Marshallplan für Afrika

Ein Artikel bei faz.net hat meine Aufmerksamkeit auf die Hilfe für Afrika gelenkt. Hier wird von hohen Wachstumsraten auf dem Kontinent gesprochen. Davon habe ich noch nie gehört.

Also schaute ich zunächst einmal bei Wikipedia rein, was die dazu schreiben. Zuerst fiel mein Augenmerk auf die Auswirkungen des Kolonialismus auf de Wirtschaft Afrikas:

Es ist umstritten, inwieweit der europäische Kolonialismus sich auf die spätere wirtschaftliche Entwicklung auswirkte bzw. sich noch heute auswirkt. Einerseits wird argumentiert, dass die meisten afrikanischen Staaten während der Kolonialzeit besser entwickelt waren als heute. So erreichten die meisten Länder ihren größten relativen Wohlstand kurz vor der Unabhängigkeit, also um das Jahr 1960, seitdem liegt das Niveau der meisten Staaten immer noch darunter. Dies wird als Beweis gesehen, dass die Kolonialzeit positiv zu bewerten sei.

Das ist eine interessante Information, dies war mir nicht bekannt. Ich bin davon ausgegangen, dass Kolonialismus im Saldo Ausbeutung bedeutete. Also dass man zwar Infrastruktur und Verwaltung geschaffen hat, diese aber nicht mehr Mehrwert in der Kolonie erzeugt hat als durch Menschen- und Rohstoffausbeutung verloren gegangen ist.

Gegner argumentieren damit, dass in dieser Epoche viele der Ursachen für die heutige Situation liegen, manche Autoren, wie etwa Walter Rodney, sehen die Kolonialpolitik als direkte Ursache für Afrikas heutige Probleme. Der relative Wohlstand dieser Zeit wurde vor allem durch den Export von Rohstoffen erreicht. Nord- und Westafrika wurden zum Produzenten von Baumwolle, im Gebiet um die großen Seen wurde Kaffee angebaut und an den Küsten Westafrikas Kakao. Die einseitige Ausrichtung der jeweiligen Volkswirtschaften auf einige wenige Waren wirkte sich bald nachteilig aus: Die Monokulturen machten diese Gebiete besonders anfällig für Preisschwankungen und erschwerten die wirtschaftliche Planung.

Diese Argumentation erscheint mir nicht schlüssig: Das Zitat besteht nur aus zusammenhangslosen Aussagen, der einzige angegebene Grund ist dann „erschwerte wirtschaftliche Planung“ in den Jahren seit 1960. Wenn dies das stärkste Argument ist, warum der Kolonialismus ursächlich für die heutige Situation in Afrika sein soll, dann kann ich das nicht nachvollziehen. Es liegen 50 Jahre zwischen der Unabhängigkeit und heute. Und die Kolonien sind ja nicht mit nichts in die Unabhängigkeit gestartet.

Ein Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsweise der Kolonialzeit und der heutigen Situation ist durchaus erkennbar. Dies wird vor allem am Beispiel der Demokratischen Republik Kongo deutlich: Belgisch-Kongo wurde auch nach der anfänglichen Schreckensherrschaft durch König Leopold II. wirtschaftlich ausgebeutet, der unvorbereitete und überstürzte Rückzug der Belgier 1960 verschlimmerte die Situation zusätzlich. Bis heute zählt das Land zu den ärmsten Gebieten der Welt.

Auch hier ist für mich aus dem Text nicht- wie behauptet – „erkennbar“, dass es einen Zusammenhang zwischen Kolonialismus und der heutigen Situation gibt. Wenn die Situation bis 1908 (Kongogräuel) ursächlich für die heutige Situation sein soll, dann müsste man belegen, wie dies 110 Jahre später noch relevant sein soll. Genau das passiert hier nicht, auch der verlinkte Artikel „Kongogräuel“ sagt dazu nichts.

Ich behaupte nicht, dass es keine Auswirkungen hat, wenn die Hälfte der Bevölkerung ums Leben kommt. Es ist auch möglich, dass dies bis heute Auswirkungen hat. Mich verwundert aber, dass kein Fakt genannt wird, der dies belegen würde, oder wenigstens plausibel erscheinen lassen würde.

Allerdings sind die wenigen Staaten, die nicht kolonialisiert wurden bzw. schon vor der Kolonialzeit bestanden, heute keineswegs erfolgreicher (meist sogar noch schlechter entwickelt) als die restlichen Länder, sodass der Einfluss der Grenzziehung nicht überbewertet werden sollte.

