Fake News mit Sächsischer Zeitung, TU Dresden und Stefan Niggemeier

Bei Übermedien berichtet Stefan Niggemeier – den ich sehr schätze – über die Sächsische Zeitung. Die hat sich dazu entschlossen gegen den Pressekodex zu verstoßen, indem sie über die Zugehörigkeit von Verdächtigen und Tätern zu Minderheiten regelmäßig berichtet. Hier im Blog konnte man lesen, dass das noch nicht immer funktioniert.

Zunächst wurde eine repräsentative Umfrage unter den Abonnenten durchgeführt. Wir erfahren bei Übermedien, dass es kein Problem gibt:

Ein erstes, beruhigendes Ergebnis für Vetterick lautet: „Ein Großteil dessen, was an Kritik heranschwappt an das Haus, ist überhaupt nicht repräsentativ für die Leserschaft.“ Die Leute seien viel weniger unzufrieden, als man glauben könnte, wenn man in die Leserbriefe oder die Internetforen schaut.

Für Professor Lutz M. Hagen von der Technischen Universität, der die Umfrage durchgeführt hat, ist das ein zentraler, typischer Effekt: „Die Mehrheit der Leser stimmt nicht mit der Mehrheit der Leserbriefschreiber überein.“ Durch die Digitalisierung und den Strukturwandel der Öffentlichkeit, würden „Minderheitsmeinungen und extreme Meinungen sehr viel stärker sichtbar als in der alten Medienwelt.“ Es gebe eine stille Mehrheit, die von der lauten Minderheit gern für sich reklamiert wird, obwohl das gar nicht zutreffe.

Aha. Alles nur Schreihälse. Warum dann also der Kurswechsel, warum wird die Sächsische Zeitung gegen den Pressekodex verstoßen?

Trotzdem gaben einige Ergebnisse der Umfrage Anlass zur Sorge. Fast die Hälfte der Befragten erklärte sich die Regel, die Herkunft von Straftätern nur in Ausnahmefällen zu nennen, mit einer „Anordnung von oben in der Flüchtlingskrise“:

Das bedeutet: 46 Prozent der Abonnenten der Sächsischen Zeitung glauben an eine Verschwörung. 16 Prozent sehen den Grund für das Weglassen der Zugehörigkeit von Verdächtigen in der politischen Einstellung der Journalisten.

79 Prozent der Abonnenten erkennen keine Diskriminierung darin, in Berichten die Nationalität des Verdächtigen bzw. Täters zu nennen. Das ist nicht verwunderlich, bedeutet Diskriminierung doch „Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder einzelnen Personen […] aufgrund […] Einstellungen, Vorurteile oder emotionaler Assoziationen“. Eine Benachteiligung ist nicht zu erkennen, eine Herabwürdigung käme in Frage, aber nur, wenn man den berichtenden Journalisten bestimmte „Einstellungen, Vorurteile oder emotionaler Assoziationen“ unterstellt. Das scheinen die meisten Abonnenten nicht zu tun.

Verwunderlich finde ich eher die Fragestellung der Forscher: „Sind Sie denn der Meinung, dass die Nennung der Nationalität eines Straftäters eine Diskriminierung von allen Menschen dieser Nation darstellt?“

Warum die Einschränkung auf die Nationalität, wo doch der Pressekodex von der „Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten“ spricht? Weiter bei Übermedien:

Ein interessanter Widerspruch tat sich in der Einschätzung der Kriminalität von Ausländern und Asylbewerbern auf. Einerseits glaubt nur eine relativ kleine Minderheit, dass Ausländer häufiger kriminell sind als Deutsche:

  • 42 Prozent glauben nicht, dass Ausländer häufiger Straftaten begehen als Deutsche.
  • 23 Prozent glauben das „eher nicht“.
  • 14 Prozent wissen es nicht
  • 16 Prozent meinen „eher ja“, dass Ausländer häufiger Straftaten begehen als Deutsche.
  • 4 Prozent sind davon überzeugt.

