Abtreibung – eine feministische Sicht

Meine Meinungsbildung zu Abtreibungen ist noch nicht abgeschlossen. Der Artikel über den gestolpert bin regt mich aber zu einer Reaktion an. Er soll das Recht auf Abtreibungen und die alleinige Entscheidungsgewalt der Frauen darüber begründen:

Der Ausgangspunkt einer Abtreibung ist eine ungewollte Schwangerschaft. Davon betroffenes Subjekt ist die ungewollt Schwangere.

Ein Muster, dass mir schon öfter begegnet ist: Der Fötus ist aus Sicht der Autorin kein Subjekt. Befürworter von Abtreibungen sehen im Fötus einen Zellhaufen, bestenfalls ein Stück Gewebe. In Deutschland sind Abtreibungen bis zur zwölften Schwangerschaftswoche legal, in Ausnahmefällen sogar darüber hinaus. Ein Tonmodell welches den Entwicklungszustand einen Fötus in der zwölften Schwangerschaftswoche darstellt, kann man hier sehen. Ich denke schon, dass der Fötus ebenfalls ein betroffenes Subjekt ist.

Warnung! Nur ganz Hartgesottene schauen sich hier das animierte Bild eines lebenden Fötus in der zwölften Schwangerschaftswoche an. Vorteil: Man sieht deutlich ein weiteres  von der Abtreibung betroffenes Subjekt. Man erahnt die Tragweite. Nachteil: Zumindest mir geht das Bild nicht aus dem Kopf.

Der Schluss, dass die Entscheidung ihr überlassen sein müsste, ob sie diese Schwangerschaft austrägt oder beendet, könnte offensichtlich sein.

Das ist nicht offensichtlich. Nur weil jemand der Hauptbetroffene von etwas ist, treten alle anderen Interessen nicht vollständig in den Hintergrund.

Schließlich betreffen auch die Konsequenzen dieser Entscheidung in erster Linie die schwangere Person: nämlich das Austragen der Schwangerschaft, […]

Und wieder den Fötus vergessen.

die Verantwortung für das geborene Kind, die Übernahme der Fürsorge für das Kind und zuweilen das alleinige Engagement in seiner Erziehung. Es mag weitere Personen geben, die bei der Kinderbetreuung Unterstützung leisten […] Die hauptsächliche Verantwortung verbleibt schlussendlich aber bei der Person, die die Schwangerschaft ausgetragen hat.

Dieses Argument fällt komplett auseinander, wenn man beispielsweise annimmt, dass es Fälle gibt, in denen andere Personen – z. B. der leibliche Vater – das Sorgerecht für das Kind übernehmen wollen. Verliert die Frau dann ihr Recht auf Abtreibung?

Allerdings wurde die Entscheidung über eine Abtreibung weder in der Geschichte klar und eindeutig der Schwangeren zugestanden, noch ist das in der Gegenwart der Fall.

Unter der Annahme, dass der Fötus ein Kind ist, wird die ganze Menschenverachtung dieses Textes sichtbar. Er funktioniert nur, wenn man den Fötus gar nicht betrachtet. Und es wird auch klar, dass aus der Betroffenheit von einer Situation noch lange nicht folgt, dass man keinen Einschränkungen unterworfen sein sollte.

Daraus entwickelte sich die Frage, ab wann der Fötus als Person und damit als Träger personaler Rechte gelten kann. Aus ihrer Beantwortung wurden in der Folge die gesetzlichen Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch und zur Strafbarkeit von Abtreibung abgeleitet. Diese beiden Legitimationen eines Abtreibungsverbots – (1) der patriarchale Charakter des Abtreibungsverbots und die damit verbundene generelle Aberkennung weiblicher Selbstbestimmung bei gleichzeitiger Zuschreibung von Entscheidungsmacht an Männer sowie (2) die Hintanstellung weiblicher Selbstbestimmung gegenüber einem dem Fötus zugeschriebenen Lebensrecht

Eine Antwort auf die Frage „ab wann der Fötus als Person und damit als Träger personaler Rechte gelten kann“ wird umschifft, obwohl dies doch eine der zentralen Fragen beim Thema Abtreibung ist. Stattdessen widmet sich der Text lieber den großen Fragen der Weltpolitik. Das ist keine ehrliche Diskussionsbasis.

