Jammerfrau: Gerechtigkeit ist, wenn meine Ansprüche erfüllt werden

Die Huffington Post hat in ihrem Blog einen Artikel der Hartz-IV-Empfängerin Sabrina Stein aufgezeichnet, so steht es zumindest unter dem Artikel. Das sollte nicht mit Journalismus verwechselt werden. Die Betroffene äußert ihre Sicht der Dinge unwidersprochen, unbelegt, ungeprüft.

Es ist ein Jammerfrauenartikel. Schuld an der Situation der Autorin sind andere. Eigenverantwortung und eigene Fehler kommen im Artikel nicht vor.

Ich bin es leid, mich schikanieren zu lassen.

Das verstehe ich sehr gut. Nichts ist schlimmer als von anderen abhängig zu sein, die einem nicht wohlgesonnen sind. Der Artikel könnte davon handeln, wie Sabrina Stein selbst aktiv wird, weil sie es leid ist, schikaniert zu werden. Wie zu erwarten kommt das in einem Jammerfrauenartikel nicht vor.

Sabrina schildert ihre Situation. Sie möchte mit ihrem neuen Lebensgefährten und ihrem „dreijährigen Sohn in eine gemeinsame Wohnung ziehen“. Ihr Lebengefährte ist Minijobber. Sie beklagt, dass es für sie schwerer wäre eine Wohnung zu finden als für andere – weil sie und ihr Lebensgefährte Hartz-IV Empfänger sind.

Ich bin seit der Geburt meines Sohnes Leistungsempfängerin. Ich war die ersten drei Jahre alleinerziehend.

Chronologisch beginnt Sabrina ihre Geschichte mit der Geburt ihres Sohnes. Vorher scheint es nichts Relevantes gegeben zu haben, was im Zusammenhang mit ihrer aktuellen Situation steht. Sie schreibt nichts über ihre Schule, ihre Ausbildung, frühere Beziehungen, frühere Jobs, den leiblichen Vater des Sohnes oder warum sie Alleinerziehend war.

Sie war drei Jahre Alleinerziehend, der Sohn ist aktuell drei Jahre alt, jetzt hat sie einen „neuen“ Lebensgefährten und will mit ihm zusammen ziehen.

Mir ging es wie hunderttausenden Alleinerziehenden in Deutschland, die sich um ihre Kinder kümmern: Sie rutschen in die Armut, weil es für sie so schwer ist, einen Job zu finden.

Arme Sabrina. Ihr ging es wie „hunderttausenden Alleinerziehenden“. Schreckliches Schicksal. Da kann man nichts machen. Kann jeden treffen.

Bevor ich nach Hattingen in Nordrhein-Westfalen gekommen bin, habe ich in der Oberlausitz gewohnt. Vor zwei Jahren wollte ich dorthin zurückziehen. Der Kleine sollte seine Großeltern sehen. Außerdem wollte ich zurück wegen der Unterstützung meiner Eltern.

Vor zwei Jahren war es wichtig, dass der Kleine seine Großeltern sehen kann und dass sie Unterstützung von ihren Eltern bekommt. Heute scheint das keine Rolle mehr zu spielen, aktuell möchte sie mit ihrem Lebengefährten zusammen ziehen. Die Prioritäten scheinen bei Sabrina schnell zu wechseln.

Schon damals fing der Ärger mit der Wohnungssuche an, der mich bis heute begleitet. Und der mich an der Gerechtigkeit unserer Gesellschaft zweifeln lässt.

Große Worte. Gerechtigkeit:

Der Begriff der Gerechtigkeit […] bezeichnet einen idealen Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen gibt.

Sabrina, „Ausgleich der Interessen“ bedeutet nicht, dass „unsere Gesellschaft“ deine unsteten Wünsche ohne nachzufragen finanziert. Gestern wolltest du zu den Eltern ziehen, heute in eine gemeinsame Wohnung mit dem Lebensgefährten. Mit dem bist du seit ein paar Monaten zusammen. Wenn es nicht funktioniert, Sabrina, möchtest du dann wieder eine eigene Wohnung?