Die Fragestellung war „Die in Deutschland lebenden Ausländer begehen häufiger Straftaten als die Deutschen“. Für Forscher, die ein möglichst präzises Ergebnis erzielen möchten, ist das eine erstaunlich unpräzise Fragestellung: Gemeint ist, ob ein Ausländer durchschnittlich häufiger Straftaten begeht, als ein Deutscher, also in Relation zum Bevölkerungsanteil. Da eine Aufteilung nach Gruppen (Ausländer und Deutsche) zum Zweck der Bewertung nur Sinn ergibt, wenn man die Gruppen in Relation zum Bevölkerungsanteil setzt.

Aus der Sächsischen Kriminalstatistik – die später im Artikel als Quelle referenziert wird – erhält man den ersten Teil der Antwort auf diese Fragestellung: Deutsche begingen 79.301 (94.463 – 15.162) und Ausländer 15.162 Straftaten in Sachsen.

Die Kriminalstatistik enthält keine Zahlen zur Anzahl der Einwohner der jeweiligen Gruppe. Diese Information kann man sich nur aus anderer Quelle besorgen und selbst rechnen.

In Sachsen lebten 2015 4.084.851 Menschen, davon 158.743 Ausländer und 3.926.108 Deutsche. Das ergibt einen Straftatenquote von 2,0 Prozent für Deutsche und 9,5 Prozent für Ausländer. Ausländer in Sachsen verüben durchschnittlich also fast fünfmal so viele Straftaten in Sachsen wie Deutsche. Es liegen also nur 20 Prozent (4 + 16) der Befragten Abonnenten der Sächsischen Zeitung mit ihrer Einschätzung richtig.

Aus diesem Ergebnis kann man ableiten, dass durch die Berichterstattung der Sächsischen Zeitung nur 20 Prozent der Abonnenten richtig informiert werden. Die anderen 80 Prozent sind entweder nicht oder falsch informiert. Es scheint also an der Zeit zu sein, dass die Sächsische Zeitung etwas an ihrer Berichterstattung ändert. Das scheint die Zeitung erkannt zu haben und möchte deshalb zukünftig den Pressekodex verletzen, um ihre Leser vollständig zu informieren.

Andererseits überschätzen die Befragten, teils dramatisch, den Anteil von Zuwanderern an Straftaten.

Moment, Moment. Gerade war noch von Ausländern die Rede, jetzt geht es auf einmal um Zuwanderer.

In der folgenden Grafik markiert der Bereich zwischen den gestrichelten Linien das mittlere Drittel der Antworten. Die Säulen zeigen den Anteil der jeweiligen Delikte, bei denen laut Auswertung aus der sächsischen Kriminalstatistik mindestens ein Zuwanderer zu den Tatverdächtigen gehörte.

Diese Beschreibung der Grafik ist falsch. In der Befragung der Forscher geht es nicht um Zuwanderer, sondern um Asylbewerber. Die Grafik vergleicht also Zuwander entsprechend der Definition der Statistik mit Asylbewerbern, auf die die Frage abzielte.

Die Bezeichnungen Ausländer, Zuwanderer und Asylbewerber bezeichnen nicht das Gleiche. Im Grunde ist auf Basis der sächsischen Kriminalstatistik kein Vergleich mit den Antworten der Umfrage möglich.

In der von Übermedien verlinkten und in der Grafik als Referenz genutzten Sächsischen Kriminalstatistik werden Zuwanderer wie folgt definiert:

Asylbewerber, geduldete Ausländer, Bürgerkriegs-/Kontingentsflüchtlinge, illegal aufhältige Ausländer

Die Frage ist auch, warum das Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden zunächst eine Frage nach Ausländern stellt und dann zu Asylbewerber umschwenkt. Die Befragten können bei solchen Konstruktionen leicht in die falsche Richtung geleitet werden (Seiten 7 und 8):

Nicht nur die Formulierung von Fragen, sondern auch die Reihenfolge in der sie gestellt werden, kann Einfluss auf ihre Interpretation und Bewertung von Seiten der Befragten ausüben, da vorangehende Fragen den Kontext für nachfolgende Fragen bilden […]. Dabei können sich Befragte bei der Beantwortung von Folgefragen an vorhergehenden Fragen bzw. zuvor gegebenen Antworten orientieren (s.g. Ausstrahlungseffekte oder Halo-Effekte), wodurch eine systematische Verzerrung der Antworten zustande kommt […].