Gleichzeitig habe diese Befassung mit dem Fötus als schützenswertes Gut in der Wahrnehmung der Interviewten eine hohe Attraktivität für gesellschaftlich und politisch engagierte und vor allem auch junge Menschen. Eine steigende Zahl junger Menschen, die sich als emanzipiert und humanistisch verstehen und gleichzeitig am Gemeinwohl und am Schutz Schwächerer interessiert sind, richteten ihr Engagement auf den Schutz des Fötus als das schwächere, aber im Verhältnis zur Schwangeren gleichberechtigte Subjekt. Auch in der linken Szene beobachte sie diese Tendenzen. Die gingen damit einher, die ungewollt Schwangere zu einer Art Täter_in in einem ungleichen Kampf zu machen.

Ich halte den Schutz des Schwächeren für eine nachvollziehbare Position. Für die Autorin ist dies nur ein politisches Problem. Völlig empathielos.

Wie bereits eingangs geschrieben: Ich habe keine abgeschlossene Meinung zu Abtreibung. Dafür ist das Thema einfach zu kompliziert: Wenn man beispielsweise Abtreibung in bestimmen Fällen (z.B. nach einer Vergewaltigung) vertretbar findet, dann entfällt das Argument, dass das ungeborene Leben genauso wertvoll ist wie das geborene Leben. Wenn man den Fötus nicht abtöten darf, weil er ein Mensch ist, dann bleibt das auch dann gültig, wenn der Fötus Ergebnis einer Vergewaltigung ist. Gleichzeitig kann ich nachvollziehen, dass man einem Vergewaltigungsopfer das Austragen des Kindes des Vergewaltigers nicht zumuten kann.

Im Jahr 2010 wurden 24 Abtreibungen nach einer Vergewaltigung vorgenommen. Insgesamt waren es über 110.000 Abtreibungen in 2010.

Ich tendierte und tendiere dazu, den aktuellen Status quo in Deutschland zu akzeptieren, wonach Abtreibung unter bestimmten Bedingungen legal ist. Ich gehe einfach davon aus, dass die Betroffenen sich über die Tragweite ihrer Entscheidung im Klaren sind und verantwortungsvoll handeln. Die in Deutschland obligatorische  Schwangerenkonfliktberatung hilft ggf. bei einer verantwortungsvollen Entscheidung.

Texte wie den in diesem Artikel zitierten erreichen – zumindest bei mir – nicht, dass ich meine Position in Richtung pro Abtreibung verschiebe. Die Autorin ist unehrlich, indem sie einen wesentlichen Aspekt einfach ignoriert. Bei mir fördert es eher das Gefühl, dass die Pro-Abtreibungsseite nicht verantwortungsvoll handelt, also die Tragweite solcher Entscheidungen nicht in ausreichendem Maße würdigt. Die totale Empathielosigkeit schadet dieser Position zusätzlich.

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5 Kommentare zu „Abtreibung – eine feministische Sicht“

  1. Als 1971 374 Frauen im „Stern“ bekannten, angeblich abgetrieben zu haben, gaben sie die Parole aus „mein Bauch gehört mir!“ Schon damals war mir nicht wohl dabei. Die Parole, so sagte mir eine Stimme, hat einen wesentlichen Aspekt einfach egoistisch zur Seite geschoben: Der Bauch hat einen Mitbewohner. Und er ist der Schwächste in unserer Gesellschaft. Nun hat der Staat aber die Aufgabe, gerade die Schwachen zu schützen, denn sonst landen wir ganz schnell in der Steinzeit und beim Recht des Stärkeren.