Ist es „Gerechtigkeit“, wenn Du machst, wozu Du Lust hast, aber andere Deine Umzüge finanzieren?

Vor einigen Tagen dachte ich, wir hätten endlich Erfolg und eine passende Wohnung gefunden.

Doch das Jobcenter hat mir wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Das absurde Problem in diesem Fall: Die Kaltmiete der Wohnung war 60 Euro zu hoch – dabei lag die Gesamtmiete im Rahmen des Jobcenters.

Könnte das einen nachvollziehbaren Grund haben? Die Kaltmiete ist zu hoch, die Heizkostenvorauszahlung scheint niedrig angesetzt zu sein. Mit der ersten Betriebskostenabrechnung ist dann wahrscheinlich eine Nachzahlung fällig, die natürlich das Jobcenter übernehmen soll, und die Warmmiete steigt. Dann trägt der Steuerzahler die in Summe zu hohe Miete. Sabrina nennt das „absurdes Problem“. Ich nenne das eine nachvollziehbare Entscheidung des Jobcenters.

Mein Sohn wird dieses Jahr vier Jahre alt. Er geht seit einem Jahr in den Kindergarten, er hat sich in Hattingen eingelebt. Ich möchte, dass er dort bleiben kann.

Alles was Sabrina als Zumutung des Jobcenters empfindet, könnte sie loswerden – indem sie sich aus der Abhängigkeit von Hartz IV befreit. Sabrinas Sohn geht seit einem Jahr in den Kindergarten – warum berichtet sie im Artikel nicht von ihrer Jobsuche oder von dem Job, den sie bereits gefunden hat?

Sabrina, wenn du dich vom Jobcenter schikaniert fühlst, such dir einen Job.

Es gibt Mütter, die bringen ihre Kinder bereits nach einem Jahr in den Kindergarten und gehen wieder arbeiten. Diese Mütter – denen es vielleicht nicht leicht fällt ihr einjähriges Kind in den Kindergarten zu bringen – finanzieren mit ihren Steuern Sabrina mit.

Zwar gibt es ganz viele Zwei-Zimmer-Wohnungen. Aber das möchte ich nicht. Wir möchten uns künftig auch vergrößern können.

Sabrina und ihr ebenfalls von Hartz IV lebender neuer Lebensgefährte haben Ansprüche. Für sie ist es selbstverständlich, dass der Steuerzahler für ihre Familie aufkommt. Sie findet nichts dabei, ihre Situation mit weiteren Kindern („vergrößern“) zu verschärfen. Statt dafür zu sorgen, dass ihr Sohn nicht in Armut aufwächst, plant Sabrina weitere in Armut aufwachsende Kinder.

Jetzt stehen wir da und haben mal wieder Pech gehabt.

Das muss es sein. Pech. Passiv und ohne eigenes Zutun. Schicksal. Nicht zu ändern.

Man muss sich noch einmal klar machen, dass Sabrina von der Gesellschaft finanziert wird. Sie ist von anderen abhängig. Das scheint sie aber nur dann zu stören, wenn sie nicht bekommt, was sie will.

Und die Moral von der Geschicht‘?

Andere Menschen müssen mit Zwangsabgaben für Sabrinas Lebensunterhalt aufkommen. Artikel wie dieser – mit seiner unverblümten Anspruchshaltung und der Ablehnung von Verantwortung – erzeugen nur deshalb keinen Aufstand, weil die Umverteilung anonym über den Staat erfolgt.

