Virtue Signalling bei Rewe

Eines regnerischen Tages musste ich noch schnell einkaufen gehen. Dies gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Im Supermarkt sind zu viele Menschen auf zu wenig Raum. Es fühlt sich an, als hätten sich all die anderen Einkäufer gegen mich verschworen. Sie sind langsam, stellen sich mir in den Weg, stellen sich direkt vor mir noch schnell an die vorher kürzeste Schlange an.

Meine Gefühlslage wird in solchen Situation mit einem Augenzwinkern durch Farin Urlaub beschrieben:

Ich bin nur ein Mann, aber auch ich hab Gefühle,
ich gebe gern zu, es sind nicht so viele.
Wenn ich durchzählen müsste es sind ungefähr drei,
aber Wut und Hass sind dabei.

Nachdem ich mich erfolgreich durchgekämpft habe stelle ich an der Kasse fest, dass ich in meinem Rucksack keine Beutel dabei habe. Das gehört sonst zum Standard. Also suche ich an der Kasse nach Tüten. Ich werde nicht fündig. Ich frage beim freundlichen Rewe-Kassierer nach, er verweist mich auf Papiertüten, die an der Kasse ausgelegt sind. Ich bin unzufrieden. Mangels Alternativen greife ich mir zwei Papiertüten.

Beim Bezahlen sehe ich, dass Rewe 20 Cent pro Tüte berechnet. 20 Cent! Als kritischer Käufer frage ich nach. Ich ringe mit der Fassung. Ob das sein Ernst sei, dass diese Papiertüten so viel kosten wie früher die bessere Sorte Plastiktüten? Er bejaht das freundlich. Ich frage ihn, ob er weiß, dass es regnet und was ich also bitte mit Papiertüten anfangen soll? Die lösen sich auf! Er weißt mich darauf hin, dass es halt nur noch Papiertüten gebe. Da hat er einen Punkt gelandet.

Ich kann die Realität nicht mit meinen Gedanken verändern. Aber ich kann es doch wenigstens versuchen, also weise ich ihn darauf hin, dass ich – als Rewe-Kunde – diese Entscheidung besch… finde. Er zuckt die Achseln. Ich weise darauf hin, dass mir klar, ist, dass dies nicht seine Entscheidung ist und wünsche ihm einen schönen Tag.

Ich stapfe durch den Regen nach Hause und bin grummelig. Warum tun die das? Habe ich nicht mal gelesen, das Papiertüten in der Herstellung viel mehr Energie benötigen, als Plastiktüten? Ist das, was Rewe tut also ganz einfach  virtue signalling? Sie zeigen wie umweltbewusst sie sind, statt wirklich umweltfreundlich zu handeln.

Ich bin zu Hause angekommen, die paar Minuten haben die Tüten auch im Regen gehalten. Noch einmal verwenden ist aber nicht möglich. Papiertüten sind dafür sowieso schlechter geeignet als Plastiktüten, weil sie sich nicht so gut zusammenfalten lassen.

Zu Hause angekommen, schaue ich nach. Tatsächlich:

Im ersten Moment wäre wohl jeder versucht zu sagen, dass die Papiertüte in jeder Hinsicht umweltfreundlicher ist als die Plastiktüte. Denn wer weiß schon, dass die Herstellung fast doppelt so viel Energie benötigt. Hinzu kommt die deutlich höhere Belastung von Luft und Wasser durch Stickoxide, Schwefeldioxide und andere Chemikalien, mit denen die Zellstofffasern behandelt werden müssen.

Warum wirft Rewe mich unter den sprichwörtlichen Bus? Wie die meisten Menschen entsorge ich Plastiktüten niemals in der freien Natur. Ich verwende sie so oft wie möglich wieder. Und wenn sie einmal nicht mehr taugen, nutze ich sie um Verpackungsmüll zu entsorgen. Dabei spare ich noch die Mülltüte ein, die ich ansonsten dafür nutzen würde.

Warum also, Rewe? Warum bekomme ich jetzt keine Plastiktüte mehr? Damit ihr euch besser fühlt?! Damit ihr euch als umweltfreundlich darstellen könnt? Warum bietet ihr nicht Papier- und Plastiktüten an? Ich unterstelle mal: Weil die ganz überwiegende Mehrheit der Kunden Plastiktüten kaufen würde.

Manche Bevormundungen lasse ich mir gefallen, wenn es einen nachvollziehbaren, sachlichen Grund dafür gibt. Der Katalysator im Auto gehört zu dieser Kategorie. Er wird gesetzlich erzwungen, er verursacht Mehrkosten – aber alle haben etwas davon. Hoffe ich.

Was ich gar nicht leiden kann ist, wenn ich verarscht werde. Wenn Rewe es wirklich ernst meinen würde, würden sie die Preise für Plastik- und Papiertüten drastisch anheben, nur noch Baumwolltüten verkaufen oder gar keine Tüten mehr anbieten. Jede dieser Maßnahmen würde zu einer drastisch erhöhten Verwendung von wiederverwendbaren Transportbehältern führen.

Aber genau das ist der Punkt: Rewe meint es gar nicht ernst. Jedenfalls nicht so ernst, dass sie dafür Umsatzeinbußen hinnehmen würden. Mit wirksamen Maßnahmen würden sie ihren Kunden so auf den Nerv gehen, dass einige sich alternative Einkaufsmöglichkeiten suchen würden.

Also versuchen sie es mit virtue signalling und schlechtem Gewissen.

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3 Kommentare zu „Virtue Signalling bei Rewe“

  1. REWE ist total political correctness verseucht.
    In jedem derer Prospekte gibt es mindestens ein Model mit stark pigmentierter Haut und entsprechender Haartracht um uns klarzumachen, das das jetzt zu Deutschland gehört und wir uns daran gewöhhnen zu haben.
    Diese ständige Quotierung deren Gewolltheit man aufdringlich spürt, macht mich langsam allergisch gegen den Anblick der Quotierten.

    Gefällt 1 Person

    1. Das ist ein Effekt, den ich ebenfalls beobachte: Wenn man sich bei einer Sache von oben herab belehrt fühlt, verbindet man mit dieser Sache etwas negatives, auch wenn man vorher völlig indifferent war.
      Was PC Verfechter nicht verstehen: Dieser Effekt tritt gerade deswegen auf, WEIL sie es gut MEINEN.

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