    Der Staat hat damals kapituliert. Und als er es nicht mehr als seine vornehmlichste Aufgabe sah, menschliches Leben zu schützen, war das ein Dammbruch. Später folgte die sog. Scheidungsreform, eine weitere Abkehr von Rechtsgrundsätzen. Einmalig kann nun eine Part einen Vertrag einseitig und sogar unbegründet kündigen und den anderen Teil übervorteilen, also sich von ihm für den Vertragsbruch auch noch aushalten lassen.

    Gestern war der Tag gegen Beschneidung von Frauen/Mädchen, wo auch immer in der Welt. Wohlgemerkt, nur von Frauen. Vor ein paar Jahren wurde dagegen ein Sondergesetz durch den Bundestag gepeitscht, womit das herumschnippeln an kleinen Jungs ausdrücklich erlaubt wurde. Nicht irgendwo in der Welt, sondern hier, im eigenen Land.

    Gerade wird die Rechtskultur noch weiter ausgehebelt. Ein Maas-loser Minister arbeitet an der Beweislastumkehr. Nicht eine Vergewaltigung soll bewiesen werden. Der Beschuldigte soll in der Zukunft gefälligst beweisen, die Tat nicht begangen zu haben. Ein Traum jeder Feministin und die Abkehr von einem aus gutem Grunde ehernen Rechtsgrundsatz: Dass nämlich einer so lange als unschuldig zu gelten hat, bis ihm eine Tat auch nachgewiesen ist. Man nannte das in faktischen Zeiten auch Unschuldsvermutung.

    Und alles begann mit einer Lüge. Die Eröffnungskampagne 1971 wurde initiiert von einer gewissen Alice Schwarzgeld, die damals noch einfach Schwartzer hieß. Später hat sie nämlich zugegeben, niemals abgetrieben zu haben. Macht aber nix, „ich hätte es getan, wenn …“ meinte sie dann. Wen interessieren schon Fakten, was ist die Wahrheit? Stört alles nur.

    Einen Aspekt möchte ich deinem Artikel noch hinzufügen. Dass bei einer sog. Abtreibung auch ein Fötus betroffen ist, hast du schon erwähnt. Nicht ganz unwichtig ist aber auch die Situation des Vaters. Er ist nur Beiwerk, wird überhaupt nicht gefragt darf der Entscheidung der Frau nur als Zuschauer beiwohnen, ist ausgeliefert, hat nur zu akzeptieren. Nicht nur zahlen, wenn sie (mit Absicht, wie Lisa Ortgies riet) die Pille vergessen hatte. Auch zu der Tötung eines Teiles von sich hat er überhaupt kein Mitspracherecht. Es gibt Männer, die darunter ein ganzes Leben lang zu leiden haben.

    Die andere Sache ist die Schwangerenkonfliktberatung. Du meinst, dass die Frauen dann schon wissen, was sie tun. Die meisten, ja. Viele haben auch nicht darüber nachgedacht und die „Beratung“ etwa bei Pro Familia war dann nur eine Formsache, pro forma, sozusagen. Manche holt das Gewissen erst später ein. Zunächst sind sie erleichtert, später kann ihnen oft auch eine Psychotherapie nicht mehr helfen. Ich hatte selber mal eine kennengelernt, wenn es auch etwas anders gelaufen ist. Sie sagte, sie habe dem Druck nicht standgehalten. Erst als sie dann doch noch ein Kind bekam, kam auch die Lebensfreude wieder zurück.

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    1. Du hast Recht, der Vater ist ebenfalls ein Subjekt. Auch hier greift der feministische Ansatz zu kurz. In der Kette der Betroffenen ist er sicherlich – nach Fötus und Mutter – am wenigsten betroffen. Ihn einfach außen vor zu lassen liegt im Rahmen meiner Erwartungen an Feministinnen.

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