Warum Political Correctness den Fortschritt behindert

Über einen Kommentar bin ich auf ein Interview mit dem pakistanischen Kernphysiker Pervez Hoodbhoy gestoßen. Da er selbst Moslem ist, hat er das Privileg, klare Worte finden zu dürfen.

Wir erleben gerade eine große kulturelle Revolution in der islamischen Welt. Nicht nur Pakistan ist betroffen, sondern mehr oder weniger jedes muslimische Land. Pakistan verändert sich, Afghanistan hat sich radikalisiert, Iran, der Irak, viele Länder in Afrika und in der arabischen Welt, Ägypten, Algerien, jetzt Mali. Früher oder später wird man auch in Syrien nur noch verhüllte Frauen sehen. Aber schauen wir uns die islamischen Gemeinden in Europa und in den USA an – die sind von dem gleichen Erreger infiziert.

Moment, stopp! Das kann der doch nicht einfach so sagen! Wo ist der Verweis auf die Kolonialgeschichte und die aktuelle Unterdrückung, die diese Radikalisierung begründen?!

Es gibt rund 1,5 Milliarden Muslime in der ganzen Welt – aber sie können in keinem Bereich eine substantielle Errungenschaft vorweisen. Nicht im politischen Bereich, nicht in gesellschaftlicher Hinsicht, weder in den Naturwissenschaften noch in der Kunst oder in der Literatur. Alles, was sie mit großer Hingabe tun, ist beten und fasten. Aber es gibt keine Bemühungen, die Lebensbedingungen innerhalb islamischer Gesellschaften zu verbessern. Unbewusst spüren die Menschen natürlich, dass das ein kollektives Versagen ist.

Mir bleibt die Spucke weg. Und die Luft. Klare Worte, er stellt die Muslime in ihrer Gesamtheit an den Pranger! Und er weist nicht anderen Kulturen die Verantwortung für dieses Versagen zu! Am Ende glaubt er noch an das Konzept „Verantwortung“! Ich glaube, ich benötige einen Safe Space um darüber hinweg zu kommen!

Im Ernst: Mir ist diese Aussage neu, ich habe sie nicht überprüft. Man sieht aber sehr deutlich: Auch unangenehme Aussagen müssen erlaubt sein. Denn erst wenn man ein Problem anspricht und klar benennt, kann man darüber diskutieren und – wenn notwendig – Änderungen einleiten.

Die arabischen Muslime müssen ihren falschen, aber weit verbreiteten Glauben ablegen, dass Wissenschaft in irgendeiner Weise Elemente von Religion enthält. Diese Inschallah-Mentalität, die für alles Gott verantwortlich macht, ist der Gegensatz zu wissenschaftlichem Denken. Ganz abgesehen davon ist die arabische Arbeitsmoral schlecht. Es gibt ständig Unterbrechungen, um religiöse Pflichten zu erfüllen. Um wettbewerbsfähig in der modernen Welt zu werden, müssen Dinge wie Pünktlichkeit und das Einhalten von Regeln, die Menschen aufstellen, nicht Gott, dramatisch verbessert werden.

Nachdem er ein Problem identifiziert hat, macht er Vorschläge, wie man das Problem beheben kann. Was kann man noch erwarten? Gibt es in der islamischen Welt Parteien oder Regierungen, die seine Thesen aufgegriffen haben?

Wohl nicht, denn dieser Kernphysiker scheint ein absoluter Exot zu sein und mit seinen Aussagen auch in der arabischen Welt Tabus zu brechen.

Drohungen nicht, aber man macht mir das Leben schwer. Ich wurde gerade an der Lahore University of Management Sciences entlassen, wo ich Physik gelehrt habe. Das ist eine sehr fortschrittliche private Universität, aber es gibt in dieser Gesellschaft Grenzen dessen, was man sagen darf. Auch hier in Islamabad ist es für mich nicht einfach. Da ich verbeamteter Professor bin, kann man mich nicht entlassen. Aber ich werde schon seit Monaten nicht mehr bezahlt. Dabei halte ich mich nur an Fakten: Welche bedeutende Erfindung oder Entdeckung haben Muslime in den vergangenen tausend Jahren gemacht? Strom? Elektromagnetische Wellen? Antibiotika? Den Verbrennungsmotor? Computer? Nein, nichts, jedenfalls nichts, was eine moderne Zivilisation ausmacht. So ist es nun einmal. Und wenn es nach den religiösen Fanatikern geht, macht das auch nichts. Die stecken gedanklich immer noch im zwölften Jahrhundert.

Lustigerweise schlägt jetzt die Political-Correctness-Manipulationsschere im Kopf des Journalisten zu:

SPIEGEL ONLINE: Es gibt durchaus sehr progressive Muslime, solche, die säkular sind und die moderne Welt schätzen. Und auch in religiöser Hinsicht sind die meisten doch eher moderat. Denen gegenüber sind Sie jetzt unfair.

