bemerkt in ihrem Gejammer nicht, dass dies keine Besonderheit des Berufes ist. Jeder Student macht eine unbezahlte Ausbildung und unbezahlte (Pflicht-)Praktika. Auch andere Ausbildungsberufe (z. B. Physiotherapeut) haben im Regelfall keine bezahlte Ausbildung.

Wenn das nicht recht ist, muss man sich eben einen anderen Ausbildungsberuf suchen.

Heute haben die meisten noch zusätzlich studiert. Wir sind also keine Muttis, die einen Workshop besucht haben. Wir sind sehr gut ausgebildet, wenn wir nach vier Jahren das erste Mal volles Gehalt bekommen.

In ihrer selbstgerechten Art bringt sie das Beispiel Studium auch noch selbst! Merkt sie nicht, dass das, was sie hier als aufopfernden, selbstlosen Akt verkauft, einfach ganz normaler Teil einer Ausbildung ist? Und dass es ihre Wahl war?

Ich frage mich: Wird dieses Studium überhaupt benötigt? Wozu werden die Anforderungen an Erzieherinnen so hoch geschraubt? Tagesmütter haben eine Schulung von 16 bis 360 Stunden:

Einige Bundesländer bzw. Städte und Kreise erwarten 160 Unterrichtsstunden, andere nur 16 Unterrichtsstunden, jährliche Fortbildungen sind verbindlich. […]

Die Lehrgänge für Tagespflegepersonen umfassen gegenwärtig bis zu 360 Stunden. Darauf aufbauend sind jährliche Fortbildung vorgeschrieben.

Wofür benötigen Erzieherinnen ein Studium, wenn Tagesmütter mit zweieinhalb Monaten Ausbildung auskommen? Vielleicht reichen ja „Muttis, die einen Workshop besucht haben“?

Dann kommt Ilona Böhnke mit Aufgaben von Erziehern wie der Feststellung von Entwicklungsverzögerungen, Behinderungen, Vernachlässigung und häuslicher Gewalt. Inwieweit dies nur durch eine ausgebildete Erzieherin erfolgen kann lasse ich mal dahingestellt.

Dann berichtet sie von der Situation in ihrem Kindergarten: Die Erzieherinnen müssen mit ihrem privaten Geld Windeln und Lehrmaterial kaufen. Ein unhaltbarer Zustand – da gebe ich ihr recht. Aber wohl eher ein Problem ihres spezifischen Kindergartens, das sich nicht mit mehr Anerkennung oder Gehalt lösen ließe.

Warum sucht sie sich keinen neuen Arbeitgeber?

Viele Kinder heutzutage brauchen besondere medizinische Betreuung. Das fängt an, darauf zu achten, dass die Kinder ihre Pillen nehmen. Kann aber auch bedeuten, das Atemgerät für einen 4-jährigen zu bedienen und neu einzustellen.

Niemand kann sich vorstellen, was es mit einem macht, wenn man einem kranken Baby in der Unter-3-Gruppe die Herzmedikamente verabreichen muss. Da kann ein Fehler tödlich sein. Da zwingst du dich nicht zu zittern, hast Schweißausbrüche und möchtest danach erstmal ne Stunde spazierengehen oder heulen.

Das klingt tatsächlich etwas unangenehm. Aber wie viele Kinder betrifft das wirklich? Und man benötigt dafür auch kein medizinisches Fachwissen, die Eltern bekommen das auch hin. Man muss also auch die Bälle flach halten. Hier gleich Schweißausbrüche zu bekommen deutet schon auf eine gewisse Hysterie hin.

Auch das scheint ein Problem spezifisch ihres Kindergartens zu sein: Ich habe von Kindergärten gehört, da geben die Erzieher keine Medikamente. Punkt.

Anerkennung sehen wir dafür nie, vor allem nicht finanziell. Ich hab gegen Ende, mit Jahrzehnten Erfahrung und mit einer Vollzeitstelle als verheiratete Frau knapp über 1300€ Netto erhalten.