Nehmen wir für ein Gedankenspiel die Anonymität heraus und spitzen zu einem frei erfundenen, plakativen Beispiel zu:

Eine Alleinerziehende Mutter arbeitet Vollzeit als Kassiererin. Sie zahlt Miete und Steuern. Für diese hypothetische Mutter – nennen wir sie Anirbas – sind wenige Euro mehr oder weniger im Monat entscheidend. Zum Beispiel für die Finanzierung einer Klassenfahrt für das Kind.

Jetzt stelle man sich vor, die Verteilung würde direkt ablaufen. Jeden Monat kommen bewaffnete Polizisten vorbei, treiben die Zwangsabgabe in bar bei Anirbas ein, gehen zur Nachbarwohnung und geben das Geld – zusammen mit dem Geld anderer Steuerzahler – Sabrina.

Wenn Anirbas das Geld nicht hat, greift die Polizei zu Zwangsmaßnahmen von der Pfändung bis zur Gefängnisstrafe.

Sabrina muss sich keine Gedanken machen, sie muss nicht früh aufstehen, sie muss sich nicht mit einem Chef rumärgern, von Kunden wird sie nicht genervt. Weil Menschen wie Anirbas arbeiten gehen existiert ein Geschäft, in dem Sabrina Kundin sein kann. Sie kann sich für ein weiteres Kind entscheiden.

Da Sabrina jetzt – mit weiterem Kind – einen größeren Bedarf hat, treiben die Polizisten mehr Geld bei Anirbas und den anderen Steuerzahlern ein. Anirbas hat darauf keinen Einfluss. Sabrina entscheidet sich für ein weiters Kind und Anirbas kann monatlich keine 20 Euro mehr für die Klassenfahrt zurücklegen.

Die 20 Euro Zusatzbelastung entsprechen in der Realität einer Steuererhöhung – oder einer Steuersenkung, die nicht erfolgt, weil das Geld für soziale Wohltaten verwendet wird.

Man muss sich das noch einmal klar machen: Steuern sind Zwangsabgaben, die im Zweifel mit Haftstrafen durchgesetzt werden. Haft wiederum wird in letzter Konsequenz mit Gewalt durchgesetzt.

In der nicht-anonymen Darstellung der Situation wird deutlich, dass es sich nicht um einen Ausgleich der Interessen handelt, wenn Sabrina Anirbas unter Androhung von Gewalt zwingen kann, ihr mehr Geld abzugeben – weil Sabrina verantwortungslose Entscheidungen trifft.

Man kann das Beispiel auch auf die reale Welt übertragen: Laut Hartz-IV Rechner bekommt Sabrina aktuell monatlich 1.011 Euro Hartz-IV-Leistungen (Annahmen: kein Einkommen, 350 Euro Kaltmiete und Nebenkosten, 60 Euro Heizkosten und ein Kind). Zusätzlich erhält Sabrina 192 Euro Kindergeld.

Alleinerziehende zahlen durchschnittlich 191 Euro Einkommensteuer im Monat.

Um 1.011 Euro Hartz IV zu finanzieren, müssen mehr als 5 Alleinerziehende mit Kind jeden Monat 191 Euro zahlen. Anders gesagt: Es braucht 5 Anirbas, um Sabrina zu finanzieren. Mit einem weiteren Kind, größerer Wohnung und höherer Miete und Betriebskosten werden es noch mehr.

Nun finanzieren nicht nur Alleinerziehende Alleinerziehende. Mit dem plakativen Beispiel wird aber deutlich, dass es nicht eine Seite gibt, die sich Restriktionen und Schikanen unterwerfen muss. Es gibt diejenigen, die für Sabrinas Lebensunterhalt aufkommen, und sie sind ebenso real. Sie haben auch Kinder. Der Unterschied ist: Sie gehen jeden Tag auf Arbeit.

Gesellschaftlicher Beitrag

Es wird deutlich, dass der gesellschaftliche Beitrag von Sabrina und Anirbas asymmetrisch ist: Anirbas zahlt Einkommensteuer, Sozialversicherungsbeiträge und bei Einkäufen Umsatzsteuer, Mineralölsteuer, etc. Sie bezahlt ihre Müllgebühren und die GEZ-Gebühr selbst.

