Co-Parenting

Zeit.de widmet sich dem Co-Parenting. Ich habe bisher noch nicht davon gehört:

In Onlineportalen tun sich Paare zusammen, die eine Familie gründen und Kinder großziehen wollen – aber nur auf freundschaftlicher Basis, frei von Sex. Familienleben ohne Liebesglück lautet die neue Formel. Statt sich mit dem Anspruch zu quälen, Partner- und Kinderliebe miteinander zu vereinbaren, machen sich die neuen „Co-Eltern“ einfach frei davon.

Die Abgrenzung zu „normalen“ Beziehungen erscheint mir beim ersten Erfahrungsbericht im Artikel wesentlich weniger stark, als dies der Artikel darstellt. Sie sprechen von Familienleben und gemeinsamem Abendessen.

Basieren „normale“ Beziehungen immer auf Sex? Für alle Zeit? Wie unterscheiden sich „normale“ Beziehungen von Freunden die zusammen wohnen? Gibt es dort keine Konflikte? Laufen Wohngemeinschaften immer harmonisch? Lassen sich Freundschaft (in einer Wohnung) und Kinderliebe leichter miteinander vereinbaren als Partner- und Kinderliebe? Sind dafür weniger Kompromisse nötig? Ist man sich bei der Kindererziehung einiger, wenn man kein Partner ist, sondern nur befreundet?!

Wie Kathrin Czupek sind sie es leid, die Erfüllung ihres Kinderwunsches von einem Partner abhängig zu machen, der vielleicht nie erscheint.

Das stimmt nicht. Sie muss schon einen geeigneten Partner finden. Nur das Hauptkriterium bei der Suche ist jetzt nicht mehr, sich Hals über Kopf in ihn zu verlieben, sondern ob er ein guter Vater wäre und sie im täglichen Leben mit ihm zurecht käme.

Diese Kriterien klingen für mich so vernünftig für die Planung einer Familie, dass ich sie auch für Familienplanungen anwenden würde, die sich aus einer „normalen“ Beziehung ergibt. Personen wie Kathrin Czupek handeln verantwortungsvoll und im Sinne des Kindes.

Ist diese Art der Co-Elternschaft ein Resultat zunehmender Bindungsangst? Oder eher eine neue Form bewusst gestalteter Beziehungskultur? „Das ist ein ganz neues Konzept, es gibt keine Studien dazu“, sagt die Psychologin Petra Thorn, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung. Für sie handelt es sich um eine „postmoderne Familienform, die sich im gelebten Leben noch bewähren muss“. Um die Kinder müsse man sich dabei wohl wenig Sorgen machen. „Wenn die Eltern gut mit der Situation umgehen und dazu stehen, kommen vermutlich auch die Kinder damit zurecht.“

Moment mal. Stopp!

Man steigt mit dem Beispiel von Kathrin Czupek ein, die – so wie ich es verstehe – eine ganz normale Familie gründen will, nur ohne Sex. Und jetzt geht es auf einmal um das Wohlergehen der Kinder beim Co-Parenting im Allgemeinen. Wie sich im weiteren Verlauf des Textes zeigen wird, gibt es aber noch Formen des Co-Parentings, die ganz anders sind als das was Kathrin Czupek plant.

Die Aussagen „Um die Kinder müsse man sich dabei wohl wenig Sorgen machen“ und „kommen vermutlich auch die Kinder damit zurecht“ finde ich wenig vertrauenerweckend. Und die späteren Formen des Co-Parenting, die im Artikel vorgestellt werden, ähneln eher einer Trennungssituation von Eltern. Dies dürfte für die Kinder auch die gleichen Nachteile haben wie eine Trennungssituation.

Anja Vogt hat ein Kind mit einem Homosexuellen Paar in der Nachbarschaft. Das Kind soll später zur Hälfte bei der Mutter und in der anderen Zeit beim Vater wohnen.

Was, wenn das andere Paar sich trennt? Oder wenn ein Elternteil aus der Stadt zieht oder ziehen muss? Gegen die ganz normalen Alltagssorgen hilft Co-Parenting auch in diesem Fall nicht, zumindest nicht besser als bei klassischen Familien.