Dafür kann man in einer Großstadt so grade die Miete bezahlen, jedoch keine Familie versorgen, noch nicht mal ernähren. So etwas wie Urlaube sind damit natürlich völlig ausgeschlossen.

Hier nur das Nettoeinkommen zu erwähnen und gleichzeitig auf „verheiratete Frau“ hinzuweisen ist ungewöhnlich. Verheiratet kann Steuerklasse 3, 4 oder 5 bedeuten.

Rechnet man mit einem Bruttoeinkommen (Hessen, Alter 50, mit Kirchensteuer, ohne Kinder, 2017) von 2000 Euro kommt man bei Steuerklasse 4 auf 1366,21 Euro Nettoeinkommen. Bei einem Bruttoeinkommen von 2550 Euro kommt man bei Steuerklasse 5 auf 1342,08 Euro Nettoeinkommen.

Hier muss man fast annehmen, dass sie schummelt und ihr Gehalt mittels Steuerklasse 5 künstlich klein rechnet. Dass sie als Erzieherin mit so vielen Dienstjahren tatsächlich nur 2000 Euro brutto verdient ist sehr unwahrscheinlich.

Schauen wir dazu in den Tarif TVöD-SuE Entgelttabelle – Sozial- Erziehungsdienst 2017, kommen wir für die Entgeltgruppe 8a (Erzieher) je nach Dienstjahren auf ein Gehalt zwischen knapp 2600 (Anfangs) bis knapp 3600 Euro in der letzten Stufe. Wobei die Erhöhungen automatisch erfolgen, schon nach einem Jahr bekommt man über 2800 Euro, nach weiteren zwei Jahren über 3000 Euro.

Ich nehme mal zu Gunsten des Gejammers das geringere Gehalt von 2000 Euro brutto für Ilona Böhnke an. Unter ansonsten gleichen Voraussetzungen bekommt sie in Steuerklasse 2 mit Kind bereits 1417,01 Euro heraus. Mit 192 Euro Kindergeld würde sie auf über 1600 Euro kommen. Davon kann man keine Familie ernähren?

Aufstiegschancen gibt es so gut wie keine. Kindergarten-Leitung ist hier das Höchste und auch das ist viel Arbeit für wenig Geld.

So gut wie keine Aufstiegschancen? Nicht eher so wie in jedem anderen Job? Und zu wenig Geld: Laut Tarif gibt es für Kita-Leiter – je nach Größe der Einrichtung – die Entgeltgruppen S9 bis S18, das sind 2599,20 (S9 Stufe 1) bis 5446,34 (S18 Stufe 6).

Jetzt frage ich euch, ist das angemessen? Dass wir uns um die Kinder Deutschlands kümmern, aber so schlecht bezahlt werden, dass wir keine eigenen haben können? Dass wir euren Kindern einen möglichst guten Start ins Leben geben, aber unser Gehalt nicht ausreicht, um selbst eines führen zu können?

Finde ich das Gehalt angemessen? Ja.

Ilona Böhnke hat mit 16 Jahren ihre Ausbildung begonnen, sie hat also einen Real- oder Hauptschulabschluss. Ein Straßenbauer, mit einem viel schwereren und gefährlicheren Job, kommt auf 1800 bis 2900 Euro brutto.

Wie kommt sie eigentlich darauf, dass sie so schlecht bezahlt wird, dass sie keine eigenen Kinder haben kann? Ein Paar von Erziehern mit dem niedrig geschätzten Gehalt von Ilona Böhnke kommt auf knapp 2700 Euro netto, plus Kindergeld. Eine Alleinerziehende mit einem Kind kommt mit Kindergeld auf über 1600 Euro. Dazu kommt noch der Kindesunterhalt.

Was bleibt übrig? Ilona Böhnke hat einen Beruf, den sie liebt. Sie verdient nicht schlecht. Sie hat einen Mann, der mehr verdient als sie. Finanziell geht es ihnen also gut. Was will sie eigentlich?

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1 Kommentar zu „Jammerfrau: Es reicht nicht zum Leben“

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