Ich bin kein Experte, ich möchte das auch gar nicht bestreiten, dass der Kolonialismus bis heute nachwirkt. Aber für mich als Laien enthält der Wikipedia-Artikel eben keine Sachargumente, die mich überzeugen. Es werden praktisch keine Fakten für diesen Umstand genannt. Die Fakten die genannt werden – „So erreichten die meisten Länder ihren größten relativen Wohlstand kurz vor der Unabhängigkeit“ oder „die wenigen Staaten, die nicht kolonialisiert wurden bzw. schon vor der Kolonialzeit bestanden, heute keineswegs erfolgreicher (meist sogar noch schlechter entwickelt) als die restlichen Länder“ – sprechen eher gegen den Kolonialismus als Ursache für die heutige Armut Afrikas.

Auch der Vergleich mit Ländern wie Südkorea zeigt, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass der europäische Kolonialismus ursächlich für die aktuelle Lage des Kontinents ist. Südkorea war eine japanische Kolonie, die den europäischen Kolonialmächten hinsichtlich der Ausbeutung in nichts nachstand. Im Koreakrieg walzte dann die Front zwei mal über das Land hinweg, das Land wurde verwüstet, es starben eine Million Menschen. Korea ist heute die elft-größte Wirtschaftsmacht der Welt.

Auch Singapur startete unter denkbar schlechten Voraussetzungen in die Unabhängigkeit. So schlecht, dass Singapur aus der Föderation mit Malaysia ausgeschlossen wurde. Trotz dieser Voraussetzungen ist aus Singapur ein Industrieland geworden.

Die Startvoraussetzungen sind sicher wichtig, aber sie sind offensichtlich nicht das einzige Kriterium für den Erfolg einer Nation.

Zurück zum faz.net-Artikel. Die Rede ist von einem Marshallplan. Leider bleibt der Artikel allgemein, es werden keine Zahlen genannt, es gibt auch keinen Vergleich zum historischen Marshallplan.

Kernidee ist es, private Investitionen stärker zu fördern und einen größeren Teil der staatlichen Entwicklungshilfe zur Förderung wirtschaftlich erfolgreicher Länder einzusetzen.

Daran kann ich jetzt nichts revolutionär Neues erkennen.

Schon am Dienstag hatte sich Müller für eine Freihandelszone zwischen der EU und den 54 afrikanischen Staaten ausgesprochen.

Das ist etwas revolutionär Neues. Aber hilft es Afrika bei der Entwicklung? Ich sehe einen Exportmarkt für die starke deutsche Industrie – mit negativen Auswirkungen auf die afrikanische Industrie. Wie viele afrikanische Firmen haben aber die Kapazität im großen Stil nach Europa zu exportieren?

Auch der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft plädiert für einen Perspektivwechsel und eine stärkere staatliche Absicherung für in Afrika tätige deutsche Firmen.

Das würde die Firmen absichern. An der Situation und der Stabilität der afrikanischen Staaten würde dies aber nichts ändern, nur das Risiko läge beim deutschen Staat, nicht mehr bei den Unternehmen. Früher nannte man das Subvention.

Wegen des starken Bevölkerungswachstums und des Anstiegs illegaler Migration aus Afrika in die EU hatte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ein stärkeres Engagement in Afrika gefordert. Die EU verhandelt derzeit mit mehreren Ländern über sogenannte Migrationspartnerschaften.

Wir nähern uns dem zentralen Thema: Das völlig außer Kontrolle scheinende Bevölkerungswachstum Afrikas. Die Zahl der Menschen wird von heute 1,2 Milliarden auf 4,4 Milliarden im zum Jahr 2100 anwachsen. Was Migrationspartnerschaften hier bringen werden, bleibt abzuwarten. Ich vermute eher, dass der Kontinent diese riesige Bevölkerungszahl einfach nicht versorgen kann.

Unser Entwicklungsminister scheint dies nicht mit dieser Dramatik zu sehen. Zumindest wird im Artikel auf keine Maßnahme gegen das Bevölkerungswachstum verwiesen.

Dabei sollen Länder eine stärkere Unterstützung etwa für Ausbildungsprojekte erhalten, wenn sie im Gegenzug illegale Migration eindämmen.

„Illegale Migration“. Ohne Worte.

Selbst wenn die afrikanischen Staaten bereit sind, für Ausbildungsprojekte die Migration einzudämmen – bei solchen Wachstumsraten ist das jedes Jahr schwerer durchzusetzen. Und es wird Europa vor moralische Fragen stellen. Denn was passiert denn mit Menschen, die in Afrika daran gehindert werden illegal zu migrieren?

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3 Kommentare zu „Marshallplan für Afrika“

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