Was ist an seiner Aussage „unfair“ gegenüber moderaten Muslimen? Hoodbhoy berichtet, dass er entlassen wurde und nicht bezahlt wird. Er listet wichtige Erfindungen auf, die nicht von Muslimen gemacht wurden und prangert fanatische Muslime an. Moderate Muslime kommen in seiner Aussage gar nicht vor. Wieso kommt also jetzt der Einwand, dass er diesen gegenüber „unfair“ wäre?

Wäre nicht eher die Frage angebracht, wo die vielen moderaten Muslime sind, die fordern, dass der Mann bezahlt wird?! Ein typisches Muster, wie ich finde: Hoodbhoy spricht über nachprüfbare Fakten, er berichtet von einer großen gesellschaftlichen Herausforderung, die dringend angegangen werden muss. Statt sich aber mit den Fakten und der Herausforderung auseinanderzusetzen wirft ihm der Journalist vor, dass er die Gefühle anderer Menschen verletzt. Wie im Kindergarten.

Unter Einsatz seines Lebens prangert Pervez Hoodbhoy gesellschaftliche Fehlentwicklungen an. Der Political-Correctness-Journalist hingegen geht nicht ein einziges Mal auf die Fakten ein die der Physiker nennt und dann jammert er über verletzte Gefühle. Mit solchen Journalisten finden keine relevanten gesellschaftlichen Debatten statt.

Pervez Hoodbhoy mag noch keine Mordrohungen erhalten haben. Mit seinen Ansichten steht er aber sicher ganz nah an der Todesliste.

Am Ende macht Hoodbhoy doch andere verantwortlich:

Natürlich gab es Versuche in islamischen Gesellschaften, sich zu modernisieren, in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Pakistan war, als es 1947 gegründet wurde, eine sehr moderne Idee. Ägypten, Indonesien, Iran, das waren alles Gesellschaften, die Bildung und Fortschritt als etwas Gutes sahen. All das ist vorbei. Das hat mehrere Gründe. Der arabische Nationalismus scheiterte. Die Palästinenser wurden klein gehalten. Und der Westen setzte seine Interessen unabhängig von positiven Entwicklungen in islamischen Ländern durch, zum Beispiel wenn es um Öl ging. Wenn alles schiefläuft, blicken Menschen zu Gott.

Kann sein. Ich kann jedoch keine Verbindung zwischen den genannten Gründen und dem Fakt sehen, dass die genannten Gesellschaften nicht mehr modern sind. Andere Gesellschaften hatten ebenfalls schwierige Situationen zu meistern und sind nicht rückschrittlich geworden.

Eine andere These wäre: Der Kolonialismus hat diese Länder modern hinterlassen. Dann setzte sich das Rückständige (wieder) durch.

Nach diesem Zwischentief läuft Hoodbhoy zu kompromissloser Stärke auf:

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem müssen wir ja im Jetzt und Hier mit den Radikalen umgehen. Was halten Sie von Gesprächen mit den Taliban?

Hoodbhoy: Diejenigen, die nicht bereit sind zu reden, sondern an Gewalt festhalten, müssen wir töten. Nehmen wir die pakistanischen Taliban: Sie haben zwei Forderungen, nämlich dass Pakistan seine Bindungen zu den USA kappt und dass wir die Scharia einführen als einzig gültiges Recht. Sie wollen keine Straßen, keine Schulen, keine Arbeit. Sie sind völlig kompromisslos. Natürlich kann man mit denen nicht reden. Wir haben es 2009 im Swat-Tal gesehen, als die pakistanische Regierung immer mehr Zugeständnisse machte und die Extremisten immer weiter vorrückten. Man muss ihnen also ganz klar sagen: Wir verhandeln erst mit euch, wenn ihr eure Waffen niederlegt. Und da sie das nicht tun werden, müssen wir sie bekämpfen. Wenn man mit den Taliban redet, dann nur aus einer Position der Stärke heraus.

Gewalttätige Menschen, mit denen man nicht reden kann, müssen getötet werden. Verhandlungen sind nur aus einer Position der Stärke heraus sinnvoll. Hier grenzt er sich stark von politischer Korrektheit ab: Er ist wehrhaft, er will kämpfen. Keine falsche Toleranz, keine Toleranz für Terroristen.

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2 Kommentare zu „Warum Political Correctness den Fortschritt behindert“

  1. Große kulturelle Revolution?!?? Pffft! In (fast) allen islamischen Ländern ist Krise angesagt, ob jetzt durch eigene Probleme oder durch imperialen Bombenterror verursacht – geschenkt.
    Die Tatsache, dass Menschen in Krisenzeiten in die Religion flüchten, ist ein alter Hut.

    Und: Einerseits füttert man diese islamischen Prediger, damit sie das Volk ablenken (etwa von den korrupten Eliten), dann wieder beklagt man sich über das Problem, dass man sich damit schafft. Das erinnert mich an den Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht wieder los wurde. 😉

    Und, oh Wunder: Auch in Russland erstarkte das orthodoxe Christentum wieder nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit anschließender Wirtschaftskrise. So’n Zufall aber auch. 😉

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