Die „tatsächliche Faktenlage“ zum Migrationsdruck aus Afrika

Auf zeit.de widersprechen Julia Leininger und Benjamin Schraven der Kolumne „Millionen auf dem Sprung nach Norden“ von Theo Sommer, über die ich hier geschrieben hatte.

Weg mit diesem Afrikabild!

fordern Leininger und Schraven.

So perpetuiert Sommer das in den Medien vorherrschende Afrikabild und trägt damit zur Informationsverzerrung bei. Denn die tatsächliche Faktenlage rechtfertigt weder diesen Afro-Pessimismus noch irgendwelche militärischen Abenteuer.

Hier die wesentlichen Argumente der Autoren, von mir zusammengefasst:

  • Die extreme Armut ist in Subsahara-Afrika wie in anderen Erdteilen im letzten Vierteljahrhundert stark zurückgegangen, die Lebenssituation von zig Millionen Menschen hat sich stark gebessert, der Anteil unterernährter Menschen ist von einem Drittel auf unter ein Viertel der Gesamtpopulation gesunken.
  • Das mittlere Wirtschaftswachstum in Afrika südlich der Sahara lag immerhin bei etwa 3,5 Prozent, ähnlich positive Entwicklungen sind auch für den Gesundheits- oder den Bildungsbereich zu verzeichnen.
  • Afrika ist seit den 1990er Jahren friedlicher und demokratischer geworden. In 31 von 55 Ländern wird nach demokratischen Standards gewählt, zehn davon gelten als Demokratien. Auch erfolgreiche Militärputsche haben seit den neunziger Jahren abgenommen.
  • Für die nahe bis mittlere Zukunft ist nicht damit zu rechnen, dass sich ein Großteil des afrikanischen Kontinents auf den Weg Richtung Europa machen wird. Den allermeisten Afrikanern fehlt für einen solchen Migrationsprozess schlichtweg die notwendigen Ressourcen.

Ich möchte ihren Optimismus gern teilen, aber auf Sommers Hauptargument – das, was er die „demografische Zeitbombe“ nennt – gehen Leininger und Schraven nicht ein: Dass sich nämlich die Bevölkerung der 49 afrikanischen Staaten südlich der Sahara von heute 1,2 Milliarden bis zur Jahrhundertmitte auf 2,4 Milliarden verdoppeln und bis zum Ende des Jahrhunderts auf 4,5 Milliarden vervierfachen wird.

Ein Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent reicht bei weitem nicht, um eine so stark wachsende Bevölkerung zu ernähren (noch immer hungert fast jeder vierte Afrikaner), von Beschäftigung gar nicht zu reden:

Delamónica [er leitet für das Kinderhilfswerk Unicef die sozialpolitischen Programme in Nigeria, dem einwohnstestärksten Land Afrikas] sagt, die Annahme, das zuletzt beachtliche Wirtschaftswachstum in Afrika sorge für ausreichend Beschäftigung, sei falsch: „In Nigeria haben wir zuletzt jährlich sieben bis neun Prozent Wirtschaftswachstum erlebt, aber das resultiert fast ausschließlich aus der Ölwirtschaft, und dort entstehen kaum Arbeitsplätze.“ 70 Prozent der Bevölkerung arbeiteten in der Landwirtschaft.

Auch die von den Autoren angeführten positiven Entwicklungen, der Rückgang der extremen Armut und des Anteils unterernährter Menschen und die Verbesserungen in Gesundheitswesen und Bildung werden die Migrationsbewegungen nicht verhindern. Im Gegenteil: Verbessern sich Gesundheit, Bildung und Einkommen, greift auch das Argument der von Leininger und Schraven genannten „fehlenden Ressourcen“, die für die Migration nach Europa notwendig sind, nicht.

Die Fakten widerlegen nicht das Hauptargument des Artikels, gegen den sie angeführt werden. Aber sei’s drum, die Autoren haben noch ein Ass im Ärmel:

Visionen für Afrikas Zukunft können nicht am Reißbrett in Europa entstehen – innovative Ideen kommen von einer jungen Generation von Afrikanern und Afrikanerinnen. Es fehlt nur noch, ihnen auf der Weltbühne eine Plattform für ihre Ideen zu bieten.

Welche innovativen Ideen junger Afrikaner das sind, warum Leininger und Schraven sie hier nicht beschrieben haben, was eine Plattform „auf der Weltbühne“ bewirken soll – ich weiß es nicht. Die „tatsächliche Faktenlage“ wird einfach weggeschwafelt.

Advertisements

1 Kommentar zu „Die „tatsächliche Faktenlage“ zum Migrationsdruck aus Afrika“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s