Der Supermarkt, für den sie arbeitet, kann unter anderem wegen ihrer Arbeitsleistung Gewerbe- und Körperschaftsteuer zahlen. Nicht zuletzt gibt es – auch dank Anirbas‘ Mitarbeit – einen Supermarkt, in dem Sabrina einkaufen kann. Anirbas‘ Beitrag zum Gemeinwesen ist also nicht nur rein finanziell.

Sabrinas indirekte Steuern (z.B. Umsatzsteuer) und Gebühren sind kein Beitrag zum Gemeinwesen, weil sie dieses Geld vorher als Sozialleistung bezogen hat. Von anderen Beiträgen, etwa GEZ-Gebühren, ist sie ganz befreit, die von den Beitragszahlern finanzierten Leistungen kann sie aber nutzen.

Anirbas ist von Zwangsmaßnahmen bedroht, sollte sie einer Verpflichtung nicht nachkommen, z.B. wenn sie sich weigert, GEZ-Gebühren zu zahlen. Sabrina fühlt sich hingegen vom Jobcenter schikaniert, weil sie nicht frei in der Wohnungswahl ist.

Sabrina gefährdet unser Sozialsystem in zweierlei Hinsicht. Erstens nutzt sie ein System, welches für Härtefälle gedacht ist, als dauerhafte Lebensgrundlage – ohne sichtbaren Antrieb, sich aus dieser Situation zu befreien.

Zweitens schreibt sie einen Jammerartikel, der ihre Weltfremdheit und ihre Weigerung, die Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen, deutlich herausstellt. Der Artikel ist wie Hohn für arbeitende Steuerzahler, besonders für diejenigen, die in einer ähnlichen Situation wie Sabrina sind oder deren Einkommen sich an der Grenze zu Hartz IV bewegt. Indem Sabrina Vorurteile bestätigt, dass Transferleistungen die Menschen inaktiv machen, delegitimiert sie den Sozialstaat und schadet damit den Menschen, die sich in einer Notlage tatsächlich nicht selbst helfen können und auf Unterstützung angewiesen sind.

 

Advertisements

5 Kommentare zu „Jammerfrau: Gerechtigkeit ist, wenn meine Ansprüche erfüllt werden“

  1. Liebe Sabina,

    der Weihnachtsmann kommt nur zu guten Maedchen 🙂
    Schau mal, die Frauen, die sich einen Mann suchen der zu ihnen passt, die haben auch einen Versorger der sich um Weib und Kind kuemmert. Dann muss man nicht dauernd zwischen Hartz4 Buden umziehen.

    Die boesen Maedchen, die kriegen halt ab und zu mal einen Hengst ab. Das macht bestimmt Spass, mit dem Hengst. Aber das Spassprodukt musst Du dann halt alleine aufziehen. Jetzt hast Du wieder einen neuen Hengst gefunden, der auch nix auf die Reihe kriegt. Schoen fuer Dich. Und mit dem willst Du noch einen Hartzer zeugen. Aber was hab ich als Steuerzahler mit Deinem Spass am Hut?

    Aber ist schon klar, ihr seid ja jetzt alle starke unabhaengige Frauen, gell?

    Gefällt mir

  2. Zwei Anmerkungen:
    1. Kindergärten und KiTas sind in NRW nicht kostenlos. Man zahlt eine einkommensbasierte Gebühr. Es sei denn, man ist eh Hartz-IV-Empfänger.
    2. Sabrinas Kind hat vor dem 3. Geburtstag einen Platz bekommen. U3-Plätze sind in NRW Mangelware. Meine Frau und ich arbeiten. Unser Sohn bekommt keinen KiTa-Platz. Wir müssen sehen, wie wir das hinbekommen. Mein Mitleid für Sabrina hält sich in Grenzen…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s