Nicht angesprochen wird im Artikel das Risiko, welches der Vater trägt. Anja Vogt kann sich entscheiden, gegen die Vereinbarungen zu verstoßen. Sie könnte „Vater unbekannt“ auf der Geburtsurkunde angeben, oder den Vater angeben, aber das alleinige Sorgerecht beantragen, was ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit zugebilligt werden würde. Diese Risiken sind nicht anders als beim klassischen (unverheirateten) Paar. Der Unterschied ist, dass sich die Interessen von drei Personen schwerer vereinbaren lassen als die Interessen von zwei Personen.

Der leibliche Vater hätte nichts dagegen in der Hand. Er würde sogar unterhaltspflichtig werden. Dieses hohe rechtliche Risiko, welches die Väter auch in solchen Konstellationen eingehen – in einen ausgewogenen Artikel gehört es hinein.

Bei Melanie Klimke ist die Situation anders: Sie hat bereits zwei Kinder, das erste bekam sie in einer Liebesbeziehung als Schülerin, das zweite ist ein Co-ParentingKind. Der Artikel stellt es als Tatsache hin, dass beide Väter „abgehauen“ sind.

Als sie schwanger war, stellte sich heraus, dass sein Job vorübergehend war, sein Menschenbild negativ und „überhaupt der ganze Kerl ein Griff ins Klo“. Drei Monate nach der Geburt sah sie ihn zum letzten Mal.

Trotzdem möchte sie noch einmal über Co-Parenting Mutter werden.

Diesmal will sie ein paar „Fehlerquellen vermeiden“: Bloß nicht aus Zeitdruck miese Kompromisse eingehen. Kein falsches Vertrauen haben, Angaben belegen lassen. „Man sollte ruhig darauf bestehen, die Mutter oder Freunde kennenzulernen. So erfährt man etwas über das Umfeld des Mannes und seine sozialen Fähigkeiten.“

Das gleiche sollte auch für „normale“ Beziehungen gelten, wenn Kinder geplant werden.

Fazit

Revolutionär Neues stellt diese Form der Familienplanung für mich nicht dar. Sie ist nur direkter, was das Ziel angeht. Ich finde sie sogar ehrlicher und verantwortungsbewusster als nur deshalb Kinder zu zeugen, weil man verliebt ist (im Sinne von „ausschließlich aus diesem Grund“). Die Situation, in der das Kind aufwächst, ist je nach Modell unterschiedlich und auch nicht schlechter als z.B. bei Familien, die getrennt leben.

Für Kinder scheint das normale Zusammenleben mit Mutter und Vater das optimale Modell zu sein. Dies scheint (so wie ich den Fall von Kathrin Czupek verstehe) eines der Modelle von Co-Parenting zu sein. Kritisch sehe ich in diesem Fall des Co-Parentings lediglich die im Artikel angesprochene „Bindungsangst“. Falls Co-Parenting-Eltern die Beziehungen (in einem höheren Maße als „normale“ Familien) als optional und damit beendbar ansehen, wäre dies zum Schaden des Kindes.

Kürzlich habe ich gelesen: „Das Geheimnis einer funktionierenden Ehe? Sich nicht scheiden zu lassen!“ Damit ist gemeint, dass bereits die Geisteshaltung, dass Trennung keine Option ist, das eigene Verhalten und die eigenen Entscheidungen verändert und damit die Beziehung stabilisiert. Dies gilt für Familien und Co-Parenting, und diese Geisteshaltung ist im Sinne des Kindes.

Die Co-Paranting Modelle, die einer Trennungssituation gleichen, bringen auch die Risiken für die Kinder mit, mit der „normale“ Alleinerziehende zu kämpfen haben.

Man kann den Artikel als Kritik an den heutigen Verhältnissen sehen, in denen romantische Liebe das Leitmotiv für Beziehungen und Ehen ist. In Filmen, Fernsehen und Büchern – einfach überall. Der Artikel selbst spricht an, dass dies früher wahrscheinlich wesentlich pragmatischer gehandhabt wurde. Wie man an den Beispielen im Artikel sehen kann, sind rationale Kriterien die besseren Ratgeber, führen zu besseren Beziehungen und sind besser für die Kinder.

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