Vorangehende Fragen können das Abrufen bestimmter Informationen auslösen, welche dann für nachfolgende Fragen zu ähnlichen Themen sehr leicht für den Befragten zugänglich sind. Dies führt dazu, dass Befragte ihre Antworten zu späteren Fragen wahrscheinlich auf dieselben Überlegungen aufbauen wie vorangehende Fragen zu ähnlichen Themen.

Hier stelle ich mir die Frage, ob die Forscher 1) diesen Effekt nicht kennen, ob sie ihn 2) hier für nicht relevant hielten, ob er ihnen 3) egal war oder ob sie 4) den Effekt bewusst genutzt haben um das Ergebnis möglichst nach oben zu verzerren. Ich kann das nicht einschätzen. Erklärung 2) ist möglich, alle anderen Möglichkeiten halte ich für weniger wahrscheinlich, aber für ebenfalls möglich.

Weiter bei Übermedien:

Die meisten Befragten zeigten sich zufrieden mit der Berichterstattung „ihrer“ Zeitung. Vetterick findet es dennoch Anlass zur Sorge, dass knapp die Hälfte glaubt, dass die „Sächsische Zeitung“ oft die Beteiligung von Flüchtlingen an Straftaten verschweigt oder sich zumindest nicht sicher ist.

Knapp die Hälfte der Abonnenten der Sächsischen Zeitung vermutet, dass die Sächsische Zeitung die Beteiligungen an Flüchtlingen oft verschweigt, oder ist sich zumindest nicht sicher. Man könnte auch sagen: Nur die Hälfte der Abonnenten der Sächsischen Zeitung findet diese Zeitung glaubwürdig. Zumindest in Bezug auf die Berichterstattung über Kriminalität.

Was nicht betrachtet wurde: Was sagen denn die Menschen, die ihr Abo bei der Sächsischen Zeitung bereits gekündigt haben? War der Glaubwürdigkeitsverlust vielleicht einer der Gründe für die Kündigung?

Diejenigen, die man jetzt befragt hat, stört die Berichterstattung der Sächsische Zeitung jedenfalls nicht allzu stark und sie sind bereit, für diese Zeitung Geld zu bezahlen. Im Wesentlichen sind sie also mit der Zeitung zufrieden.

Hätte man nicht auch ehemalige Abonnenten befragen können? Auf diese naheliegende Idee ist das Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden offensichtlich nicht gekommen. Auf diese Weise werden kritische ehemalige Abonnenten aus dem Stimmungsbild der Umfrage ausgeblendet.

Weiter unten wird dann ein Bild der Sächsischen Zeitung präsentiert. Die Schrift ist schlecht zu erkennen, eine Zwischenüberschrift lautet aber „Ausländer sind nicht krimineller“.

Hier handelt es sich um ein Beispiel für sogenannte „Fake News“. Wie oben gezeigt, begehen die Ausländer in Sachsen im Durchschnitt fast fünfmal so viele Straftaten wie Deutsche in Sachsen. Und wie oben dargelegt, erklären solche Fehlinformationen, warum die Leser der Sächsischen Zeitung zu 80 Prozent falsch oder schlecht informiert sind.

Ganz am Schluss gibt es noch ein Update:

Auch Karolin Schwarz, die Gerüchten über Flüchtlinge nachgeht, sieht die Herkunftsangaben kritisch: vor allem, weil die Medien von der Auswahl der Polizei abhängig sind, welche Straftaten überhaupt berichtet werden.

Da muss sich Frau Schwarz keine Sorgen machen: Die Polizei wählt genau aus – sie filtert die Herkunftsangabe bei Minderheiten heraus.

Der Übermedien-Artikel leidet unter der unkritischen Darstellung einer schlecht gemachten Studie und trägt selbst noch zur Verwirrung bei.

Der Schritt der Sächsischen Zeitung – die Zugehörigkeit von Verdächtigen und Tätern zu nennen – ist aus meiner Sicht geeignet, Glaubwürdigkeit wieder herzustellen.

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3 Kommentare zu „Fake News mit Sächsischer Zeitung, TU Dresden und Stefan Niggemeier“

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